Traditionelle Anlagen
6. August 2019

Aktien auf Kredit

Die Idee, Aktien auf Kredit zu kaufen, wird zu Recht kritisch gesehen. Andererseits sind Zinsen so niedrig und Dividendenrenditen so hoch, dass man sich entsprechenden Überlegungen nicht von vornherein verschließen sollte. Die richtige Umsetzung bezüglich Laufzeiten, Sicherheiten und Einzeltitel hilft bei der Risikokontrolle.

„Stolze“ 25 Basispunkte brachte eine zehnjährige Bundesanleihe ­Anfang 2019. Diese wäre ein gutes Investment gewesen, da die ­Rendite dank des Kursanstiegs von 6,5 Prozent bis Anfang Juli auf ­minus 40 Basispunkte schrumpfte. Wir leben also in besonderen ­Zeiten und ­besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen. Darum soll an dieser Stelle ein Tabuthema diskutiert werden: Aktien auf Kredit. Auf dieses Thema angesprochen, schnappt ein erfahrener Vertriebler erst einmal nach Luft und sagt: „Darüber wurde das letzte Mal Anfang 2000 gesprochen – und dann aus gutem Grund nicht mehr.“

Den „guten Grund“ erläuterte Warren Buffett in seinem Aktionärsbrief 2017 anhand der Berkshire-Aktien, die viermal innerhalb von ­einigen Monaten um 37 bis 59 Prozent abstürzten. Diese Statistik ist für Buffett das stärkste Argument gegen den Kauf von Aktien auf ­Kredit. „Es lässt sich einfach nicht vorhersagen, wie tief Aktien in ­einem kurzen Zeitraum fallen können.“ Und auch bei kleinen Posi­tionen sei der psychologische Druck hoch. In anderen Aktionärs­briefen vergleicht das Orakel von Omaha die Aufnahme von Debt mit russischem Roulette und warnt vor der Downside: „Usually win, ­occasionally die“. Eine solche Strategie ist für Berkshire eine ­Verrücktheit, so Buffet. Dies gilt natürlich auch für institutionelle ­Investoren. Wer ohne Leverage investiert, genießt aus Sicht von Buffett zwei Vorteile: „Bei großen Rückgängen eröffnen sich denjenigen außerordentliche Gelegenheiten, die durch Schulden nicht gehandicapt sind.“ Zweitens: „Charlie (Munger) und ich schlafen gut.“ Buffett räumt jedoch ein, dass die Aversion gegenüber Leverage über die ­Jahre die Returns dämpfte. Auch Reinhard Panse, Chief Investment Officer bei HQ Trust, lehnt den Kauf von Aktien auf Kredit wegen der damit verbundenen Gefahren entschieden ab: Entwickelt sich die Geldanlage ungünstig, kann die Bank den Kredit fällig stellen. „Bei Aktien und Private Equity ist auch zu berücksichtigen, dass die Unternehmen bereits in sich kreditfinanziert sind“, so Panse. „Immobilien auf Kredit zu kaufen, kann dagegen wegen der sicheren Cashflows sinnvoll sein.“

Lange Laufzeiten, keine Besicherungen

Die große Gefahr besteht bei einem gehebelten Aktienportfolio darin, dass der Leverage eben nicht nur Gewinne, sondern auch Verluste hebelt. Neben den Zins- und Tilgungskosten sowie dem einge­schränkten Bewegungsspielraum kommt die Gefahr hinzu, dass der Kreditgeber laufend höhere Besicherungen verlangt und im nächsten Schritt den Kredit glattstellt. Darum soll im Folgenden nur die unbesicherte Kreditaufnahme angenommen werden. Mit Blick auf die kurzfristige Volatilität von Aktien sollte die Laufzeit des Kredits lang genug sein, sodass mit hoher Wahrscheinlichkeit das Aktienportfolio im Plus, aber für die Kreditgeber die Laufzeit noch akzeptabel ist. ­Gemäß dem Dax-Renditedreieck des Deutschen Aktieninstituts hatte ein Investor bei einer Einmalanlage bei einer Laufzeit von zehn ­Jahren und mehr nur in vier Fällen seit 1968 eine (leicht) negative ­Performance. Minus 1,5 Prozent waren es bei einem Kauf im Jahr 1999 und bei einem Verkauf im Jahr 2009. Beim Eurostoxx 50 war ­inklusive Dividenden seit 1986 in elf Fällen über Perioden von zehn Jahren und mehr die Rendite negativ. Der höchste Verlust wären 3,8 Prozent bei einem Kauf im Jahr 2000 und einem Verkauf im Jahr 2011 gewesen. Nur in wenigen Fällen ist es also in diesen mäßig ­diversifizierten Indizes in Zeiträumen von zehn Jahren und mehr zu überschaubaren Verlusten gekommen. JP Morgan Asset Management präsentiert für den amerikanischen Markt S&P-500-Daten, gemäß ­denen die 2000er die einzige Dekade in den vergangenen 100 Jahren war, in der die Dividendenerträge von einer negativen ­Kursentwicklung aufgezehrt wurden. Im Durchschnitt betrugen die Dividendenerträge seit 1926 vier Prozent.

Kritisch ist die Frage, zu welchen Zinsen sich ein institutioneller ­Anleger über zehn Jahre verschulden kann. Die Allianz hat im Januar 2019 eine bis 2029 laufende Anleihe mit einem Kupon von 1,5 Prozent aufgelegt. Anfang Juli rentiert die Anleihe mit 50 Basispunkten. Für eine neue zehnjährige müsste die Versicherung also derzeit etwa 50 Basispunkte zahlen. Die britische Versicherung Aviva hat im ­November 2018 eine bis 2027 laufende Euro-Anleihe mit einem ­Kupon von 1,875 Prozent emittiert. Deren Rendite beläuft sich Anfang Juli auf 90 Basispunkte. Die Pensionskasse der Steuerberater hat im Jahr 2014 bis 2024 laufende Schuldverschreibungen mit einer ­jährlichen Verzinsung von 4,375 Prozent aufgelegt. Allerdings ist die Emission bereits 2014 erfolgt, nachrangig und mit einer Kündigungsoption versehen, so dass eine Kreditaufnahme heute – die Bonitätsentwicklung des Schuldners außen vor – auch zu günstigeren ­Konditionen erfolgen könnte.

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