Traditionelle Anlagen
28. November 2018

Aktieneinstiegsprogramme bei knappen Risikobudgets

Aktien sind langfristig eine attraktive Asset-Klasse und ­institutionelle Investoren sind Langfristanleger. Trotzdem sind die Aktienquoten in der Regel überschaubar. Gründe liegen in der Regulatorik, in Bilanz­ierungserfordernissen und in knappen Risikobudgets. Verschiedene Ansätze bieten jedoch auch bei knappen Risikobudgets ­Möglichkeiten für erhöhte Aktien-Exposures und somit die Chance, antizyklisch von den gefallenen Aktienbewertungen zu profitieren.

Die Musik in den institutionellen Kapitalanlagen spielte in den vergangenen Jahren bei Infrastruktur, Immobilien und Private Debt. In diesen Bond-Proxy-Assets wurden Positionen aufgebaut und in diversen Subsegmenten feinjustiert. Dafür fiel der Anteil der „Anlageart Renten“, so der Sprachgebrauch des Versicherungsverbands GDV, bei Erstversicherern von 2011 bis 2017 von 88,7 auf 84,9 Prozent. „Darlehen an Kreditinstitute und laufende Guthaben“ schrumpften in ­diesem Zeitraum sogar von 16 auf 8,7 Prozent. Was man aber trotz dieser Verschiebungen nicht übersehen sollte: Die Aktienquote der Erstversicherer legte um etwa 80 Prozent kontinuierlich auf 5,1 ­Prozent zu. Im Jahr 2011 lag die Aktienquote bei nur 2,8 Prozent. Nun weisen Lebensversicherer in der GDV-Statistik 4,7, ­Personenversicherer 4,5 und Schaden-/Unfallversicherer sogar 7,9 Prozent aus. Die ­Private-Equity-Quote der Erstversicherer konnte sich von 2010 bis 2017 mit nun 1,3 Prozent mehr als verdoppeln. Auffallend an den GDV-Statistiken ist zudem, dass die Hedgefonds-Quote – wenn auch auf sehr geschrumpften Niveau – im vergangenen Jahr leicht von 0,3 auf 0,4 Prozent zulegte. Auch diese alternative Asset-Klasse trug also ein wenig dazu bei, dass Aktienrisiken in den Portfolios der Erstver­sicherer gestiegen sind. Insgesamt kamen die Erstversicherer Ende vergangenen Jahres auf 1.351 Milliarden Euro an Kapitalanlagen.

Im Jahr 2000 lag die Aktienquote der Erstversicherer noch bei 26,4 Prozent – im Durchschnitt wohlgemerkt. Die Folgen sind bekannt. Im Jahr 2009 – nach der nächsten Finanzkrise – war die Aktienquote auf 2,3 Prozent geschrumpft. Dass die Quoten trotz des Aktiendesasters in der TMT-Bubble heute wieder steigen, muss nicht verwundern. Anlagealternativen sind überteuert und der Garantiezins liegt heute nicht mehr bei vier sondern bei nur noch 0,9 Prozent, was mehr ­Risikobudget freisetzt. Außerdem wäre es zurück zum einstigen ­Spitzenwert von 26,4 Prozent noch ein sehr weiter Weg.

Aktienquote der Erstversicherer stark gestiegen

Dass Aktien künftig wieder eine größere Rolle bei Versicherungen spielen, zeigen verschiedene Beispiele. Dreimal mehr Aktien als der Wettbewerb hält die Allianz Leben mit zehn Prozent Dividendentitel bereits jetzt schon. Der Zielwert liegt aber bei 13 bis 18 Prozent. Absolut betrachtet peilt die mit etwa 250 Milliarden Euro größte Lebensversicherung damit mittelfristig Aktienzukäufe von zehn Milliarden ­Euro an. Die Aktienquote der R+V Lebensversicherung lag Ende 2017 bei 6,4 Prozent. Das Aktienengagement soll abhängig von der Risikotragfähigkeit der R+V Lebensversicherung AG leicht erhöht werden. Als Basis der Kapitalanlagetätigkeit beschreibt die R+V eine auf ­Sicherheit bedachte langfristige Anlagestrategie verbunden mit ­einem modernen Risikomanagement. Bezüglich des Managements von ­Aktienrisiken basiere dieses auf einem Core-Satellite-Ansatz, bei dem Core-Aktien große stabile Unternehmen in absicherbaren Indizes umfassen und Satellite-Aktien zur Verbesserung des Rendite-Risiko-Profils beigemischt werden. Zusätzlich werden asymmetrische Strategien verwendet, die regelbasiert Aktienexposure vermindern oder ­erhöhen. Aufgrund des breit diversifizierten Kapitalanlageportfolios reduziere sich das Risiko, Aktien zu einem ungünstigen Zeitpunkt veräußern zu müssen. Überdurchschnittlich in Aktien investiert ist mit knapp sechs Prozent auch die Lebensversicherung der Alte Leipziger. Möglichkeiten, Dividendentitel weiter zuzukaufen, sah der im Sommer ausgeschiedene Vorstandsvorsitzende Dr. Walter Botermann trotz einer Solvabilitätsquote von 302 Prozent jedoch nicht. Hinderungsgrund sind die Ambitionen der europäischen Versicherungsaufsicht Eiopa, im Rahmen ihres Solvency-II-Reviews die Ultimate ­Forward Rate zu ändern: „Die Absenkung des langen Endes macht nicht viel aus“, so Botermann im Juli (siehe portfolio institutionell; ­Juli-Ausgabe Seite 31). „Eine Verschiebung des Extrapolationsstarts vom Jahr 20 auf das Jahr 30 würde aber 80 bis 90 Prozentpunkte ausmachen. Unsere Solva würde dann von 300 Prozent auf etwa 200 Prozent sinken. Wenn sich dann das Zinsniveau in der nächsten Krise absenkt, sinkt auch die Solvabilität weiter.“

Dass Aktien eine attraktive Asset-Klasse sind, zeigt sich aber vor ­allem in einem Beispiel, das bislang mit einem stark gezügelten Aktienappetit sehr gute Erfahrungen gemacht hat – nun aber ­offenbar der Zinsmisere Tribut zollen muss. Die Debeka-Ver­sicherungsgruppe will künftig mit einer neu gegründeten Asset-Management-Gesellschaft „eigenverantwortlich Aktien in ­Fondsstrukturen der Unternehmensgruppe verwalten“. CFO Ralf Degenhart Anfang Juli: „Die Kapitalanlage ist eine Kernkompetenz der Debeka, die wir mit der Gründung zusätzlich fest im eigenen Hause verankern. Traditionell spielten Aktien bei uns eine eher untergeordnete Rolle. Mit der neuen Gesellschaft reagieren wir auf aktuelle Kapitalmarktanforderungen und bleiben zukunftsfähig“, so Degenhart. „Insbesondere auf der Produktseite gehen wir mit ­neuen Tarifen in der Altersvorsorge andere Wege als früher. Indem wir Aktien in Fondsstrukturen eigenverantwortlich managen, bietet uns die Debekam vielfältige Kostenersparnisse. Zusätzlich erhöht sie unsere Flexibilität und richtet die Aktienanlage der Debeka-Versicherungsunternehmen neu aus.“ Völlige Aktienabstinenz übte die Debeka aber auch bislang nicht. Die Lebensversicherung, die insgesamt 48 Milliarden Euro zu investieren hat, berichtet für das Jahr 2017 von ­einem Aktienspezialsondervermögen, welches im Wesentlichen in europäische Substanzwerte mit nachhaltig hoher Dividendenrendite investiert. Die Erfahrungen mit diesem Mandat können nicht schlecht gewesen sein. Der Buchwert zum Jahresende belief sich auf 107 ­Millionen Euro. Der Zeitwert betrug trotz der Ausschüttungen 144 Millionen Euro. Diese Entwicklung dürfte auch zum Entschluss ­beigetragen haben, künftig mehr in Aktien zu investieren.

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