Versorgungswerke
17. August 2017

Alternative Credit und der Versuch einer Definition

Was haben deutsche Lebensversicherungen mit niederländischen und schwedischen Pensionsfonds zehn Jahre nach Ausbruch der ­globalen Finanzkrise gemeinsam? Sie wagen sich immer weiter in klassisches Bankgeschäft vor. Gemeinsamer Nenner ist auch die Begrifflichkeit: Alternative Credit.

Auf der Suche nach alternativen zinsbringenden Anlagen erkunden institutionelle Investoren immer häufiger das klassische Bankgeschäft; sie profitieren dabei von der verschärften Regulierung der Geldhäuser seit der Finanzkrise. Mit Elan vergibt etwa die VPV ­Lebensversicherungs-AG (VPV) gewerbliche Immobiliendarlehen. Das 1827 gegründete Versicherungshaus hat vor drei Jahren das traditionell bei Banken verortete Darlehensgeschäft aufgenommen und ­finanziert nun ausgewählte Gewerbeimmobilien. Beispiele sind die Büroobjekte „Partner-Port“ und „Office-Port“ sowie das angrenzende Parkhaus im baden-württembergischen Walldorf. Die auf acht Jahre angelegte Finanzierung ist 42 Millionen Euro schwer. Während die Liste der Darlehensnehmer der VPV immer länger wird, werden die Bande zu den Geldnehmern immer enger geflochten.
Das zeigt sich an einem anderen Beispiel der mit einer Bilanzsumme von 8,2 Milliarden Euro hantierenden VPV, bei dem ein bereits bestehendes Darlehen aufgestockt wurde. In diesem Fall geht es um das Dorint-Hotel „Am Goethepark“ in Weimar im Volumen von rund 2,5 Millionen Euro. Die Mittel seien genutzt worden, um den Spa-Bereich auszubauen. Das Gesamt-Darlehen der VPV für die Bettenburg umfasst nun insgesamt rund 13 Millionen Euro. Insgesamt belaufen sich die Investitionen der VPV in gewerbliche Immobilien auf einen dreistelligen Millionenbetrag.
Die Versicherung „Die Bayerische“ wiederum ist mit Fonds unterwegs, die Kredite an Unternehmen vergeben, also mit direct Lending das klassische Bankgeschäft betreiben. Daneben finanziert sie über Fonds – in der Regel Mezzanine-Fonds – Immobilien. Darin stecken auch Projektentwicklungsrisiken, sagt Chief Investment Officer Marc Schwetlik. Darlehensnehmer seien Bauträger oder Projektentwickler, die Wohnungsblöcke kaufen, neu aufteilen und an Mieter verkaufen oder einen Neubau angehen. „Derzeit machen wir auch zwei Hotelentwicklungen in Düsseldorf. Das ist alles relativ vielfältig. In allen Fällen schauen wir uns aber das zu finanzierende Objekt und den Entwickler genau an. Bei dem Objekt ist immer wichtig, darauf zu achten, ob es im Fall der Fälle auch in andere Nutzungsarten überführt werden kann. Für eine mittelständische Versicherung sind solche ­Finanzierungen ziemlich innovativ und mit bis zu vier Prozent pro Jahr auch sehr rentierlich.“ 
Pensionseinrichtungen als Darlehensgeber 
Im Lager der Corporates wagt sich die frisch mit dem US-Gaskonzern Praxair fusionierte Linde Group in den Bereich „Alternative Credit“ vor. Genauer gesagt sind es die Pensionseinrichtungen in Deutschland und Großbritannien. Wie Christoph Schlegel, Head of Pension Investments bei Linde, in einem Gastbeitrag im Fachmagazin Investment & Pensions Europe (IPE) erläuterte, investieren beide ­Pensionspläne „substanziell“ im Bereich alternative Credit. Und es gebe Pläne, die Allokationen auszubauen.
Wirft man die bereits ­getätigten Darlehen in einen Topf, ergibt sich auf Unternehmens­ebene eine Darlehens-Quote (Loans) in Höhe von 14 Prozent. Insgesamt beziffert Schlegel die Gesamtallokation in „Global Credit“ auf 27 Prozent der Assets. Loans sind nach Einschätzung von Investment Managern insbesondere für Pensionseinrichtungen gut geeignet, da diese aufgrund ihrer langfristigen Anlagehorizonte auf Liquidität verzichten können. Und während Darlehen in den Pensionsplänen von Linde an Bedeutung gewinnen, dreht der Gasehersteller anderen Anlageklassen den Hahn zu.
Rückläufig sind beispielsweise Investments in Unternehmens­anleihen aus den entwickelten Märkten. Grund sind die niedrigen Renditen, die Linde den Appetit an dem klassischen Credit-Bereich verleiden. Der Anteil dieser Festverzinslichen liegt bei nur noch drei Prozent und ist damit nur noch ein Bruchteil verglichen mit der ­insgesamt stabilen Allokation im Bereich Emerging Market Debt, auf die zehn Prozent der Pensionsgelder entfallen. Intern, so verrät Schlegel, setze man den Begriff „Alternative Credit“ nicht wirklich ein. ­Vielmehr unterscheide man zwischen Public und Private Debt, so Schlegel, der in seinem multinationalen Pensionsfonds über Assets in Höhe von 5,8 Milliarden Euro verfügt und vor der Aufgabe steht, Verbindlichkeiten im Umfang von 7,3 Milliarden Euro zu schultern. Seiner Einschätzung nach sind Darlehen (Loans) im Vergleich mit anderen Anlageklassen weiterhin attraktiv.
Interesse an Darlehen hat inzwischen auch der Unilever-Konzern ­bekundet. Nach Angaben von Michael Kaal, Director of Finance and Risk, begann das ­Abenteuer „Alternative Credit“ 2014 mit einem ­Investment in niederländische Hypotheken. Daneben investiert der niederländische Pensionsfonds von Unilever einen Teil seiner insgesamt 5,5 Milliarden Euro in Asset-Backed Securities (ABS). Auf der Einkaufsliste steht auch ­Real Estate Debt. Selbst notleidende Darlehen üben auf den Finanzprofi einen ­gewissen Reiz aus. „Wir betrachten ­Alternative Credit als eine Anlageklasse, die uns ein etwas anderes ­Exposure an den Zinsmarkt bietet“, sagt Kaal und fährt fort: „Das ist auch der Grund, weshalb wir Senior Loans in unser Portfolio ­aufgenommen haben.“ Kaal unterstreicht, wie hilfreich es sei, dass der Unilever Pensionsfonds nicht zu den größten Akteuren im Markt ­gehöre. Denn: „So sind wir in der Lage, gute Nischen-Manager für ­unser Portfolio zu finden.“ 
Definitionsversuche für Alternative Credit
Erste Gehversuche im Bereich alternative Credit unternimmt auch der zweite schwedische Pufferfonds Andra AP-fonden (AP2). Nach Angaben von Patrik Jonsson, der die Managerselektion im Bereich Aktien und Renten bei AP2 verantwortet, hat das Anlagevehikel ­inzwischen eine Quote von zwei Prozent erreicht, die auf Anlagen entfallen, „die wir als Alternative Credit definieren würden“. Die Ziel­quote wurde 2013 implementiert und umfasst Hochzinsanleihen, ­Leveraged Loans und strukturierte Kredite. Verwaltet werden die ­Gelder von fünf externen Managern.
Dazu muss man wissen, dass AP2 unter einem regulatorischen Rahmen agiert, der ein Mindestmaß von 30 Prozent an festverzinslichen Wertpapieren mit Investment-Grade-Rating vorsieht. Eine weitere Schnur am Anlagekorsett: AP2 darf maximal fünf Prozent seiner Gelder von 34,2 Milliarden ­Euro in nicht-­gelistete Assets investieren. Damit sind Anlagen im Bereich Private Debt zum Leidwesen Jonssons enge Grenzen gesetzt.
Patrik Jonsson glaubt nicht, dass AP2 sich in naher Zukunft aus dem Segment zurückziehen wird. Denn der anhaltende Rückzug der ­Banken aus dem Darlehensgeschäft biete langfristig denkenden ­institutionellen Investoren, zu denen er sich selbst zählt, zahlreiche Gelegenheiten. Darlehen können demnach die Rente aufpolstern. 
Von Tobias Bürger
portfolio institutionell, Ausgabe 8/2017
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