9. September 2014

Auf den Dialog kommt es an

Immer mehr institutionelle Investoren suchen den aktiven Dialog zu ihren Beteiligungen – neudeutsch als „Engagement“ bezeichnet –, um Einfluss auf die strategische Ausrichtung der Gesellschaften zu nehmen und Nachhaltigkeitsaspekte ins Blickfeld zu rücken. Der Erfolg steht und fällt mit der Argumentationskette.

Warum sollten Kapitalsammelstellen Einfluss auf die Geschäftspolitik von Firmen ausüben? Zum einen hat ein Anleger nach Einschätzung von Union Investment aufgrund seiner Vermögensrechte eine Verpflichtung, seine gesamtwirtschaftliche und moralische ­Verantwortung wahrzunehmen. Zum anderen könne sich der Einfluss eines Investors auf die Unternehmensstrategie positiv auf den Firmenwert auswirken, heißt es bei dem Unterzeichner der Grundsätze für verantwortungsvolles Investieren der Vereinten ­Nationen (UN PRI). Zudem könnten schwer messbare Risiken für ­Aktionäre durch den aktiven Dialog mit den Unternehmen verringert werden. Kurzum: Vieles spricht für aktives Aktionärstum.

Investoren, die sich engagieren möchten, stehen vier Durchführungswege offen. Zunächst einmal ist es natürlich denkbar, das Engagement vollständig in Eigenregie durchzuführen, sprich, Haupt­versammlungstermine wahrzunehmen und kritische Aspekte gegenüber den Emittenten anzuprangern. Sobald das Kapitalanlage­volumen wächst und mit ihm die Anzahl der Beteiligungen, wird der Prozess aber zu einem komplexen Unterfangen. Insofern bietet es sich für ­aktive Investoren an, Unterlagen und individuelle Texte durch einen externen Dienstleister erstellen zu lassen; der Versand erfolgt jedoch auf Briefpapier und im Namen des Anlegers. Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, einen Dienstleister zu beauftragen, der im Namen des Investors sämtliche Aufgaben übernimmt. Last but not least hat sich auch die Auftragsvergabe an Spezialisten bewährt, die im ­eigenen Namen tätig werden. Der Vorteil dieses Konzepts, das beispielsweise der Asset Manager F&C verfolgt, liegt auf der Hand: Durch die ­Bündelung mehrerer Anleger erhält der beauftragte Engagement-Dienstleister eine nicht zu unterschätzende Marktmacht gegenüber den Aktiengesellschaften.

Nach Angaben der Nachhaltigkeits-Rating-Agentur Oekom ­Research gewinnt bei nachhaltigkeitsorientierten ­Investoren zunehmend der Ansatz an Bedeutung, Verbesserungen bei der Nachhaltigkeitsleistung von Unternehmen im direkten Dialog mit der Unternehmensführung zu erreichen. Das sogenannte Shareholder ­Engagement wird damit neben der Nutzung von Ausschlusskriterien und dem Best-in-Class-Ansatz immer mehr zur dritten ­Säule des nachhaltigen Investments. Im Gespräch mit portfolio insti­tutionell weist Till Jung, der bei Oekom in München den Posten des Director Business Development innehat, darauf hin, dass der Dialog mit ­Unternehmen sowohl schriftlich als auch über persönliche ­Treffen ­vorangetrieben werden könne. Das bloße Abstimmen auf Haupt­versammlungen stuft Jung indes nur als einen Teil des Shareholder Engagements ein. Denn gerade der persönliche Austausch mit der Geschäftsleitung sei von herausragender Bedeutung beim gezielten Engagement, und dieser Dialog finde in der Regel abseits der Hauptversammlung statt, so der Oekom-Experte. „Wir versorgen ­unsere Kunden auf Wunsch mit Hintergrundinformationen und ­bereiten beispielsweise eine Liste möglicher ­Kritikpunkte vor.“

Stimmrechte aktiv nutzen
Ein prominenter Oekom-Kunde ist die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“, besser bekannt als Stiftung EVZ. Seit 2012 werden die Aktien- und Rentenbestände der Berliner einmal jährlich durch die von ihnen definierten Ausschlusskriterien mit Hilfe von Oekom analysiert. Die Bundesstiftung schließt moderne Formen der Zwangsarbeit, Kinderarbeit und andere schwere Menschenrechts­verstöße in der Arbeitswelt ebenso aus wie die Produktion von ­international geächteten Waffen. Insgesamt wurden in einem ersten Schritt seitens Oekom stolze 1.219 Emittenten analysiert. Bei 14 von ihnen habe man Verstöße gegen die Ausschlusskriterien festgestellt, erläutert Ann-Grit Schulze, Referentin für Finanzen bei der Stiftung EVZ. Die Emittenten wurden durch Engagementbriefe mit der Kritik konfrontiert. Gleichzeitig hat die Stiftung EVZ gemeinsam mit Oekom firmenspezifische Vorschläge formuliert, wie sich die ­Kon­troversen mindern lassen, und die Firmen um Stellungnahme ­gebeten. Der Rücklauf der ersten Anschreibenserie fiel recht heterogen aus. Während manche Emittenten kurz und knapp auf die Briefe ­reagierten, antworteten manche mit umfangreichem Feedback, ­andere wiederum gar nicht. „Wir haken natürlich bei den Unter­nehmen nach und bringen Transparenz in unseren Engagement­prozess“, erläutert Schulze. „Damit wollen wir zeigen, dass uns die Thematik wirklich wichtig ist.“

Nicht selten führe man auch Telefonkonferenzen mit den ­Emittenten, selbst zu persönlichen Treffen mit dem ­Management einzelner Unternehmen sei es inzwischen gekommen. „Aber das ver­langen wir nicht“, so Schulze, im Hinblick auf die ­dünne Personal­decke der Stiftung mit zwei Mitarbeitern in der Finanz­abteilung. Als institutioneller Investor müsse man aber prüfen, was man selbst ­leisten kann. Bei Unternehmen, die nicht kooperieren oder selbst auf ein zweites Mahnschreiben nicht reagieren, fackeln die Berliner nicht lange, sondern deinvestieren konsequent; die Anlagesumme spiele im Engagementprozess keine Rolle und habe keinen Einfluss auf die Entscheidung. Wie es heißt, hätten Apple, Wal-Mart und Barrick Gold im vergangenen Jahr den Dialog verweigert. Wegen Menschenrechtsverletzungen beendete die Stiftung daneben auch ein Investment in Royal Dutch Shell. Auch im zweiten Jahr der ethischen Investitionsüberprüfung haben die Berliner wieder Wertpapiere jener Unternehmen verkauft, die wegen Menschenrechtsverletzungen in der Kritik stehen, darunter die Minenbetreiber Glencore und Goldcorp.

Danach befragt, ob Engagement auch für Investoren interessant ist, die ihr Portfolio grundsätzlich nicht umgestalten, gleichwohl aber in Sachen Nachhaltigkeit aktiv werden möchten, antwortet Oekom-Experte Till Jung: „Engagement kann auch in der Art betrieben ­werden, dass ich den Dialog mit den Unternehmen suche, die ­Beteiligungen im Portfolio aber nicht an den Ausgang der Verhandlungen knüpfe, also im Zweifelsfall auch nicht zur Disposition stelle. Wir bei Oekom empfehlen aber, dass letztendlich die glaubhafte ­Drohung ­eines Deinvestments im Raum stehen sollte, um das ­Management unter Druck zu setzen.“ Gleichwohl müsse man den Unternehmen auch Zeit einräumen, um die gewünschten Ver­änderungen einzu­leiten. „Wenn man erwartet, dass das Unternehmen nicht nur ein ­kritisiertes Verhalten abstellt, sondern auch positive ­Prozesse aufbaut, muss man Geduld mitbringen“, sagt Jung. Denn mitunter müssten völlig neue Strukturen geschaffen werden. Und das dauert eine ­gewisse Zeit.

Dienstleister im Boot
Einen nicht minder bemerkenswerten Engagementansatz verfolgt Union Investment. Grundlage dafür ist nach Angaben von ­Senior Portfolio Manager Ingo Speich die Überzeugung, dass eine nach­haltige Unternehmensführung einen Mehrwert für die Investoren schafft. Speich ist für die Engagementaktivitäten von Union Investment verantwortlich und genießt einen exzellenten Zugang zu ­Großunternehmen. Durch Engagement könne man die Firmen auf spezifische Risiken hinweisen. Und damit werde der risikoadjustierte Ertrag für den Investor besser, ist Speich überzeugt. Alljährlich führt Union Investment etwa 4.000 Unternehmens- und 400 Nachhaltigkeitsgespräche. 2014 waren die Frankfurter außerdem mit elf HV-­Redebeiträgen präsent. Insgesamt belaufen sich die Assets under ­Stewardship, also die Vermögenswerte, die Union Investment über das Engagement aktiviert, auf beachtliche 117 Milliarden Euro.

Der Dialog mit Firmenlenkern gehört für Speich und seine ­Mitstreiter ebenso zum Alltag wie der Besuch von Hauptver­sammlungen von Dax-Unternehmen. Im Gespräch mit portfolio ­institutionell gibt sich der 37-Jährige zielsicher: „Wir haben bei den Dax-Unternehmen zwischen einem und drei Prozent Anteilsbesitz. Dadurch finden wir bei den Firmen auch Gehör.“ Das schärfste Schwert sei die Hauptversammlung, gekoppelt an eine Breiten­wirkung, die man beispielsweise durch Zusammenschlüsse von ­Investoren erzielt, so Speich, der die „kollaborative Zusammenarbeit“ mit anderen ­kritischen Investoren durchaus zu schätzen weiß.

Die ­Interessenvertretung gemeinsam mit anderen Anlegern ­gewinnt ­seiner Meinung nach allein schon daher an Bedeutung, weil es für ­Investoren immer mehr Möglichkeiten gibt, sich für den Dialog zusammenzuschließen. So gibt es beispielsweise bei UN PRI eine ­Plattform, auf der sich Investoren verbünden und kritischen Unternehmen oder Branchen die Stirn bieten können. Das habe es vor fünf oder sechs Jahren in der Form noch nicht gegeben, konstatiert Speich. Da es auf Hauptversammlungen in der Regel keinen Tages­ordnungspunkt zu Spezial- oder Nachhaltigkeitsthemen gibt, die man als kritischer Anleger bei der Abstimmung abstrafen könnte, ist es aus Sicht Speichs wichtig, neben einer Rede zur Hauptversammlung auch zwischen den jährlichen Aktionärstreffen regelmäßig mit dem Vorstandsvorsitzenden und dem Finanzvorstand zu sprechen. ­Grundsätzlich müsse man als aktiver Aktionär konstruktiv und ­faktenbasiert auf die Unternehmen zugehen. Man dürfe keine abstrusen For­derungen stellen und erst recht nicht polemisch werden. Auch müssten die im Engagementprozess geäußerten Forderungen konkret an finanzwirtschaftlichen Kennzahlen festgemacht sein, betont der ­Portfoliomanager. Sein Rat: Man muss gegenüber den betreffenden Unternehmen immer im Sinne des Anlegers argumentieren, sprich, unter betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten: „Wenn Sie Argu­mente aufwerfen, die auf relevante Zielgrößen, wie den Ertrag, nicht ­einwirken, dann finden Sie kein Gehör. Der Selbstzweck eines Unternehmens ist nicht, die Welt zu verbessern.“

Der vertrauensbildende Dialog
Auch die britische F&C Investments hat ein Faible für aktives ­Aktionärstum. Anhand ihres sogenannten Responsible-Engagement-Overlay-Ansatzes, kurz Reo, verwalten die Asset Manager neben ­eigenen Kapitalanlagen auch Portfolios von 23 externen Kunden im Gesamtvolumen von knapp über 100 Milliarden Euro. Die Ausübung des Stimmrechts betrachtet F&C nicht nur als zentrale Aktionärs­aufgabe, sondern auch als Chance, auf die Entwicklung eines Unternehmens Einfluss zu nehmen. Im vergangenen Jahr beteiligten sich die Briten an Abstimmungen bei mehr als 5.000 Unternehmen und hatten mit über 700 Unternehmen direkten Kontakt. In fast 300 ­Fällen habe man damit Verbesserungen im ESG-Management ­erreicht, heißt es stolz. Zu den Kunden gehört unter anderem die ­Bayerische Versorgungskammer (BVK), die seit drei Jahren auf diesen Engagement-Dienstleister zurückgreift. Im Gespräch mit portfolio ­institutionell ­erläutert Andreas Hallermeier, Aktien-Portfoliomanager und Nachhaltigkeitsbeauftragter der BVK, inwieweit sich die ­Bayerische Versorgungskammer bei kritischen Themen engagiert: „Im Grunde genommen positionieren wir uns so, wie F&C das jedes Jahr aufs Neue empfiehlt. Darüber hinaus messen wir seit der ­Finanzkrise dem Thema Bonuszahlungen bei Banken einen großen Stellenwert bei. Schwerpunkte wie diesen greift F&C für uns auf.“ Die Stimmrechte aller von der BVK gehaltenen Aktien werden im ­Investorenpool von F&C gebündelt. Und mit dieser geballten Macht geht der Asset ­Manager zwecks Dialogs auf die Konzerne zu und „­verwertet“ ­daneben die Stimmrechte auf den Aktionärstreffen.

Die BVK ist ursprünglich im Rahmen eines Private-Equity-­Mandats mit dem Thema Nachhaltigkeit in Berührung gekommen. Inzwischen habe man aber für jede einzelne Asset-Klasse ein Nachhaltigkeitskonzept entwickelt. F&C sei in dem Zusammenhang der Baustein für die Aktienseite, so Hallermeier. Seinen Engagement-Dienstleister klassifiziert er keineswegs als aggressiven HV-Redner. Vielmehr ist F&C nach Angaben des Experten bestrebt, einen ­ver­trauensbildenden Dialog zu den Unternehmen aufzubauen, und das abseits der Öffentlichkeit. Danach befragt, ob er Aktien von ­Unternehmen, die sich bei Anfragen taub stellen, aus dem Portfolio ­verbannt, entgegnet er: „Unser Ansatz besteht nicht darin, im Zweifelsfalle zu verkaufen.“ Vielmehr verfolge man ein stetiges Konzept, so Hallermeier mit Blick auf erste Fortschritte beim vielkritisierten Wal-Mart-Konzern, der engagierte Aktionäre in der Vergangenheit nicht selten mit Verachtung gestraft hat und daher seit einem Jahr auf der Negativliste des norwegischen Staatsfonds steht. In der ­Zwischenzeit aber, so hat Hallermeier beobachtet, scheinen sich die ­Amerikaner allmählich dem Dialog zu öffnen und die Anleger ernst zu nehmen. In diesem und auch in anderen Fällen, wie etwa bei dem für ­seine Lieferkette kritisierten Apple-Konzern, schlägt man ­inzwischen diplomatischere Töne an. „Es ist doch schön, wenn man sieht, dass unser Engagementansatz Erfolge zeigt“, freut sich ­Hallermeier.

Die Evangelische Ruhegehaltskasse in Darmstadt, kurz ERK, setzt ebenfalls auf das Reo-Programm von F&C. Für Vorstand Klaus Bernshausen gehört das Engagement der Ruhe­gehaltskasse als wichtiges, aber nicht als einziges Instrument zur ethisch-nachhaltigen Ausrichtung der Geldanlage. Wie er im Dialog mit portfolio institutionell ­berichtet, hat sich die ERK bereits im Jahr 2007 dafür entschieden, die durch die entsprechenden Aktien­bestände erworbenen Stimmrechte nach ethisch-nachhaltigen ­Kriterien wahrzunehmen, den ­Dialog mit den Unternehmen zu ­führen und dafür den Dienstleister F&C zu beauftragen. Als Gründe nennt Bernshausen einerseits die weltweite Wahr­nehmung aller Stimmrechte von im Depot vorhandenen Aktientiteln, andererseits die Zusicherung, die spezifisch kirchlichen ­Aspekte soweit wie möglich in den Unternehmensdialog aufzunehmen. Allein im ­vergangenen Jahr hat F&C in insgesamt 311 Haupt­versammlungen bei 4.717 An­trägen das Stimmrecht für die Ruhegehalts­kasse wahrgenommen. Daneben führte F&C mit 138 ­Unternehmen, die im Portfolio der ERK enthalten waren, einen nichtöffentlichen ­Dialog. In 90 Fällen konnte dabei, und darauf kommt es letztlich an, eine Verbesserung der Situation erreicht werden.

Das verwaltete Vermögen der Evangelischen Ruhegehaltskasse summierte sich zum Ende 2013 auf rund 2,8 ­Milliarden Euro. Angesichts weltweiter Anlagen in rund 500 Unter­nehmenstiteln im ­Bestand ist es nach Einschätzung des Vorstands verständlich, dass selbst die Wahrnehmung von Stimmrechten auf der Hauptversammlung deutscher Unternehmen zeitlich nicht möglich ist. Ohnehin ­fehle es für einen strukturierten Dialog an Zeit und fachlicher Expertise, um mögliche Missstände und Verbesserungs­möglichkeiten bei einer Vielzahl von Firmen aufzuarbeiten. Dessen ungeachtet ist es für Bernshausen und die ERK wichtig, in einen ­dauerhaften Dialog mit den Unternehmen zu treten, der sich nicht auf die wichtigen und ­publikumswirksamen Auftritte in Haupt­versammlungen beschränken soll. Ein Zeichen guten christ­lichen ­Zusammenlebens sei ­vielmehr ein vertrauensvoller und nichtöffentlicher lang­fristiger ­Dialog zwischen gleichberechtigten ­Gesprächsteilnehmern.

Fazit: Die Hauptversammlung ist eine Bühne, die allzu häufig von Selbstdarstellern und Vertretern von Partikularinteressen genutzt wird. Institutionelle Investoren treten zwar nur selten aufs Podium, ­dafür pflegen immer mehr von ihnen den konstruktiven Dialog zum Vorstand. Und das an 365 Tagen im Jahr.

Von Tobias Bürger

portfolio institutionell, Ausgabe 8/2014

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