Schwarzer Schwan
4. Oktober 2019

Der Spider und der Skyper

Freestyle-Kraxeln in Frankfurt

Pssst! Ja, Sie, lieber Leser! Gucken Sie doch kurz einmal zum Fenster raus. Klettert vielleicht gerade jemand an Ihrem Fenster vorbei?

Wer sich im Frankfurter Hochhaus Skyper beruflich verwirklicht und auch am Samstag fleißig war, konnte bei einer Tasse Kaffee den französischen Spiderman Alain Robert beim Erklettern des 153 Meter hohen Bürohochhauses bewundern. Einmal rauf, einmal runter – und zwar ohne jede Sicherung. Für diese Leistung interessierte sich auch die Polizei, die ihn am Ende der Kletterei in Empfang nahm. Über den Sinn der Skyscraper-Kraxelei machte der 57-jährige keine Angaben. Mutmaßen lässt sich, dass er – inspiriert von Greta – die Stromkosten für den Aufzug sparen wollte. Vielleicht hatte er auch nur die Schlüsselkarte vergessen? Wollte er gegen die gestiegenen Immobilienpreise protestieren oder sich einfach nur in der Spiegelfassade des Skyper die Mähne richten und stieg wegen des besseren Lichts eben etwas höher?

Wer statt dieser profanen Beweggründe eher philosophische Motive hinter der Fassadenkletterei vermutet, erkennt in der Aktion auch Gleichnisse auf die Finanzbranche:

  • Alles ist ein ständiges auf und ab, ein reverting to the mean und am Ende kommt oft die Polizei.
  • Von Upsides zu profitieren ist eher langwierig, die Downside kann sich aber sehr schnell entwickeln und dann die Recovery bei null liegen.
  • Vieles ist in der Finanzbranche eben auch nur Fassade.

Allerdings steht die Besteigung des Skyper auch im Widerspruch zur Finanzbranche. Alain Robert kletterte nämlich komplett ungesichert und dies, obwohl er 100 Prozent Skin in the Game hatte.

Daher ist es vielleicht sogar möglich, dass das Ganze auch eine gesellschaftskritische Komponente hatte und sich Alain von seinem Landsmann Thomas Piketty inspiriert fühlte, mit seiner Performance einen Beitrag zur Ungleichheitsdebatte zu liefern à la Mensch versus Maschine/Hochhaus? Oder quasi existentialistisch die Verletzlichkeit von Mensch und Natur darzustellen, die sich durch die Konstruktion abstrakter Härte mittels Stahl und Metall immer mehr voneinander entfernen? Vielleicht wollte Robert uns aber mit seiner Kletterei auch nur ganz profan und wachstumskritisch an das vielzitierte physikalische Gesetz von Isaac Newton erinnern: What goes up, must come down.

Schlussendlich erklären kann uns die Welt der Extremkletterer nur einer: Reinhold Messner. Und der sagte einmal: „Der Spaß muss das Tun bestimmen!“

Ein schönes Wochenende – mit oder ohne Adrenalin – wünscht Ihnen Ihre Redaktion von portfolio institutionell!

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