Schwarzer Schwan
1. November 2019

Die Geister, die ich rief…

Vier Cent und ein Milliardär

Er hat den Anspruch eines Marx und spielt im Titel seines Bestsellers „Das Kapital des 21. Jahrhunderts“, bewusst auf dessen Hauptwerk an: Thomas Piketty. Das Buch des französischen Ökonomen wurde jetzt als Dokumentation in Bilder gegossen. Der Film will den Problemen der Marktwirtschaft auf den Grund gehen und stößt hierbei immer wieder auf ein Thema: Soziale Ungleichheit.

Das Thema passt gut zu einer Weltregion, die seit Jahr und Tag als Goldkammer Europas und später als globaler Rohstoff- und Agrarlieferant von Ausbeutung und sozialer Unterdrückung ein Lied singen kann. Die „offenen Adern Lateinamerikas“ zu schließen haben viele Regierungen versucht, mit unterschiedlichem Erfolg. In Brasilien erstarkt derzeit der Populismus, in Argentinien scheiterte die konservativ-liberale Regierung damit, die Inflation zu bekämpfen und wurde abgewählt. Von Venezuela ganz zu schweigen.

Und nun befindet sich ein Land im Aufruhr, das eigentlich als ökonomischer Musterknabe Südamerikas gilt: Chile. Das Land am Fuss der Anden langgezogen wie eine Peperoni, erlebt schwere soziale Unruhen. Würdelos kann man es mindestens finden, dass Sebastian Piñera, der Rechtsaußen-Präsident des Andenstaats, rund 30 Jahre nach dem Übergang zur Demokratie das Militär wieder auf die Straßen schickte, um hart und brutal gegen Demonstranten vorzugehen.  Chile, Militärputsch 1973: Die ich rief, die Geister, werde ich nicht wieder los. Im Zuge von Plünderungen und Demonstrationen starben jüngst 20 Menschen. Sind Sie ein Kind der 80er, erinnern Sie sich vielleicht noch, wie  Militärdiktator Augusto Pinochet 1988 in einer Volksabstimmung abgewählt worden war und 1989 die ersten freien Wahlen stattfanden.

Trotz Demokratie erinnert vieles in Chile noch an diese Zeit. Ein weitgehend privatisiertes Gesundheits-, Bildungs- und Rentenssystem, welches damals etabliert wurde, ein ökonomisches Modell à la Chicago School, was die soziale Ungleichheit im Land festschrieb und nicht zuletzt eine Verfassung, die unter der Militärdiktatur eingeführt worden war. Viele Chilenen fordern ein neues Grundgesetz, das aus ihrer Sicht einen echten Systemwechsel ermöglichen soll. Auch international ziehen die Unruhen in Chile mittlerweile Kreise: Die für den Dezember dort geplante UN-Klimakonferenz hat Piñera kurzerhand abgesagt.

Eine U-Bahnpreiserhöhung von umgerechnet vier Cent hatte gereicht, um den Unmut der Chilenen in Wut umschlagen zu lassen. Laut Süddeutscher Zeitung geben manche Familien dort rund 20 Prozent ihres Einkommens für den Weg zur Arbeit oder zur Schule aus. Der Mindestlohn liegt laut der Wochenzeitung Zeit bei umgerechnet 330 Euro. Die Renten sind minimal, sodass viele Senioren weiterarbeiten, solange es irgend geht. Das neoliberale Staatsmodell steht auf der Kippe. Aus Sicht der Demonstranten symbolisiert der Berlusconi Chiles, Piñera, der laut Wikipedia über ein stattliches Vermögen von 2,8 Milliarden Dollar verfügt und einst die chilenische Fluglinie LAN Chile sowie einen TV-Sender sein Eigen nannte, ein System, das wenigen reichen Familien den Zugriff auf die wirtschaftlichen Ressourcen Chiles ermöglicht, was in dortigen Medien immerhin häufig berichtet wird.

Und dabei waren die 80er Jahre so schön! Zumindest bei uns in Deutschland. Nicht nur, aber auch weil man damals noch glaubte an den Kapitalismus als einzige freiheitliche Alternative zum System der Sowjetunion. An die nivellierende Wirkung von Wettbewerb und die Verteilung von Wohlstand durch Konkurrenz. Man hatte noch Ideale. Doch was wird aus Freiheit, wenn man verdammt ist, arm zu sein? Piñera, der vom Geschäftsmann zum Staatsmann wurde, wird sich das fragen lassen müssen.

Ein friedliches Wochenende mit oder ohne Kinoprogramm wünscht Ihnen Ihre Redaktion von portfolio institutionell!

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