Schwarzer Schwan
25. September 2015

Es scheppert doch

„Er läuft und läuft und läuft …“ – die Vorzugsaktie der Volkswagen AG kannte diese Woche nur eine Richtung: ab nach Süden. Wer nicht (weg-)laufen wollte, aber musste, war VW-Chef Winterkorn, zu dem wegen der mit Hilfe von Software manipulierten Abgaswerte nicht nur der VW-Übervater Ferdinand Piëch „auf Distanz“ ist.

Bekannt in der Branche ist der promovierte Metallphysiker und Schwabe Martin Winterkorn für sein Hobby, auf Automobilmessen mit einer Stablampe die Verarbeitung von Autoblechteilen zu überprüfen und bei einer solchen Inspektion im Cockpit auch einmal missmutig die Konkurrenz zu loben: „Da scheppert nix.“ Bekannt in der breiten Öffentlichkeit ist Winterkorn dagegen für sein Gehalt, das mit knapp 16 Millionen Euro auch im vergangenen Jahr deutlich über den Messwerten anderer Dax-Vorstände lag. Für ein solches Entgelt darf man auch erwarten, dass Winterkorn für eine „schnelle Aufklärung“ des Manipulationsskandals sorgen wollte. Noch mehr hätte man für 16 Millionen Euro eigentlich erwarten sollen, dass es erst gar nicht zu einem solchen Skandal kommt. Doch von guter Corporate Governance ist Volkswagen so weit weg wie ein Passat vom Formel-1-Sieg.
Dieser Mangel an guter Unternehmensführung zeigte sich beispielsweise deutlich bei der Affäre um die Luxusreisen der Gewerkschafter, auf denen dem Personalmanager Gebauer von Vertretern der Arbeitnehmerseite oft diese Frage gestellt wurde: „Gebauer, wo bleiben die Weiber?“ Der nach Toyota größte Autobauer war aber schon immer bekannt dafür, ein Spielball der Interessen der beiden zerstrittenen Familien-Clans derer von Piëch und derer von Porsche sowie ein praktisches Werkzeug für niedersächsische Ministerpräsidenten zu sein, die sich über die Sperrminorität ihres Bundeslandes der eigenen Wichtigkeit versichern und den Anschein von Wirtschaftskompetenz versprühen konnten. 
Das sorgsam austarierte ökonomische Gleichgewicht zwischen den beiden Familienstämmen kam nicht erst in der Übernahmeschlacht im Jahr 2009 in Gefahr, sondern schon vorher. In den 80er Jahren kam es zum Ernst-Fall, als Ernst Piëch seine Anteile an externe Investoren verkaufen wollte. Die Familien mussten darum laut „Spiegel“ schnell mal knapp 100 Millionen Mark aufbringen, um die Anteile zu übernehmen. In Gefahr kam das Gleichgewicht des Schreckens auch, als Ferdinand Piëch einem Porsche-Mitglied die Frau ausspannte und, wie die Familie Porsche befürchtete, mit einer Heirat auch VW-Anteile der Porsche-Familie erobern könnte. Ferdinand „Fugen-Ferdl“ Piëch kann übrigens nicht nur mit den von ihm zugekauften Luxus-Automarken protzen, sondern auch auf persönlicher Ebene neben seinen geordneten finanziellen Verhältnissen auch mit folgender Statistik: Zwölf Kinder aus vier Beziehungen.
Mit seiner aktuellen Frau Ursula hat Fugen-Ferdl drei Kinder. Die gelernte Kindergärtnerin und Horterzieherin konnte den Autonarren der Legende nach damit bezirzen, dass sie als Frau am Berg anfahren kann. Die Entscheidung Ferdinands, Ursula in den VW-Aufsichtsrat zu bestellen, zeugt von einer Unternehmenskultur, wie sie zuletzt vor 2.000 Jahren im alten Rom bestand. Damals plante der römische Kaiser Caligula, sein Lieblingspferd Incitatus zum Konsul zu erheben und in den Senat zu senden. Den Manipulationsskandal konnte die bis vor kurzem amtierende Aufsichtsrätin aber – ganz überraschend – auch nicht aufdecken. 
Wann sich der Abgasnebel wieder lichtet, ist ungewiss. In einer Spiegel-Kolumne versuchte sich Sascha Lobo aber an einer interessanten digitalen Deutung des Diesel-Debakels. Der Internetexperte und Strategieberater sah die Autozukunft immer in einer digitalen Vernetzung, weshalb VW ein Software-Konzern werden müsse. Offenbar ist Volkswagen diesem Rat gefolgt und hat sich einen „Vorsprung durch Software“ erarbeitet. 
In diesem Sinne wünscht Ihnen die Redaktion von portfolio ein schönes Wochenende. 
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