Meinungen aus dem Markt
6. Dezember 2018

Faktor-Investing – der neue Weg?

Smart Beta ist seit einigen Jahren in aller Munde, doch werden Faktorstrategien auch tatsächlich eingesetzt? Wenn ja, was sind die Beweggründe, und für welchen Anlegertyp eignen sich Smart-Beta-Ansätze?

Die Investmentlandschaft der vergangenen Jahre stellt viele ­Anleger bei der Asset-Allokation vor große Herausforderungen. Geringe Renditen traditioneller Anlagen, gestiegene Kostensensitivität – insbesondere infolge neuer Vorschriften wie Mifid II – und die in Krisenzeiten oftmals ungenügende Absicherung gegen ­Kursverluste, die eine klassische Diversifikation über Asset-Klassen hinweg bieten kann, lassen Investoren nach neuen Wegen suchen, um ihr Portfolio effektiver aufzustellen.

Faktor-Investing – ein systematischer Ansatz in langfristige Renditetreiber zu investieren – hat vor diesem Hintergrund in den vergangenen Jahren stetig an Popularität gewonnen und konnte jährliche Zuwachsraten von 19 Prozent verzeichnen. Die Strategien sind dabei keinesfalls neu: Professionelle Investoren streben schon seit Jahrzehnten nach Prämien wie Value oder Momentum. Aber was ist dann das Neue daran? Ganz einfach: Der Weg, wie Anleger in diese Faktoren investieren können, hat sich verändert. Innovationen­ in der Datenverfügbarkeit und -granularität erlauben es heute, Faktor­strategien regelbasiert, transparent und kostengünstig in einem liquiden Produkt wie beispielsweise einem ETF abzubilden. Sie demokratisieren seit Langem bewährte Anlagekonzepte­ und machen sie für jeden Investorentyp zugänglich.

Faktoren können langfristige Überrenditen im Vergleich zu marktkapitalisierungsgewichteten Standardbenchmarks erwirtschaften. Allerdings sorgt nicht jeder Faktor in jeder Konjunkturphase gleichermaßen für überdurchschnittliche Erträge. Günstiger bewertete Value-Titel punkten zum Beispiel eher in Aufschwungphasen, der eher defensive Minimum-Volatility-Faktor hingegen tendenziell in Abwärtsphasen.

Investoren, die das Risiko einer kurz- oder gar mittelfristigen ­Underperformance durch die Zyklizität von Einzelfaktorstrategien vermeiden wollen, haben zwei grundsätzliche Optionen. Zum ­einen können sie versuchen, genau diese Zyklizität für sich zu nutzen und durch Kapitalmarktsignale das Faktorprofil ihres Portfolios zu steuern. Die andere Möglichkeit besteht in einer Strategie, die ­darauf abzielt, zu jeder Zeit ein diversifiziertes Portfolio zu mehreren Faktoren zu bieten – eine sogenannte Multifaktor-Strategie.

Alles eine Frage des Timings

Im Rahmen einer Faktor-Timing-Strategie nutzen Investoren ­makroökomische, fundamentale und technische Indikatoren, um das positive Abschneiden eines Einzelfaktors zu antizipieren und ihr Portfolio dementsprechend taktisch zu positionieren. Das ­Timing ist jedoch schwer, da Faktorstrategien eben nicht auf kurzfristige, sondern auf langfristige Renditetreiber abzielen. Zusätzlich kann eine eher offensive Rotation mit ständigen Wechseln hohe Transaktionskosten verursachen und somit die angestrebten ­Faktorprämien schmälern. Eine alternative Vorgehensweise, die wir am Markt ­beobachten konnten, besteht darin, eine taktische Allokation zu Sektoren in Portfolios aufzubauen und diese auf die unterschiedlichen Marktzyklen abzustimmen. Hierfür werden nicht nur Faktoren-, sondern auch Sektorenrotationsmodelle verwendet. So ließ sich in den vergangenen zwei Jahren auch im Ucits-ETF-Markt ein verstärkter Einsatz von Sektoren-ETFs beobachten. Die Abbildung von Aktienmärkten wird somit immer granularer.

Allerdings stellt Timing für viele strategische, langfristige Anleger eine besondere Herausforderung dar, da es eine präzise Marktmeinung erfordert sowie die Möglichkeit, direkt agil zu agieren. Gerade für diese Investoren können Einzelfaktoren somit eine Möglichkeit bieten, eine gezielte, taktische Marktmeinung zu implementieren. Frühere Smart-Beta-Strategien hatten sich besonders auf den Faktor Minimum Volatility als defensive Alternative zu klassischen marktkapitalisierungsgewichteten Indizes konzentriert. Das granularere Angebot an Einzelfaktoren erlaubt es Investoren seit einigen Jahren, genau diese Faktor-Marktmeinungen in ihrem­ Portfolio umzusetzen. Große Bewegungen konnten beispielsweise nach der Trump-Wahl mit dem einsetzenden ­Risk-on-Sentiment beobachtet werden. Investoren ersetzten damals in großem Stil Minimum-­Volatility- durch Momentum- und Value-Exposures.

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