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11. September 2018

Finanzkrise: Konjunkturprogramm für Populisten

Finanzmarktakteure blicken zurück und pessimistisch nach vorn. Neuanfang bleibt aus.

Der Zusammenbruch von Lehman Brothers, der den Höhepunkt der Finanzkrise markiert, jährt sich in diesen Tagen zum zehnten Mal. Finanzmarktakteure wie Pascal Blanqué, Chief Investment Officer von Amundi, die einen Blick zurückwerfen, konstatieren, dass viele Probleme von damals nicht behoben worden seien, sondern sich nur verschoben oder sogar verschlimmert haben: „Noch immer ist die Verschuldung hoch, die Marktliquidität hat sich trotz der geldpolitischen Anreize teilweise sogar verringert, und die massiven Konjunkturanreize durch die Notenbanken und staatliche Investitionen haben den Heilungsprozess nach der Krise eher verlangsamt als gefördert.“ Ungleichheit und Instabilität hätten auch deshalb zu- und nicht abgenommen, was sich heute sowohl im steigenden Zuspruch für populistische Parteien als auch in der Rückkehr des Protektionismus widerspiegele.
Schub nach rechts 
Im Zeit-Magazin kommen viele Stimmen zu Wort, die insbesondere einen Zusammenhang zwischen der Finanzkrise und dem von Blanqué erwähnten Zuspruch für populistische Parteien ziehen. So sagt Gerhard Schick, Bundestagsabgeordneter der Grünen: „Wir wissen aus der Forschung, dass sich nach großen Finanzkrisen etwas politisch verändert. Dass es da einen Schub nach rechts gibt. Und was wir heute in Europa beobachten mit dem Rechtspopulismus, das hat schon etwas mit der Finanzkrise zu tun, weil so viel Vertrauen in die Regierungen und ins System verloren gegangen ist. Und so ist ja auch die AfD im Zuge der europäischen Finanzkrise entstanden. Ich glaube schon, dass man sagen kann: Durch diese Finanzkrise hat der Rechtspopulismus seine entscheidende Schubkraft bekommen.“
Peer Steinbrück, damaliger Bundesfinanzminister und späterer SPD-Kanzlerkandidat, sieht zwar keine lineare Verbindung von der Bankenrettung zu rechtspopulistischen Parteien und der Verachtung gegenüber den etablierten demokratischen Parteien. „Aber es gibt eine abgeleitete Verbindung. Denn das Ergebnis der Banken- und Finanzkrise war ja, dass nicht diejenigen dafür haften mussten, die die Krise verursacht haben – also die Banken –, sondern die Steuerzahler.“ Viele Bürger hätten dies als eine Form von staatlichem Kontrollverlust angesehen.
Charakter statt Regulierung 
Der ehemalige Investmentbanker Rainer Voss stellt in dem Magazin Hartz-IV-Empfänger, denen gesagt werde, dass sie für sich selbst verantwortlich seien, und Bankmanager gegenüber. Letztere „beziehen achtstellige Gehälter und brauchen trotzdem eine Ethikkommission, die ihnen sagt, welche Geschäfte sie machen dürfen und welche sie bleiben lassen sollten. Dass das kein normaler Mensch mehr versteht, ist doch klar.“
Für Voss hapert es hier an charakterlichen Fähigkeiten, die man auch durch noch mehr Regulierungen nicht verändern könne. „Und deswegen sollte man sich auch heute, zehn Jahre nach Lehman, schon die Frage stellen, ob manche Führungskräfte von Banken wohl charakterlich und fachlich geeignet sind, solche Institute zu führen.
Neuanfang sieht anders aus 
Was Voss als Charakterfrage behandelt, sehen andere eher als Kalkül. Andrew Gowers, bis drei Tage vor dem Crash Kommunikationschef von Lehman Brothers: „Das zentrale Problem bei Lehman war aus meiner Sicht, dass alle Banken enorme Risiken eingegangen sind in der Annahme, dass sie am Ende durch den Staat gerettet würden. Und so ist es, denke ich, heute noch. Wenn eine große Bank in Schwierigkeiten gerät, wird sie mit dem Geld der Steuerzahler gerettet werden müssen.“ Im Sinne dieser Too-Big-To-Fail-Problematik argumentiert auch der Banker und Berater Lenny Fischer: „Die Pleite von Lehman war ein Erdbeben, aber ich glaube kein Neuanfang. Das ist auch heute, zehn Jahre danach, immer noch unser großes Problem: Es wird immer weiter gerettet werden.“
portfolio institutionell, 11.09.2018/Patrick Eisele 
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