Pension Management
14. Mai 2018

Helden der Altersvorsorge

Dass die Rente sicher ist, ist ein Mythos. Je mehr aber Abstriche bei der Sicherheit gemacht werden, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Rente zumindest ausreichend ist. Über Stellschrauben für Neuadjustierungen diskutierten Praktiker auf einer Veranstaltung der Apo-Bank an einem sagenumwobenem Orte.

Altersvorsorge ist eine emotional aufgeladene Angelegenheit. Mit Begriffen wie „Altersarmut“, „Rechnungszinskürzung“ oder „Zockerrente“ lässt sich hierzulande Stimmung machen. Mit „Betriebsrentenstärkungsgesetz“, „privater Vorsorge“ oder „Risikotragfähigkeit“ lassen sich Anspruchsberechtigte dagegen nicht für die Bedeutung des Themas sensibilisieren. Wenn man jedoch mit Fakten zu den Betroffenen nicht durchdringt, braucht es ein Narrativ. Wer sich sehr mit Narrative Economics beschäftigt hat, ist Nobelpreisträger Robert J. Shiller: „Das menschliche Gehirn war schon immer sehr auf Erzählungen fixiert – unabhängig davon, ob diese auf Fakten oder nicht beruhen.“ Der Grund liegt für den US-Nobelpreisträger darin, das eigene Tun, sogar elementare Handlungen wie Spenden und Investieren, zu rechtfertigen.
Shillers Schriften zu Narrative Economics hat offenbar auch die Deutsche Apotheker- und Ärztebank, Apo-Bank, studiert – und lud darum zu ihrem diesjährigen Investment-Forum auf den am Rhein unweit der Loreley gelegenen Drachenfels. Also dorthin, wo einst der Nibelunge Siegfried dem Drachen den Garaus machte, in dessen Blut badete, um Unverwundbarkeit zu erlangen, und so einen deutschen Mythos erschuf. Ein Lindenblatt auf des Recken Rücken verhinderte allerdings bekanntlich eine komplette Immunisierung. Kapitalgedeckte Altersvorsorge, das Thema der Apo-Bank-Veranstaltung, ist zwar noch kein deutscher Mythos. Aber um einer zu werden, dürfte es nicht viel geeignetere Orte geben.
Furchtlos wie Siegfried – aber etwas launiger – kämpfte der Betriebsrenten-Recke Heribert Karch auch auf dem Drachenfels für die Betriebsrente. Der Vorstandsvorsitzende des Fachverbands für betriebliche Altersversorgung, Aba, und Geschäftsführer der Metallrente tat sich aber auf Grund von definitorischen Bedenken etwas schwer, sich auf dem deutschen Mythenberg zu Narrative Economics bezüglich seines Vortragstitels „Betriebsrente als gute Fee“ inspirieren zu lassen: „Mythen sind zu alt, um postfaktisch zu sein. Ansonsten müssten sie präfaktisch sein.“
Bei der Übung, alte Mythen auf das heutige Zeitalter der political correctness zu übertragen, war Karch offenbar auch durch die eine oder andere Erfahrung mit Gleichbehandlungsbeauftragten gehemmt: „Fee lässt sich nicht gendern!“ Trotz dieser Schwierigkeiten gelang Heribert Karch eine schöne ökonomische Erzählung, auf der sich jedoch leider nicht für die Zukunft aufbauen lässt: Vor zehn Jahren erwies sich nämlich der starke Versicherungsapparat in Deutschland und die damit einhergehenden strategischen Kapitalallokationen als Schutz vor den Folgen von Lehman Brothers. „Wir Deutschen waren damals anders als Angelsachsen oder Holländer nicht underfunded und passten vor Stolz durch keine Tür mehr. Dies führte jedoch dazu, dass wir zu spät auf die Niedrigzinsjahre reagiert haben“, so Heribert Karch.
Mit manchen anderen deutschen Mythen konnte Karch auf der Veranstaltung aufräumen. Dass beispielsweise der Deutsche gern nach dem Staat ruft und in der deutschen DNA die Garantiefixierung fest verankert ist, stellte Karch mit dem Ergebnis von Umfragen in der jüngeren Bevölkerung in Frage. Die Jüngeren, die zugleich die größte Risikogruppe in der Vorsorge bilden, kommen offenbar mit dem Lindenblatt der Kapitalanlage, nämlich, dass die Märkte vor Rückschlägen nicht gefeit sind, zu Recht, wenn dafür höhere Renten winken. Änderungen in der deutschen Rentenvorsorge sind also möglich. Ohne Fixierung auf Garantien ist eben auch mehr Rendite möglich – trotz Finanzkrise. „Der Pensionsfonds in der Metallrente performt seit 15 Jahren im Schnitt mit 5,9 Prozent.“
Mit Risiko-Overlay betrage die Aktienquote in diesem Pensionsfonds 80 Prozent. „Das Bild der falsch verstandenen Sicherheit in Form von Garantien wandelt sich“, lässt sich Karch in einer Pressemitteilung der Metallrente zitieren. „Die Teilhabe am Produktivvermögen, zum Beispiel durch Aktien, ist nachweislich erfolgreicher als die Anlage in typische festverzinsliche Kreditpapiere. Pensionsfondslösungen können zum neuen Motor für die Sozialpartnerrente werden.“ Wer trotz Jahresrenditen von knapp sechs Prozent ein Lindenblatt beziehungsweise eine (vorübergehende) Verwundbarkeit in der Kapitalanlage nicht aushält, dem empfahl Karch auf der Apo-Bank-Veranstaltung zwar kein Bad im Drachenblut, aber einen für eine Autonation passenden Gedankengang zu Garantien und Sicherheiten: „Ein Gurt wird nicht als Sicherheitsgarantie bezeichnet.“
Tapfer gegen den Zentralbank-Drachen, der seit Jahren die Zinsen im Frankfurter Ostend gefangen hält, kämpfen seit Jahren berufsständische Altersvorsorgeeinrichtungen. Sie haben zwar keine Garantien versprochen, stehen jedoch vor der Problematik, dass seit geraumer Zeit die üblichen festverzinslichen Wertpapiere unter den Rechnungszins gerutscht sind. Dieses Dilemma und mögliche Lösungswege beschrieb Dr. Andrea Mutschall, Geschäftsführerin des Altersversorgungswerks der Zahnärzte Niedersachsen.
Zahnärzte treffen Nerv 
Dies geschah auf der Veranstaltung der Apo-Bank anhand des Regelkreises aus Deckungsrückstellungshöhen, Verlustrücklagen, Risikotragfähigkeitsfestlegungen, der strategischen Asset-Allokation und damit der Ertragshöhen. Das Altersversorgungswerk ist durch seine Satzung an eine Verlustrücklage von mindestens fünf Prozent seiner Deckungsrückstellung gebunden. Die seit Jahren anhaltende Niedrigzinsphase bestätige die Notwendigkeit dieser Forderung. Mit wachsender Deckungsrückstellung muss auch die Verlustrücklage wachsen. Gefahr geht in diesem Kreislauf von einer (im Nachhinein) falschen Asset-Allokation aus, die einen Verkauf von risky Assets erfordert. Dann droht wiederum, dass sich aus dem Regelkreis eine Abwärtsspirale entwickelt.
Vorbeugen lässt sich widrigen Entwicklungen, dass das Risikodeckungspotenzial immer größer als alle wesentlichen Risiken ist. Vorbeugende Übungen sind für das Versorgungswerk die Durchführung von Stresstests, die mit Blick auf die Risikoklasse des Versorgungswerks freiwillig erfolgen. Eine andere vorbeugende Übung ist, mittels Unterstützung der Apo-Bank, die Früherkennung von Emittentenrisiken.
Ein Vertreter eines Zahnärzte-Versorgungswerks eines anderen Bundeslands sah die diversen Risikomanagement-Maßnahmen zwar insgesamt positiv, verwies aber auch auf die damit verbundenen Kosten: „Mit zunehmendem Risikomanagement geht die Rendite in den Geschäftsbetrieb.“ Dem entgegnete die Geschäftsführerin, dass die Verwaltung schrumpfe. Dafür gehe nun allerdings mehr an Externe. Dies wiederum ist nicht zum Nachteil der Apo-Bank – aber auch nicht zum Nachteil des Versorgungswerks, wie Apo-Bank-Bereichsleiter Volker Mauß zu Recht betont: „Der Schaden, der durch Risikomanagement verhindert wird, kann um einiges größer sein als die Kosten, die für Dienstleister wie uns anfallen.“
Mögliche Maßnahmen, um die Risikotragfähigkeit und damit die Quote der risky Assets zu erhöhen, liegen im Leistungsrecht. So würde die Einführung der Rente mit 67 zu mehr Eigenkapital führen. Um den Anspruchsberechtigten eine solche Maßnahme überzeugend zu vermitteln, denkt das zwei Milliarden Euro schwere, kapitalgedeckte Versorgungswerk daran, sich von Kommunikationsprofis unterstützen zu lassen. Eine andere Maßnahme wäre die erneute Kürzung des Rechnungszinses, wozu auch entsprechende Pläne bestehen. Mit Rechnungszinskürzungen haben die Zahnärzte Niedersachsen bereits eine gewisse Erfahrung: Das Altersversorgungswerk war das erste Versorgungswerk, das seinen Rechnungszins an die bis heute anhaltende Ertragskrise anpasste. Schon seit 2007 werden alle Beiträge mit 2,75 Prozent verzinst.
Doch auch Absenkungen des Rechnungszinses oder Erhöhungen des Renteneintrittsalters führen nicht zu sicheren Renten. „Anders als früher ist zumindest für die rentenfernen Jahrgänge die sichere Rente ein Mythos. Mit diesen Mitgliedern werden die Diskussionen zunehmen“, erklärte Andrea Mutschall. Um die derzeitige Situation zu veranschaulichen, bemühte das Versorgungswerk in einer Publikation übrigens einen griechischen Mythos: Wir schieben einen wachsenden Berg niedrig verzinster Anlagen vor uns her, suchen Risiken zu vermeiden, sich bietende Investitionsgelegenheiten zu nutzen und bleiben abhängig von der finanzpolitischen Großwetterlage. Den verantwortlichen Akteuren haben wir keinen Rat zu erteilen. Hätten wir es, würden wir den Finanzministern der EU empfehlen, sich wie Odysseus an den Mast binden zulassen, um unsinnigen sozialen Versuchungen und finanzpolitischen Sirenenklängen widerstehen zu können, „damit nicht hinfort unselige Torheit ständig neuen Jammer bereite“, wie es bei Homer heißt.
Ständig neuer Jammer ist mit einem anderen deutschen Mythos verbunden: der Anlageverordnung. „Für uns reichen die Quoten derzeit noch aus“, sagte hierzu Andrea Mutschall. Ich verstehe aber andere Versorgungswerke, denen insbesondere für alternative Asset-Klassen die bestehenden Quoten nicht ausreichen.“ Das Altersversorgungswerk der Zahnärzte Niedersachsen hat Ende September 2017 zu Buchwerten etwa 700.000 Euro beziehungsweise etwa 35 Prozent seiner zwei Milliarden Euro in Spezialfonds, Immobilienfonds, Beteiligungen und Publikumsfonds investiert.
Suboptimal ist an der Alternatives-Regulierung aber auch, dass zwischen Aufsichtsrecht, Steuerrecht und der Anlageverordnung keine Kongruenz besteht, wie Frank Dornseifer vom Bundesverband Alternative Investments erläuterte. Deutschen Anlegern empfiehlt sich darum der Gang nach Luxemburg. Laut Ted-Umfragen wollen 57 Prozent der auf der Veranstaltung anwesenden Vertreter von Versorgungseinrichtungen ihre Alternatives-Quote ausbauen. 37 Prozent denken dabei an Private Equity, 30 Prozent an Private Debt. Hindernis für den Ausbau ist die Regulatorik. Demnach fühlen sich 18 Prozent durch die Regulatorik „stark belastet“, 44 Prozent „eingeengt“ und sechs Prozent „sicherer“. 32 Prozent gaben ihren Gemütszustand mit „unverändert“ an. „Die Anleger fühlen sich also unverändert eingeengt“, spitzte Volker Mauß dieses Ergebnis zu. Diese Angaben lassen sich aber auch dahingehend interpretieren, dass es sich bei der Fixed-Income-Fixierung des deutschen institutionellen Investors mehr und mehr um einen Mythos handelt. 
portfolio institutionell, Ausgabe 4/2018 
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