Stiftungen
11. Mai 2018

Investoreninterview: Hertie-Stiftung zieht positives Fazit aus Private-Equity-Anlagen

Die Geschäftsführer John-Philip Hammersen und Rainer Maucher erörtern mit Redakteur Tobias Bürger, wie man als Stiftung mindestens auf der Höhe der Zeit bleibt und bei der Kapitalanlage auch mal einen Schritt voraus ist.

Die deutsche Stiftungslandschaft ist in jeder Hinsicht vielfältig. Das betrifft den Stiftungszweck ebenso wie die Stiftungsgröße. Eine ihrer ganz großen Vertreterinnen ist die Gemeinnützige Hertie-Stiftung. Die Frankfurter zählen mit Assets von mehr als einer Milliarde Euro zu den 15 größten privaten Stiftungen auf deutschem Boden. In der Gegenwart befindet sich die Gemeinnützige Hertie-Stiftung in einem Prozess des Wandels. Dass sie gestärkt daraus hervorgehen wird, ist angesichts der Professionalität ihrer treibenden Kräfte im Vermögensmanagement und der vorbildlichen Zweckverwirklichung abzusehen. 
Meine Herren, stabile Netzwerke und vertrauensvolle Beziehungen zu einflussreichen Personen sind durch nichts zu ersetzen. Die Gemeinnützige Hertie-Stiftung hat sich in den vergangenen Jahrzehnten ein solches Umfeld aufgebaut. Vorstand und Kuratorium sind mit zahlreichen Persönlichkeiten besetzt. Sie verfügen außerdem über gut 250 Kooperationen zu Ministerien, Hochschulen, Unternehmen, Kommunen und anderen Stiftungen. Sechs Bundespräsidenten sind Schirmherren Ihrer Projekte. Was macht die Hertie-Stiftung für Dritte so attraktiv?
John-Philip Hammersen: Unser Netzwerk hängt ganz wesentlich mit den Personen zusammen, die die Hertie-Stiftung ab dem Jahr 2000 groß gemacht haben. Zu nennen ist hier vor allem Dr. Michael Endres. Er war von 2000 bis 2012 Vorstandsvorsitzender und hat in dieser Zeit die Stiftung maßgeblich aufgebaut. Herr Dr. Endres kam von der Deutschen Bank und ist sehr gut vernetzt. Und dieses Netzwerk ist gewachsen, was für die Stiftungsarbeit sehr hilfreich ist. 
Rainer Maucher: Maßgeblich an der Entwicklung beteiligt war auch der frühere Bundespräsident Roman Herzog. Er war Kuratoriumsvorsitzender und hat einen erheblichen Anteil daran, dass unsere Stiftung heute neben der politischen Ebene auch in Wirtschaft und Wissenschaft so stark vernetzt ist, wie Sie es beschreiben. Darüber hinaus bestehen viele institutionelle Kontakte, beispielsweise zu Ministerien. Sie sind primär durch die Projekte geprägt, die die Hertie-Stiftung aufgelegt hat.
Geben Sie bitte ein Beispiel. 
Maucher: Ich denke beispielsweise an „Jugend debattiert“. Der Schülerwettbewerb wurde erstmals 2001 in Frankfurt durchgeführt, heute wird er bundesweit ausgerichtet und hat sich fest etabliert als Maßnahme der politischen Bildung in der Schule. Kooperationspartner sind die Kultusministerkonferenz und die Kultusministerien der Länder. Der Wettbewerb wird von uns in Zusammenarbeit mit der Robert-Bosch-Stiftung, der Stiftung Mercator und der Heinz-Nixdorf-Stiftung auf Initiative und unter der Schirmherrschaft des amtierenden Bundespräsidenten durchgeführt. Ich würde deshalb sagen, dass unser Netzwerk Türen öffnet und Gesprächspartner erschließt, aber überzeugen müssen wir immer mit unseren Projektideen. In Wissenschaft und Wirtschaft beschäftigt man sich heute sehr stark mit der Digitalisierung, um im Wettbewerb den Anschluss nicht zu verlieren. Welche Rolle spielen solche Entwicklungen in Ihrem Hause? 
Hammersen: Es gibt in der Tat Veränderungen wie die Digitalisierung, die natürlich auch uns betreffen. Die Welt um uns herum bewegt sich nicht nur durch die Digitalisierung, aber auch durch sie immer schneller. Das wirkt sich auf uns alle aus, unsere Projekte, die Hertie School of Governance, das Hertie-Institut für klinische Hirnforschung bis hin zu der ebenfalls von der Hertie-Stiftung ins Leben gerufenen Start-Stiftung. Führt man sich unsere Wettbewerbe und wissenschaftlichen Projekte vor Augen, sieht man, dass sich die Geschwindigkeit deutlich gesteigert hat – und exponentiell weiter steigt. Die Herausforderung für die Arbeit einer Stiftung dabei ist, dass man mindestens auf der Höhe der Zeit bleiben muss und bei einigen der Themen der Zeit ein Stück voraus sein sollte.
Machen Sie auch das an einem Beispiel fest. 
Hammersen: Ein Aspekt, mit dem wir uns beschäftigen, ist das Thema Blockchain. Es gibt viele Unternehmen, die sich mit dersogenannten Distributed-Ledger-Technologie beschäftigen und sich fragen, welche Transaktionsmöglichkeiten sich daraus ergeben, um Informationen auszutauschen und Geschäfte abzuwickeln. Für uns stellt sich die Frage, inwieweit diese sehr technologische Thematik unser Stiftungsthema „Demokratie stärken“ betrifft. 
Sie können sich demnach vorstellen, dass die Blockchain-Technologie Auswirkungen auf demokratische Prozesse haben kann? 
Hammersen: Das können wir im Moment so noch gar nicht beantworten. Wir wollen uns zunächst einmal eine Vorstellung verschaffen, was daraus werden könnte. 
Welche Auswirkungen hat der technologische Wandel für die Vermögensanlage? 
Maucher: Lassen Sie mich einen Blick in die Vergangenheit werfen, um eine Parallele zu ziehen. Es gab eine Zeit, da wurde der Dow-Jones-Industrial-Index von Eisenbahngesellschaften dominiert. Davon kann heute aber natürlich keine Rede mehr sein. Die Index- Zusammensetzung ändert sich regelmäßig und man muss als Investor Schritt halten. Erinnern Sie sich daran, welches Gewicht Japan einst im MSCI World Index innehatte. Zu Hochzeiten waren es rund 45 Prozent. Heute liegt der Anteil bei neun Prozent. Es gibt permanent Veränderungen am Kapitalmarkt. Wir versuchen, Aspekte für unsere Allokation daraus abzuleiten. 
Haben Sie etwa USA-Aktien geshortet, weil diese heute den MSCI World dominieren? 
Maucher: Das nicht. Allerdings haben wir uns auf der Anlageseite dem Thema Robotics und Automation geöffnet. Wir wissen nicht, wer den Wettstreit um die Technologieführerschaft gewinnen wird. Aber dieser Bereich wird wichtig werden. 
Und was ist mit dem autonomen Fahren, das zu einer drastisch sinkenden Zahl von Unfällen führen dürfte? 
Maucher: Autonomes Fahren ist für uns noch kein Thema. Aber was in der Industrie insgesamt technologisch passiert, das ist viel spannender. Und da ist die Welt sehr schnell. Wir versuchen, auf der Anlageseite auch ein wenig hiervon zu profitieren. 
Warum engagieren Sie sich in der Hirnforschung? 
Hammersen: Die Hertie-Stiftung kommt ursprünglich aus dem Bereich der Förderung und Erforschung der Multiplen Sklerose. Das ist das prägende Thema der ersten 25 Jahre der Stiftungsgeschichte, was eine Begründung in der Familie des Stifters hatte, dass man sich dort auch engagieren wollte. Daraus hat sich das erweiterte Thema Hirnforschung und auch der gewisse Schwerpunkt bei Erkrankungen abgeleitet. Und in der Tat ist das Gehirn, seine Funktionsweise und Erkrankungen vielleicht sogar eines der spannendsten Forschungsfelder, da es unser Wahrnehmen, unser Handeln, unser ganzes Leben bestimmt. Allein aufgrund der technologischen Möglichkeiten werden wir in den nächsten Jahren hier gewiss sehr viele Erkenntnisse gewinnen können. 
Liegt es da nicht nahe, sich auch der künstlichen Intelligenz zu widmen? Die Finanzbranche ist äußerst wachsam und versucht, den Anschluss an Vorreiter wie Google nicht zu verpassen. 
Hammersen: Die Forschung zu künstlicher Intelligenz könnte im Zusammenhang mit der Erforschung des Gehirns tatsächlich an Gewicht gewinnen. Das wird sich in den nächsten Jahren zeigen. Sicher ist, dass Erkenntnisse und Anwendung von künstlicher Intelligenz rasant voranschreiten. In vielen Aspekten unseres Lebens spielt die künstliche Intelligenz in Zukunft eine wichtige Rolle, von der Robotic über autonomes Fahren, bis hin zum Arbeitsmarkt und den Pflegesektor. Die Erforschung des Gehirns und seiner Funktionsweise legt dafür die Grundlagen. 
Maucher: Die Möglichkeiten in der Hirnforschung, Medizin und mit Big Data, das sind Schätze, die noch gar nicht gehoben sind. Patienten werden heute rund um den Globus individuell behandelt. Eigentlich müssten Mediziner mit einer einheitlichen Datenbank arbeiten und ihre Erkenntnisse darin bündeln. Mit Hilfe künstlicher Intelligenz könnten die Daten auf Zusammenhänge und Muster abgeklopft werden, um den Medizinern weltweite neueste Behandlungserfolge zugänglich zu machen und so die Heilungschancen zu verbessern. Es gibt hier enormes Potenzial. Wir stehen da aber noch ganz am Anfang. 
Wechseln wir von der Zukunft in die Vergangenheit, um die Gegenwart zu verstehen: Die Hertie-Stiftung baut auf dem Lebenswerk des 1972 verstorbenen Stifters Georg Karg, Inhaber der Hertie Waren- und Kaufhaus GmbH, auf. Der Vorstand der Hertie-Familienstiftung beschloss am 10. Dezember 1974 auf Initiative der Kinder und Erben die „Gemeinnützige Hertie-Stiftung zur Förderung von Wissenschaft, Erziehung, Volks- und Berufsbildung“ mit Sitz in Frankfurt am Main zu gründen. Damals wurden 97,5 Prozent der Anteile der Hertie Waren- und Kaufhaus GmbH in diese Stiftung eingebracht. Aber so richtig interessant wurde es doch sicher erst nach 1998 – nach dem Verkauf der Anteile an Quelle. Dadurch wurde die Unternehmensbindung aufgehoben. 
Maucher: Das hat den Protagonisten die Chance gegeben, die Stiftung größer und neu aufzusetzen. Sie haben eingangs unseres Gesprächs die Partner und die handelnden Personen benannt, damals sind diese Ideen entstanden und entwickelt worden. Das heißt, im Lebenszyklus ist nun auch die zweite Phase der Stiftungsentwicklung vorbei. Jetzt kommen wir in diese Phase, in der wir einzelne unserer etablierten Projekte verselbstständigen, an Dritte übergeben, beenden und gleichzeitig etwas Neues machen wollen. Wir befinden uns heute im Umbruch, was Sie beispielsweise an unserem neu definierten Arbeitsgebiet „Demokratie stärken“ ablesen können. 
Woran orientieren Sie sich in der Vermögensbewirtschaftung? Haben Sie ein Vorbild? Ich denke zum Beispiel an die großen US-Universitätsstiftungen? 
Maucher: Man kann unseren regulatorischen Rahmen mit dem unserer Kollegen in den USA nur bedingt vergleichen. Die amerikanischen Stiftungen müssen jedes Jahr fünf Prozent des Wertes ihrer Nettoinvestments ausschütten. Um dem gerecht zu werden, greifen sie auf eine sehr ertragsorientierte Asset Allocation zurück. Bei uns in Deutschland ist der gesetzlich vorgegebene Ansatz ein anderer, der Kapitalerhalt ist vorgegeben. In der Bundesrepublik streiten sich die Gelehrten, ob nun der Kapitalerhalt wichtiger ist oder die Zweckverwirklichung im Sinne des Stifters. Ich sehe das gleichgewichtig. Realer Kapitalerhalt ist wichtig, aber angemessene Zweckverwirklichung ist für mich von ebenbürtiger Bedeutung. Die Kapitalanlagen dürfen schwanken, die Förderung sollte es aber möglichst nicht.
Man kann Projektzusagen ja auch nicht davon abhängig machen, wie sich die Märkte gerade entwickeln. 
Maucher: Das Vermögen darf ein bisschen atmen. Der reale Kapitalerhalt ist mittelfristig zu gewährleisten, aber natürlich kann man Projektzusagen nicht rauf- und runterfahren wie eine Turbine. Um auf Ihre Frage zurückzukommen: Ja, die Amerikaner haben eine spannende Allokation, aber sie agieren in einem anderen rechtlichen Rahmen. Aber klar, man schaut schon mal gerne, was die großen US-Stiftungen so tun. 
Sie müssen sich mit Ihrer Bilanz nicht verstecken. Die Aktiva summierten sich Ende 2016 auf 865 Millionen Euro. Stille Reserven nicht inbegriffen. Stiftungen sind nicht immer so transparent, wie man sich das als Journalist wünschen würde. Machen Sie auch Angaben zu den Zeitwerten? 
Maucher: Wir liegen bei den Zeitwerten etwas oberhalb der Eine-Milliarde-Euro-Marke. Und weil wir auch unsere Immobilien teilweise kreditfinanzieren, liegt die Anlagesumme insgesamt etwas über 1,1 Milliarden Euro. 
Damit gehören Sie unbestritten zu den 15 größten privaten Stiftungen in der Bundesrepublik. Doch nur 0,8 Prozent aller rechtsfähigen Stiftungen bürgerlichen Rechts, wie die Gemeinnützige Hertie-Stiftung eine ist, verfügen über ein Grundstockvermögen von mehr als 100 Millionen Euro. Inwieweit spielen auf Stiftungsebene Spenden eine Rolle, um die laufenden Ausgaben zu finanzieren? 
Maucher: Bei uns spielen Spenden und auch Zustiftungen keine wesentliche Rolle. Wir sind nahezu zu 100 Prozent selbstfinanziert. Es gibt bei einzelnen Projekten Drittmittel – das bereits genannte „Jugend debattiert“ ist ein gutes Beispiel dafür. Zusätzlich werben die von der Stiftung gegründeten Institutionen Hertie-Institut für klinische Hirnforschung, Hertie School of Governance und Start-Stiftung selbst Drittmittel ein, welche die Fortentwicklung ihrer Projekte und Aktivitäten unterstützen und das Wirken der gesamten Stiftung verstärken. 
Ich habe mir Ihr Portfolio von 2016 angeschaut: 40 Prozent entfallen auf Aktien, dann erst kommen Renten und Immobilien sowie alternative Anlagen inklusive Private Equity. Es ist schon sehr interessant, dass eine deutsche Stiftung Private Equity goutiert. Sehen Sie sich als Vorreiter in Deutschland? 
Maucher: Mit dem Begriff Vorreiter bin ich etwas vorsichtig. Wir sind nicht die einzige deutsche Stiftung, die sich hier engagiert. Unter den großen, die auch eine gewisse Transparenz über ihre Anlagen bieten, sind wir wahrscheinlich die einzigen, die das so dezidiert betreiben, und zwar seit dem Jahr 2005. Das war damals eine strategische Entscheidung. Wir haben unser Engagement sukzessive auf zehn Prozent der Anlagen ausgebaut. Private Equity ist unsere Anlage mit der höchsten Rendite. Wir wollen daran festhalten und haben für unsere Zweckverwirklichung daraus sehr schöne Erträge generieren können. 
Wie gehen Sie mit den laufenden Ausschüttungen um? 
Maucher: Die vergangenen fünf Jahre waren hervorragend im Private-Equity-Bereich. Wir haben mehr erzielt als wir neu investiert haben, was auch mit der für Private Equity üblichen J-Curve der Zahlungsströme zu tun hat. Inzwischen haben wir ein reifes Portfolio, das konjunkturbedingt gute Erträge und Rückzahlungen mit sich bringt. Wir tätigen gezielt Neuinvestments. 
Spüren Sie eine Art Anlagenotstand? Und was ist mit dem vielen Dry Powder, das angelegt werden will? 
Maucher: Ich schaue mir die Entwicklung und die Arbeit der Private-Equity-Häuser mit einem gewissen Respekt an. Das ist aber eine Entwicklung, die nicht ganz neu ist. Dry Powder ist seit fünf Jahren ein Thema. Aber das viele Geld, das nach Rendite sucht, war bislang noch kein Problem. Man sieht am Markt allerdings, dass sich die Preise verändert haben. Und man sieht auch, dass Fonds teilweise mit viel Fremdkapital arbeiten, um die interne Verzinsung, den IRR, auf alten Niveaus zu halten. 
Ganz allgemein gefragt: Wo würden Sie gerne mal anlegen, kommen aber nicht zum Zug? 
Maucher: Ich suche immer Risiken, die wir bisher nicht im Portfolio haben. Meine Aufgabe besteht nicht in der Risikovermeidung, sondern im bewussten Eingehen der richtigen Risiken in der richtigen Dosis. Ich suche Anlagen, die unkorreliert zu meinen bisherigen Risiken sind. 
Was passt zu Aktien, Renten, Private Equity und Immobilien? 
Maucher: Bei Aktien unterscheiden wir nach den jeweiligen Faktorrisiken. Ich habe Währungsrisiken, ich habe Zinsstrukturrisiken, ich habe Infrastruktur. Das heißt, was mir jetzt noch fehlt sind internationale Immobilien. Es gibt noch andere Themen, die mit meinem bestehenden Portfolio nicht korreliert sind. Katastrophenrisiken beispielsweise, Cat Bonds oder Wald. Das sind alles Risiken, die unserem Portfolio rein theoretisch guttun würden.
Wieso sagen Sie das im Konjunktiv? 
Maucher: Das ist immer eine Frage der Umsetzung. 
Machen Sie primär Direktinvestments oder investieren Sie über Fondsvehikel? 
Maucher: Das kommt darauf an. Wenn wir glauben, dass wir nach Kosten und unter Berücksichtigung unserer Expertise genauso gut sind wie Dritte, dann machen wir das selbst. Wenn nicht, dann brauche ich einen externen Manager, der mit einem sehr klaren Mandat die Idee so umsetzt, wie ich sie gerne umgesetzt sehen möchte. 
Haben Sie in den vergangenen fünf Jahren Anlageklassen aus dem Portfolio verbannt oder eine Position drastisch reduziert? 
Maucher: Ja, bei Renten ist das der Fall, dort haben wir unsere Position reduziert. Eigentlich darf man überhaupt nicht mehr in europäische Renten anlegen. 
Wieso nicht? 
Maucher: Weil man mit deutschen Rentenpapiere und auch mit deutschen Pfandbriefen den realen Kapitalerhalt nicht mehr gewährleisten kann. Genau genommen dürfte ich selbst europäische Festzinspapiere nicht mehr im Portfolio haben. 
Ausweislich Ihrer Bilanz 2016 hatten Sie damals noch Anleihen. Um was für Papiere handelt es sich dabei? 
Maucher: Wir haben zunächst einmal keine Staatsanleihen. Die sind uns zu riskant, um es ganz deutlich zu sagen. Ich denke dabei in erster Linie an Bonitätsrisiken. Wir haben solide Unternehmensanleihen, der Bestand ist weltweit gestreut, und damit fühlen wir uns sehr wohl. Zusätzlich engagieren wir uns bei Fremdwährungsanleihen, die einen höheren Zins erwirtschaften. Dafür nehmen wir aber auch eine höhere Schwankungsbreite über die FX-Kurse hin. 2017 haben wir unsere Aktienposition taktisch reduziert. Aber anders als in der Vergangenheit haben wir einen Großteil der Erlöse nicht wieder in Renten angelegt, sondern als Cash behalten. Wir betrachten Cash als Anlagemedium. Heute entfallen noch etwa 15 Prozent unseres Stiftungsvermögens auf Bonds. Das ist wenig für eine deutsche Stiftung. 
Müssen Sie auf Ihr Cash-Polster bei der Bank Negativzinsen bezahlen? 
Maucher: Bislang nicht. 
Lassen Sie sich – in welcher Form auch immer – von externer Seite beraten? 
Hammersen: Ein klassisches Beratungsunternehmen für unsere Projekte haben wir nicht. Es gibt allerdings immer wieder Evaluationen. Wir lassen unsere Vorhaben wissenschaftlich begleiten, um Erkenntnisse zu gewinnen, ob wir die gewünschte Wirkung rzielen. Ansonsten greifen wir gerne auf die Beratung durch unsere Gremien Kuratorium und Vorstand zurück; auf den Vorstand insbesondere, wenn es um Managementthemen geht. 
Betrachten Sie sich als nachhaltig denkender Investor, der verantwortungsvoll investiert? 
Maucher: Die Begriffe Nachhaltigkeit und Stiftung passen sehr gut zusammen, allerdings nicht als Marketing-Label der Finanzindustrie. Für mich gehören nachhaltiges und langfristiges Anlegen zusammen. Vor einigen Jahren wurde auch der Begriff des Shareholder Value herangezogen – das erinnert mich immer an Familienunternehmen, in denen man ganz selbstverständlich generationsübergreifend denkt und handelt. Und auch als Stiftung sollte man so vorgehen. Was das Themenspektrum ESG betrifft, dann versichere ich Ihnen, dass wir diese Entwicklung durchaus interessant finden, sie aber nicht aktiv befördern.
Machen Sie sich aufgrund der Zinssituation Sorgen um die deutsche Stiftungslandschaft? 
Maucher: Klare Antwort: Nein. Auch hier kommt wieder unsere langfristige Sichtweise zum Tragen. Wenn die See rauer wird, kentern nicht alle Boote. Vielleicht werden einige kentern, das kann durchaus passieren. Möglicherweise nehmen die Verantwortlichen in den Stiftungen aber auch das Ruder fester in die Hand und agieren bewusster.
Die Stiftungslandschaft ist überaus heterogen mit vielen kleinen und nur einer Handvoll ganz großen Einrichtungen. So heterogen erscheint mir auch die Professionalität zu sein, wenn es um die Vermögensverwaltung geht.
Maucher: Meine Einschätzung bezieht sich auf alle Stiftungsgrößen. Bei Fortbildungsveranstaltungen und Schulungen höre ich oft den folgenden Satz: „Nur die Großen können das machen.“
Ist da was dran? 
Maucher: Die Großen können natürlich viel machen, aber die Kleinen können fast genauso viel tun. Ich denke beispielsweise an indirekte Anlageformen. Was es braucht, ist ein gewisses Know-how und die Bereitschaft, sich damit zu beschäftigen und auch Verantwortung übernehmen zu wollen. Das ist etwas ganz Wesentliches. Deshalb: Nein, ich mache mir diesbezüglich überhaupt keine Sorgen. Auch wenn die Zinsen noch drei, vier Jahre so tief sind. 
Was ist für Sie so interessant an Volatilitätsfonds, die sich ebenfalls in Ihrem Portfolio wiederfinden? 
Maucher: Auch die Volatilität ist für uns eine interessante Asset-Klasse. Wir bespielen sie sowohl bei den Aktienanlagen als auch in einem Fonds. Dort wird auf den Unterschied zwischen impliziter, also gehandelter Volatilität, und historisch realisierter Volatilität abgestellt. Es besteht ein positiver Spread, der langfristig zwischen zwei und vier Prozent per annum liegt – wie eine Art Versicherungsprämie, die am Markt verfügbar ist. Und diese versuchen wir abzuschöpfen. Das ist für uns eine Alternativanlage im Vergleich zu Renten. Unsere Ertragserwartung liegt zwischen drei und 4,5 Prozent. Die Risikoprämie ist relativ stabil und langfristig weder mit Aktien- noch mit Zinsmärkten korreliert.
Bei kurzen Spikes kann das aber anders aussehen. 
Maucher: Wenn man das nicht mit sehr aggressiven und gehebelten Varianten macht, verliert man schlimmstenfalls mal vielleicht drei, vier Prozent, die aber relativ schnell wieder aufgeholt sind. 
Welche Trends im Stiftungssektor oder auch in der Wissenschaft heißen Sie gut? Wo haben Sie Bauchschmerzen? 
Hammersen: Positiv ist, dass es über alle Stiftungsgrößen hinweg eine zunehmende Bereitschaft gibt, zu kooperieren. Wir verzeichnen einen rückläufigen Konkurrenzkampf um Projekte und eine geringere Bereitschaft unter Stiftungen, sich mit gleichartigen Projekten einen Wettbewerb zu liefern. Meiner Einschätzung nach sprechen sich einzelne Stiftungen vermehrt miteinander ab und bündeln ihre Kräfte, um diese so effektiv wie möglich im Sinne der Wirkung einzusetzen.
Kritisch erscheint mir, dass Stiftungen angesichts der zunehmenden Geschwindigkeit der Welt schnell handeln wollen, aber vielleicht manchmal auch etwas kurzfristig agieren. Dabei gerät ins Hintertreffen, dass Stiftungen in einer Welt, in der alles immer kurzatmiger wird, bei manchen Dingen auch mal einen langen Atem und vor allem Beharrlichkeit beweisen sollten, gerade auch dann, wenn eine Sache komplizierter ist. Es geht mir darum, dass die Stiftungslandschaft die richtige Balance findet, um Schritt zu halten und auf der Höhe der Zeit zu bleiben und gleichzeitig den Dingen die notwendige Zeit einzuräumen. Das Finden dieser Balance könnte ein Thema sein, mit dem wir uns in den nächsten Jahren mehr beschäftigen werden. 
Maucher: Der Stiftungssektor redet gern über die Zahl der Stiftungen und deren alljährliches Wachstum. Ich fände es toll, wenn die sogenannte Verbrauchsstiftung in Deutschland ein viel höheres Gewicht bekäme. Denn die nackte Zahl an Stiftungen sagt noch gar nichts über die Wirksamkeit der Einrichtungen. Außerdem sind die Größen manchmal suboptimal. In einer Verbrauchsstiftung kann man schon mit einem überschaubaren Betrag sehr zielgerichtet eine Vision für eine bessere Welt verfolgen. Ein von Anfang an begrenzter Zeitraum für die Stiftung von zehn oder 15 Jahren lässt sich für Stifter gut überblicken. Sie könnten dann auch vieles mit gestalten. 
Sie plädieren also dafür, dass Stifter mit einem vergleichsweise überschaubaren Grundstockvermögen für ihre Zweckverwirklichung nicht die Ewigkeit im Sinn haben, sondern einen begrenzten Zeithorizont, in dessen Verlauf das Vermögen vollständig aufgezehrt und die Stiftung planmäßig geschlossen wird? 
Maucher: Ich fände es fantastisch, wenn neben dem Ewigkeitsgedanken auch der Verbrauchsstiftung in der öffentlichen Aufmerksamkeit eine höhere Bedeutung beigemessen würde. Stellen Sie sich ein Vermögen von typischerweise 100.000 Euro vor, das binnen zehn Jahren zu je gleichen Teilen für einen bestimmten Stiftungszweck aufgezehrt würde. Das klingt doch besser, als wenn man nur mit der Rendite auf das vorhandene Vermögen von hoch geschätzten 3.000 Euro hantieren könnte – wobei Verwaltungskosten und Substanzerhalt noch nicht einmal berücksichtigt wären. In der Regel ist es doch so, dass der Stifter oder die Stifterin das eingebrachte Vermögen dauerhaft für den Stiftungszweck verwendet wissen möchte, was in Zeiten von Nullzinsen und einer auf den Inflationsanstieg ausgelegten Notenbankpolitik schwierig erscheint. Maucher: Ich könnte mir genauso gut vorstellen, dass ein Stifter, der typischerweise im fortgeschrittenen Alter ist, viel Freude daran haben kann, noch zehn Jahre bei guter Gesundheit und vollem Bewusstsein den Erfolg seiner Stiftungsarbeit mitzuerleben. Ist das nicht viel spannender als zu fragen, „wenn ich mal nicht mehr bin, werden andere meinen Namen dann noch kennen“? Ich bin da skeptisch.
Deshalb bin ich durchaus ein Verfechter von zielgerichteten Verbrauchsstiftungen, was nicht heißt, dass die Ewigkeitsstiftungen altmodisch sind. Aber man sollte das als Alternativmodell beim Thema Stiftungsgründung auch in Erwägung ziehen. 
Das Interview führte Tobias Bürger. 
portfolio institutionell, Ausgabe 4/2018
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