Strategien
30. Januar 2019

Jenseits von Ausschlüssen

Während Ausschlüsse inzwischen für viele Investoren zum Standardrepertoire des Nachhaltigkeitsmanagements gehören, schreitet die Entwicklung weiter in Richtung materielle ESG-Indikatoren und einer Ausrichtung der Nachhaltigkeitsstrategie an den SDGs der UN.

Starkes Interesse im Bereich Messung und Management von Klimarisiken kann auch Daniel Sailer von MSCI ESG Research feststellen. „Um die große Nachfrage zu decken, lancierten wir jüngst den MSCI Low Carbon Transition Score, welcher eine ganzheitliche Klimarisikoanalyse auf Unternehmensebene ermöglicht.“ Diese Entwicklung sieht er auch regulierungsgetrieben, weil durch EbAV II Klimarisiken im Risikomanagement regulierter Anleger berücksichtigt werden müssen. Von EbAV II unberührt, aber trotzdem Vorreiter in Sachen Nachhaltigkeit, ist die Schweizer Pensionskasse Nest Sammelstiftung. „Wir haben einen umfassenden Best-in-Service-Ansatz implementiert, mit dem wir unser Anlageuniversum gezielt auf die Unternehmen beschränken, welche einen spezifischen Service – zum Beispiel Energie – hinsichtlich ökologischer, sozialer und ethischer Kriterien überdurchschnittlich gut erbringen“, erläutert Peter Signer von der Nest Sammelstiftung. „So fallen zum Beispiel fossile Energien als Konkurrenz zu Erneuerbaren Energien aus dem Anlageuniversum heraus.“ Die Nachhaltigkeitsindikatoren bilden die SDGs ab, man plane deren Aufnahme in das Nachhaltigkeits-Reporting.

Materielle ESG-Indikatoren

Auch die Diskussion hinsichtlich der Vereinbarkeit von ESG-Kriterien und Performance hat deutlich an Fahrt aufgenommen. So empfiehlt der Versicherungsverband GDV in einer Studie, sich zur Performancesteigerung bei der Implementierung stärker auf Faktoren zu fokussieren, welche sich als materiell für die Performance erwiesen haben. Dr. Axel Hesse, Gesellschafter der SD-M GmbH und bis vor kurzem für die ESG-Integration bei Metzler Asset Management verantwortlich, kann dies nur unterstützen. „Das Wichtigste ist eine sektorspezifische Analyse. CO₂-Emissionen sind nicht in allen Branchen das wichtigste Kriterium. Man sollte sich bei der Umsetzung auf die wichtigsten Indikatoren für die jeweilige Branche fokussieren.“ Dazu hat SD-M sogenannte Sustainable Development Key Performance Indicators (SD-KPIs) zur Integration von ESG-Kriterien in Investmententscheidungen entwickelt. SD-KPIs sind branchenspezifische Leistungsindikatoren, die materielle ESG-Aspekte selektieren. „Unser Ziel ist das Mainstreaming von ESG-Kriterien. Nachhaltigkeit muss aus den Nischenmärkten herauskommen.“

Ein Vorteil von KPIs liegt auf der Hand: Sie erlauben, Investmententscheidungen mit ESG-Erwägungen besser zu verzahnen und sich auf die Aspekte zu fokussieren, welche für Risikomanagement und finanzielle Performance am relevantesten sind. Die Bewertung kann so anhand weniger industriespezifischer Indikatoren erfolgen, was die ESG-Integration vereinfacht. Doch können so Nachhaltigkeitsaspekte umfassend abgebildet werden? Julia Haake von ISS-Oekom ist da skeptisch: „Die Integration von ESG-Kriterien kann – gemeinsam mit Ausschlusskriterien – für viele Investoren ein erster Schritt sein. Allerdings sehe ich schon eine gewisse Gefahr zur Verwässerung des Nachhaltigkeitsthemas. Mit nur wenigen Indikatoren ist eine umfassende Berücksichtigung aller Nachhaltigkeitsaspekte nur schwer möglich.“

Schrittweise Umsetzung

Ewald Stephan von der Verka VK rät bei der Umsetzung zu einem schrittweisen Vorgehen: „Die Suche nach einer 100-Prozent-Lösung ist erfahrungsgemäß nicht zielführend. Nachhaltigkeit macht mehr Sinn, wenn man sie evolutionär nach und nach umsetzt. Aus Erfahrung kann ich empfehlen, mit Ausschlüssen zu beginnen, um dann sukzessive einen Best-in-Class-Ansatz über das gesamte Portfolio anzuwenden. Später kann man das dann durch Engagement und Themeninvestments ergänzen.“ Für die Evangelische Ruhegehaltskasse in Darmstadt ist ein Best-in-Class-Ansatz nicht verpflichtend. Stattdessen bewertet diese jeden Asset Manager individuell, wie Vorstand Klaus Bernshausen ausführt: „Wichtig ist für uns, dass der Manager Nachhaltigkeitskriterien im Investmentprozess verankert hat, in Unternehmensdialogen auch Nachhaltigkeitsthemen anspricht, eigene oder zugekaufte ESG-Ratings in der Entscheidungsfindung berücksichtigt, eigene Nachhaltigkeitspolicies und Stimmrechtspolicies formuliert hat, die UN PRI unterzeichnet hat und gleichzeitig diese auch nachweisbar lebt.“ Es führen also viele Wege zum Ziel. Angesichts zunehmender Regulierung und wachsender gesellschaftlicher Bedeutung wird es sich lohnen, zügig und mutig voranzugehen.

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