Pension Management
10. März 2015

Alpenglühn

Die Nöte der Schweizer Pensionskassen werden immer größer. Die eigene Zentralbank versetzte ihnen jüngst einen Nackenschlag, der noch länger für Schmerzen sorgen wird.

Trotz Hochsaison ist der Schweizer Touris­musbranche derzeit nicht nach Feiern zumute. Es herrscht Katerstimmung, verursacht durch den Entscheid der Schweizer Nationalbank (SNB), die Quasi-Bindung des Fränkli an den Euro aufzugeben. Diese Loslösung bedeutet, dass Urlaub in der Schweiz – der so schon teuer war – für ausländische Gäste noch teurer wird. Wenn eine­ Pizza oder ein Teller Spaghetti satte­ 30 Euro kosten, vergeht auch gut betuchten Urlaubern der Appetit.

Aber nicht nur der Schweizer Tourismusbranche treibt der Wechselkursentscheid Sorgenfalten auf die Stirn, sondern auch den Altersvorsorgeeinrichtungen des Landes. Über 30 Milliarden Franken an Pensionskassenvermögen sind dadurch vernichtet worden, wie Towers Watson kurz nach Bekanntgabe des Entscheids vorrechnete. Der durchschnittliche Deckungsgrad von Schweizer Pensionskassen dürfte laut Towers Watson am Tag des SNB-Entscheids – Donnerstag, der 15. Januar 2015 – auf einen Schlag um rund vier Prozent zurückgegangen sein.

Bei der Pensionskasse SBB war der Rückgang des Deckungsgrades mit 1,5 Prozent zwar deutlich geringer, trotzdem war der 15. Januar auch hier kein Freudentag. In einer Mitteilung ließ die Kasse wissen, dass ihre Anlagen an besagtem Tag aufgrund von Verlusten an der Schweizer Börse und der Aufwertung des Schweizer Franken rund 2,4 Prozent an Wert verloren. Umgerechnet sind das rund 360 Millionen Franken. Dieser Verlust dürfte der Freude über das gute Abschneiden im vergangenen Jahr, als eine Rendite von 8,4 Prozent erzielt wurde, ein jähes Ende gesetzt haben.

„Chasch nit z’Zehni und z’Weggli ha“
Auch für die Pensionskasse des Kantons Zürich, die BVK, war der 15. Januar ein einschneidendes Datum. Der SNB-Entscheid kostete  rund 900 Millionen Franken. Es hätte aber noch schlimmer kommen können. Seit drei Jahren sichert die BVK den Großteil ihrer Fremdwährungspositionen ab, was sich im Januar 2014 als hilfreich erwies. Dank dieser Maßnahme konnte die BVK eigenen Angaben zufolge „währungs­bedingte Verluste in der Größenordnung von 1,3 Milliarden Franken vermeiden“. In dieser Situation gereichte der Währungs-Hedge zum Vorteil, doch das war im Vorjahr noch ganz anders. Die 28,3 Milliarden Franken schwere­ Einrichtung erzielte ­eine Performance von 6,1 Prozent und lag deutlich unter dem Durchschnitt der Branche. Der Pensionskassenverband Asip hat für 2014 eine geschätzte Medianrendite von 9,6 Prozent ermittelt. Schuld am vergleichsweise­ schlechten Abschneiden war besagte Währungs­absicherung, so dass die BVK „weniger vom starken US-Dollar ­profitieren“ konnte. „Die Ab­sicherung hatte einen Einfluss auf die Performance, die 2014 ohne diese Kosten rund 8,4 Prozent erreicht hätte“, so die BVK. Aber wie der Schweizer zu sagen pflegt: „Chasch nit z’Zehni und z’Weggli ha.“ (Man kann nicht zehn Rappen und das Brötchen haben.)

Hinterher schlauer war auch die Pensionskasse des Bundes. ­Genau wie die BVK schnitt die rund 37 Milliarden Franken schwere Publica 2014 schlechter ab als die Branche insgesamt. Netto erzielte sie eine Gesamtrendite von 5,8 Prozent, wobei Obligationen getrieben durch Buchwertgewinne mit einer Rendite von 6,8 Prozent den größten Beitrag leisteten. „Der Hauptgrund hierfür liegt im strategischen Entscheid, die Währungen der Industrieländer vollständig abzu­sichern; so sollen nicht systematische und damit nicht entschädigte Risiken aus dem Portfolio eliminiert werden“, erläuterte die Publica. Im vergangenen Jahr kostete dies gut 300 Basispunkte. Aller­dings  blieb die Pensionskasse dank ihrer Währungsabsicherung nach dem Wechselkursentscheid der SNB von einem­ Verlust von 2,2 Milliarden Franken verschont. Gänzlich ungeschoren ist sie jedoch nicht davon gekommen. „Die geschätzte Gesamt-Performance für die Zeit vom 1. Januar bis 16. Januar 2015 lag bei minus 1,4 Prozent“, heißt es in einer Mitteilung. Nur bedingt tröstlich mag an dieser Stelle sein, dass die Publica dieses Mal deutlich besser als der Branchendurchschnitt war. Laut Berechnungen des Beratungshauses Complementa lag der Gesamtverlust der Schweizer Pensionskassen nach dem SNB-Entscheid zwischen minus 0,8 und minus 7,5 Prozent, was einem ungewichteten Mittelwert von minus 3,6 Prozent entspricht.

Die große Spanne erklärt sich durch Unterschiede in den FX-­Absicherungen. Nicht jede Kasse leistet sich den Luxus einer­ Absicherung der Fremdwährungspositionen. Sei es aus Kostengründen oder aus falschem Vertrauen darauf, dass die SNB nicht an der Euro-Untergrenze rüttelt. Im Nachhinein ist man bekanntlich immer schlauer. Ein spätes Umdenken in Sachen Absicherung hätte aber nichts genutzt. Der Schweizer­ Berater C-Alm warnte, dass die Kosten für Fremdwährungsabsicherung zwischen dem 15. und 23. Januar „regelrecht­ explodiert“ sind: „Für die Währungsabsicherung eines US-Dollar-Treasury, das aktuell eine Rendite auf Verfall von rund 0,95 Prozent aufweist, verbleibt konkret für die Schweizer Pensionskasse nach Absicherung eine Negativrendite von minus 2,64 Prozent.“

Militärbunker für Pensionskassengelder
Neben dem Währungsentscheid sorgt auch die Senkung des Zinssatzes für Sichteinlagen von minus 0,25 auf minus 0,75 Prozent für Sorgenfalten. Pensionskassen fürchten, dass Geschäftsbanken die Negativzinsen­ an sie weitergeben. Und die Sorge ist berechtigt: Safra Sarasin­ gibt als erste Bank den Minuszins flächenendeckend an ihre Kunden weiter, berichtete das Portal „Inside Paradeplatz“ Anfang Februar. Angesichts dessen soll manche Pensionskasse bereits prüfen,­ einen Teil ihres Kapitals als Bargeld aufzubewahren und sich so die Negativzinsen der Banken zu ersparen. Wie Marco Bagutti von der Auffangeinrichtung BVG dem Tagesanzeiger sagte, lohnt sich die ­Lagerung für eine zehn Milliarden schwere Pensionskasse­ jedoch erst ab einer Milliarde. „Dafür müssten Militärbunker gemietet werden“, so Bagutti. Er schätzt die Kosten für Lagerung, Transport und Ver­sicherung auf mindestens 0,5 Prozent. Auch Recherchen der SFR-Sendung „10 vor 10“ zeigen, dass mehrere­ Pensions­kassen Offerten bei Sicherheitsfirmen und Transportunternehmen einholen. Eine mittelgroße Einrichtung habe  bereits Verträge mit Sicherheitsfirmen unterzeichnet und wolle bald einen mehrstelligen Millionenbetrag in bar lagern. Der Pensionskassenverband Asip wolle seinen Mitgliedern zu Hilfe eilen und hat bei der Nationalbank beantragt, dass Pensions­kassen einen Teil ihrer Gelder zu mindestens null Prozent bei der SNB parken dürfen. Doch der SNB-Präsident Thomas Jordan will davon nichts wissen. Die Negativzinsen wirken nur, wenn es keine Möglichkeit zur Umgehung gebe. Es soll für alle Finanzmarktakteure gelten,­ so Jordan in einem SRF-Interview Mitte Februar. Für alle? Das ist nicht ganz richtig. Die Pensionskasse des Bundes, die Publica, ist als inländische Behörde von den Negativzinsen zumindest vorerst ausgenommen. Gleichbehandlung sieht anders aus.

Hierzulande empfiehlt es sich einmal zu reflektieren, wie die ­Renditeentwicklung von deutschen Anleihen und Immobilien in der Vergangenheit den Schweizer Pendants gefolgt ist. Dann erscheint es denkbar, dass die Schweiz auch in anderen Aspekten die Blaupause­ für Deutschland sein könnte. Anschauungsunterricht bieten zum Beispiel die Reaktionen der Schweizer Pensionskassen auf die Negativverzinsung. Die (Wieder)-Einführung einer ­eigenen Währung mitsamt Aufwertung ist in Deutschland auch nicht völlig abwegig. 

Von Kerstin Bendix

portfolio institutionell, Ausgabe 2/2015

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