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15.03.2010

Asset Allocation in die Werkstatt

An den Finanzmärkten sind Verwerfungen latent angelegt. Mit integrierten, sophistizierten Asset-Allocation-Prozessen­ kann man sich darauf einstellen. Im Asset Management fand dies bislang zu wenig Berücksichtigung.

An den Finanzmärkten sind Verwerfungen latent angelegt. Mit integrierten, sophistizierten Asset-Allocation-Prozessen­ kann man sich darauf einstellen. Im Asset Management fand dies bislang zu wenig Berücksichtigung. Insofern sieht­ Thorsten Poddig, Professor für Finanzwirtschaft an der Universität Bremen, noch einige Hausaufgaben zu erledigen.

_Müssen die strategische Asset Allocation und damit die hierfür verwendeten Methoden nach der Finanzkrise neu gedacht werden?
Die strategische Asset Allocation ist nicht obsolet geworden. Die Welt war schon immer so wie sie ist, es hat sich nichts geändert. In der zweiten Hälfte der 90er Jahre stellte das Asset Management keine besonderen Heraus­forderungen: Kaufen und Warten war gleichzusetzen mit Geld verdienen. Insofern gab es wenig Bereitschaft, sich tiefergehend mit dem Asset-Allocation-Prozess auseinanderzu­setzen. Sicherlich war das Platzen der Internetblase wie ein Schuss vor den Bug. Es zeigte sich, dass Asset Allocation etwas komplexer und komplizierter­ ist. Es wurden aber keine wirklichen Lehren gezogen. In den Jahren danach war die Welt wieder einfach. Dann hat es mit der Finanzkrise einen Schlag getan. Viele meinen, die Welt sei mit diesen Verwerfungen anders geworden. Die Welt ist jedoch latent dazu angelegt, dass solche Dinge passieren. Das wurde nur vorher ausgeblendet.

_Was folgt daraus?
Eine kritische Reflexion der eigenen Prozesse war in großen Teilen der Asset-Management-Industrie und bei Investoren bisher nicht vorhanden. Die Dinge sind jetzt nicht anders, es stellt sich die alte oder ewig junge Frage, wie man methodisch und systematisch mit den Marktereignissen umgeht. Aus theoretischer, wissenschaftlicher Sicht sind die Grundlagen und Ansätze längst vorhanden. Es sind vielerorts nur keine oder unzurei­chende Ansätze gefahren worden.

_Wie kommt man zu besseren Ergebnissen, und was ist dafür erforderlich?
Man muss die Analysen und Prognosen von Renditen und Risiken in einem integ­rierten Modell vornehmen und in einen konsistenten Rahmen gießen. Risikoprognosen sind als integrierter, konsistenter Faktor­ zu sehen. Kurz gefasst in drei Schritten:­ Risiko­analyse plus Modellierung plus Prognose. Davon ausgehend sind Simulations­techniken aufzusetzen, die aufzeigen, was im Nebel sein könnte und nicht sichtbar ist. Es geht also in den Simulationen auch darum, zu erfahren, wie groß die Unschärfen sind, in die man nicht hineinfahren sollte.

_Ist die Kritik an Modellen und der Vorwurf des Versagens in der Krise nur vorgeschoben?
Kurioserweise ist in der Tat als Standard­aussage nach der Krise zu hören, die Modelle hätten versagt. Man kann einem Schiffsmodell­ nicht vorwerfen, dass es nicht fliegen kann, dafür braucht man ein Flugmodell. Da muss man erheblich differenzieren. Wichtig sind integrierte Systeme. Dazu gehört, das auszureizen, was die Prognose­technik hergibt. Zweitens muss dies durch­ ein Risikomanagementsystem flankiert­ werden, das auf die Modelle abge­stimmt ist. Diese Dinge sind für einen vernünftigen Asset-­Management-Prozess aus­schlaggebend. In der Beziehung hat die Branche ihre Hausaufgaben nicht ausreichend gemacht.

_Sehen Sie weitere Defizite, auch im Hinblick auf institutionelle Investoren?
Oft gibt es eine starke organisatorische Fragmentierung. Die Verantwortlichkeiten liegen in verschiedenen Abteilungen, und es gibt möglicherweise Interessenkonflikte, weil die Schnittstellen nicht koordiniert sind. Den Gesamtprozess kann man nicht separieren, sondern muss abgestimmt werden und im Zusammenhang ansetzen bei den Prognosemodellen und im Risikomanagement.

_Einige Experten und Marktteilnehmer sind dafür, stärker situativ dynamisch zu steuern ...
Was heißt "situativ dynamisch steuern"? Aus dem Bauchgefühl heraus? Wieso meinen die Experten, dass sie es besser machen könn­ten? Die empirischen Analysen vergangener Jahre über die Performance von Experten stimmen hier nicht gerade optimistisch.

_Aber man muss doch auch abseits von Modellen steuern.
Ich plädiere nicht für Modellgläubigkeit, Modellautismus oder Abschieben der Mana­gementverantwortung auf Modelle. Wie man im Einzelnen auf Ereignisse reagiert, ist eine Frage der individuellen Risikopolitik. Dafür gibt es keine Patentrezepte oder Regeln, sondern verschiedene Reaktionsvarianten, wie Absicherungsstrategien und Limite. Es ist nun einmal Aufgabe des Flugkapitäns, zu entscheiden, wann der Autopilot abgeschaltet und manuell geflogen werden muss. Die He­rausforderung liegt im sachgerechten Zusammenspiel von Modellen und Managern.

_Was halten Sie davon, Erfahrung und gesunden Menschenverstand einzusetzen?
Natürlich spricht nichts gegen sinnvolles und angemessenes Reagieren. Wenn man durch­ Nebel fährt und schemenhaft ein Hindernis sieht, sollte man natürlich ausweichen. Anpassungsmaßnahmen in der ­Allokation sind also absolut vernünftig.

 
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