Strategien
16.07.2018

Chinesisch für Fortgeschrittene

Verlaufen die Entwicklungen in China nun stabiler? Das Jahr des Hundes – und der MSCI Emerging Markets – sprechen dafür. (Bild: Stockphoto)

Der chinesische Kapitalmarkt öffnet sich immer mehr für ausländische Investoren. Darum verleiht der Indexanbieter MSCI den bislang abgeschottet gehandelten A-Aktien der Volksrepublik in seinem Emerging-Markets-Index nun mehr Gewicht. Die Folgen sind langfristiger Natur und für institutionelle Investoren gravierend.

Mit dem Beginn des chinesischen Mondjahres am 16. Februar 2018 sind die Chinesen in das „Jahr des Hundes“ eingetreten. Nach Angaben von Allianz Gobal Investors (AGI) handelt es sich in dem 60-jährigen Kalenderzyklus um das erste „Erdhund“-Jahr seit 1958. Der Start in das Jahr erscheint nach Einschätzung von AGI verheißungsvoll, nicht nur für die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt, sondern für Asien insgesamt. Hunde gelten als loyal, vertrauenswürdig und zuverlässig; die in der Jagd eingesetzten Erdhunde stünden außerdem im Ruf, selbstsicher und tüchtig zu sein. Im Unterschied zum überwiegend von Schwankungen geprägten Vorjahr – dem Jahr des Hahns – spreche nun einiges dafür, dass sich die Dinge in China 2018 robuster entwickeln.

Der Beginn des neuen Mondjahres liegt inzwischen einige Monate zurück, und man kann insbesondere aus Investorensicht konstatieren, dass China mehr und mehr an Einfluss gewinnt. Das zeigt sich beispielsweise am Aktienmarkt. Auf chinesische Aktien entfallen nach Berechnungen von AGI zwar 16 Prozent der globalen Börsenkapitalisierung, doch sind sie bislang in den relevanten Indizes kaum vertreten. AGI spricht in dem Zusammenhang von einer „unbewussten Untergewichtung“ der Anleger in diesem Segment. Der in der Vergangenheit geradezu abgeschottete chinesische A-Aktienmarkt öffnet sich nun aber sukzessive für ausländische Investoren; in den vergangenen Jahren hat China zahlreiche Maßnahmen ergriffen. Hierzu gehören die Stock-Connect-Programme, die seit dem Jahr 2014 die Trennung zwischen den chinesischen Festlandmärkten und der Hong Kong Stock Exchange abbauen, und die Abschaffung von Beteiligungsgrenzen für ausländische Banken. Dadurch können ausländische Investoren Kontrollmehrheiten an Wertpapierhäusern, Terminhandelsunternehmen und Vermögensverwaltern erwerben.

Der Indexanbieter MSCI griff diese Entwicklung auf und hat zum Stichtag 1. Juni 2018 insgesamt 234 in China notierte Festlandaktien, auch A-Aktien genannt, in seinen Schwellenländerindex aufgenommen. In einem ersten Schritt wurden 2,5 Prozent des Marktes für A-Shares in den MSCI Emerging Marktes aufgenommen. Weitere 2,5 Prozent sollen Ende August folgen. Laut eines Unternehmenssprechers von MSCI will der Indexanbieter zunächst Feedback von Investoren abwarten. Erst dann soll entschieden werden, wie schnell die Einbeziehung der Festlandaktien vonstattengeht. In Hongkong gelistet H-Aktien sind im MSCI Emerging Markets übrigens bereits prominent vertreten. Auf sie entfällt ein Anteil von rund 30 Prozent.

Schrittweises Vorgehen

MSCI geht bei der Aufnahme der A-Aktien schrittweise vor, da passive Anleger weltweit für eine enorme Nachfrage sorgen werden, wenn sie ihre Portfolios an die neue Indexzusammensetzung anpassen. A-Aktien-Käufe sind laut Alliance Bernstein zudem Kapazitätsengpässen unterworfen, weil China strikte Quoten für die täglichen Käufe ausländischer Käufer vorschreibt. Dafür haben die chinesischen Behörden die Umstellung detailliert vorbereitet. Anfang Mai wurden die Kapazitäten des Stock-Connect-Handelsprogramms der Börsen Hongkong und Schanghai für den Inlandskauf ausländischer Anleger vervierfacht. Von der Marktöffnung profitieren aber auch die Chinesen. Denn im gleichen Zug machte es China für einheimische Anleger leichter, ausländische Wertpapiere zu kaufen. Die Aufnahme von A-Aktien in weltweit beachtete Indizes zeige, „dass die Integration des zweitgrößten Aktienmarktes der Welt begonnen hat“, meint Vanessa Donegan, Leiterin für asiatische Aktien außerhalb Japans beim Asset Manager Columbia Threadneedle. Zwar werde das Gewicht in den MSCI-Indizes die Marktkapitalisierung der A-Aktien zunächst nicht vollumfänglich widerspiegeln. Donegan verweist jedoch auf die längerfristigen Perspektiven: Demnach strebt MSCI eine volle Inklusion im Einklang mit der Marktkapitalisierung an. „Insofern wird das Gewicht der A-Aktien deutlich steigen. Das dürfte zur Folge haben, dass Investoren, die in Schwellenländern und global anlegen, ihre Gewichtungen in China und speziell in A-Aktien hochfahren.“

Aktives und passives Investieren sind dabei in unterschiedlicher Höhe betroffen. Es ist davon auszugehen, dass vor allem passive Fonds, die Kapitalmarktindizes nachbilden, stärker in A-Aktien investieren. Denn nur so können sie die neuen Indexgewichte reflektieren. Im Gegensatz dürften aktive Portfoliomanager seit einigen Jahren in A-Aktien engagiert sein, so dass dort nicht unbedingt mit höheren Quoten zu rechnen ist. Aus portfoliotheoretischer Sicht hat die Aufnahme chinesischer A-Aktien in überregionale Kapitalmarktindizes einen positiven Effekt zur Folge: Sie verhalten sich zu den globalen Kapitalmärkten unkorreliert. Gleichzeitig gelten A-Aktien als anfälliger für Kursschwankungen, und es gibt nach Angaben von Columbia Threadneedle „Herausforderungen“ im Hinblick auf Regeln guter Unternehmensführung (Corporate Governance); ESG-Verfechter mit einem Faible für passive Anlagen also aufgepasst.

Privatanleger sind Nervenbündel

Laut dem Asset Manager Fidelity International dürfte die Aufnahme Chinas im Schwellenländerindex von MSCI dazu führen, dass sich institutionelle Investoren aus dem Ausland stärker am chinesischen Aktienmarkt engagieren. Auf mittlere bis lange Sicht werde das den A-Aktienmarkt, an dem heute chinesische Festlandanleger tonangebend sind – 86 Prozent der Marktkapitalisierung liegen in ihren Händen –, effizienter, liquider und weniger volatil machen. Zum Vergleich: In den meisten Industrieländern entfällt ein deutlich geringerer Anteil auf Privatanleger. In den USA beispielsweise haben Privatanleger seit den 1960er-Jahren nicht mehr so eine große Rolle gespielt. Chinesische Privatanleger gelten laut Alliance Bernstein als notorisch nervöse Aktienhändler, die oftmals auf Schlagzeilen und kurzfristige Entwicklungen reagierten, anstatt sich auf langfristige Trends zu fokussieren.

Wer sich schon heute stärker engagiert, sind Festlandchinesen. Sie haben laut Alliance Bernstein seit einigen Monaten in deutlich höherem Umfang am Aktienmarkt in Hongkong Geld angelegt. Das hat zwei Gründe: ersten sind die dort notierten H-Aktien bereits seit 2014 günstiger bewertet als A-Aktien. Und zweitens sind Anteile großer Unternehmen, wie etwa Tencent und einige Casino-Betreiber in Macau, auf dem A-Markt schlicht nicht erhältlich. Wohin die Reise im MSCI Emerging Markets langfristig führen könnte, skizziert Portfoliomanager Andrew Mattock vom Finanzhaus Matthews Asia. Seiner Einschätzung nach kann die erfolgreiche Aufnahme der A-Aktien in den MSCI Emerging Markets den Anfang zu einer weit größeren Zuteilung chinesischer Aktien im Index darstellen – eine Entwicklung, in der China gut 50 Prozent der Emerging-Markets-Allokation ausmachen oder ähnlich wie Japan, eines Tages eine eigene Asset-Klasse bilden könnte. Bereits jetzt würde eine vollständige Berücksichtigung aller hochkapitalisierten chinesischen A-Shares im MSCI Emerging Markets einen Anteil von gut 42 Prozent des Index ergeben.

Anleihen treffen ebenfalls ein größeres Publikum

Auch auf dem Anleihenmarkt holt das Reich der Mitte auf. „Ein ganzheitlicher Blick auf Chinas Kapitalmärkte, inklusive chinesischer Staatsanleihen, offenbart, wie sich China langsam den Benchmarks der Industrienationen nähert“, sagt Andrew Mattock. Er empfiehlt deshalb Investoren mit einem Anlagehorizont von fünf bis zehn Jahren, ihre momentane, oft sehr geringe Allokation in chinesische Wertpapiere zu überdenken und auf den zu erwartenden Status der Benchmarks anzuheben. In US-Dollar denominierte Staatsanleihen mit Fälligkeit 2027 sind mit einem Kupon von 2,625 Prozent ausgestattet und rentieren aktuell mit 3,24 Prozent per annum.

Der chinesische Anleihenmarkt ist weltweit die Nummer drei. Seine Gesamtgröße wird auf elf Billionen US-Dollar geschätzt. Sein Marktanteil im Bereich festverzinslicher Wertpapiere liegt global betrachtet und im Hinblick auf die gesamte Marktkapitalisierung festverzinslicher Anleihen bei elf Prozent. Aber bis vor einiger Zeit war der Markt der wohl am wenigsten kartografierte im globalen Fixed-Income-Universum. Derzeit liegen lediglich vier Prozent in den Händen von Ausländern. Doch das könnte sich auf absehbare Zeit ändern. Denn Bloomberg gab Ende März bekannt, China in seinen Benchmark Bloomberg Barclays Global Aggregate Index aufzunehmen. Bei BNP Paribas Asset Management geht man davon aus, dass die Volksrepublik darüber hinaus in weiteren globalen Indizes Einzug halten wird.

Bloomberg wiederum wird mit der Einbeziehung Chinas in den Index im April 2019 beginnen. Dafür ist eine Phase von 20 Monaten vorgesehen. Aufgenommen werden bestimmte Anleihen von Banken und in Yuan-emittierte Staatspapiere. Ihr Anteil an der Benchmark repräsentiert rund 5,5 Prozent des Gesamtindexes beziehungsweise rund drei Billionen US-Dollar, wenn man Zahlen vom 31. Januar 2018 zugrundelegt. In der Asset-Management-Zunft wird erwartet, dass die Einbeziehung chinesischer Anleihen in globale Indizes „eine der aufregendsten Storys der nächsten Zeit“ sein wird. Investoren sind dann nämlich in der Lage, am bislang weitestgehend unerschlossenen chinesischen Anleihenmarkt zu partizipieren. 

portfolio institutionell, Ausgabe 6/2018

 
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