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17.12.2009

Die Grenze zwischen aktiv und passiv löst sich auf

Experten diskutieren über das Vehikel auf dem 3. ETF-Forum von portfolio.

Herr Guseck, erweckt die ETF-Branche mit dem Anspruch, Kundenlösungen zu bieten, zu hohe Erwartungen?

Ansgar Guseck: Man muss verstehen, was ein ETF leisten kann und was nicht. Was ein ETF meiner Meinung nach nicht leisten kann, ist, illiquide Investments liquide zu machen.

Wie beurteilen Sie den Anspruch der ETF-Branche, Herr Hedrich?

Werner Hedrich: Der Anspruch liegt ­darin, reine Marktrenditen möglichst kostengünstig und mit einer bestimmten Liquidität anzubieten. Der Vermögensverwalter oder Anleger muss dann entscheiden, wo diese Produkte eingesetzt werden. Ich habe bewusst "Produkte" und nicht "Fonds" ­gesagt. ETF sind für mich ein Produkt, ein Tool.

Wenn ETF nichts anderes als Beta sind, was sind dann die aktiven Komponenten?

Hedrich: Regelbasierte Dividendenstrategien sind beispielsweise ziemlich blödsinnig. Wenn man sich das Produkt genau anschaut, wird man unheimlich darüber enttäuscht, wie diese Indizes auf Basis von Regeln ­zusammengesetzt werden. Dieser Regel­mechanismus führte dazu, dass in der Krise in große Baustoffzulieferer aus Großbritannien und Banken investiert wurde. Diesen Mechanismus muss man als Anleger verstehen. Die Alternative wäre ein versierter ­Dividendenmanager, der ziemlich ­zuverlässig prognostizieren kann, ob die Unternehmen eine Dividende zahlen oder nicht. Ein regelbasierter ETF kann das nicht.

Sehen Sie das auch so, Herr Merz?

Thomas Merz: ETF eröffnen Investoren Zugänge, die vorher schwierig bis unmöglich waren. Dieser Zugang erfolgt in einer Art und Weise, die Investoren bereits gewohnt sind, nämlich in einer Fondsstruktur. In der Regel handelt es sich um einen regelbasierten ­Index. Ob die Regel sinnvoll oder nicht sinnvoll ist, muss der Investor selbst entscheiden. Zu verstehen, welche Regel zugrunde liegt, ist das Wichtigste.

Herr Kirchhoff, wie positiv ist die Entwicklung hin zu komplexen Produkten?

Götz Kirchhoff: Uns reicht ein Produkt, das lediglich den Markt in Form eines ganz normalen Index abdeckt, völlig. Denn es gibt genügend Kapazitäten, dieses Produkt etwas zu veredeln und entsprechende Lösungen zu machen. Die von Herrn Hedrich angesprochenen Produkte, in die aktive Komponenten bereits integriert sind, würden wir heute nicht mehr auswählen.

Ihnen reicht also Plain Vanilla?

Kirchhoff: Ein liquider Zugang zu Märkten, ein gutes Market Making, enge Spreads bringen ETF sehr viel weiter als diverse ­Komponenten, die sich teilweise wie ein Torpedo entwickeln.

Dr. Schmidt, sollten ETF mehr als Bausteine liefern? Wie beurteilen Sie die Innovationsflut in den vergangenen Jahren?

Tobias Schmidt: Grundsätzlich ist gegen die neuen Produkte nichts einzuwenden. Entscheidend ist die Kommunikation. Hier müsste die Industrie ein Stück weiter gehen. Gefragt ist Transparenz, und damit ist die ETF-Industrie auch angetreten. Nun ist es wichtig, dass sie davon nicht abkommt.
Unsere Kunden und wir wollen transparente Produkte. Unser Ziel ist, Kunden ­einfache Bausteine in die Hand zu geben.

Trotzdem reichert die Industrie die Beta-­Magerkost an.

Hedrich: Es gibt eine ETF-Inflation. Nicht nur der angesprochene Dividendenindex hat wenig Sinn, sondern auch der Euro­stoxx-Pharma. Der besteht zu 60 Prozent aus Sanofi Aventis. Dafür braucht es keinen ETF. Ein anderes Problem ist, dass in Rohstoff-ETF steigende Preise des Underlyings wegen des Contango-Effekts nur gedämpft abge­bildet werden. Es werden also Produkte aufgelegt für Themen, die keinen Sinn machen. Für mich steht die Industrie hier in der ­Verantwortung. Natürlich sind auch aktive ­Produkte nicht sinnvoll, wenn auf Dauer der Markt nicht geschlagen wird. Dann ist ein ETF, der einfach nur passiv den Markt repliziert, besser.

Guseck: Der große Unterschied zwischen passiven und aktiven Produkten ist, dass ­passive Produkte immer vom Marketing ­kreiert werden. Aktive Produkte werden oft auch vom Asset Manager inszeniert.

Die herrschende Meinung ist, dass man in den breiten Markt passiv investieren sollte und in Satelliten aktiv.

Schmidt: In der Regel besteht eine Kombination aus Beta-Investment und Alpha-­Generierung durch Selektion eines aktiven Fondsmanagers. Es gibt aber auch Fälle, wo eine aktive Wette über ein ETF möglich ist. Die Grenze zwischen aktivem und passivem Management ist für mich fließend. Ich halte den Einsatz von aktiven ETF gerade wenn es einem nicht gelingt, aktive Manager auszuwählen, für sinnvoll.

Geht Alpha nur durch Managerselektion?

Hedrich: Alpha ist die Mehrrendite gegen­über dem Markt. Von einem Indexprodukt kann ich also keine Mehrrendite erwarten.
Man kann sich allerdings Gedanken über die technische Umsetzung innerhalb eines ETF machen. Wie sammelt zum Beispiel ein Swap-basierter Ansatz die Dividenden ein? Wichtiger als diese Abwägungsfragen ist aber, ob der ETF das Exposure zum Umsetzen einer Anlageidee liefert.

Guseck: Es muss immer ein Gleichgewicht zwischen aktivem und passivem Manager geben. Gäbe es nur aktive Manager, dann wären die Opportunitäten sehr klein. Wenn es sehr viele passive Manager gibt, dann ­können die wenigen aktiven Manager viele Mehrwerte erzielen. Je mehr passiv investiert wird, desto mehr Überrenditen gibt es für die aktiven Manager. Beispiel Indexumstellung: Ein aktiver Manager weiß genau, welche ­Investoren welche Aktien an welchem Tag kaufen, und kann daraus Gewinn ziehen.

Wie viel Alpha können Sie erzeugen, Herr Kirchhoff?

Kirchhoff: Für die Zukunft kann ich ­Ihnen keine Antwort geben. Schließlich wissen wir ja nicht, wie sich die Märkte entwickeln. Wir wissen nicht, ob wir beim Zinsniveau bei Zehnjährigen bei drei Prozent bleiben oder ob wir auf 1,5 Prozent wie in Japan zurück­gehen. Wenn sich die Performance-Quellen schmälern können wir auch nicht mehr ­Alpha liefern. Ich glaube, dass die Industrie mehr auf den Maximum-Draw-down achten sollte. Statt dass das Portfolio wie im vergangenen Jahr mit dem Stoxx 600 um 60 Prozent fällt, sollte ­eine entsprechende Allokation gemacht werden, damit wir vielleicht zwischen fünf und zehn Prozent Maximum-Draw-down in einem Portfolio haben. Das erzeugt genauso positive Renditen, womit der Investor zufrieden sein kann. Das erzeugt vielleicht nicht die Superrenditen, aber eine stetigere Rendite als ­dieses ganze hippelige Auf und Ab. Zweimal innerhalb von zehn Jahren minus 60 Prozent im Stoxx 600 ist einfach zu viel. Deshalb: aktives Management mit passiven Produkten. Dann kann man sich auch die ganzen Research-Kosten sparen.

Hedrich: Herr Guseck und Herr Kirchhoff haben etwas sehr Interessantes gesagt. Nehmen wir einmal die Emerging Markets: Sie können wahrscheinlich einträglich sein, und die Gewinne in der Zukunft könnten dort gemacht werden. Nun ist allerdings der Index MSCI Emerging Market für einen aktiven Manager, wenn er denn einen stringenten Ansatz verfolgt, etwas problematisch. Denn in diesem Index sind Unternehmen wie die südkoreanische Samsung Electronics ganz vorne dabei. Wenn Sie ein konsequenter Investor sind und etwa auf Corporate Governance achten, dann sollten Sie als aktiver Manager keine Samsung Electronics im Portfolio haben. Das Problem ist hier allerdings, dass diese Aktie im MSCI Emerging Markets so dominant ist. Wenn nun etwa Amerikaner und Europäer diesen ETF auf Emerging Markets kaufen, dann fließt Geld in die Samsung Electronics. Ein aktiver Manager sagt sich vielleicht, die Aktie läuft mir davon und der Index läuft mit. Das heißt, um den Frieden zwischen aktiv und passiv herzustellen: Ich kann als Investor sagen, ich nehme einen Benchmark-unabhängigen Ansatz, etwa wie bei Comgest, einem französischen Asset Manager. Dort finden Sie nicht einfach die Top-Ten-Positionen des MSCI Emerging Markets im entsprechenden Portfolio, sondern etwa auch einen ägyptischen Seifenhersteller. So ein Portfolio wird in Stressphasen weit weniger fallen als eines, das am Index orientiert ist.
Wenn allerdings eine Hausse kommt, wie etwa seit dem Frühjahr 2009, zeigt der Index diesem Investor eine lange Nase, da seine High-Beta-Aktien an der Börse nicht zählen. Wenn Sie aber über zehn Jahre bei dem aktiven Manager investieren, wird der besser sein als der MSCI Emerging Markets, da mit den großen Playern in diesen Märkten eigentlich immer etwas passiert. Als Investor könnte ich sagen, ich möchte eine langfristige strategische Wette über diesen aktiven Vermögensverwalter haben. Dann weiß ich aber auch, er hängt mitunter hinterher. Wenn ich in dieser Situation "bullish" bin und Liquidität habe, könnte ich kurzfristig ein ETF auf die Emerging Markets kaufen. Ich würde deswegen aber nicht alles andere verkaufen. Eine Fondsgesellschaft wie Comgest etwa möchte auch nicht, dass die großen Dachfondsmanager ständig die Tickets hin- und herreichen, da dies den Zu- und Abfluss innerhalb der Fonds beeinflusst. Als Fondsanalyst halte ich das auch nicht für gut.

Guseck: Wenn Sie schnell hinein- und wieder herausgehen wollen, investieren Sie bitte nicht bei aktiven Fondsmanagern. Die mögen das nämlich gar nicht.

Wenn Sie Risikoprofile von speziellen ETF betrachten, etwa Dividenden-ETF, die 2008 sehr schlecht gelaufen sind. Wie sehen Sie dort die Risiko-Rendite-Profile?

Schmidt: Da gibt es sicherlich Unterschiede. Wir fragen oft Investoren, was ihnen wichtig ist bei der Auswahl von ETF. Da kommen die tollsten Antworten. Entscheidend ist am Schluss immer nur das Kostenthema. Im Prinzip gibt es für viele Anleger keine richtige Transparenz, insofern ist für viele der Fokus auf die Kosten reduziert. Das ist es aber sicher nicht. Wenn wir heute etwa gehört haben, was es an Möglichkeiten gibt, insbesondere wenn es um Swap-basierte ETF geht und wie dort die Absicherungsstrategien sind. Dies ist auch nicht mehr das große Thema für die Anleger. Zumindest wird dies immer von den Anbietergesprächen suggeriert. Von den Profilen der ETF vom Grundsatz her gesehen, glaube ich, dass es den einen oder anderen Unterschied gibt. Für den Anleger und den Investor ist das allerdings schwer herauszuarbeiten.

Herr Merz, tun Sie und die hiesige ETF-Branche genug?

Merz: Das ist schwer zu sagen. Transparenz ist natürlich ein wichtiges Thema. Auf allen Anbieterseiten können Sie sämtliche Basket-Zusammensetzungen herunterladen. Sie können den Net Asset Value vom letzten Tag sehen. Aber irgendwann wird es schwierig, die volle Transparenz wiederzugeben, zum Beispiel wie der Basket bei einem Swap aussieht und was dort das Swap-Exposure ist. Gut ist, dass auch auf Anlegerseite darüber gesprochen wird und nicht nur auf Rating-Seite. Die Anleger wollen das Produkt und das Exposure wirklich verstehen. Und wir ­haben hier eine Verantwortung, das wirklich transparent zu machen.

Rating-Agenturen sollen auch Transparenz herstellen. Herr Hedrich, Sie machen das bei aktiven Fonds. Für die ETF-Industrie macht das vielleicht Scope. Warum Ihr Haus nicht?

Hedrich: Bei Morningstar ist es indirekt im Research enthalten. Ich habe sieben ETF-Kollegen in den Vereinigten Staaten, die ein Research machen würden, wie ich es erläutert habe. Das letzte Papier, das sie geschrieben haben, handelt von der Gesundheitsreform in den USA. Jetzt können Anleger überlegen, ob sie etwa Pharmakonzerne kaufen oder Medizintechnikhersteller. Ich habe dafür 80 Aktienkollegen, die auf Einzeltitelbasis herunterrechnen, inwieweit eine Gesundheitsreform in den USA in einem Index die Cashflows der Indexkomponenten bewegen wird und ob diese Unternehmen historisch nach Kurs-Buchwert-Verhältnis oder Cashflow-Verhältnis innerhalb des Index und relativ zu anderen Branchen teuer oder günstig sind. Wir machen uns aber nicht die Mühe, ob man jetzt mit dem Credit-Suisse-ETF oder mit dem von I-Shares besser fährt. Da kämen Sie wahrscheinlich auch zu keinem Ergebnis. Wahrscheinlich würden Unterschiede auch ausarbitriert, wenn sie besonders groß wären.

Wünschen oder brauchen Sie Due Diligence von ETF-Produkten von Rating-Agenturen?

Kirchhoff: Die Frage, was Scope sagt, sei einmal dahingestellt. Es ist eine Blitzlichtaufnahme, das kann sich jederzeit wieder ändern. Daher machen wir unseren eigenen Research. Wir untersuchen, wie weit ein Index vom ETF getrackt wird und wie der Abstand zwischen dem Mehrwert aus Wertpapierleihe und Dividendenoptimierung nach Kosten vom Index ist. Das kann man ganz deutlich ablesen. Es gibt etwa ETF, die einen Index abbilden, der als Dividende nur 80 Prozent einrechnet, bei Stoxx zum Beispiel. Diese ETF laufen genau nach dem Index minus den Kosten. Das heißt, die 60 Basispunkte, die fehlen, sind erst einmal Profit für das Unternehmen. Die anderen Anbieter spielen voll die 60 Basispunkte in den ETF hinein, ebenso wie Zusatzerträge. Das ist eine gute Leistung. Und die Dritten machen das zwar auch. Sie verspielen es aber dadurch, dass sie viel Cash vorhalten und damit in steigenden Märkten dem Index hinterherlaufen. Wir analysieren jeden Index nach dieser Struktur und entscheiden dann, welchen wir kaufen. Bezüglich der Spreads muss ich mir den richtigen Market Maker suchen. Ich gehe in der Regel dorthin, wo der ETF gemacht wird, und nicht zu Dritten, die sozusagen den Durchlauferhitzer spielen.

Schmidt: Morningstar hat es ähnlich wie wir gemacht. Das heißt, die ETF werden innerhalb der Fondspalette mitgeratet. Was sich jetzt im Nachgang, nachdem die "aktiven" Themen dazugekommen sind, als vorteilhaft erwiesen hat. Denn sonst wäre es noch schwerer, die ETF untereinander zu bewerten. Insofern glaube ich, dass ein Ansatz, wie er generell von Rating-Agenturen angewandt wird, nicht trifft. Man wird, ähnlich wie Herr Kirchhoff gesagt hat, sehr selektiv die Themen im Einzelnen analysieren. Das heißt eben, dass diese "ETF für Profis" in der Vielfalt sicher berechtigt sind. Der Einzelne wird in diesem Dschungel hängenbleiben. Daher ist das Anliegen der Rating-Agenturen, wirklich zu differenzieren. Es gibt Produkte, die eher für den Retail-Anleger geeignet sind und für solche, die in anderer Weise unterwegs sind. Da halten wir uns aber zurück.

Kommen wir auf Asset-Allokations-Ansätze zu sprechen. Hier spielt Liquidität eine Rolle, zumindest bei einem Teil der ETF.

Guseck: Beim Aspekt "Liquidität" ist die Frage, ob sie da ist, wenn ich sie brauche. ­Dazu kommt, ob ich ein ETF brauche oder mir ein passives Produkt reicht. ETF haben nur Sinn, wenn ich innerhalb eines Tages handeln will. Ein weiterer Punkt ist, ob ich in der Krise die Liquidität bekomme, die ich brauche, oder ob die Spreads auseinander­fliegen.

Welche ETF lassen sich am besten in Asset-Allokations-Ansätze einbauen?

Guseck: Die ETF, die liquide sind. Wo ich eventuell einen liquiden Future drunter habe, worüber ich Liquidität abdecken kann. Bei den Exoten wäre ich hier vorsichtig.

Kirchhoff: Wenn ich von einem ETF ausgehe: Der ist liquide und den kann ich handeln. Wir hatten 2001 den 11. September, da sind die ETF durchgehandelt worden. Die ganzen aktiven Fonds sind geschlossen worden. Da hat man einfach gesagt, dem Privatanleger sei nicht zuzumuten, dass er seine Fonds verkauft. Das halte ich für eine Bevormundung, die nicht gerechtfertigt ist. Wenn der Markt kollabiert und sich neu ­orientiert, habe ich eben andere Preise. Dann darf ich nicht sagen: Jetzt sind die Spreads auseinander, jetzt kann ich nicht richtig verkaufen. Das ist eine neue Marktgegebenheit, die ich zur Kenntnis nehmen muss. Der Market Maker gibt ihnen auch nichts ­geschenkt, aber Sie können handeln. Das ist der Unterschied zum aktiven Fonds, den Sie nur bestellen können. Und beim Risikomanagement wird in aktiven Fond, im Zweifel eben einfach Benchmarking zu ­hohen Kosten gemacht. Das kann ich mir sparen, da brauche ich kein aktives ­Management.

Guseck: Da gebe ich Ihnen voll und ganz Recht. Die vielen Produkte, die sich aktiv ­nennen, aber nur teuer den Index abbilden, braucht kein Mensch. Da bin ich voll bei ­Ihnen. Ob man am 11. September wirklich ETF handeln konnte, weiß ich nicht. Das ­habe ich nicht probiert. Wenn die Börsen in den USA geschlossen sind, habe ich aber auch Probleme, sie zu handeln.

Die Frage ist: Was suggeriere ich meinen Kunden? Dass ich immer liquide bin und plötzlich diesen großen Spread habe? Das muss der Kunde vorher wissen. Und man muss sich vielleicht die Frage stellen, ob nicht ein Future das geeignetere Instrument sein könnte.

Merz: Wir müssen da gar nicht ganz so weit zurückgehen: Im vergangenen Jahr ­haben gewisse ETF noch Liquidität gehabt, da die Preise nach wie vor gestellt wurden - obwohl das jeweilige Underlying im Fixed-­Income-Bereich völlig zu war. Die ETF haben damit also bereits bewiesen, dass sie die ­Liquidität haben.
Natürlich war das eine ­andere Markt­situation, da geht es natürlich auch etwas ­auseinander. Aber die ETF haben bewiesen, dass sie die Liquiditätsversprechen einge­halten haben. Sie wurden gehandelt. Die Spreads waren zwar weiter, aber man konnte sie kaufen oder verkaufen.

Welche Allokationsstrategien lassen sich am sinnvollsten mit ETF umsetzen?

Kirchhoff: Man spricht immer von der Core-Satellite-Strategie. In dem Zusammenhang stellt sich uns die Frage, ob das überhaupt der richtige Weg ist. Oder ob man nicht besser sagt, man deckt Märkte oder Regionen ab.
Wenn man sich eine Region anschaut, Europa zum Beispiel, dann würde ich nicht den Euro Stoxx 600 nehmen. Denn wenn man diesen in die einzelnen Sektoren zerlegt, sieht man, dass er sehr stark positive Performer enthält und stark negative Performer. Ich kann Ihnen nur als Beispiel sagen, dass wir im Jahr 2007 einen einprozentigen Return auf den Euro Stoxx 600 hatten. Der beste ­Sektor hat 27 Prozent gemacht und der schlechteste minus 16 Prozent. Man sieht ­einen Gap von ungefähr 40 Prozent zwischen dem besten und schlechtesten Sektor. ­Deshalb sagen wir: Man nimmt eine Region und zerlegt sie in ihre Einzelteile, die Sektoren, und kauft diese Sektoren über einen passenden Steuermechanismus. So würden wir auch Emerging Markets abbilden. Wir würden keinen Total-Emerging-Market kaufen. Wenn, dann kaufen wir Brasilien und Indien und Russland und China und die ganzen kleinen Tigerstaaten einzeln und sehen zu, dass wir die Performance entsprechend aus den einzelnen Märkten erzielen. Und wir verkaufen sie dann auch.
Das ist das Entscheidende. ETF kann man halten und kann sie auch wieder verkaufen. Wir steuern das über ein Trendfolgemodell, das wir entwickelt haben. Wir haben uns sehr viele Trendfolgemodelle angeschaut und haben gesehen, dass deren Mechanismus sehr stark statisch ist. Unser System ist dynamisch. Genau heute haben wir zum Beispiel die ersten Positionen Bank-ETF short, Gesamtmarkt Europa short gekauft. Wir haben gesehen, dass wir hier einen Mehrwert für die Kunden erzeugen können.

Schmidt: Solche Trendfolgemodelle funktionieren oft, aber manchmal auch nicht. Auch da haben wir schon Erfahrungen ­gemacht mit den ganzen Quant-Fonds, die dann entsprechend in die Krise gestürzt sind. Momentan läuft das alles wunderbar, weil wir uns in einem Trend befinden. Die Modelle haben ihre Berechtigung, daran gibt es keinen Zweifel. Die Frage ist aber, ob sie ähnlich ­attraktiv gesehen werden wie heute, wenn der Turn-around kommt. Das werden wir sehen, denn der Zeitpunkt kommt garantiert.

Kirchhoff: Wir haben die Trendfolge mit ETF ausgewählt, weil wir dort zwei stringente mathematische Konzepte kombinieren. Wir haben kein drittes Element, nämlich den ­Alpha-Manager, darin enthalten.

Hedrich: Was Herr Kirchhoff macht, ist im Prinzip nichts anderes als das, was ein ­aktiver Fondsmanager macht. Wir wissen aus Kapitalmarktuntersuchungen, dass dies die riskanteste Strategie ist. Es ist das Wetten auf Sektoren.
Wenn Sie sich einen aktiven Fondsmanager anschauen: Er geht morgens in sein Büro, trifft sich mit seinen Kollegen und tauscht sich mit ihnen aus. Die Kollegen sagen zum Beispiel, den Banken geht es nicht gut. Vergesst den Return-on-Equity von 15 Prozent. Deswegen Banking-Stoxx underweight. Dann haben sie noch die Buyside-Analysten, die sagen dem Fondsmanager dann, welche Bank, wenn er denn eine kauft, dabei sein sollte. Das machen Sie als ETF-Käufer dann nicht. Sondern Sie sagen, ich habe einen Sektor-ETF, und mit diesem spiele ich die Story. Es ist daher im Prinzip nichts anderes als das, was ein aktiver Aktienfondsmanager auch macht. Wenn er dann noch ein tolles Buyside-Team hat, dann holt er noch etwas aus der Aktienselektion heraus. Aber wenn man sich empirische und wissenschaftliche Untersuchungen anschaut, dann ist das vom Anlegen her die riskanteste Vorgehensweise. Das ist der Punkt, der am häufigsten schiefgeht, da es so schwer ist.

Mit komplexen Underlyings und Allokationsstrategien auf Portfolioebene lassen sich zwar aktive Komponenten einbauen. Echte ­Alpha-Quellen lassen sich damit aber nicht einfangen. Wie beurteilen Sie die Diskussion um Alpha und Beta bei ETF-Produkten?

Merz: ETF sind Beta-Produkte. Sie geben Zugang zu verschiedenen Betas. Das Alpha ist für mich auf einer höheren Ebene angesiedelt. Das verstehe ich als klassischen ETF.

Schmidt: Insgesamt stimme ich dem zu. Wenn ich mir auch sicher bin, dass die ETF-Industrie findig genug sein wird, den Weg zu Alpha weiter beschreiten zu wollen. Das lässt sich auch nicht verhindern. Das wird die Transparenz etwas reduzieren. Aber im ­Großen und Ganzen ist das eine Entwicklung, die in der Fondsindustrie auch in die ­eine oder andere Richtung ging. Ich finde das nicht grundsätzlich verwerflich. Entscheidend ist, dass daraufgeschrieben wird, was darin ist. Das ist das Wesentliche.

Guseck: Ich glaube, es wird eine stärkere Aufspaltung zwischen passiven Produkten geben, ob das nun ETF sein werden oder ­welche Vehikel auch immer. Und es wird ­vermehrt Spezialisten geben, die aktives ­Management und Alpha liefern wollen. Das ist eine gute Aufteilung. Denn aktive Fonds, die teuer sind, aber nur passive Produkte ­liefern, braucht wirklich kein Mensch.

Kirchhoff: Ich denke, dass die ETF-Industrie gut beraten ist, wenn sie sich auf der ­Beta-Schiene weiterentwickelt. Zudem brauchen wir mehr Invers-Produkte, so dass wir beide Marktsituationen besser abdecken können - und zwar in allen Regionen, in allen Ländern und in allen Sektoren. Das ist eine Sache, die dem Markt von der Anbieterseite her gut stehen würde. Es gibt sicher eine Vielzahl von Fondsmanagern, die weit über der Peer-Group ­liegen. Aber wenn ich das immer vorher wüsste, dann würde ich die alle auswählen. Da das aber nicht möglich ist, ist aktives Management mit passiven Produkten ein deutlich ­sicherer Weg mit geringerem Draw-down.

Hedrich: Wir von Morningstar finden, dass die ETF-Branche einen sehr angenehmen Druck auf die aktiven Manager im Markt ausübt, vor allem auf die Kostenkomponente. Man muss sich überlegen, ob man vermeintlich aktive Mandate überhaupt noch offerieren muss. Zum Zweiten: ETF sind ein Beta-Investment. Wenn ich weniger verlieren möchte als der Markt, ist es eine Asset-Allokations-Entscheidung zwischen Geldmarktfonds und Aktien. Das ist eine ganz andere ­Entscheidung. Da wäre es spannend, wenn man wie auch immer definierte regelbasierte Ansätze fahren und darauf wiederum regelbasierte ETF auflegen würde. Diese dürfen dann auch nicht zu teuer werden.

 
Martin Aehling
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