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07.07.2011

Die Nachhaltigkeitsgläubigen

Interview mit Ursula Gille-Boussahia von Terre des Hommes, Stefan Grosse von der EKM und Christian Mosel von Sarasin

Frau Gille, warum machen Sie überhaupt Kapital­anlage? Sie könnten die Einnahmen doch auch gleich an die Projekte weiterleiten?

Gille: Eine Stiftung hat eine Aufgabe. Sie hat ein Stiftungskapital, aus dem sie Renditen­ ziehen soll, die regelmäßig dem Satzungszweck zugeführt werden. Ich muss das Kapital real erhalten. Die Anlage selber macht der Verein „Terre des Hommes“, da wir eine unselbstständige Stiftung sind. Als Aufsichts­organ haben wir einen  Stiftungsrat. Der hat definiert, wie er möchte, dass wir das Geld anlegen, und zwar nach den Vorgaben für eine mündelsichere Anlage und gemäß den Empfehlungen des Bundesverbandes deutscher Stiftungen. Das heißt: maximal 30 Prozent Aktien und minimal 70 Prozent in festverzinslichen oder sicheren Anlagen. Der Stiftungsrat hat außerdem eine Negativliste definiert.­

Was wäre das zum Beispiel?

Gille: Dazu gehört unter anderem die Rüstungs- und Pornoindustrie. Das sind aber auch Staatsanleihen von Staaten, die die Todes­strafe vollstrecken.

Also ist auch die USA ausgeschlossen?

Gille: Natürlich. Wir haben außerdem keine­ Staatsanleihen von Ländern, die Atomkraft forcieren. Darunter fällt zum Beispiel Frankreich. Es gibt also ein ganz klar definiertes Regelwerk. Das geben wir den Banken, die uns Vorschläge zu festverzinslichen Investments machen, über die wir entscheiden. Für die 30 Prozent maximalen Aktien­anteil haben wir einen Vermögensverwalter, der selbst entscheidet. Der kennt natürlich unser Regelwerk, trotzdem gehen die Meinungen auch einmal auseinander. Dann muss er gegebenenfalls eine Aktie wieder verkaufen. Das entscheiden wir oder der Stiftungsrat.

Kommt das häufig vor?

Gille: Vor etwa einem Jahr hatte er Nestlé-Aktien im Portfolio. Der Stiftungsrat hat jedoch gesagt, dass er diese Aktie auf keinen Fall möchte wegen der Wasserpolitik und Vergangenheit des Nestlé-Konzerns zum Thema Babynahrung. Binnen zweier Monate hat der Vermögensverwalter die Aktien­ abgestoßen.

Was haben Sie sonst noch im Portfolio?

Gille: Wir haben auch ein paar Immobilien.­ Das sind vier Mietshäuser, die wir vererbt bekommen haben. Wenn wir so etwas bekommen, schauen wir uns an, ob die Rendite okay ist und ob wir das weiter betreiben können, ohne dass es zu viel Aufwand verursacht. Die eine Immobilie stoßen wir dann ab, die anderen behalten wir. Diese vier Mietshäuser haben wir behalten. Mit einer Rendite von knapp fünf Prozent kann man aktuell nicht meckern. Wir haben auch eine Beteiligung an einer Vermietungsgesellschaft vererbt bekommen. Das ist aber eine Personengesellschaft, was wir als Stiftung durchaus kritisch sehen. Da werden wir uns bemühen, das in den nächsten vier Jahren zu verkaufen.

Herr Grosse, welchen Anforderungen unterliegen Sie als Kirche?

Grosse: Was die grundlegende Ausgestaltung angeht, sind wir sehr ähnlich strukturiert­ wie Stiftungen. Auch wir sind ein klassisch langfristiger Investor, der eine konstante Rendite­ erwirtschaften will und gleichzeitig­ dem kirchlichen Auftrag verpflichtet ist. Wir haben nicht nur das magische Dreieck aus Sicherheit,­ Rendite und Liquidität, sondern haben bewusst die Nachhaltigkeit mit hineingenommen und das Dreieck zum Viereck weiter­entwickelt.

Das magische Dreieck heißt so, weil sich die Ecken eigentlich ausschließen. Tut es der Rendite gut, wenn ein viertes Eck dazukommt? 

Grosse: Das macht es nicht einfacher. Klar ist, dass man gegebenenfalls das Anlage­universum einschränkt. Aber es ist nicht einfach der Gegensatz zwischen Rendite und dem eingeschränkten Universum. Es ist eine Entscheidung, die ich treffe, die zu guten Ergebnissen führt, wenn ich es richtig mache. Alle Untersuchungen weisen längst nach, dass eine nachhaltige Anlage vom wirtschaftlichen Erfolg her die größeren und langfristigeren Chancen bietet. Wenn wir einen nachhaltigen Ansatz fahren, dann haben wir Unternehmen dabei, deren Gewinne langfristig abgesichert sind. Nachhaltiges Investieren bedeutet, wenn man es auf den Punkt bringt, langfristig ein niedrigeres Risiko.­ Das ist der Leitbegriff für uns.

Welche Renditeziele verfolgen Sie?

Grosse: Wir haben ganz verschiedene Anlagen, weil wir verschiedene Vermögen haben und jeweils dafür die richtigen Anlagen suchen. Im Schnitt nach Abzug von Kosten und Inflation laufen wir so um die vier Prozent.

Arbeiten Sie auch mit Ausschlusskriterien?

Grosse: Ja selbstverständlich. Wir haben einen ganzen Katalog von Anlagemöglich­keiten, die Negativliste ist nur eine davon. Wir haben auch die Ansätze Best-of- und Best-in-Class. Außerdem wollen wir das Engagement, also die aktive Wahrnehmung von Aktionärsrechten, ausbauen. Wir haben ein ganz breites Instrumentarium. Unsere Struktur ist so, dass wir von den kirchlichen Richtlinien her diesem nachhal­tigen Ansatz verpflichtet sind. Warum? Weil die evangelische Kirche Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung, die sogenannte ökumenische Trias, letztlich aus der Bibel kommend, verpflichtet ist.

Es gibt mehrere Kirchen in Deutschland. Arbeitet­ jeder unabhängig für sich?

Grosse: Die Zusammenarbeit hat sich in den letzten Jahren sehr positiv entwickelt. Wir sehen uns als Organmitglieder in wechselnden Zusammenhängen regelmäßig. Es gibt spezielle Veranstaltungen über die EKD, es gibt aber auch die kleinen Dienstwege, wo man mit Kollegen über das eine oder andere Produkt ins Gespräch kommt. Es gibt zusätzlich die kirchlichen Investmenttage, die jährlich stattfinden. Wir sind also schon in einer sehr vernetzten Struktur unterwegs.

Die evangelischen Kirchen fahren also alle eine ähnliche Anlagestrategie?

Grosse: Ich kann nicht für die anderen sprechen. Ich bemühe mich darum, das, wovon­ die meisten überzeugt sind, dass es richtig ist, bei uns in der Strategie der EKM umzusetzen. Ich habe dazu ein Beratungsgremium, das die strategische Asset Allocation festlegt. Das ist der strategische Anlageausschuss. Der ist eingesetzt worden vom Kollegium unseres Landeskirchenamtes und ist extern besetzt. Im Moment arbeiten wir an neuen Geldanlage-Richtlinien, die wir uns geben wollen. Die Entscheidungen dieses strategischen Ausschusses sind die Basis­ für die operativen Entscheidungen im operativen Anlageausschuss. Es gibt somit­ ein abgestuftes­ Verfahren, bevor wir eine Kapitalanlage­entscheidung treffen. Zudem sind wir der Landessynode gegenüber rechenschaftspflichtig. Diese hat ein spezifisches Instrument, das nennt sich Rechnungsprüfungsamt. Das schaut, dass wir das Viereck möglichst so gestalten, dass alle Aspekte inklusive Nachhaltigkeit zum Zuge kommen. Sie werden das nie ideal hinkriegen, aber das ist beim magischen Dreieck auch nicht anders.

Hilft die EKD also bei der Administration und gibt gewisse Rahmenbedingungen vor, die jede Kirche nach ihren individuellen Vorstellungen bei der Kapitalanlage umsetzt?

Grosse: Wir haben eine sehr föderale Struktur und wir vereinbaren uns gegebenenfalls auf EKD-Ebene. Das heißt aber nicht, dass irgendeiner Kirche ihre Entscheidungshoheit entzogen wäre oder sie sich bequem zurücklehnen könnte. Jede Kirche muss ihre Entscheidungen treffen in den Gremien, die dafür jeweils vorgesehen sind. Die EKD schafft eher ein Diskussions­forum für die Rahmenbedingungen, berät und empfiehlt gelegentlich. Die konkrete Ausgestaltung bleibt jeder Kirche selbst überlassen. Die Kirchen selbst sind ja in sich selbst auch noch einmal strukturiert.

Sie wollen sich stärker um Engagements kümmern. Wie weit sind Sie damit?

Grosse: Das werden wir als EKM allein nicht schaffen. Dazu werden wir uns mit anderen zusammentun. Es gibt Kirchen, die haben das bereits gemacht und ein Unternehmen beauftragt, das das Thema Engagements für sie spielt. Wie das künftig bei uns sein wird, diskutieren wir gerade noch. Aber wir wollen dieses Instrument schärfen und stärker machen.

Ist das eine Reaktion auf die Schwächen der anderen nachhaltigen Ansätze?

Grosse: Nein, das ist eine Ergänzung, weil dieses Thema durchaus eine Chance ist, den Nachhaltigkeitsgedanken in die Unternehmen und die Unternehmensführung hineinzubekommen.

Bei Zulieferern von Unternehmen, gerade in den Emerging Markets, lässt sich kaum kontrollieren, inwieweit dort zum Beispiel Kinderarbeit praktiziert wird. Bei Ihrer Stiftung ist die Vermeidung von Kinderarbeit ein Schwerpunkt. Wie bekommt man da Transparenz?

Gille: Wir arbeiten intensiv in Kooperationen mit Unternehmen zusammen. Wir machen das vor allem, um im Gespräch zu bleiben und diese Themen in den Unternehmen zu etablieren. Es gibt inzwischen einige Unternehmen, die Kodizes unterschrieben haben und ihre Lieferkette bis in die unterste Ebene durchleuchten, um ausbeuterische Kinderarbeit zu verhindern.

Wenn die Lieferketten intransparent sind, lassen Sie die Finger von dem Unternehmen?

Gille: Dann sollte das Unternehmen die Finger davon lassen. Wir suchen das Gespräch mit den Unternehmen, brechen es aber nicht ab. Sie können nicht sagen, der macht etwas nicht so, wie wir das wollen, und dann war es das. Man muss versuchen, etwas in die richtige Richtung zu bewegen, auch wenn es kleine Schritte sind.
Grosse: Die Welt ist nicht nur schwarz oder weiß. Es gibt viele Grautöne. Gerade der Unternehmensdialog ist in diesem Bereich stark angesiedelt. Wenn Sie schauen, wie sich die Reports der Unternehmen gerade zum Thema Nachhaltigkeit entwickelt haben, dann sehen Sie, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Wir haben das Ende dieses Weges noch längst nicht erreicht. Aber sich einfach zu verweigern und nur noch mit einer Negativliste zu arbeiten, wäre dem Stand, den wir jetzt erreicht haben, sehr unangemessen.

Wir haben momentan ein Niedrigzins­umfeld und volatile Aktienmärkte. Wie prekär ist die Situation für die Kapitalanlage?

Gille: Für uns gibt es eine Vorgabe des Stiftungsrates, die besagt, dass wir den maximal möglichen Teil unseres Ertrages aus der Vermögensverwaltung wieder in die Rücklagen einbringen. Eine Kapitalerhaltungsrechnung sagt, dass wir das nicht immer ganz schaffen. In der momentanen Situation ist das schwierig. Wir erreichen nicht unbedingt realen Kapitalerhalt. Das geht in den letzten zwei, drei Jahren ein bisschen auseinander. Wir sind eine­ kleine Stiftung mit 12,4 Millionen Euro. Wir versuchen, immer drei bis vier Prozent Rendite zu bekommen und stellen dafür das Kapital auf mehrere Beine, was die einzelnen Gebinde nicht unbedingt groß macht. Aus dem Ergebnis, das wir damit erzielen, stellen wir das Maximum, also die 30 Prozent, die uns erlaubt sind, in die Rücklage ein. Das ist der Standard, das ist derzeit aber natürlich schwierig. Ich habe vor kurzem ein Anschreiben von einem Stifter erhalten, der sagte: Kann es sein, dass Sie in einem Jahr auch mal nur 2,3 Prozent haben? Ja, das kann sein. Wenn die Zinssituation einfach nicht so ist, kommt es vor, dass man nach Abzug der Rücklage nur noch 2,3 Prozent hat, die man dem Stiftungszweck zuführen kann.

Grosse: Wir behaupten nicht nur, langfristige Investoren zu sein, sondern wir sind es auch. Da muss man auch die Luft haben, in schwierigen Marktphasen durchzuhalten. Das ist dann in den Gremien erläuterungs­bedürftig. Ich halte die gegenwärtige Situation­ nicht wirklich für prekär. Klar könnten die Kupons größer sein, das wünscht sich jeder. Aber wir haben in den letzten Jahren auch ganz gute Entwicklungen gehabt. Die Kehrseite der derzeitigen Situation sind letztlich niedrige Zinsen und eine relativ überschaubare Inflation. Das muss man in die Waagschale werfen, um die Gesamtsituation zu betrachten. Wenn man wirklich langfristiger Investor ist, weiß man, dass auch wieder andere Marktphasen kommen. Man muss den Schnitt der Jahre nehmen, dann sieht das alles nicht so dramatisch aus, als wenn man kurzfristig von Quartal zu Quartal denken müsste. In dieser Situation sind wir zum Glück nicht.

Wie sieht es bei Ihnen mit Investments in Linker oder Rohstoffe aus?

Gille: Bei uns sind das definitiv keine Themen. Ich habe mir das eine oder andere angeschaut. Ich finde aber, man muss diese Investments teilweise zumindest mit einem dicken­ Fragezeichen versehen. Wir brauchen eine regelmäßige Ausschüttung, und da habe ich bei dem einen oder anderen Produkt durchaus ein Problem. Hinzu kommt, dass sie alle irgendwo versteckt einen direkten kompletten Ausfall vorsehen. Das kann ich mir als Stiftung unserer Größe nicht leisten. Wenn man eine Milliardenstiftung ist, kann man vielleicht ein oder zwei Millionen Euro in einer solchen Anlage haben. Bei uns geht das nicht.

Grosse: Man muss sich Linker, Rohstoffe und Gold sehr konkret und im Einzelfall angucken. Deswegen ist eine so globale Frage schwer zu beantworten. Ich halte gerade Rohstoffe unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit für problematisch. Wenn man Nachhaltigkeit weiter fasst als nur ökologisch und auch sozial­ mit hineinnimmt und sich die Arbeitsbedingungen in bestimmten Minen anschaut, stelle ich fest, dass ich das eigentlich nicht machen kann. Ich bin eher zurückhaltend für diese Anlageform. Man muss manchmal gegen den Mainstream seine Investitionsentscheidung treffen.

Fühlen Sie sich als kleiner Investor von den Anbietern gut betreut?

Gille: Ich glaube, dass man als Stiftung unserer Größe einiges von der Stange bekommt. Für Stiftungen unserer Größe sind Fonds durchaus von Interesse, weil sie eigentlich ein bisschen wie ein Selbstläufer sind. Man muss sich wenig kümmern. Das kann man aus meiner Sicht aber nicht nur machen. Wir haben uns für eine gesunde Verteilung entschieden, ein Teil ist in Fonds angelegt und ein Teil in Festverzinsliches. Des Weiteren haben wir die vier Immobilien und die Beteiligung. Einen Teil unseres Kapitals­ haben wir an einen Vermögensverwalter gegeben, der im Sinne einer Beimischung nur Aktien managt. Damit erfüllen wir unsere Auflage. Wir haben natürlich zum größten Teil Stangenprodukte. Wir sind einfach zu klein, um eigene Fonds zu machen. 

Wie wichtig sind Ihnen die Co-Investoren?

Gille: Mir ist wichtig, in was für einen Fonds ich investiere. Wenn wir investieren, dann sind wir langfristig aufgestellt. Bevor wir größer in einen Fonds gehen, probieren wir ihn klein aus. Wer Co-Investor ist, erfährt man nicht ohne weiteres.

Grosse: Im Moment sind sehr viele Anbieter auf dem Segment der Kirchen unterwegs, um dieses auszuleuchten und mit entsprechenden Produkten zu beglücken. Es gibt eine Menge Häuser, die sich wirklich Mühe geben, ihre Expertise zu verbessern und auf die Kundenbedürfnisse einzugehen. Wir fühlen uns gut betreut durch unsere Kirchenbanken, aber auch von Häusern, die ein Alleinstellungsmerkmal oder eine besondere Expertise haben. Das ist gerade bei dem Nachhaltigkeitsthema nicht unwichtig. Dabei geht es um Fragen wie: Wie ist der Investitionsprozess strukturiert? Haben sie ein eigenes Research? Bei Sarasin habe ich das zum Beispiel gefunden. Hinzu kommt, dass eine gute personelle Betreuung verbunden mit einer hohen personellen Kontinuität die Chance hat, ein gewisses Vertrauen wachsen zu lassen. Kein blindes, aber ein Vertrauen. Das bringen nicht alle einfach so mit. Ich brauche keine Stangenprodukte, die sich nur einen Touch Nachhaltigkeit geben. Wo nachhaltig draufsteht, sollte es auch drin sein!

Bei der Entscheidung für den Sarasin Fair ­Invest war Nachhaltigkeit der ausschlag­gebende Faktor?

Grosse: Ich bin bei dem Publikumsfonds von Sarasin erst klein eingestiegen und habe geschaut, wie die ticken und wie das Ergebnis ist. Das war mehr als okay. Dann haben wir unser Engagement aufgestockt. Das Gute bei diesem Fonds ist, dass man die Möglichkeit hat, im Anlageausschuss mitzuarbeiten, wenn man mit einer bestimmten Größenordnung investiert ist. Man bestimmt ein Stück der Anlagepolitik. 

Ab welchem Anlagevolumen hat man bei Sarasin­ die Möglichkeit, im Anlageausschuss mitzuwirken?

Mosel: Das ist in der Regel ein zweistelliger­ Millionenbetrag. Es ist aber nicht nur ein Volumen­thema. Wir staffeln das nach der Geschäftsbeziehung insgesamt. Ein Aspekt dabei­ ist auch, wie intensiv die Kundenbeziehung ist und wie lange diese bereits besteht.

Es gibt kaum eine Stiftung, die einen zweistelligen Millionenbetrag mitbringen kann.

Mosel: Doch, es gibt einige Stiftungen, die bei uns mehr als einen zweistellige Millionenbetrag investieren, zwar nicht unbedingt im Fair Invest, aber im Großen und Ganzen.

Gille: Wir sind nicht in dem Ausschuss. Wir haben Anteile von diesem Fonds, und das schon seit einigen Jahren. Auch wenn man bei unserer Größenordnung nicht in einem solchen Ausschuss sitzt, wird man nichtsdesto­trotz gehört. Wir haben das eine oder andere Gespräch mit Sarasin, zum Beispiel haben wir bei Sarasin schon mal wegen Nestlé angefragt. Das ist aktuell nicht im Fonds. Man merkt, dass man gehört wird, auch wenn man nicht im Ausschuss sitzt. Es ist wie bereits gesagt ein Selbstläufer. Während man an allen anderen Stellen immer mal wieder nach­zurren und häufiger hingucken muss, ist das Geld, das ich beim Fair Invest investiert habe, eine feste Größe an Ausschüttungen. Da muss man nicht weiter drüber nachdenken.

Es gibt keine klare Definition, was Nachhaltigkeit ist. Was heißt das für Sie?

Gille: Unsere Stiftung findet den Ansatz Best-of-Class sehr positiv. Auch unser Verein agiert auf diese Weise. Er sucht das Gespräch mit Organisationen im Sinne von Best-of-Class. Es ist nichts perfekt. Aber immer in die Richtung zu gehen, besser zu werden und zu fördern, das finden wir den richtigen Weg.

Grosse: Wir stützen uns auf die Brundtland-Kommission von 1987. Da heißt es ganz klar: „Eine nachhaltige Entwicklung ist eine Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass die Generationen der Zukunft ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können.“ Das ist sehr allgemein. Da müssen Sie sich einsortieren. Das heißt, ich muss mir die Frage stellen,­ welche Auswirkung hat mein Handeln als Investor heute auf meine Umwelt, auf meine Mitwelt und die zukünftige Welt. Die Frage wird jeder immer für sich allein beantworten müssen. Wir haben ein paar Leitplanken.­ Wir haben den Rio-Prozess und die Agenda 21. Es bedarf immer einer Entscheidung, aber schon der Weg ist ein Stück Ziel, weil diese vielen Entscheidungen von vielen Einzelnen das Ganze verändern werden. Die ideale­ Welt wird es nicht geben. Wer wartet, der wartet am jüngsten Tag noch.

Wenn alle zusammen den gleichen Weg gingen, würde das Thema Nachhaltigkeit viel stärker forciert werden können.

Grosse: Die Wege ähneln sich ja. Es gibt eine Menge Investoren, die sich überlegen, wie sie das stärker vereinheitlichen können, und sich zumindest auf bestimmte Mindeststandards verständigen. Indem die Investoren das tun, erreichen sie pragmatisch nachhaltige Veränderungen. Wenn es immer heißt, Deutschland wäre da noch nicht so weit, dann weiß ich nicht, ob das überhaupt stimmt. Ich habe mal ermitteln lassen, wie nachhaltig wir wirklich sind. Wir haben bei allen Kapitalanlagen der EKM Ausschlusskriterien. 50 Prozent sind nachhaltig gemanagte Vermögenswerte oder Anlagen bei Kirchenbanken, die auch Nachhaltigkeitsfilter angelegt haben. Weitere 24 Prozent sind Best-in- und Best-of-Class-Ansätze. Das heißt, wir sind viel nachhaltiger, als ich selbst dachte. Das ist das Problem bei Vergleichsrechnungen. Werden nicht manchmal Äpfel­ mit Birnen­ verglichen? Wenn man die Statistiken bemüht und schaut, welche Fonds gezählt wurden, stellt sich die Frage: Ist das wirklich alles? Viele, die wie wir über alles Ausschlusskriterien haben, sind in diesen Untersuchungen überhaupt nicht berücksichtigt.

In der Eurosif-Studie kam Deutschland ja nicht gut weg.

Grosse: Das meine ich. Was wird verglichen? Es gibt Publikumsfonds, die bezeichnen sich als nachhaltig. Die sind mitgezählt worden. Aber es gibt unzählige Spezialfonds institutioneller Anleger, die das für sich zumindest mit sehr einfachen Kriterien definiert haben. Sind die dann schon nachhaltig? Oder noch nicht? Das ist eine Frage der Zählweise. Ich glaube, die Entwicklung ist deutlich schneller als die öffentliche Wahrnehmung dieser Entwicklung.

Welche Investorengruppe ist am nachhaltigsten in Deutschland?

Mosel: Das kann man an ein, zwei Kriterien­ festmachen. Das ist beispielsweise die Beständigkeit der Institution. Eine Stiftung ist auf die Ewigkeit ausgerichtet und zumindest die katholische Kirche gibt es jetzt seit 2000 Jahren, die evangelische nur ein paar hundert Jahre weniger. Man sieht an den Laufzeitenhorizonten, dass hier Nachhaltigkeit ein besonders Thema ist. Mittlerweile entdecken aber auch immer mehr Versicherungen und Versorgungswerke, die ebenfalls lange Verpflichtungen gegenüber ihren Vorsorgeempfängern haben, dass ein Nachhaltigkeitsansatz unter Risiko-Rendite-Gesichtspunkten sinnvoll ist.

Es gibt zwei Arten, um sich dem Thema Nachhaltigkeit zu widmen. Man kann sich an ESG-Themen orientieren oder überlegt sich, welches Geschäftsmodell per se nachhaltig ist. Wie ist das bei Sarasin?

Mosel: Wir kombinieren beides. Zunächst haben wir einen Nachhaltigkeitsfilter. Darüber hinaus führen wir eine Finanzanalyse durch. Diese beinhaltet die Frage: Ist das Geschäftsmodell auch wirtschaftlich stabil? Wir müssen für unsere Investoren auch die Performance erwirtschaften. Für uns heißt nachhaltig also auch, wirtschaftlich vernünftig zu investieren. Es ist nicht nur eine Überzeugung, sondern auch ein Instrument, um Risiken rauszunehmen. Zum Beispiel hatten wir keine Tepco- oder BP-Aktien in unseren Portfolios, da diese Werte aus Nachhaltigkeitsgesichtspunkten mit Großrisiken behaftet sind.

Unternehmen aus der Tabak- und Glücksspielbranche haben fast ein Monopol. Da ist das Risiko nach unten nicht groß.

Mosel: Bei Atomkraft ist es das Gleiche. Das fällt aber bei uns durch das Nachhaltigkeitsraster. Das ist etwas, das wir bewusst in Kauf nehmen. Nachhaltigkeit ist unser Ansatz, so wie es eben Investmentstile gibt, die nur Small Caps machen. Ganz bewusst werden Teile des Universums aus Risikoüber­legungen rausgelassen. 
 
Wie groß ist Ihr Anlageuniversum?

Mosel: Wir screenen derzeit über 3.000 Aktien, von denen nach der Analyse rund 1.000 Titel für uns investierbar sind. Wir haben also ein ausreichend großes Aktienuniversum. Dazu kommen noch über 250 Emittenten auf der Bondseite. Am Ende des Tages haben wir kein Diversifikationsproblem.

Sie benchmarken nicht mit Nachhaltigkeitsindizes.

Mosel: Das machen wir bewusst nicht. Wenn wir uns mit Nachhaltigkeits-Benchmarks vergleichen würden, hätten wir Probleme, den Mehrwert darzustellen. Wir sind überzeugt, dass Nachhaltigkeit einen Mehrwert erzeugt, nicht nur in stark fallenden Märkten oder Elementarkrisen, sondern auch in normalen Aufschwungszenarien.

Was haben Sie für Renditeziele?

Mosel: Beim Fair Invest, den es jetzt zehn Jahre gibt, haben wir über drei Prozent realisiert. Wir haben angefangen vor der Dotcom-Krise bis heute, inklusive der Finanzmarktkrise. Das ist für einen gemischten Fonds recht zufriedenstellend.

Aber das Beta ist relativ hoch. Da ist die Frage, ob man nicht passiv investiert.

Mosel: Wenn Sie ein Beta von 1,0 wünschen und auf jegliche Überrendite verzichten wollen, natürlich. Wir konnten aber mit unserem Ansatz unter Verwendung des Nachhaltigkeitsfilters zeigen, dass wir marktnah investieren, aber dabei eben auch ein Alpha generiert haben.

 
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