Schwarzer Schwan der Woche
05.05.2017

Die Quadratur des Kreises der Finanzbranche

„Lenny“ Fischer beendet die Eurokrise. Seine Idee: Schuldenvergemeinschaftung mit Eigenverantwortung.

„Ich kann nicht mein ganzes Geld für Schnaps und Frauen ausgeben und dann um Unterstützung bitten.“ Über diese Aussage des Vorsitzenden der Eurogruppe, Jeroen Dijsselbloem, zeigten sich die adressierten Südeuropäer wenig amüsiert. Dijsselbloem war danach bemüht zu betonen, dass der Satz nicht als Nord-Süd-Vergleich gedacht war. Warum nur haben sich Südeuropäer dann aber sofort angesprochen gefühlt?

Mehr Gefallen dürften die Peripheriestaaten an den Visionen von Leonhard „Lenny“ Fischer finden. Das einstige Wunderkind der Finanzbranche ist heute CEO der BHF Kleinwort Benson Group und kämpft in einem Gastbeitrag in der Zeitung „Die Welt“ als „deutscher Manager und Investor“ nicht nur um Aufmerksamkeit, sondern auch gegen den „Durchwurschtel-Euro“. In dem Artikel präsentiert Fischer als Idee für einen starken Euro nichts weniger als die Quadratur des Kreises der Finanzbranche: die Schuldenvergemeinschaftung mit Eigenverantwortung!

Eines von Fischers Argumenten für die Schuldenvergemeinschaftung: „Das Markt-Argument ist simpel. Über Nacht gäbe es einen wirklichen einheitlichen Kapitalmarkt, der schnell und in großen Mengen Geld zu Ideen bringt, unabhängig vom Land der Idee. Nur der US-Dollar-Raum wäre damit vergleichbar. Ich möchte die Prognose wagen, dass ein solcher Schritt für sich allein drei bis fünf Prozent zusätzliches Wachstumspotenzial für die Euro-Zone über die nächsten Jahre bringt.“ Ganz simpel ist aber auch die Erwartung, dass die meisten Banken und Versicherer nicht viel zu diesem Wachstumspotenzial beitragen, wenn die Schuldenvergemeinschaftung in Form von Eurobonds käme. Dann würden die Bestands-Peripherie-Anleihen nämlich deutlich an Wert verlieren. 

Begrüßenswert ist an der Einführung einer Haftungsunion, dass damit die großen Reformanstrengungen Italiens und Griechenlands honoriert werden – zumindest aus deren Sicht. Diese stünden aber einmal mehr und unmittelbar vor einer ganz wichtigen Fragestellung: Wie lässt sich das Ding mit der lästigen Eigenverantwortung aushebeln? Lenny Fischer schlägt vor, die Altschulden in eine gemeinsame neue Schuldenagentur einzubringen und dann die Begebung neuer Schulden durch diese Agentur auf einen Prozentsatz vom Bruttosozialprodukt der jeweiligen Länder zu begrenzen. Neue Schulden über dem besagten Prozentsatz müssten – oder besser „sollten“ (?) – die Länder in Eigenverantwortung und nachrangig begeben. Diese nachrangigen Anleihen wären damit nur in der Verantwortung des Landes und somit ausfallgefährdet, so Fischer. Sie genössen damit auch nicht das Privileg der Nullkapitalgewichtung von Staatsanleihen in Bankbilanzen. „Auf diese Weise gibt es eine Disziplinierung, und die Solidarität kann nicht unbegrenzt ausgenutzt werden.“ 

Die Schuldnerstaaten hätten dann also verschiedene Ansatzpunkte. Eine bereits bewährte Maßnahme: Wie rechnet man das Bruttosozialprodukt hoch? Mit den hierfür nötigen Details kann bestimmt ein Investmentbanker wie Lenny Fischer aufwarten. Ein anderer Punkt wäre, sich zum Beispiel bei der EZB dafür einzusetzen, dass die Nachränge auch das Privileg der Nullkapitalgewichtung unter Solvency II und Basel III genießen. Dann nämlich wären wiederum viele deutsche Lebensversicherungen und Pensionskassen bereit, sich mit den Papieren vollzusaugen – und die Nordeuropäer wieder erpressbar!

Mehrere dutzend Kommentatoren zeigen sich von dem Vorschlag Fischers allerdings noch nicht ganz so überzeugt. Wohl auch aufgrund von fehlendem Vertrauen in die EZB-Politik. „Ein Draghi an der Spitze der EZB ist das Gleiche, als ob ich meinen Hund die Grillwürstchen bewachen lasse“, argumentiert „Welt“-Leser Günter B. Wir meinen: Da werden nicht viele Würstchen übrigbleiben. Anders gesagt: Falls bei Ihnen am Monatsende nach Abzug aller Lebenshaltungskosten und sonstiger Verpflichtungen noch etwas Geld übrigbleibt, könnte man sich überlegen, einen edlen Umtrunk zu sich zu nehmen und mit der besseren Hälfte einen lukullischen Ausflug zu unternehmen – um anschließend mit leeren Taschen im Lokal um Unterstützung zu bitten. Auch das gäbe sicher ein großes Hallo. 

Wenn Ihnen noch Ideen gegen den „Durchwurschtel-Euro“ in den Sinn kommen, dann wenden Sie sich bitte vertrauensvoll an die Redaktion von portfolio oder kurzerhand an unsere Freunde in Südeuropa. 

 
Anzeige
Einen Kommentar schreiben
Wir freuen uns über Ihre Kommentare. Schreiben Sie uns Ihre Meinung!

CAPTCHA Bild zum Spamschutz Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
* Pflichtfelder