Versicherungen
28.11.2017

Die Win-win-win-Situation der deutschen Lebensversicherer

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Lebensversicherer stehen in Zeiten von Nullzinsen vor der Entscheidung, das Geschäft mit klassischen Garantieprodukten neu aufzuziehen, auslaufen zu lassen oder die Altpolicen an spezialisierte Unternehmen zu verkaufen. Darin finden Investoren gefallen und sehen neuen Anlagehorizonten entgegen.

Wenn der Entfesselungs- und Zauberkünstler Harry Houdini noch leben würde, wäre er sicher stolz auf das, was die deutsche Assekuranz in diesen Tagen aus dem Hut zaubert: Immer mehr Versicherungsunternehmen finden Mittel und Wege, sich auf geradezu magische Weise von angestaubten Altpolicen zu befreien. Dank geschickter Tricks und unter Einsatz ausgefeilter Werkzeuge können sie sich so von Problemen im Bestand entfesseln und die Knebel auf Nimmerwiedersehen verschwinden lassen. Der Clou ist aber ein anderer: Institutionelle Investoren sind als Entfesselungskünstler mit von der magischen Partie und machen Stroh zu Gold. Am Ende der Show zaubern alle Beteiligten ein Kaninchen aus dem Hut. 

Manege frei! 

„Früher war die Lebensversicherung ein einfaches Geschäft: Der ­Garantiezins für sogenannte ‚klassische‘ Lebensversicherungspolicen lag bei vier Prozent, die durchschnittliche Verzinsung der Kapitalanlagen der deutschen Versicherungsunternehmen bei 7,5 Prozent. Die Differenz reichte locker für die Verwaltungskosten und den Vertrieb der Versicherungsunternehmen, und es blieb noch ausreichend Überschuss für den Versicherungsnehmer übrig.“ Mit diesen Worten blickt Jan Eltzschig von der Kanzlei DLA Piper in einem Gastbeitrag für die Börsen-Zeitung in die Vergangenheit zurück, in der die Assekuranz ohne zu zögern klassische Lebensversicherungspolicen vertrieben hat und wohl nicht einmal im Traum daran dachte, diesen Eckpfeiler ihres diversifizierten Produktspektrums zur Disposition zu stellen und sich darüber hinaus von gigantischen Policenbeständen zu trennen.

Doch so sieht die Gegenwart aus: Immer mehr Versicherer stellen das Neugeschäft im Bereich der klassischen Lebensversicherung mit Garantiezins ein. Da keine neuen Verträge hinzukommen, reduziert sich der Bestand nach und nach und läuft aus – man spricht in dem Zusammenhang von einem „Run-off“. Jan Eltzschig kennt die Situation aus erster Hand. Schließlich hat er die Baloise-Gruppe beim Verkauf ihres Run-Off-Bestandes und des Geschäftsbetriebs der deutschen Niederlassung der Basler Leben AG an die Frankfurter ­Lebensversicherung AG, eine sogenannte Run-off-Plattform, beraten. Weitere Beispiele dürften nur eine Frage der Zeit sein. In der jüngeren Vergangenheit haben sich bereits einige Versicherer aufgrund des andauernden Niedrigzinsniveaus zu einem Run-off entschieden. Sie stehen hier nach Einschätzung von Dr. Frank Grund, Exekutivdirektor der Versicherungsaufsicht bei der Bafin, häufig noch am Anfang, wie er anlässlich der Jahrespressekonferenz der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) im Mai 2017 ausführte. Von einem großen Trend war damals tatsächlich noch nicht viel zu sehen, sondern allenfalls zu ahnen. Abwicklungsplattformen können nach Einschätzung des Exekutivdirektors aber „durchaus ein taugliches Sanierungsinstrument sein“, wie Grund sich ausdrückte. 

In der Branche heißt es, die Betreuung und Abwicklung von Run-off-Beständen bindet bei den Versicherungsunternehmen viel Kapital und Ressourcen und erscheint strategisch nicht sinnvoll. Das sehen auch die Berater von Willis Towers Watson so. Ihrer Einschätzung nach sei eine Verbesserung von Kapitalposition und Profitabilität vielerorts notwendig. Die Schuldigen sehen so aus: Die Eigenkapitalunterlegung von Risiken unter Solvency II, die Zinszusatzreserve und sinkende Neugeschäftszahlen setzen die Versicherer unter Druck. Weitere Treiber für das Schließen von Produktlinien: zu hohe Kosten für die Bestandsverwaltung, geringe Produktprofitabilität und häufig auch zu kleine Portfolien. Von dieser Ausgangssituation versprechen sich Run-off-Plattformen – in Deutschland beaufsichtigte Lebensversicherungsunternehmen, wie die Frankfurter Leben – kräftige ­Zuwächse.

Die Abwicklungsspezialisten sind der Auffassung, dass sie mit modernster Informationstechnologie effizienter arbeiten können als die Versicherungsgesellschaften – und durch die schlanke Verwaltung der von der Assekuranz zur Disposition gestellten Policen ein profitables Geschäftsmodell gefunden haben. Den Kunden, die nun miterleben, wie „ihr“ Versicherer die Policen an Investoren verkauft, soll kein Nachteil entstehen; der Imageschaden, der durch den Weiterverkauf von Lebensversicherungspolicen entsteht, dürfte der Assekuranz aber noch lange anhaften. 

 
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