Schwarzer Schwan der Woche
08.06.2018

Elf Freunde müsst ihr sein

Fußball und Kapitalanlage haben mehr miteinander gemein als man denkt.

Als institutioneller Investor ist man geneigt, sein Portfolio möglichst breit zu streuen, um in allen Marktphasen unter dem Strich stabile Erträge zu erzielen. Denn nur so lassen sich die Verpflichtungen, typischerweise Rentenzahlungen, auch bedienen. Ähnlich wie eine eingeschworene  Fußballmannschaft nicht aus elf Stürmern besteht, ist auch ein gutes Portfolio sowohl im offensiven Bereich als auch in der Defensive für das gerüstet, was da so kommen mag.

Ortswechsel vom Rasen auf das Börsenparkett: In diesen Tagen mehren sich die Stimmen, die nach sieben Jahren Aktienmarkthausse und historisch niedrigen Zinsen eine nachhaltige Marktkorrektur vor der Tür stehen sehen. So gelten Biotech- und Tech-Aktien historisch betrachtet als extrem überbewertet, wie aus einem Interview mit Fondsmanager Marc Siebel hervorgeht, das Universal-Investment geführt und in dieser Woche veröffentlicht hat. Biotechnologie- und Tech-Titel seien trotz hoher Verluste und teilweise abenteuerlicher Bilanzierungspraktiken stark gestiegen, ärgert sich Siebel über diese „Trash Rally“. Sein Ärger dürfte vor allem daher rühren, dass er auf etwas anderes gesetzt hat und sein Fonds zuletzt arg gebeutelt wurde. 

Irgendwann muss die Hausse doch einmal vorbei sein. Bloß wann? Die Luft für Biotech & Co scheint dünner zu werden. Eine aktuelle Auswertung des US-Wirtschaftsprofessors Keith Wright in Kooperation mit der Universität St. Gallen zeige, dass die Bewertungen mittlerweile höher sind als zu Zeiten der Dotcom-Blase im Jahr 2000. So genannte „Einhörner“, also vorbörslich von Venture-Capital-Investoren gehaltene Beteiligungen mit Bewertungen oberhalb von einer Milliarde US-Dollar, seien bis zu 50 Prozent überbewertet, heißt es.

Die Studie verweist auf eine Untersuchung des National Bureau of Economic Research, die zu einem ähnlichen Ergebnis kommt. Ein Zinsanstieg hätte dramatische Folgen für Börsengänge und deren Bewertung. Ein direkter Einfluss auf börsennotierte Techwerte sei unvermeidlich. Aus Investorensicht kommt es noch dicker: Der Anteil von unprofitablen Firmen, die im Rahmen eines IPOs den Weg an die Börse wagen, hat laut Siebel dramatisch zugenommen und liegt bei stolzen 80 Prozent. 

Was wohl der Vater der Fundamentalanalyse, oder der Sepp Herberger der Kapitalanlage, Benjamin Graham, dazu sagen würde? Graham nutzte die fundamentale Aktienanalyse, um seine Entscheidungen zu treffen. Dazu konzentrierte er sich zunächst ausschließlich auf Bilanzkennzahlen. Später zog er noch weitere Kennzahlen, wie die Dividendenrendite oder die Verschuldung hinzu. Während der 1930er Jahre konnte der Autor des Klassikers „The Intelligent Investor“ laut der „Value-Akademie“ mit seinem Value Investing herausragende Ergebnisse erzielen. Er wählte gezielt günstige Unternehmen aus und profitierte von dem irrationalen Marktverhalten. 

Auf dem Erdball gibt es heute kaum noch Aktien, die in sein Anlageschema passen. Laut dem Asset Manager GMO gibt es insbesondere in den USA keinerlei Aktien mehr, die für Graham in Frage kämen. Ob das Ende der Trash Rally damit aber tatsächlich vor der Tür lauert, steht auf einem anderen Blatt. Was mit Sicherheit vor der Tür steht ist die Fußball-WM in Russland. Und Jogi Löw hat mit der Zusammenstellung des WM-Kaders bewiesen, dass Fußball eine Mannschaftssportart ist. Nicht der beste Spieler, sondern das beste Team wird Weltmeister. Gelingt es Löw, aus seinen vielen Stars einen verschworenen Haufen zu formen, sind die Chancen auf eine Titelverteidigung groß.

In der institutionellen Kapitalanlage gilt das im Prizip auch, wer breit streut, fährt am besten. Trash-Rally hin, Minizinsen her. Aber Unterschiede bestehen zwischen Kapitalanlage und Fußball eben auch. Fußball ist noch kurzfristiger, die elf Spieler müssen anders als die Einzeltitel eines Portfolios miteinander korrelieren und es gibt noch keine Einhörner. Zumindest bislang lag die Höchstbewertung eines Kickers bei 222 Millionen Euro. Von einer Überbewertung muss aber auch hier ausgegangen werden.  

 
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