Meinungen aus dem Markt
09.07.2018

ESG als integraler Bestandteil des umfassenden Risikomanagements

Ingo Speich (Bild: Union Investment)

In diesem Beitrag zeichnet Ingo Speich den Weg des einstigen Nischenthemas Nachhaltigkeit zum integralen Bestandteil eines modernen Risikomanagements nach. Im anschließenden Interview beantwortet der Leiter Nachhaltigkeit und Engagement bei Union Investment weitere Fragen.

Die Karriere des einstigen Nischenthemas Nachhaltigkeit ist beachtlich. Was vor einigen Jahren noch als Randerscheinung der globalen Vermögensverwaltung galt und vor allem für bestimmte Anlegergruppen etwa aus dem kirchlichen Umfeld relevant war, ist im Mainstream angekommen. Das hat gute Gründe, denn die Berücksichtigung von Nachhaltigkeitskriterien bei der Geldanlage wirkt sich positiv auf den Erfolg aus. Union Investment beschäftigt sich mit dem Thema bereits seit den 1990er-Jahren. ESG-Faktoren (ESG steht für Environment, Social und Governance, also für die Bereiche Umwelt, Soziales und Unternehmensführung) sind mittlerweile fest in den Investmentprozess integriert. Das Ziel ist in ¬erster Linie ein verbessertes Risikomanagement. 

Die jüngere Vergangenheit hat wiederholt gezeigt, dass es eine ¬ganze Reihe von Risikofaktoren für Aktienkurse gibt, die durch die althergebrachten Muster nicht hinreichend erklärt werden können. Dazu gehören Klage-, Regulierungs-, Reputations- und Event-Risiken, wie sie etwa bei der Katastrophe um BPs -Ölplattform Deepwater Horizon, dem Korruptionsnetzwerk von Brasiliens Erdölkonzern Petrobras oder dem VW-Abgasskandal offen zutage traten. Von jeder dieser vier Risikoklassen geht eine potenzielle Bedrohung für das Portfolio aus, die durch die klassische Unternehmensanalyse, wie sie über Jahrzehnte Standard war, nicht adäquat abgedeckt wird.

Wer Nachhaltigkeitskriterien in seinen Investmentprozess integriert, führt damit also in erster Linie einen zusätzlichen Risikomanagementfilter ein. Denn aufkommende Probleme etwa mit CO2-Emissionen, mangelhaften Arbeitsbedingungen oder unzureichenden Kontrollmechanismen in Unternehmen treten nicht plötzlich und unvermittelt auf, sondern haben eine Vorgeschichte. Tief greifende ESG-Analysen machen sie frühzeitig sichtbar. Als Teil eines integrierten Research-Prozesses sollten Nachhaltigkeitsspezialisten und Portfoliomanager daher in Tandems eng zusammenarbeiten, um die fundamentale Wertpapieranalyse mit ESG-Faktoren anzureichern und derartige Risiken in die Investmententscheidungen einfließen zu lassen.

Besserer Blick auf erfolgreiche Geschäftsmodelle

Es gibt neben der Analyse von Risiken noch einen weiteren wichtigen Grund, warum ESG-Research für das Portfoliomanagement – und damit auch für die Kunden eines Asset Managers – von großem Nutzen ist. Wer sich mit Nachhaltigkeitskriterien auseinandersetzt, bekommt ein besseres Gefühl für die Tragfähigkeit von -Geschäftsmodellen. Tiefgehende Kenntnisse hinsichtlich der künftigen Emissionsstandards erlauben beispielsweise eine fundierte Einschätzung, welche Unternehmen etwa im Transportsektor diesbezüglich führend sein werden. Und wer sich mit dem demografischen Wandel und den damit einhergehenden gesundheitlichen Problemen der Bevölkerung auskennt, kann die künftige Nachfrage nach medizinischen Hilfsmitteln besser einschätzen. Immer wenn disruptive Veränderungen einen Sektor oder eine Region bedrohen, stehen die Chancen gut, mithilfe von ESG-Research als Frühindikator anderen Marktteilnehmern einen Schritt voraus zu sein. Das gilt für eine ganze Reihe von Kernthemen, deren Relevanz vor einigen Jahren vielen Investoren noch nicht bewusst war: Energieeffizienz, Wasserfilter, LEDs als Ersatz für die alte Glühbirne, Elektromobilität und damit einhergehend optimierte Batterietechnik. Dies sind einige Teilbereiche, die zeigen, wie der erkennbare Trend zum Haushalten mit Ressourcen zu neuen, zukunftsträchtigen und oft eben auch hochprofitablen Geschäftsmodellen geführt hat. Um ein Gespür für die Intensität der CO2-Belastung zu entwickeln und zu einer emissionsärmeren Welt beizutragen, hat sich Union Investment verpflichtet, den CO2-Fußabdruck der Portfolios jährlich zu messen und zu veröffentlichen. 

Unternehmen im Dialog

Eine ausgereifte Nachhaltigkeitsstrategie erschöpft sich allerdings nicht im Research und in der Analyse, so unerlässlich diese Disziplinen für den Anlageerfolg auch sind. Mindestens ebenso wichtig ist der konstruktive, direkte Dialog mit den Unternehmen. Der enge Kontakt und ein belastbares Verhältnis zum Management bieten Gelegenheit, Missstände nicht nur, aber auch im Bereich der ESG-Faktoren anzusprechen. Konkret ermöglicht dieser Dialog, etwa auf Risiken in den Zulieferketten oder an bestimmten Produktionsstandorten hinzuweisen. Auch potenzielle Defizite in den Governance-Strukturen müssen Gegenstand der Gespräche sein, etwa im Fall von neu zu besetzenden Aufsichtsratspositionen. Zu diesen Unternehmensdialogen kommen die Abstimmungen auf Hauptversammlungen hinzu. Ziel ist es auch hier, bei den Unternehmen ein Bewusstsein für die Relevanz von Nachhaltigkeit zu schaffen, die Governance-Strukturen im Konzern zu stärken und damit Risiken sowohl für den Konzern selbst als auch für dessen Aktionäre zu minimieren. Die Fondsmanager von Union Investment führen pro Jahr rund 4.000 Unternehmensgespräche, bei denen immer -häufiger ESG-relevante Punkte angesprochen werden.

Neue Anlageklassen entstehen

Das Thema ESG ist dabei keinesfalls nur für Aktieninvestoren relevant, es wird auch für Anleihen immer wichtiger: Im Falle von sogenannten Green Bonds hat der Wandel sogar zur Einführung einer neuen Asset-Klasse geführt. Anders als bei vielen herkömmlichen Papieren wissen die Investoren bei einer grünen Anleihe genau, wofür sie dem Unternehmen Geld leihen. In der Regel sind das grüne Projekte wie Windkraftanlagen, umweltverträgliche Abfallwirtschaft oder nachhaltige Wassernutzung. Mittlerweile treten neben Adressen wie etwa der deutschen Förderbank KfW oder der Europäischen Investitionsbank (EIB) auch Banken wie ABN Amro aus den Niederlanden, der österreichische Versorger Verbund AG oder vor einigen Wochen der US-Technologiekonzern Apple auf. Das Volumen ist in den vergangenen Jahren förmlich explodiert: 2012 lag das neu emittierte Volumen noch unter der Marke von drei Milliarden Euro, 2015 waren es rund 40 und 2017 gut 130 Milliarden Euro. Mittlerweile ist der Markt dementsprechend groß und liquide genug für Fonds, die ausschließlich in Green Bonds investieren und gleichzeitig ausreichend diversifiziert sind. Diese Chance hat Union Investment genutzt und ein Produkt aufgelegt. 

Dass das Thema ESG in Zukunft wieder abflaut, ist nicht zu erwarten. Denn vor allem institutionelle Anleger werden einen verstärkten Druck von regulatorischer Seite spüren. Auf europäischer Ebene gibt es derzeit zahlreiche Initiativen. Basierend auf den Erkenntnissen einer Expertengruppe der EU, die Anfang des Jahres ihren Abschlussbericht vorgelegt hat, werden derzeit Arbeitspakete geschnürt, die sehr bald verpflichtend für ganz Europa sein sollen. Dieser Aktionsplan wird zweifellos zu signifikanten Veränderungen für institutionelle Anleger führen. Die bereits verabschiedete neue EU-Aktionärsrechterichtlinie, die bis Mitte nächsten Jahres in nationales Recht überführt werden muss, verpflichtet sie beispielsweise dazu, bei Hauptversammlungen von ihrem Stimmrecht Gebrauch zu machen. Da sie sich im Krisenfall für ihr Abstimmungsverhalten rechtfertigen müssen, werden beispielsweise Pensionsfonds gezwungen sein, sich mit Governance-Themen auseinanderzusetzen. Eine stärkere Berücksichtigung von Nachhaltigkeitskriterien in der Kapitalanlage dürfte demnach kaum aufzuhalten sein. Und das ist definitiv eine gute Nachricht.

portfolio institutionell Statement, Juni 2018

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