Schwarzer Schwan
25. Februar 2013

Firmenpleite in Rekordzeit

Um die Aktienkultur in Deutschland ist es nicht gut bestellt. Und das aus gutem Grund.

Nicht nur Privatleute halten sich nach dem Platzen der New-Economy-Blase und zahlreichen Firmenpleiten am Neuen Markt weitgehend vom Börsenparkett fern. Auch bei institutionellen Investoren will angesichts der immer wieder hochkochenden Volatilität keine rechte Kauflust aufkommen – trotz der Aussicht auf unterhaltsame Hauptversammlungen mit Würstchen und Kartoffelsalat.
Dass die Liebe zu Aktien nicht mehr so heißblütig brennt wie noch vor knapp 16 Jahren, als Telekom-Chef Ron Sommer mit seiner Volksaktie die Herzen der Anleger im Sturm eroberte, ist nicht zuletzt Halunken, wie sie die Hess AG, ein Anbieter von Straßen- und Hausleuchten, hervorgebracht hat, zu verdanken. Im Oktober 2012 konnte der damals amtierende Firmenchef Christoph Hess neue Investoren von seinem Geschäftsmodell überzeugen und nach einigem Hin und Her auch das Börsenparkett erobern.
Am ersten Handelstag ließ Hess, der nebenbei als Honorarkonsul von Ungarn für den Freistaat Sachsen seinen Mann steht, es sich nicht nehmen, die Neuemission auf dem Frankfurter Börsenparkett zu feiern. Grund genug hatte er, lag doch der Börsenwert bei rund 80 Millionen Euro. Der in die Kasse der Hess AG geflossene Emissionserlös von rund 35 Millionen Euro wurde indessen dringend benötig, um die Verschuldung des Ladens, der 2011 rund 68 Millionen Euro umgesetzt haben soll, zu drücken und das Wachstum zu forcieren. Jüngst musste der Vorstand allerdings überraschend feststellen, dass die noch vor wenigen Monaten so aussichtsreiche Gesellschaft zahlungsunfähig und überschuldet ist. Sieht nach einer Pleite in Rekordzeit aus!
Bilanzen frisiert
Inzwischen haben mehrere Insolvenzverwalter bei Hess das Ruder übernommen. Der ursprüngliche Vorstand wurde gefeuert und sieht sich inzwischen mit Untersuchungen der Staatsanwaltshaft Mannheim und der Bafin konfrontiert. Nach Angaben des Unternehmens ist es wahrscheinlich, dass es über einen längeren Zeitraum mit Kenntnis des Vorstands zu Verstößen gegen Bilanzierungsregelungen gekommen ist. So besteht der Verdacht, dass die Hess AG seit 2011 fingierte Umsätze ausgewiesen hat. In den Finanzberichten für 2011 und 2012 wurden daher nicht bestehende Umsätze ausgewiesen und die Finanz-, Vermögens- und Ertragslage zu positiv dargestellt. Ein Hoch auf gründliche Wirtschaftsprüfer und die beim IPO federführende Landesbank Baden-Württemberg!
Hier zeigt sich einmal mehr, wie schnell sich Geld verbrennen lässt. Während Investoren bei zahlreichen Pleitekandidaten am Neuen Markt erst nach ein paar Jahren einsehen mussten, dass das Investment schlussendlich im Eimer war, ging es bei der Hess AG blitzschnell. Wer beim IPO zum Ausgabekurs von 15,50 Euro zugegriffen hatte, kann heute rund 94 Prozent seines Einsatzes abschreiben. Ob Wertsicherungskonzepte hier etwas genutzt hätten? 
Kaum zu glauben, aber wahr: Der „hessliche“ Verlust wird noch hässlicher, wenn man sich die Opportunitätskosten vor Augen führt. Wer im Oktober einen schnöden ETF auf den Dax gekauft hätte, statt sich bei Hess zu engagieren, hätte bis zum Bekanntwerden der Pleite eine Vorsteuerrendite von knapp über sieben Prozent einheimsen können. Die Anleger hatten bei der Hess AG wegen geringer Profitabilität und negativer Free Cashflows übrigens keinen Grund auf die Ausschüttung einer Dividende zu hoffen.
Die Redaktion von portfolio wünscht Ihnen ein erholsames Wochenende.
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