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16.03.2010

Fiskalische Oxidation

Die Dividendensaison steht vor der Tür. Oft ist Anlegern aber nicht bewusst, dass der Begriff "Dividendenabschlag" auch im steuerlichen Kontext verstanden werden kann.

Die Dividendensaison steht vor der Tür. Oft ist Anlegern aber nicht bewusst, dass der Begriff "Dividendenabschlag" auch im steuerlichen Kontext verstanden werden kann. Bei internationalen Dividendenstrategien drohen auch in ­diesem Frühjahr wieder empfindliche Verluste, wenn im Ausland die Quellensteuer abgeschöpft wird.

Futures haben den Härtetest der Finanzkrise mit Bravour bestanden. Stets liquide halfen sie Investoren, die Betas ihrer Aktien- und Rentenportfolios abzusichern, und erwiesen sich dadurch als stabilisierendes Element. Fleißige Arbitrageure sorgen dafür, dass der ­Future auch immer exakt das Underlying spiegelt. Hedgt der Investor sich mit einem Future ab, können Verluste somit nur noch durch ein missglücktes aktives Management eines Fondsmanagers im Rahmen des Tracking Errors entstehen. Mancher Anleger muss aber trotz einer 100-prozentigen Beta-Absicherung per Future Performance-Verluste konstatieren. Zu diesem in der Regel für den Anleger überraschenden Schwund kommt es insbesondere in der Dividendensaison. Vergleichbar mit dem in alten Weinflaschen entstehenden natürlichen Schwund ist die über Nacht geschrumpfte Performance aber nicht. Denn die Oxidation der Assets ist nicht chemischer, sondern fiskalischer Natur.

Schuld hat die Quellensteuer. Dieser unterliegen die Dividenden ausländischer Aktiengesellschaften. Angenommen, ein ausländisches Unternehmen lässt seine Aktionäre mit zehn Euro pro Aktie am ­Gewinn partizipieren: Dann kompensiert zwar ein Future-Verkauf den Dividendenabschlag im Kursindex, bei der Performance entsteht aber zum Beispiel ein Verlust von zwei Euro, wenn von einer Dividendenausschüttung von zehn Euro beim Investor wegen der Quellensteuer nur acht Euro ankommen. Allgemein gilt: Der Verlust ist mit der ­Höhe der Quellensteuer und der Dividende positiv korreliert.

"Es gibt nur einen Future-Preis an der Börse, und diesem steht ­eine steuerliche Vielfalt der Anleger gegenüber", erläutert Axel Gießel­bach das Gap. Der Direktor Asset Management bei Sal. Oppenheim weist seine Kunden zwar auf diesen Steuereffekt hin: "In der Breite wird dieser Effekt aber von den Investoren unterschätzt". Der Quellen­steuereffekt bei einem deutschen Publikumsfonds, der in den Euro­ Stoxx 50 investiert, beträgt ceteris paribus 2009 52 Basispunkte ­Vorteil gegenüber den Berechnungsannahmen des Net Return Index, rechnet Gießelbach vor. Während nämlich der Net Return, also der Preisindex plus Bruttodividenden minus der in den einzelnen Ländern anfallenden Quellensteuer, des wichtigsten europäischen Aktienindex 2009 bei 25,65 Prozent lag, kam der Publikumsfonds auf eine Performance von 26,17 Prozent (siehe Tabelle). Dieser Unterschied beruht darin, dass der Publikumsfonds die Dividenden deutscher Indexmitglieder ohne Quellensteuerabzug vereinnahmt und bei ausländischen Dividenden je nach Doppelbesteuerungsabkommen einem niedrigeren Quellensteuerabzug unterliegt. Ein Spezialfonds kommt in dem Beispiel sogar auf eine Performance von 26,4 Prozent. Dies liegt an der im Vergleich zum Publikumsfonds unterschiedlichen steuerlichen Behandlung der französischen Dividenden. Anders als im Falle von anonymen Publikumsfondsanlegern kann die KAG, die Depotbank oder der Wirtschaftsprüfer des Investors der ausländischen Finanzbehörde den Steuerstatus des Anlegers nachweisen. Der Abstand zur Bruttorendite ist aber immer noch beträchtlich. Von der Bruttodividende von knapp sechs Prozent sahen Publikumsfonds­investoren 2009 also nur etwa fünf Prozent. Dem Spezialfondsinvestor­ fehlen zur Bruttodividende immerhin 78 Basispunkte.

siehe Grafik

Obacht heißt es insbesondere bei einer High-Dividend-Strategie auf französische Aktien. In Paris schöpft der Finanzminister 25 Prozent der Dividende an der Quelle ab. Lediglich zehn Prozentpunkte werden auf Antrag rückerstattet. Laut Pricewaterhouse Coopers (PWC) verweigern beziehungsweise verschleppen die französischen Behörden auch Erstattungen an steuerbefreite Anleger. Zudem können die Verwaltungsgebühren bei Anträgen im Namen von Spezialfonds­investoren hoch sein. Das einnehmende Wesen des Ministre des ­Finances ist auch bei Investments in den Euro Stoxx 50 zu verspüren, da immerhin 19 Indexmitglieder in Frankreich beheimatet sind. Französische Unternehmen scheinen eine gute Lobby zu haben. Zwölf ­Indexmitglieder stammen aus Deutschland. Sie haben für ausländische Dividendenjäger den Nachteil, dass hierzulande nicht nur Quellen­steuerabzug, sondern auch noch der "Soli" anfällt. Aus Italien sind sechs Unternehmen im Euro Stoxx 50 gelistet. Bei italienischen Dividenden unterstellt Stoxx für die Berechnung des Net Return einen Quellensteuersatz von 27 Prozent. Problematisch sind in Italien aber insbesondere die Rückerstattungsfristen. "In Italien dauern Rückerstattungen sechs bis acht Jahre", sagt Markus Hammer von PWC. Rückerstattungen sind generell für die KAG aufwendig, aber lohnend für den Anleger. "In unserem angeführten Beispiel kann der Spezialfonds 2009 23 Basispunkte für den Anleger mehr erzielen als ein deutscher Publikumsfonds, wenn sich die serviceorientierte KAG in Zusammenarbeit beziehungsweise Absprache mit der jeweiligen Depotbank­ die personalintensive maximale Rückerstattungsmühe macht", sagt Gießelbach. Günstige KAGen erfreuen den Anleger insbesondere dann, wenn er nicht weiß, dass er Rückerstattungen ­bekommen könnte. Die Rückerstattungen machen aber deutlich, dass man bei der KAG nicht nur auf den Preis schauen darf. Denn nicht ­jede KAG macht einen Anleger auf Rückerstattungen aufmerksam. Fraglich auch, ob jeder Investor weiß, dass er von einer KAG, deren Mandat womöglich längst gekündigt ist, in einem halben Jahrzehnt noch eine Rückerstattung erwarten darf.

Möglicherweise wird die Quellensteuer auf Dividenden künftig abgeschafft. Dies erwartet Steuerberater Hammer: "Der Europäische Gerichtshof hat in verschiedenen Urteilen der Vergangenheit moniert, dass die Quellensteuer Europarecht tangiert. Da sich Kapital kaum bremsen lässt, geht die Entwicklung hin zu Verbrauchs- und ­indirekten Steuern." Noch ist ein Versiegen der Quellensteuer aber nicht abzu­sehen. Stand heute drohen somit gerade bei High-Dividend-­Strategien empfindliche Einbußen. Lösungen liegen nicht auf der Hand. Einfach keine Aktien oder nur einheimische Dividendentitel zu kaufen, ist ­finanztheoretisch wenig durchdacht. Mehr Futures zu verkaufen, führt zu Beta-Risiken. Bei Absolute-Return-Mandaten macht man sich zwar über Beta-Absicherungen weniger Gedanken, diese schützen aber auch nicht vor der Quellensteuer. Die Performance dadurch zu schützen, dass man während der Dividendensaison in die Kasse geht, hat neben Transaktionskosten den großen Nachteil, dass die Ausschüttungen versäumt werden. Eine sinnvollere Strategie ist, mit ­international aufgestellten Häusern zu investieren, die nahezu überall als Inländer auftreten. Auch multinationale Corporates genießen diesen Vorteil. Wer mit international vertretenen Asset Managern investiert, kann mit diesen gegebenenfalls verhandeln, dass man von ihrem Quellensteuervorteil zumindest einen Teil abbekommt. Beim Kauf des Euro-Stoxx-50-ETF von DB X-Trackers partizipiert man an diesem Vorteil durch die bei null Prozent liegenden Verwaltungsgebühren. Während in den Index Quellensteuerzahlungen einbezogen werden, muss der Fonds diese nicht oder zumindest nicht komplett entrichten. Intransparent ist jedoch, in welchem Maß der ETF diesen Vorteil und den der Wertpapierleihe weitergibt beziehungsweise wie es unter dem Strich um die Kosten bestellt ist. Hier ist noch ein weiterer steuer­licher Aspekt zu beachten: "Erträge aus Dividenden unterliegen dem Beteiligungsprivileg. Erträge aus Swaps oder Aktienleihe, wie sie von vielen ETF betrieben wird, werden voll versteuert", warnt Hammer. "Replizierende ETF generieren steuerfreie Veräußerungsgewinne, wohingegen Erträge aus Swap-Geschäften steuerpflichtig sind."

 
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