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09.07.2010

Für den guten Zweck

Dank ihrer konservativen Anlagestrategien sind deutsche Stiftungen gut durch die Finanzkrise gekommen. Allein mit Renten bester Qualität werden Stiftungen ihre Ziele in Zukunft aber nicht schaffen.

Dank ihrer konservativen Anlagestrategien sind deutsche Stiftungen gut durch die Finanzkrise gekommen. Allein mit Renten bester Qualität werden Stiftungen ihre Ziele in Zukunft aber nicht schaffen. Umschichtungen im Portfolio sind bei den meisten jedoch nicht geplant. Es herrscht Zufriedenheit mit der Diversifikation des eigenen Portfolios.

Die Stiftungen von Harvard und Yale gelten seit Jahren als Sinnbild für erfolgreiches Kapitalanlagemanagement; schließlich glänzten sie Jahr für Jahr mit zweistelligen Renditen. Mit Ausbruch der Finanzkrise wendete sich jedoch das Blatt. Eine Rendite von minus 24,6 Prozent ließ das Vermögen von Yale in nur einem Jahr von 21 auf 16 Milliarden Dollar bis Ende des Finanzjahres 2009 zusammenschmelzen. Kaum besser erging es Harvard, deren Vermögen innerhalb eines Jahres von 36,9 auf 26 Milliarden Dollar schrumpfte. "Immer wieder wurden die deutschen Stiftungen aufgefordert, sich Harvard und Yale als Vorbild zu nehmen und zum Beispiel in Hedgefonds zu investieren. Auf diesen Zug ist man aber nicht aufgesprungen, was sich in der Krise letztlich als glücklich herausgestellt hat", sagt Hermann Falk, Mitglied der Geschäftsleitung beim Bundesverband Deutscher Stiftungen (BDS). Dies bestätigt eine im April veröffentlichte Umfrage des BDS, für die 388 deutsche Stiftungen interviewt wurden. Gegenüber 2007 ging die durchschnittliche Rendite zwar leicht zurück, lag mit rund 3,6 Prozent aber sowohl 2008 als auch 2009 im positiven Bereich. "Was man den deutschen Stiftungen lange vorgeworfen hat, war unterm Strich der Grund für das gute Abschneiden", erklärt Falk, der auf die konservative Anlagepolitik von deutschen Stiftungen anspielt, die überwiegend in festverzinsliche Papiere investiert sind.
Die rund 17.300 Stiftungen Deutschlands, die zusammen ein Vermögen von rund 100 Milliarden Euro verwalten, sind aber nicht alle unbeschadet durch die Krise gekommen. Laut Umfrage blieben rund 20 Prozent nicht ganz verschont. Dabei habe es sich vor allem um größere Stiftungen gehandelt. "Die Betrachtung einzelner Fälle spricht dafür, dass größere Stiftungen in ihrer Anlagestrategie oftmals weniger­ konservativ sind und stärker an der allgemeinen Finanzmarktentwicklung teilhaben", erklärt Dr. Antje Bischoff, wissenschaftliche Mitarbeiterin beim BDS. Folgende Beispiele untermauern diese Annahme: Im Jahr 2008 betrug die Performance bei der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU), die mit rund 1,8 Milliarden Euro Vermögen zu den fünf größten Stiftungen Deutschlands gehört, minus 11,9 Prozent. Ähnlich erging es der Hertie-Stiftung und dem Stifterverband für die deutsche Wirtschaft, deren Verluste sich auf 9,2 beziehungsweise 5,5 Prozent beliefen. Was diesen Stiftungen 2008 zum Verhängnis wurde, zahlte sich im Jahr darauf jedoch aus. "Die großen Stiftungen haben stärker am Aufschwung 2009 partizipiert", bemerkt Bischoff. So schaffte die DBU im vergangenen Jahr ein Plus von 18,1 Prozent, der Stifterverband verzeichnete ein Vermögenswachstum von 7,5 Prozent, und auch die Hertie-Stiftung konnte ihre Verluste von 2008 ausgleichen. "Ende 2009 haben uns die großen Stiftungen allesamt signalisiert, wieder im grünen Bereich zu sein", so Bischoff.

_Schreckgespenst Inflation

Die Krise wurde von den deutschen Stiftungen also insgesamt gut gemeistert. Auf diesen Lorbeeren sollten sie sich jedoch nicht ausruhen. Neue Herausforderungen stehen bereits vor der Tür. Obwohl derzeit eher deflationäre Zustände herrschen, wirft das Schreckgespenst Inflation bereits seine Schatten voraus. "Die politischen Anreize für eine offene oder verdeckte Inflation nehmen zu", bemerkt Michael Stammler, Vorstandssprecher der Feri Finance AG. Seines Erachtens werden die inflationären Risiken ab 2011 spürbar werden. In Anbetracht dessen und des derzeit niedrigen Zinsniveaus ist er davon überzeugt: "Wer sich auf Renten bester Qualität beschränkt, wird ein Wiederanlageproblem bekommen." Problematisch dürfte dies vor allem für kleine Stiftungen werden, die in höherem Maße in festverzinsliche Papiere investiert sind. Eine langfristig stärkere Ausrichtung auf Sachwerte ist für Stammler deshalb unausweichlich. Um ihre Core-Investments sollten Stiftungen seines Erachtens ein Sachwertportfolio als Satellit bauen. "Das Sachwertportfolio dient als Art Versicherung für den Fall einer erhöhten Inflation und monetären Verwässerung", so auch Kevin Schäfer, Leiter Family Office bei Feri Family Trust. In ­einem ­deflationären Umfeld kann dieser Ansatz jedoch Verluste bringen. Angesichts dessen dürften Stiftungen derzeit schwer von diesem Ansatz zu überzeugen sein. Vielmehr scheinen die deutschen Stiftungen mit der Diversifikation ihrer Portfolios zufrieden. Laut BDS-Umfrage beabsichtigen sie derzeit keine Umschichtungen.
Die Zufriedenheit reicht sogar noch einen Schritt weiter. Mit 75 Prozent sieht die Mehrheit keine Veranlassung, bestimmte Maßnahmen zur Effizienzsteigerung zu ergreifen. Beim BDS zeigt man sich über diese Aussage verwundert. Insbesondere bei kleinen Stiftungen gebe es noch einigen Nachholbedarf, was die eigene Kompetenz betrifft. Laut Falk gibt es erhebliche Wissenslücken, zum Beispiel beim Thema Rücklagen. Seiner Ansicht nach wissen viele Stiftungen nicht, dass laut Steuergesetz jährlich ein Drittel der Erträge in die Rücklage gegeben werden darf. Dies spiegelt sich auch in den Ergebnissen der Studie­ wider. Demnach haben weniger als die Hälfte Rücklagen gebildet. Laut Bischoff sind es vor allem größere Stiftungen, die diese Möglichkeit ergreifen. "Wenn eine Stiftung Rücklagen gebildet hat, dann ist diese mit rund zehn Prozent des Stiftungsvermögens jedoch recht hoch", fügt sie hinzu.

_Keine Spur von Risikomanagement

Nachholbedarf macht Falk aber noch bei einem anderen Thema aus. Über ein Risikomanagement zur systematischen Beurteilung von Anlagerisiken verfügt nur ein Drittel der 388 befragten Stiftungen, wobei es sich auch hier vor allem um größere Stiftungen handelt. "In Risiken denken die meisten kleineren Stiftungen nicht, sondern in Gemeinwohlchancen. Daher exististiert auch keine Kultur von Risikomanagement", so Falk. Allerdings räumt er ein: "Bei kleinen Stiftungen ist ein ausgeprägtes Risikomanagement nicht zwingend notwendig. Aber bei mittelgroßen Stiftungen über einer Million Euro sollten entsprechende Überlegungen angestellt werden." Angesichts der Tatsache, dass etwa 70 Prozent des deutschen Stiftungsvermögens auf kleine Stiftungen mit weniger als einer Million Euro entfallen, stellt sich die Frage: Was sollen diese Stiftungen machen? Die Lösung könnte lauten: Pooling von liquidem Vermögen.
Vom Erfolg dieses Weges ist Jens Güldner, Kapitalanlagechef des Evangelischen Johannesstiftes (EJS), überzeugt. Mit rund 60 Millionen Euro an liquiden Mitteln gehört die Berliner Stiftung nicht zu den kleinen, aber auch nicht den größten Stiftungen Deutschlands. Um sich dennoch in Sachen Diversifizierung, Mischung und Streuung genauso kosteneffizient wie große Stiftungen aufzustellen, hat das EJS für seine liquiden Mittel einen Spezialdachfonds mit Risiko-­Overlay aufgelegt. Der Umstieg auf dieses Vehikel macht sich bezahlt. Laut Güldner haben sich die externen Kosten der Vermögensverwaltung halbiert. Der EJS-Stiftungsfonds steht auch externen Anlegern offen. Als Konkurrenz zu den bestehenden Publikumsstiftungsfonds will sich Güldner aber nicht sehen. Auch Johannes Zerger, Geschäftsführer­ der Stiftung Demokratische Jugend, die rund zehn Millionen Euro an Vermögen hat, ist dem Pooling von Vermögen gegenüber positiv eingestellt. "Je größer, desto mehr Gewicht hat man in den Verhandlungen mit den Anbietern von Kapitalanlagen. Deshalb spricht einiges für Zusammenschlüsse", sagte er im Interview mit portfolio institutionell (Heft 6/2010). Mit dieser Meinung gehören Zerger und Güldner jedoch zu einer Minderheit. Zwar wollen laut einer Ende 2009 veröffentlichten Studie von Pricewaterhouse Coopers, für die 110 Stiftungen befragt wurden, rund 40 Prozent verstärkt auf Kooperationen mit anderen hinwirken. In der Umfrage des BDS zeichnet sich hingegen ein ganz anderes Bild. Mit 87 Prozent möchte die überwiegende Mehrheit ihr Vermögen nicht poolen. Das hält Falk jedoch auf Dauer nicht für die richtige Lösung: "Pooling ist ein Thema, das uns als Verband sehr nahe liegt. Für die meisten Stiftungen ist ein Vermögen unter einer Million Euro zu wenig, um zu leben." Deshalb rät er kleinen Stiftungen, das Thema Kooperation auf die Agenda zu nehmen.
Darüber hinaus hat er zwei weitere Ratschläge: "Stiftungen sollten sich selbst kompetent machen, um ein kompetenter Gesprächspartner für die Hausbank zu sein. Außerdem sollten sich die Vorstände stärker um die Stiftungsanlagen kümmern, und nicht nur zweimal im Jahr." Für die Zukunft der Stiftungskultur in Deutschland zeigt sich Falk moderat pessimistisch. Grund zum Optimismus gibt ihm das positive Abschneiden in der Finanzkrise. Gedämpft wird sein Optimismus jedoch von den Herausforderungen, die den Stiftungen angesichts des Niedrigzinsumfeldes blühen. "Den Schwenk in höherverzinsliche Papiere mit mehr Risiko werden viele kleine Stiftungen nicht schaffen", erklärt Falk.

 
Kerstin Bendix
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