Stiftungen
11.05.2018

Investoreninterview: Hertie-Stiftung zieht positives Fazit aus Private-Equity-Anlagen

John-Philip Hammersen (links) und Rainer Maucher (Foto: Angelika Stehle).

Die Geschäftsführer John-Philip Hammersen und Rainer Maucher erörtern mit Redakteur Tobias Bürger, wie man als Stiftung mindestens auf der Höhe der Zeit bleibt und bei der Kapitalanlage auch mal einen Schritt voraus ist.

Die deutsche Stiftungslandschaft ist in jeder Hinsicht vielfältig. Das betrifft den Stiftungszweck ebenso wie die Stiftungsgröße. Eine ihrer ganz großen Vertreterinnen ist die Gemeinnützige Hertie-Stiftung. Die Frankfurter zählen mit Assets von mehr als einer Milliarde Euro zu den 15 größten privaten Stiftungen auf deutschem Boden. In der Gegenwart befindet sich die Gemeinnützige Hertie-Stiftung in einem Prozess des Wandels. Dass sie gestärkt daraus hervorgehen wird, ist angesichts der Professionalität ihrer treibenden Kräfte im Vermögensmanagement und der vorbildlichen Zweckverwirklichung abzusehen. 

Meine Herren, stabile Netzwerke und vertrauensvolle Beziehungen zu einflussreichen Personen sind durch nichts zu ersetzen. Die Gemeinnützige Hertie-Stiftung hat sich in den vergangenen Jahrzehnten ein solches Umfeld aufgebaut. Vorstand und Kuratorium sind mit zahlreichen Persönlichkeiten besetzt. Sie verfügen außerdem über gut 250 Kooperationen zu Ministerien, Hochschulen, Unternehmen, Kommunen und anderen Stiftungen. Sechs Bundespräsidenten sind Schirmherren Ihrer Projekte. Was macht die Hertie-Stiftung für Dritte so attraktiv?

John-Philip Hammersen: Unser Netzwerk hängt ganz wesentlich mit den Personen zusammen, die die Hertie-Stiftung ab dem Jahr 2000 groß gemacht haben. Zu nennen ist hier vor allem Dr. Michael Endres. Er war von 2000 bis 2012 Vorstandsvorsitzender und hat in dieser Zeit die Stiftung maßgeblich aufgebaut. Herr Dr. Endres kam von der Deutschen Bank und ist sehr gut vernetzt. Und dieses Netzwerk ist gewachsen, was für die Stiftungsarbeit sehr hilfreich ist. 

Rainer Maucher: Maßgeblich an der Entwicklung beteiligt war auch der frühere Bundespräsident Roman Herzog. Er war Kuratoriumsvorsitzender und hat einen erheblichen Anteil daran, dass unsere Stiftung heute neben der politischen Ebene auch in Wirtschaft und Wissenschaft so stark vernetzt ist, wie Sie es beschreiben. Darüber hinaus bestehen viele institutionelle Kontakte, beispielsweise zu Ministerien. Sie sind primär durch die Projekte geprägt, die die Hertie-Stiftung aufgelegt hat.

Geben Sie bitte ein Beispiel. 

Maucher: Ich denke beispielsweise an „Jugend debattiert“. Der Schülerwettbewerb wurde erstmals 2001 in Frankfurt durchgeführt, heute wird er bundesweit ausgerichtet und hat sich fest etabliert als Maßnahme der politischen Bildung in der Schule. Kooperationspartner sind die Kultusministerkonferenz und die Kultusministerien der Länder. Der Wettbewerb wird von uns in Zusammenarbeit mit der Robert-Bosch-Stiftung, der Stiftung Mercator und der Heinz-Nixdorf-Stiftung auf Initiative und unter der Schirmherrschaft des amtierenden Bundespräsidenten durchgeführt. Ich würde deshalb sagen, dass unser Netzwerk Türen öffnet und Gesprächspartner erschließt, aber überzeugen müssen wir immer mit unseren Projektideen. In Wissenschaft und Wirtschaft beschäftigt man sich heute sehr stark mit der Digitalisierung, um im Wettbewerb den Anschluss nicht zu verlieren. Welche Rolle spielen solche Entwicklungen in Ihrem Hause? 

Hammersen: Es gibt in der Tat Veränderungen wie die Digitalisierung, die natürlich auch uns betreffen. Die Welt um uns herum bewegt sich nicht nur durch die Digitalisierung, aber auch durch sie immer schneller. Das wirkt sich auf uns alle aus, unsere Projekte, die Hertie School of Governance, das Hertie-Institut für klinische Hirnforschung bis hin zu der ebenfalls von der Hertie-Stiftung ins Leben gerufenen Start-Stiftung. Führt man sich unsere Wettbewerbe und wissenschaftlichen Projekte vor Augen, sieht man, dass sich die Geschwindigkeit deutlich gesteigert hat – und exponentiell weiter steigt. Die Herausforderung für die Arbeit einer Stiftung dabei ist, dass man mindestens auf der Höhe der Zeit bleiben muss und bei einigen der Themen der Zeit ein Stück voraus sein sollte.

Machen Sie auch das an einem Beispiel fest. 

Hammersen: Ein Aspekt, mit dem wir uns beschäftigen, ist das Thema Blockchain. Es gibt viele Unternehmen, die sich mit dersogenannten Distributed-Ledger-Technologie beschäftigen und sich fragen, welche Transaktionsmöglichkeiten sich daraus ergeben, um Informationen auszutauschen und Geschäfte abzuwickeln. Für uns stellt sich die Frage, inwieweit diese sehr technologische Thematik unser Stiftungsthema „Demokratie stärken“ betrifft. 

Sie können sich demnach vorstellen, dass die Blockchain-Technologie Auswirkungen auf demokratische Prozesse haben kann? 

Hammersen: Das können wir im Moment so noch gar nicht beantworten. Wir wollen uns zunächst einmal eine Vorstellung verschaffen, was daraus werden könnte. 

Welche Auswirkungen hat der technologische Wandel für die Vermögensanlage? 

Maucher: Lassen Sie mich einen Blick in die Vergangenheit werfen, um eine Parallele zu ziehen. Es gab eine Zeit, da wurde der Dow-Jones-Industrial-Index von Eisenbahngesellschaften dominiert. Davon kann heute aber natürlich keine Rede mehr sein. Die Index- Zusammensetzung ändert sich regelmäßig und man muss als Investor Schritt halten. Erinnern Sie sich daran, welches Gewicht Japan einst im MSCI World Index innehatte. Zu Hochzeiten waren es rund 45 Prozent. Heute liegt der Anteil bei neun Prozent. Es gibt permanent Veränderungen am Kapitalmarkt. Wir versuchen, Aspekte für unsere Allokation daraus abzuleiten. 

Haben Sie etwa USA-Aktien geshortet, weil diese heute den MSCI World dominieren? 

Maucher: Das nicht. Allerdings haben wir uns auf der Anlageseite dem Thema Robotics und Automation geöffnet. Wir wissen nicht, wer den Wettstreit um die Technologieführerschaft gewinnen wird. Aber dieser Bereich wird wichtig werden. 

Und was ist mit dem autonomen Fahren, das zu einer drastisch sinkenden Zahl von Unfällen führen dürfte? 

Maucher: Autonomes Fahren ist für uns noch kein Thema. Aber was in der Industrie insgesamt technologisch passiert, das ist viel spannender. Und da ist die Welt sehr schnell. Wir versuchen, auf der Anlageseite auch ein wenig hiervon zu profitieren. 

 
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