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19.05.2010

INTERVIEW: "Die Investmentbranche versteckt Risiken"

Professor Nassim Taleb, Erfinder des schwarzen Schwans, im Gespräch.

_Herr Taleb, warum gibt es in der Finanz­industrie so viel Sportwagenfahrer und Golfspieler und so wenige Philosophen?
Menschen sind nun mal immer beeindruckt von technischen Dingen.

_Hört ein schwarzer Schwan auf den Namen "Eyjafjallajökull”?
Dieser isländische Vulkan ist auf jeden Fall ein schwarzer Schwan. Interessant ist, wie philosophisch die Leute auf den Ausbruch und seine Folgen reagiert haben. Wäre diese Beeinträchtigung von menschlicher Hand verursacht worden, wären die Leute sehr verärgert gewesen.

_Wie hätten Fluggesellschaften dieses Ereignis ins Kalkül ziehen können?
Keine Ahnung. Man muss berücksichtigen, dass das ganze System gegenüber Ereignissen einer solchen Kategorie und Tragweite sehr fragil ist. Da ein Multiplier-Effekt besteht, geht das Problem weit über die Verluste der Fluggesellschaften hinaus.
Unter den heutigen Rahmenbedingungen vergrößern sich Probleme. Konkret: Wenn dieses Ereignis 100 Jahre zuvor passiert wäre, als es noch keine Flugzeuge gab, lägen die Folgen bei null. Heute, wo alles mit allem eng verbunden ist, kommt es unter Höchstgeschwindigkeit zu Rückkopplungen mit viel größerem Ausmaß. Darum ist unsere heutige Gesellschaft viel fragiler - mit steigender Tendenz.

_Änderungen sind nicht in Sicht.
Die Komplexität nimmt weiter zu. Eventuell könnten wir ein Gleichgewicht in einer mehr mittelalterlich geprägten Gesellschaft finden. Heute sind Unternehmen sehr fragil. Sie sind viel verwundbarer gegenüber Ereignissen wie diesem Vulkanausbruch.

_Das schlimmste Ereignis wäre wohl ein Ausfall des Internets?
Ohne Internet wäre die Welt wahrscheinlich effizienter.

_Effizienter?
Ja. Konnektivität beziehungsweise Verbindungsdichte schafft Effizienzillusion. Mit dieser geht Fragilität einher. Es ist nicht nur das Internet an sich. Es ist der Punkt, dass wir auf das Internet angewiesen sind.
Das Internet führt zu einer Beschleunigung von Dienstleistungen, und Applikationen wie Twitter führen dazu, dass jeder gleich handelt. Bank-Runs können die gefährlichen Folgen sein. Solche Effekte nenne ich Fat ­Tales, und diese erfahren durch das Internet eine Verstärkung.
Das Internet führt auch zu optimierten Lieferketten. Alles wird optimiert, statt dass man eine Vielzahl von Angebotsquellen hat. Eine Verknappung führt dadurch viel schneller zu einem Engpass. Eine Absicherung wären Redundanzen im System.

_Brieftauben oder Signalfeuer sind aber auch nicht besonders effizient.
Stimmt. Was ich sagen will ist, dass die um das Internet organisierte Welt mehr reaktiv, mehr fragil ist. Solange man die Kosten der Fragilität nicht berücksichtigt, kann man Effizienz nicht messen. Heute kann eine Airline wegen einer kleinen Betriebsstörung bankrott gehen.

_Ist die Bildung von Puffern eine Lösung?
Man muss genügend Reserven oder Vorräte haben, um auch einmal zehn Tage ohne Erlöse durchhalten zu können. Der Nachteil ist, dass das wirtschaftliche Wachstum eingeschränkt ist.
Aber blicken wir einmal auf uns selbst: Was beim menschlichen Körper auf den ersten Blick sehr ineffizient aussieht, macht ihn deutlich robuster. Wir haben zum Beispiel zwei Lungen, zwei Nieren und mehrere Blutbahnen. Das erhöht die Überlebenschancen. Unter Effizienzgesichtspunkten müsste man aber beide Nieren verkaufen und eine mieten. Sale and lease back. Schließlich ist es ineffizient, so viel Organe mit sich herumzuschleppen und zu ernähren.
Ich selbst mache nie mehr als eine Verabredung pro Tag aus. Das sieht auch ineffizient aus, macht mich aber robuster, da ich mehr Flexibilität bei der Neuansetzung von Terminen habe.

_Wie effizient ist denn die Asset-Management-Industrie?
Die Asset-Management-Industrie hat schwerwiegende Probleme. Im Schnitt schadet diese Branche der Gesellschaft, da die ­Performance insgesamt unter dem Marktdurchschnitt liegt.
Ein anderer Punkt ist, dass die Investmentbranche dazu neigt, Risiken zu verstecken. Hinzu kommt Moral Hazard. Moral Hazard resultiert daraus, dass ein Manager das Geld anderer managt. Es ist aber auch nicht das Geld derer, die die Leistungen der Manager beurteilen. Der Manager ist daran interessiert, Risiken zu verstecken und gut auszusehen, indem er einen Index schlägt.
Demokratische Systeme leiden insofern unter Moral Hazard, als Politiker mehr sich selbst als den Wähler präsentieren. Aktuell unterstützen die Politiker lieber in Schieflage geratene Banken und Staaten anstatt sie fallenzulassen. Diese würden ohne Unterstützung besser agieren. Je mehr Moral Hazard, desto schwieriger und fragiler wird es für Gesellschaften.

_Dann war es also richtig, Lehman Brothers nicht aufzufangen?
Die Leute sehen immer im September 2008 den Anfang der Misere. Das Problem entstand allerdings bereits Anfang der 80er und 90er Jahre, als die Citibank wegen ­Immobilienkrediten Schlagseite bekam. ­Hätte man die Citibank damals fallengelassen,­ hätte die Welt heute ein großes Problem weniger. Banker lernten, dass sie im Ernstfall die Rechnung an die Gesellschaft weiter­reichen können. Die damaligen, und nicht die heutigen Ereignisse markieren den Tod des Kapitalismus.
Auf Staatsebene wird Griechenland der Startpunkt für immer neue Bail-outs sein. Fehler müssen aber bestraft werden.

_Nun sitzen wir im Schlamassel, und noch schwerwiegendere Folgen sind absehbar. Wie bekommt das System denn nun wieder mehr Stabilität?
Eine geringere Verschuldung würde für mehr Stabilität sorgen. Ein Banker sieht aber seine Aufgabe darin, Kredite zu schaffen, um seinen Bonus zu bekommen. Solche Anreizsysteme erhöhen den Verschuldungsgrad immer weiter.
Solche Systeme sind aber nicht robust. Ein robusteres Format sind dagegen kleinere Familienunternehmen. In solchen Strukturen besteht kein Moral Hazard.

_Welche Ihrer literarischen Figuren dominiert denn künftig in der Finanzindustrie? Der lebenserfahrene, schlitzohrige Fat Tony oder der die Karriereleiter emporsteigende aalglatte, aber inkompetente MBA-Absolvent Dr. John?
Die Fat Tonys profitieren natürlich von diesem System. Das Problem sind aber die Dr. Johns, denen in den Moral-Hazard-Fällen die Agent-Rolle zukommt. Sie profitieren von dem System noch mehr - bezahlen muss aber die Gesellschaft. Das hat mit Kapitalismus nichts zu tun. Die Lösung ist, Verschuldungen runterzufahren und Bail-outs zu stoppen.

_Trifft die Politik die richtigen Maßnahmen?
Nein. Insbesondere in den USA ändert sich nichts. Evolution findet nicht durch Predigten statt. Auch die Business Schools bleiben bei ihren CFAs, ihren Systemen und ­ihren Methoden, die noch nie funktioniert haben. Was ich will, ist eine Gesellschaft, in der Experten eine Menge Fehler machen können, ohne dass die Gesellschaft den Preis bezahlen muss. Die Dr. Johns bleiben jedoch bei ihrer Vorgehensweise. Mit Mathematik kommt die Finanzindustrie aber nicht weiter. Das ist eine Illusion. Was die Finanzindustrie braucht, sind mehr Finanzleute.

_Hätte die Politik Griechenland fallenlassen sollen? Das wäre für den Euro sehr schädlich gewesen.
Der Euro ist keine gute Idee, weil es zu viele Teilnehmer sind. Der fragilste Platz in der Welt sind jedoch die USA, weil dort eine Regierung für eine sehr große Region entscheidet. Robuster sind dagegen Regionen mit verschiedenen autonomen Staaten wie in der Golfregion. Ein Beispiel für ein robusteres System ist auch das föderale Prinzip in Deutschland.

_Ist eine dosierte Inflationierung eine Lösung, um den Schuldenberg abzutragen?
Das ist ein Rezept der Vergangenheit. Durch die Konnektivität gehen Linearitäten verloren. Erst pumpt man Geld in das System,­ und es passiert nichts, dann gerät der Eingriff außer Kontrolle. Bei einer Ketchup-Flasche kommt zunächst auch nichts und dann aber schlagartig alles raus.

_Als Trader lagen Sie in Krisensituationen vorn. Wäre es in diesen Zeiten nicht lukrativ, wieder an ein Trading-Desk zurückzukehren?
Trader bin ich immer noch. Ich bin Prinzipal von Universa Investments, einem Hedgefonds mit vier Milliarden Dollar Assets under Management. Zu uns kommen Investoren, um sich vor schwarzen Schwänen zu schützen. 2008 machten wir einen Return von 100 Prozent. Aktuell fahren wir übrigens eine große Hyperinflationswette. Außerdem wetten wir auf Defizite. Profitieren wollen wir unter anderem über Investments in Rohstoffe und Shorts auf Staatsanleihen.

_Warum kann man die Fehler der Standardnormalverteilung nicht durch sehr konservative Annahmen für Korrelationen, Renditen und Volatilitäten ausmerzen?
Das ist nicht möglich. Denn Wahrscheinlichkeiten sind einfach nicht stabil.

_Sind Regime-Switching-Modelle, die den Übergang von Mediokristan nach Extremistan abbilden, eine Lösung?
Nein. Diese Modelle sind einfach nicht kalibrierbar. Ein kleiner Fehler lässt alles aus dem Ruder laufen. Auch die Wahrscheinlichkeiten für Regimewechsel lassen sich nicht einfach festlegen.

Das Interview führten Ali Masarwah und Patrick Eisele.

 
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