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Stiftungen
04.10.2017

Investoreninterview: Kapitalverzehr als Mittel zum Zweck

(Foto: Hilla Südhaus)

In der Vergangenheit war der Substanzerhalt das Mantra vieler Stiftungen. Wenn die Zweckverwirklichung nun aber unter Ertragsschwäche leidet, heißt es, neue Wege zu gehen. Dr. Thomas Held, Geschäftsführer der Deutschen Stiftung Friedensforschung (DSF) im Interview.

Herr Dr. Held, die Deutsche Stiftung Friedensforschung wurde im Oktober 2000 von der Bundesrepublik Deutschland als gemeinnützige Stiftung bürgerlichen Rechts gegründet und damit als Bundesstiftung ins Leben gerufen. Das Timing war eher unglücklich, um das Grundstockvermögen zu investieren.

Ich gebe Ihnen Recht, was die Vermögens­anlage angeht. Das Jahr der Gründung ist aus finanzieller Sicht eine Bürde, da wir von Beginn an in einem schwierigen Umfeld investieren mussten. Ältere Stiftungen konnten noch von den günstigeren Bedingungen der Vorjahre profitieren. Davon abgesehen geht die Gründung unserer Stiftung auf Überlegungen zur Förderung friedenspolitischer Maßnahmen in den 1990-er Jahren zurück. Damals gab es Pläne, in der Bundesrepublik eine neue Architektur der Friedenssicherung aufzubauen. Zu jener Zeit stand die Frage im Raum, wie man die Förderung der Friedens- und Konfliktforschung politisch unabhängig organisieren kann. 

Damit nicht wieder eine Situation eintritt, in der die Friedens- und Konfliktforschung aus politischen oder finanziellen Engpässen ohne Förderung dasteht, wie das in den 1980er-Jahren der Fall war? 

So ist es. Deswegen hat man sich dafür entschieden, eine Stiftung zu gründen. Unsere Einrichtung wurde im Oktober 2000 aus der Taufe gehoben und in der Friedensstadt Osnabrück angesiedelt. 

Hier und in Münster wurde 1648 mit dem Westfälischen Frieden das Ende des 30-Jährigen Krieges besiegelt, ein nicht ganz unwesentlicher Standortfaktor. Wichtig ist dabei, dass eine unabhängige ­Einrichtung mit einem privatrechtlichen ­Stiftungsmodell geschaffen wurde. Der Bund als Stifter hat somit keinen Zugriff mehr auf das zur Verfügung gestellte Kapital und übt seinen Einfluss nur über seine Vertretung in den Stiftungsorganen aus. 

Wobei wir organisatorisch nur bedingt für die Ewigkeit konzipiert sind. Unsere Stiftung kann auch als Verbrauchsstiftung eingestuft werden. Uns wurde im Rahmen der Gründung auferlegt, lediglich einen Anteil von zehn Millionen DM des Stiftungskapitals von ursprünglich 50 Millionen DM zu erhalten. Den Rest können wir theoretisch verzehren. Den an der Gründung Beteiligten war von Anfang an bewusst, dass die Stiftung ­angesichts ihrer relativ geringen Kapitalausstattung eine gewisse Flexibilität haben muss, um auch etwas umfangreichere Sonderprogramme durchführen zu können, also auch mal etwas mehr Geld in ihre Förderprojekte zu investieren. 

Typischerweise sind Stiftungen entweder für die Ewigkeit konzipiert oder für einen ­befristeten Zeitraum  – als sogenannte Verbrauchsstiftung. Haben Sie von der Verzehrklausel schon einmal Gebrauch gemacht? 

Wir haben im Jahr 2002 oder besser: gleich bei der Stiftungsgründung ein Sonderprogramm in Höhe von fünf Millionen Euro zur strukturellen Förderung der Friedens- und Konfliktforschung aufgelegt. Das Geld floss in neue Studiengänge, Stiftungsprofessuren sowie in die Förderung des wissenschaft­lichen Nachwuchses. 

Wenn Sie das Geld mit beiden Händen in die Forschung stecken, ist das sicher sehr befriedigend. Aber damit sägen Sie doch den Ast ab, auf dem Sie sitzen? 

Wir haben damals auf die informelle Zusage des Bundes gepocht, dass uns die Mittel ­erstattet werden. So war das bei Stiftungsgründung vorgesehen. Und der Bund hat den Kapitalabbau durch Zustiftungen schritt­weise wieder aufgefüllt. Wenn er das in ­Zukunft auch macht, sehe ich unsere weitere Arbeit als finanziell gesichert an. Denn eines ist klar: Gemessen an ihrem Auftrag ist die Stiftung nicht hinreichend finanziell ausgestattet. 

Sie haben Ihre Stiftung 2016 einer Satzungsreform unterzogen. Worum ging es dabei? 

Vereinfacht gesagt haben wir unsere Strukturen neu konzipiert. Wir hatten ursprünglich keine zwei voneinander getrennte Organe, wie es im Stiftungsbereich üblich ist. Und das haben wir im vergangenen Jahr nachgeholt. Heute verfügen wir über einen Stiftungsrat, der für Grundsatzfragen und die Kontrollfunktionen zuständig ist. Und das operative Geschäft wird nahezu vollständig durch den Vorstand getätigt. Dabei handelt es sich um ein fünfköpfiges Gremium, das wir neu geschaffen haben. 

Haben Sie im Zuge der Satzungsreform das latente Thema „Verbrauchsstiftung“ erörtert? 

Ja. Konkret haben wir im Hinblick auf die Verzehrmöglichkeiten unseres Stiftungsvermögens eine etwas andere Definition gewählt. Einerseits besteht nun die Möglichkeit, dass die Stiftung zur Erfüllung ihres ­laufenden Stiftungszwecks, das heißt die ­Förderung gemäß dem jeweils gültigen ­Förderkonzept, Vermögen verzehren kann. Zusätzlich können wir bis zu 2,5 Millionen Euro Stiftungskapital für besondere Fördermaßnahmen aufwenden. 

Machen Sie von letzterem Punkt Gebrauch? 

Ja, das tun wir, indem wir kürzlich eine Sonderförderung aufgelegt haben. Diese ist zunächst für die kommenden beiden Jahre vorgesehen und mit insgesamt 600.000 Euro dotiert. Wir wollen uns dem Themengebiet Risiken und Chancen von neuen ­Technologien widmen und Projekte initiieren, die praxisrelevante Erkenntnisse für die Sicherung von Frieden und Sicherheit hervorbringen. Das geht derzeit nur über Kapitalverzehr.

In der Vergangenheit haben Sie Wert auf den Erhalt des nominalen Stiftungsvermögens von derzeit rund 27 Millionen Euro gelegt. Damit nehmen Sie langfristig eine Schmälerung Ihrer Leistungsfähigkeit hin. 

Wenn wir an unserer Strategie festhalten würden, könnten wir keine umfangreichen Fördermaßnahmen durchführen. Viele Stiftungen haben meines Wissens auch das Ziel des realen Substanzerhalts aufgegeben, weil sie keine hinreichenden Erträge mehr erwirtschaften können und die Erfüllung des Stiftungszwecks im Vordergrund steht.

Aber was ist mit dem eigenen Ast? 

Aus dem politischen Raum werden hohe Erwartungen an unsere Stiftung gerichtet. Sie könnte deutlich mehr leisten, wenn sie mehr Geld hätte. Das wollen wir heute unter Beweis stellen. Und deswegen machen wir von der skizzierten Satzungsregelung Gebrauch. Wir bewegen uns hier keinesfalls auf unsicherem Terrain, denn die politischen Vertreter in unserem Stiftungsrat haben die Satzungsreform mit beschlossen. 

Im Januar 2017 hat der Bundestag beschlossen, die Friedens- und Konfliktforschung zu stärken. Das dürfte Ihrer Arbeit zugutekommen. 

Hierauf setzen wir große Hoffnungen. Das Feld der Friedens- und Konfliktforschung wie auch die Stiftung werden in diesem Kontext nun durch den Wissenschaftsrat analysiert. Das ist die höchstmögliche Evaluierung, die es in der Bundesrepublik im Wissenschaftsbereich gibt. Dort wird nun geprüft, was die Stiftung geleistet hat, ob das gewählte Modell sinnvoll ist und welche Optionen bestehen, um die Stiftung zu stärken. Wir gehen davon aus, dass die Ergebnisse auch politische ­Signalwirkung haben werden.

Wie sieht eigentlich Ihre mittelfristige Finanzplanung aus?

Wenn wir den eingeschlagenen Weg fortführen, kann es sein, dass wir in fünf Jahren nur noch ungefähr 23 Millionen Euro Stiftungskapital haben werden. Dann ist nach meiner Einschätzung der Punkt erreicht, an dem ­eine Entscheidung getroffen werden muss. Soll die Stiftung mit ihrem Auftrag künftig so weiterarbeiten? Dann braucht es mehr ­Kapital. Oder definiert man die Stiftung als verzehrende Verbrauchsstiftung, die buchstäblich auf null gefahren wird. 

Wie kann man das friedliche Zusammenleben der Menschen und Völker fördern?

Wir können keine allgemeingültigen Rezepte liefern, wie man Frieden schafft. Wissenschaft kann nur evidenzbasierte Ergebnisse präsentieren und Handlungsmöglichkeiten deutlich machen. Und daraus lassen sich ­politische Optionen ableiten, die man gegeneinander abwägen muss. Die politische Entscheidung müssen die Verantwortlichen treffen. Wir können das Wissen dafür liefern und bei der Beratung die eine oder andere ­direkte politische Handlungsempfehlung geben. Insofern können wir, wenn Sie so wollen, auch keinen direkten Frieden stiften. Aber wir können natürlich sehr viel dazu beitragen, dass sich die erforderlichen Entscheidungen auf fundierte Erkenntnisse stützen. 

Geben Sie mir bitte ein Beispiel, an dem die Komplexität der Friedensarbeit deutlich wird.

In Afghanistan wurde in guter Absicht versucht, die Gesellschaft neu aufzubauen und neue staatliche Strukturen zu schaffen. Dabei wurde leider viel zu wenig berücksichtigt, was für eine Grundlage dafür bestand, einen solchen Schritt zu wagen. Es wäre sehr wichtig gewesen, die kulturellen, die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse zunächst präzise zu analysieren. Und erst dann zu erörtern, wie eine angepasste Lösung für diese Region aussehen kann. Es geht etwa darum, staat­liche Strukturen zu schaffen, die im Konsens mit der örtlichen Bevölkerung und den örtlichen Machtstrukturen Bestand haben. Darauf aufbauend kann man versuchen, weitere Ziele zu erreichen, allen voran die Einführung von demokratischer Teilhabe, rechtsstaatlicher Sicherheit und die Gleichberechtigung der Geschlechter. Ad hoc kann man das nicht umsetzen.

Arbeiten Sie als Friedensstiftung auch mit dem diplomatischen Corps zusammen?

Wir arbeiten häufig mit dem Auswärtigen Amt zusammen und stehen dessen Mitarbeitern beratend zur Seite. Aber das ist nur ein Ausschnitt von Tätigkeiten, die wir in dem Feld unternehmen.

Woran machen Sie den Erfolg Ihrer Stiftungsarbeit fest? 

Die Messung des Erfolgs ist von Bereich zu Bereich unterschiedlich. Messen kann man das ganz konkret daran, was wir zum Beispiel durch das Programm zur Struktur- und Nachwuchsförderung erreicht haben. Dort haben wir drei neue Studiengänge anschub­finanziert. Und aus diesen Studiengängen, die unter Studierenden auf große Nachfrage treffen, kommt jedes Jahr eine größere Zahl von Absolventen hervor, die den wissenschaft­lichen Nachwuchs für die Friedens- und Konfliktforschung stellen. Viele aber gehen aus der Wissenschaft hinaus und arbeiten in wissenschaftsnahen Bereichen, für politische Stiftungen, im politischen Raum, im Bundestag als Referenten oder wechseln in ­Ministerien sowie zivilgesellschaftliche Organisationen. Das heißt, wir haben inzwischen eine Vielfalt von Absolventen, die Friedens- und Konfliktforschung studiert haben und heute in den entsprechenden Bereichen ­arbeiten und dort die Erkenntnisse anwenden können. 

Seit ihrer Gründung vor 17 Jahren hat die Deutsche Stiftung Friedensforschung im Durchschnitt Fördergelder von etwa einer Million Euro per annum ausgekehrt. Das ist in Anbetracht ihres Vermögens beachtlich. Wie sehen Ihre Pläne aus? 

In den vergangenen Jahren haben wir gegenüber dem Planungsansatz sogar höhere ­Fördervolumina bewilligt. Zum Teil, weil die Ertragslage das hergab. Teilweise eben auch, weil es uns wichtig war, sinnvolle Projekte abseits der monetären Möglichkeiten in die Förderung aufzunehmen. Hier hilft uns die bereits angesprochene Flexibilisierung im Bereich des Stiftungskapitals. 

Im Jahresbericht 2015 formulieren Sie, dass sich das Ertragsniveau in den kommenden Jahren nicht mehr halten lassen wird. 

Zum einen dürfen wir laut Stiftungssatzung für den laufenden Betrieb gemäß Förderkonzept Stiftungskapital verzehren. Und zusätzlich noch für eine Sonderförderung bis zu 2,5 Millionen Euro. Gleichzeitig erwarten wir, dass die Erträge zurückgehen werden. Das ist zumindest in unserer mittelfristigen Finanzplanung so angedacht. Wobei wir jetzt auf der Anlageseite einen gewissen Boden erreichen werden. Unter das inzwischen erreichte Zinsniveau werden wir aller Voraussicht nach nicht kommen. 

Wie erleben Sie die Entwicklung an den Kapitalmärkten? 

Wir sind ganz gut durch die Niedrigzinsphase gekommen. Bis 2015 haben wir aufgrund einer klugen Anlagestrategie und einer guten taktischen Positionierung unserer beiden Anlageportfolios relativ gute Ertragsergebnisse erzielt. In der Finanzmarktkrise haben jedoch auch wir Federn gelassen. ­Allerdings muss man dazu sagen: Das war so eine Art Nullsummenspiel. Die Zusatzerträge, die wir in den Vorjahren aus Umschichtungserlösen erzielt haben, waren 2008 mit einem Schlag weg. Der erste größere Einschnitt der jüngeren Geschichte war allerdings 2016. Durch Abschreibungen sind wir vom Ergebnis her deutlich zurückgefallen. Wir konnten das allerdings noch durch die freie Rücklage auffangen, so dass wir im vergangenen Jahr noch keinen Kapitalverzehr hatten. 2017 steht dieser aber aller Wahrscheinlichkeit nach ins Haus. 

Davon abgesehen sind die Erträge unserer Vermögensanlagen gesunken. Wir versuchen natürlich, das, was an ordentlichen Erträgen fehlt, durch Umschichtungserlöse auszugleichen. Das ist uns in den vergangenen Jahren ganz gut gelungen. Wir können die Umschichtungserlöse, etwa aus dem Verkauf von Aktien, satzungsgemäß für die Förderung nutzen. 

Inwiefern gehen Ihre Anlagerichtlinien mit der Zeit? 

Unsere Anlagerichtlinien sind nicht in Stein gemeißelt, sondern sie werden bei Handlungsbedarf angepasst. Wir versuchen, unsere Handlungsspielräume innerhalb dieses Rahmens so offensiv wie möglich auszunutzen. So haben wir zum Beispiel die Aktienquote in den vergangenen Jahren von 20 auf 25 Prozent und im Juni auf 30 Prozent erhöht. Wir nutzen auch ETFs und Discount-Zertifikate, je nach Marktlage, wenn es sich anbietet. Und wir setzen auf Aktienanleihen. Im Gegenzug haben wir die Rentenanlagen reduziert. 

Ist Ihr weiterhin üppiger Rentenanteil noch zeitgemäß? 

Wir haben auch alternative Anlagen in Form von Immobilienfonds. Ziehen wir die Immobilien ab, dann sind wir immer noch bei 60 Prozent im festverzinslichen Bereich. Aber auch dort gibt es Möglichkeiten, Zusatzerträge zu generieren. Außerdem ist unsere ­Erwartung, dass sich das Zinsumfeld aufhellt und wir zumindest tendenziell von etwas ansteigenden Zinsen ausgehen können. Auch darauf muss man das Portfolio vorbereiten. Derzeit befinden wir uns mitten im Ausschreibungsverfahren unserer Vermögensverwaltung. 

Bislang kümmern sich zwei Banken um Ihre Vermögensanlage. Was haben Sie nun vor? 

Wir arbeiten seit etwa 15 Jahren mit den beiden Banken erfolgreich zusammen, einerseits mit der örtlichen Sparkasse und andererseits mit der UBS. Nun ist aber der richtige Zeitpunkt für einen Review. In den nächsten Tagen findet ein Beauty Contest statt. Eigens dafür haben wir eine Ausschreibung konzipiert und sie als Ideenwettbewerb gestaltet. 

Bitte gehen Sie ins Detail. 

Wir erwarten von den sechs Teilnehmern des Beauty Contest, dass sie uns Ideen präsentieren, wie man unter den derzeitigen Kapitalmarktbedingungen eine sinnvolle strategische und taktische Positionierung des Anlage­portfolios vornimmt. Das umfasst auch so elementare Themen wie Risikomanagement, Nachhaltigkeit auch Gebührenmodelle, bei denen beide Seiten nicht zu kurz kommen. 

Wie viele Vermögensverwalter sollen übrigbleiben? 

Wir würden gern wieder zwei Anbieter mandatieren. Das bietet unserer Erfahrung nach gewisse Vorteile. 

Welche Bedeutung messen Sie in der Stiftung der Nachhaltigkeit bei, indem Sie zum Beispiel Anlagen vermeiden, die im weitesten Sinne mit Krieg zu tun haben?

Das ist natürlich ganz zentral. Wir haben ­bereits 2011 ein auf unsere Bedürfnisse zugeschnittenes Nachhaltigkeitskonzept aufgesetzt. Die Stiftung würde sich ja diskreditieren, wenn sie ihre Erträge aus Anlagen generieren würde, die den Stiftungszweck, die Stiftungsziele konterkarieren. 

Nach einer Phase der Beobachtung der Marktentwicklung sind wir zu der Erkenntnis gelangt, dass die nachhaltige Kapitalanlage keineswegs bedeuten muss, dass man ­schwächere Erträge hinnehmen muss. Im Gegenteil. Wir beo­bachten, dass nicht-nachhaltige Titel öfter mit Problemen behaftet sind als nachhaltige Titel. Im Rahmen unseres Nachhaltigkeitskonzepts haben wir bei Ausschlusskriterien schon allein aus pragmatischen Gründen Korridore definiert, in denen Anteile bestehen dürfen. Investments haben wir nur dann generell ausgeschlossen, wenn sie für die Stiftung von elementarer Bedeutung sind. Das betrifft etwa die Produktion und Finanzierung geächteter Waffen. Aber in anderen Feldern haben wir gewisse Zulässigkeiten definiert. 

Haben Sie Dienstleister, die Sie und Ihre ­Vermögensverwalter bei Fragen der Titelselektion unterstützen?

Wir haben uns mit Oekom Research zusammengetan und gemeinsam mit unseren Fondsmanagern Workshops durchgeführt. Auf dieser Grundlage haben wir die Nachhaltigkeitskriterien in unserer Vermögensanlage etabliert. Ein nachhaltiges Portfolio ist aus unserer Sicht bislang ab 50 Prozent der Titel im Portfolio erreicht. 

Ist das die Ausgangsschwelle für weiteres Handeln? 

Ja, das ist das angestrebte Minimum. Der nächste Schritt besteht darin, die Nachhaltigkeitsschwelle nach oben zu ziehen. Aber dafür müssen unsere Vermögensverwalter sorgen. Unser Credo lautet: Alle Titel im Portfolio müssen in Nachhaltigkeitsindizes gelistet sein. Weil das aber noch immer ein sehr breites Spektrum ist, haben wir zusätzliche Anforderungen bei der Titelselektion definiert. Das bedeutet, dass das Nachhaltigkeitsniveau unter Berücksichtigung von ESG-Kriterien tendenziell immer etwas höher steigen soll. 

Arbeiten Sie mit Stiftungen zusammen? 

Ja, die Zusammenarbeit besteht darin, dass wir uns mit anderen Stiftungen beraten. Wir erörtern so zum Beispiel, welche Erfahrungen unsere Kollegen in der Vermögensverwaltung gemacht haben. Uns liegt viel daran, voneinander zu lernen. Dazu gehört auch zu hinterfragen, welche Lösungen andere Stiftungen nutzen. Das betrifft zum Beispiel Stiftungsfonds oder Spezialfonds. Das Pooling von Stiftungsgeldern ist für uns allerdings keine Option. Wir bevorzugen bislang das Modell des individuell bewirtschafteten Anlageportfolios. Dies hat sich für uns in mehr­facher Hinsicht als vorteilhaft erwiesen.

Manche Investoren sagen: Uns ist es wichtig, auf Hauptversammlungen aufzutreten. Wie stehen Sie dazu und zum Engagement, bei dem Investoren Kontakt zu den Vorständen kritischer Unternehmen suchen und mit dem Verkauf ihrer Beteiligung drohen? 

Auf Hauptversammlungen zu sprechen, unsere Stimmrechte auszuüben, schaffen wir zeitlich nicht, das überlassen wir unserem Stimmrechtsvertreter. Daneben steht auch das Impact Investing, bei dem man die Investition des Stiftungsvermögens als Verwirklichung des Stiftungszwecks betrachtet, bei uns nicht im Vordergrund. Den direkten Kontakt zu Vorständen suchen wir nicht. Unser Augenmerk liegt auf unserem Nachhaltigkeitsfilter. Uns kommt es darauf an, Erträge zu generieren, die wir für die Erfüllung des Stiftungszwecks, nämlich die Förderung externer Projekte, verwenden können. Die Erfüllung des Stiftungszwecks steht bei uns natürlich an oberster Stelle. 

Das Interview führte Tobias Bürger. 

portfolio institutionell, Ausgabe 9/2017 

 

 
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