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05.03.2018

Corporate Investor im Interview: Vom Dampfkesselprüfer zum Immobilienentwickler

Dieter Schlunek (im Bild links), Group Treasurer der TÜV Süd AG, und Pension Consultant Akbar Sayfidinov (rechts) prüfen mit Redakteur Tobias Bürger die hauseigene ALM-Struktur. (Bild: Fabian Vogl)

Die Geschichte der Technischen Überwachungsvereine (TÜV) begann 1866 mit einem Urknall. Im Zuge der Industrialisierung kam es zu Unfällen wegen zerknallender Dampfkessel. Aus den Dampfkessel-Revisionsvereinen ist unter anderem der TÜV Süd entstanden. Mit pfiffigen Ideen im Pension Management.

Herr Schlunek, Sie haben beim technischen Dienstleistungskonzern TÜV Süd zwei Posten inne. Würden Sie bitte Ihr Aufgabenspektrum umreißen. 

Dieter Schlunek: Zunächst einmal leite ich den Konzernbereich Finanzwesen, wir sprechen dabei auch vom Group Treasury. Seit Anfang 2017 bin ich außerdem Vorstand des TÜV Süd Pension Trust. Dabei handelt es sich um ein Pensionstreuhandmodell beziehungsweise ein Contructual Trust Arrangement, kurz CTA. 

Wann haben Sie den CTA ins Leben gerufen?

Schlunek: Das war 2006. Wir haben damals unsere Bilanzierung auf IFRS umgestellt und das CTA-Modell eingeführt, mit dem Ziel der Saldierung von Pension Assets und Liabilities und der daraus resultierenden Bilanzverkürzung. Davor hatten wir sämtliche ­pensionsrelevanten Assets auf der Aktivseite und die Verbindlichkeiten in voller Höhe auf der Passivseite ausgewiesen. Mit dem CTA gelingt es uns, beides zu saldieren. 

Welche Aufgaben stehen bei Ihnen bei TÜV Süd, der die Rechtsform der Aktiengesellschaft trägt, regelmäßig auf der Agenda? 

Schlunek: Als Leiter Group Treasury besteht meine originäre Aufgabe in der Liquiditätssteuerung und der Risikomessung. Meine Hauptaufgabe und die meiner Kollegen ist es, dafür zu sorgen, dass unser Unternehmen jederzeit liquide ist. Darüber hinaus sorgen wir dafür, dass TÜV Süd finanzierungstechnisch optimal aufgestellt ist. 

Daneben analysieren wir unsere Konzernaktivitäten auf finanzielle Risiken. Diese müssen wir unabhängig von den operativen Risiken erkennen, steuern und möglichst absichern. 

TÜV Süd verfolgt auf der Anlageseite eine von den Verpflichtungen abgeleitete Strategie. Was bedeutet das für Ihr Aufgabenspektrum im Pension Trust? 

Schlunek: Typische Aufgaben umfassen die Festlegung und Überprüfung der Anlagestrategie, abgeleitet aus unserer ALM-Studie, sowie die Auswahl und Kontrolle der Asset Manager. Aber auch das Erstellen des Reporting fällt in meinen Verantwortungs­bereich ebenso wie die Risikomessung auf Ebene der ­Assets, Pensionsverbindlichkeiten und des Funding Gap. Diese Aktivitäten ­finden im Pension Trust auf zwei Ebenen statt: einerseits im Vorstand und andererseits im Investmentkomitee. Mein Kollege Akbar Sayfidinov gehört dem Investmentkomitee an und kann Ihnen sicher mehr dazu sagen. 

Herr Sayfidinov, TÜV Süd beschäftigt rund 24.000 Mitarbeiter und hat sich das Motto „Mehr Sicherheit. Mehr Wert.“ auf die Fahnen geschrieben. Was macht man als Pension Consultant, wie Sie es sind, bei einem Prüf- und Zertifizierungsdienstleister? Und schaffen Sie „Mehr Sicherheit. Mehr Wert.“?

Akbar Sayfidinov: Meine Hauptaufgaben liegen im Bereich Pension Investments Management und im Risikomanagement. Darüber hinaus bin ich an der Asset-Manager-Auswahl beteiligt. Zudem bin ich für das Berichtswesen verantwortlich. Und wie Herr Schlunek angemerkt hat, gehöre ich auch dem Investmentkomitee als Mitglied an. 

In diesem Zusammenhang bereite ich die Analysen vor, um beispielsweise zu erörtern, welche Asset Manager optimal zu den bestehenden Portfolios passen und was wir bei der Asset-Allokation verbessern können. Hierbei geht es vor allem darum, die entscheidungsrelevanten Informationen und Faktoren ganzheitlich zu betrachten. 

Als Ansprechpartner zu den Themen Pension Investments und Risikomanagement verfolge ich aktiv die aktuellen Entwicklungen und Trends an den Finanzmärkten. Zudem gehört der regelmäßige Meinungsaustausch mit Asset Managern und Experten auch zu meinem Alltagsgeschäft. 

Würden Sie mir einen Einblick in die Höhe Ihrer Finanzanlagen geben?

Schlunek: Wir haben mehrere hundert Millionen Euro operatives Cash im Treasury, von dem wir einen Großteil verfügbar halten, ­etwa für Gehälter und sonstige laufende Auszahlungen. Einen kleineren Teil halten wir als strategische Liquidität und legen diese auch mittelfristig an. 

Um dem Negativzins zu entgehen? 

Schlunek: Wir schaffen es immer gerade noch so, ohne Negativzinsen und die am Jahresende fällige Bankenabgabe in Höhe von 30 Basispunkten durchzukommen. Zurück zu Ihrer Frage: In unserem Pension Trust beträgt das Planvermögen gut über eine Milliarde Euro. (Die Zusammensetzung des Planvermögens können Sie anhand des Diagramms sehen. (Anm. d. Red.)) 

Der „TÜV“ ist heute viel mehr als eine reine Prüfinstitution. Wie sehen Sie das?

Schlunek: So ist es. TÜV Süd wurde 1866 nach einer verheerenden Dampfkesselexplosion gegründet. Im Grunde genommen sind die Technischen Überwachungsvereine dazu da, die Menschen, Umwelt und Sachgüter vor den negativen Einflüssen der technischen Entwicklung zu bewahren und zu beschützen. Unsere Sachverständigen und tech­nischen Berater fokussieren sich auf die Kernkompetenzen Beraten, Testen, Zertifizieren und Ausbilden.

Sie sind in vielen Branchen über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg tätig und vergeben beispiels­weise im Bereich der Produkt- und Prozesszertifizierungen auch blaue, achteckige Prüfplaketten, auf denen die jeweilige Prüfgrundlage ausgewiesen ist. Wir folgen dem technischen Fortschritt, wobei sich unser Mission Statement in den vergangenen 150 Jahren nicht verändert hat. In der Gegenwart engagieren wir uns beispielsweise bei den Themen Digitalisierung und Cyber-Security. 

Und was ist mit der Elektromobilität und dem autonomen Fahren? Braucht man Sie da in der Rolle des Technischen Überwachungs­vereins in Zukunft überhaupt noch? 

Schlunek: Mit diesen Entwicklungen kommen gravierende Veränderungen auf die Autobauer, die Kunden und uns als Prüforganisation zu. Das betrifft beispielsweise die Antriebstechnologie oder die Software. In Zukunft werden Fahrzeuge ihre Updates „over the air“ bekommen. 

Damit rückt eine zentrale Frage ins Blickfeld: Erlischt dann die Betriebszulassung? Und: Wie prüfen wir, dass das Fahrzeug noch verkehrssicher ist? Klar ist: Zahlreiche Komponenten, wie wir sie in heutigen Kraftfahrzeugen vorfinden, werden obsolet. 

In der Gegenwart wird ein handelsüblicher PKW noch von sehr viel Mechanik bestimmt. In Zukunft wird sie vermehrt der Elektronik weichen, das gilt insbesondere beim Antrieb. Das bedeutet, unser Geschäftsmodell wird sich in den nächsten Jahren aufgrund der Digitalisierung nachhaltig ändern. Und das nicht nur bei der Hauptuntersuchung, sondern in jedem einzelnen Bereich, in dem wir tätig sind. Deshalb sind wir bestrebt, uns auch schon frühzeitig auf diese Zukunft vorzubereiten. 

Hat diese Entwicklung Auswirkungen auf das Treasury? 

Schlunek: Wir können und wollen uns der digitalen Entwicklung nicht verschließen. Das sehen Sie beispielsweise daran, dass wir diverse Projekte ins Leben gerufen haben, in denen wir die technischen Möglichkeiten nutzen, die uns das Leben leichter machen. Ich denke da beispielsweise an das operative Treasury und die Möglichkeiten, mit denen sich etwa das Reporting effizienter und die Risikomessung einfacher gestalten lässt. 

Die Effizienz führt im Konzern zu mehr Transparenz. Hier sind wir zwar bereits auf einem sehr hohen Niveau angekommen, aber wir sind in der Lage, die Transparenz noch weiter zu verbessern. Das ist, soviel kann ich Ihnen versichern, nur ein kleiner Ausschnitt davon wie wir versuchen, die Digitalisierungsmöglichkeiten im Treasury zu nutzen.

Sayfidinov: Ein zentraler Aspekt, der im Hinblick auf die Digitalisierung zum Tragen kommt, ist die eigene Absicherung gegen ­Cyber-Kriminalität. Auch hier haben wir uns als Dienstleister aufgestellt, um unsere ­Kunden zu schützen. In dem Segment waren wir in der Vergangenheit schon sehr aktiv, Stichwort ist zum Beispiel unser „Safer Shopping“-Zertifikat für den Datenschutz auf der Ebene von Online-Shops. 

Sie untersuchen Online-Händler und zertifizieren, dass deren Prozesse und die Daten sicher sind? 

Schlunek: So ist es. In Zukunft wollen wir uns verstärkt auch als unabhängiger Datentreuhänder positionieren. Dafür haben wir im Jahr 2017 durch die Akquisition des Unternehmens Uniscon, einem Anbieter von hochsicheren Cloud-Lösungen, eine hervorragende Ausgangsposition geschaffen. Die international patentierte Technologie von Uniscon ermöglicht die sichere Datenverarbeitung in der Cloud, wobei selbst der ­Plattformbetreiber keinen Zugriff auf unverschlüsselte Daten hat, die von den ­Anwendern auf seiner Plattform gespeichert und verarbeitet werden. 

 
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