Alles hängt an der Frage, welche Dimension die Atomhavarie annehmen wird.
FRANKFURT - Fünf Tage nach der Naturkatastrophe in Japan haben Volkswirte und Japan-Experten die ersten Schätzungen zu den Folgen für die japanische Wirtschaft vorgelegt. Referenzpunkt der meisten volkswirtschaftlichen Schätzungen ist das Erdbeben von Kobe von 1995.
Die Schäden hatten seinerzeit einen Umfang von zwischen 100 und 120 Milliarden US-Dollar, was 1,75 bis 2,5 Prozent des nominalen Bruttoinlandsprodukts (BIP) Japans entspricht. "Aktuell dürften die Schäden deutlich höher liegen. Dafür spricht, dass insbesondere mehrere Küstenregionen durch die Erdbeben und den Tsunami betroffen wurden", schreibt Andreas Rees, Chefvolkswirt der Unicredit-Gruppe.
Lilian Haag, Fondsmanagerin für japanische Aktien bei der DWS, taxiert die Schäden auf fünf bis sechs Prozent des BIP Japans: "Kobe mal zwei wäre eine sehr grobe Schätzung, mit der ich vorerst arbeiten würde", sagte sie im Gespräch. Allerdings gibt es unterschiedliche Angaben zu den möglichen gesamtwirtschaftlichen Schäden. Selbst die Frage nach der Bedeutung der betroffenen Regionen wird nicht einheitlich beantwortet.
Laut Rees machen die Präfekturen, die am stärksten in Mitleidenschaft gezogen wurden, etwa 15 Prozent des BIP Japans aus. Deutlich optimistischer gibt sich Shogo Maeda, Leiter japanische Aktien bei der britischen Fondsgesellschaft Schroders. Die Region mit den stärksten Schäden komme auf einen BIP-Anteil von sieben Prozent. Mit Blick auf die Nachhaltigkeit der Krise relativiert Maeda: Die Wirtschaft in Japan werde kurzfristig zwar leiden. Der Wiederaufbau der Infrastruktur aber werde eine Stabilisierung bewirken. "Japans Volkswirtschaft dürfte infolge der aktuellen Geschehnisse mindestens für ein Quartal ein rückläufiges Bruttoinlandsprodukt verzeichnen", taxiert Rees von Unicredit. Es werde auf Sicht von zwei bis drei Monaten insbesondere zu Produktionsausfällen und zu einem vorübergehenden Einbruch der Einzelhandelsumsätze kommen.
Auch Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Dekabank, hält die "ökonomische Lage für beherrschbar". Am schwierigsten werde es neben der Verhinderung eines Umwelt-GAUs sein, die Energieversorgung des Landes aufrecht zu erhalten. Gelinge dies, werde in den kommenden Monaten mit dem Wiederaufbau begonnen werden. "Dies wird die Produktionsausfälle der kommenden Wochen mehr als ausgleichen. Wir rechnen nicht mit einer Rezession in Japan aufgrund des Erdbebens", so Kater weiter.
Allerdings konzidieren alle Experten, dass die Erholungsszenarien unter einem Vorbehalt stehen. "Das optimistische Szenario gilt nur unter der Voraussetzung, dass es nicht zu unkontrollierten Umweltkatastrophen durch die Kernschmelzen in den japanischen Kernkraftwerken kommt", so Kater von der Dekabank.
Damit drohen alle Berechnungen Makulatur zu werden, sollten sich die sehr wahrscheinlichen Kernschmelzen im Atomkraftwerk Fukushima eins zu einer Umweltkatastrophe ausweiten. Inzwischen geht die japanische Regierung davon aus, dass in drei Kernreaktoren "mit hoher Wahrscheinlichkeit" eine Kernschmelze bevorstehe.
Am Mittwoch war die Lage im Katastrophen-Atomkraftwerk Fukushima I nach wie vor höchstgefährlich. Wie Spiegel Online berichtete, mussten sich Arbeiter nach weiteren Feuern an zwei Reaktoren und einem starken Anstieg der Strahlung zeitweise aus dem Kraftwerk zurückziehen. Zuvor war die Strahlenbelastung in unmittelbarer Nähe des Atomkraftwerks auf 1000 Millisievert pro Stunde gestiegen. So eine hohe Strahlung könne eine Strahlenkrankheit verursachen, die innerhalb von wenigen Wochen zum Tod führe, so Spiegel Online weiter.
Gerade die Unsicherheit macht es für Investmentprofis schwierig, eine angemessene Reaktion auf die Erdbebenkatastrophe und ihre Folgen zu finden. Sie verkaufen deshalb vorsichtshalber, wenn auch offenbar nicht in großem Stil. "Ich gehöre deshalb nicht zu den Optimisten, die die Katastrophe als Kaufgelegenheit sehen. Dafür sind die potenziellen Folgen des Worst-Case-Szeanrios zu gravierend", warnt DWS-Fondsmanagerin Lilian Haag. Die Fondsmanagerin hat vor allem die Aktien einiger Unternehmen abgebaut, die unmittelbar von der Katastrophe betroffen sind, etwa Atomkraftwerkbetreiber und Eisenbahnfirmen, deren Gleisanlagen von dem Erdbeeben und den Flutwellen geschädigt wurden.
Im Gegenzug hat Haag die Liquidität in ihren Japan-Portfolios aufgebaut. Im Fonds für japanische Standardwerte, DWS Invest Japanese Equities, liege die Barquote derzeit bei nahezu zehn Prozent. Auch die Fondsmanager bei Union Investment haben mit Verkäufen reagiert. In den Aktienfonds Uni Global und Uni Dynamic Fonds Global sowie im Uni Japan haben man "unverzüglich auf die Geschehnisse reagiert, es kam zu vorsichtigen Verkäufen, die sehr preisbewusst durchgeführt wurden", heißt es.
Doch die Lage in Japan ist derzeit unübersichtlich. Etliche exportorientierte Unternehmen sind in den Provinzen Iwate, Miyagi, Fukushima und Ibaraki betroffen. "Sony, Toyota, Nissan, Honda und Olympus haben Standorte in diesen Regionen, und die Produktion in diesen Werken wurde zunächst stillgelegt", sagte DWS-Fondsmanagerin Haag. "Ich warte verlässliche Daten ab und werde dann die Folgen für die Unternehmen genau analysieren", ergänzte sie.
Verlässliche Daten über das Ausmaß der Schäden zu erheben, ist dabei ein Problem nicht nur für die Fondsmanager. "Es ist bezeichnend für die Lage, dass selbst viele Unternehmen wegen der zusammengebrochenen Kommunikation in Japan noch nicht in der Lage waren, die Folgen für das eigene Geschäft verlässlich einzuschätzen", heißt es bei Aberdeen Asset Management. Die schottische Gesellschaft benennt zumindest einige Unternehmen in ihren Portfolios, die betroffen sind: Honda, Canon sowie die Eisenbahnbetreiberin JR East. Das Chemieunternehmen Shinetsu habe drei Standorte verloren, und Toyota habe sogar alle Fabriken in Japan bis Mittwoch stillgelegt.
Wie geht es weiter? Einige Experten wie Lilian Haag von der DWS oder Rudolf Besch, Volkswirt bei der Dekabank, sehen ein Problem, das auch mittelfristig Japans Volkswirtschaft behindern könnte: die mangelhafte Stromversorgung. "Es kann sein, dass bis zu 15 Prozent der Energieversorgung aus Atomkraftwerken zeitweilig in den kommenden Monaten ausfallen wird, das ist sehr viel", sagte Lilian Haag.
"Selbst im günstigsten Fall, wenn die Kernkraftwerkbetreiber die Lage um die aktuell geschädigten Kraftwerke wieder in den Griff bekommen sollten, könnte eine dauerhafte Unterversorgung an Strom bestehen bleiben", sagte Besch. Auch wenn kurzfristig alle intakten Kraftwerke an der Kapazitätsgrenze Strom produzierten, reichte das vermutlich nicht aus. Ob dies durch Energielieferungen von außen kompensiert werden könne, sei fraglich. "Japan hat an Russland eine Anfrage nach höheren Gaslieferungen gestellt, was zeigt, dass die Energieversorgung ein volkswirtschaftliches Problem darstellt", sagt der Experte von der Dekabank.
portfolio institutionell newsflash 16.03.2011/gor-maa/jan




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