Andere
11.07.2018

Migration stützt Rentensystem

Rom: Grenzschließung zerstört soziales Sicherungssystem. „Wir brauchen Immigranten.“ Deutsche Wirtschaft appelliert gegen nationale Alleingänge.

Italien schließt die Häfen für Flüchtlingsboote der Hilfsorganisationen – der Chef der italienischen Sozialversicherung INPS warnt vor den Auswirkungen eines drastischen Rückgangs der Migration auf das Rentensystem Italiens. Sollte die Einwanderung stark beschränkt werden, „würden wir innerhalb von fünf Jahren die Bevölkerung einer Stadt wie Turin verlieren“, zitiert die Agentur AFP INPS-Chef Tito Boeri. Italien brauche nach Ansicht des Wirtschaftswissenschaftlers die Arbeitskraft von Einwanderern, da Aufgaben etwa in der Pflege und in der Landwirtschaft bei den Italienern zu unbeliebt seien. 

Um ein Loch in den Rentenkassen zu vermeiden, sprach sich der Ökonom vor dem Parlament in Rom für legale Zuwanderung aus. „Durch die Schließung unserer Grenzen riskieren wir die Zerstörung unseres sozialen Sicherungssystems“, sagte Boeri laut dem Fachmagazin IPE. Eine Regierung, die ihrer Verantwortung gerecht werde, brauche den Mut, den Italienern die Wahrheit zu sagen: „Wir brauchen Immigranten.“ Gemäß dem Jahresbericht der Behörde würde ein jährlicher Rückgang von im Schnitt 80.000 ausländischen Arbeitern bis zum Jahr 2040 einen Rückgang an Beitragseinzahlungen von 73 Milliarden Euro im Jahr bedeuten. An Sozialhilfe einsparen würde die Sozialversicherung in diesem Szenario aber nur 35 Milliarden Euro. „Der Zufluss an arbeitswilligen Migranten kompensiert die zurückgehende Geburtsrate in unserem Land, welche die besorgniserregendste Bedrohung der Nachhaltigkeit unseres Pensionssystems bedeutet“, warnt Tito Boeri laut IPE angesichts des italienischen Demographieproblems vor einem Beitragszahler-Rückgang.  

Berlin: Zuwanderung schwächt demografischen Trend ab

Auch in Deutschland wird mit Blick auf Arbeitsmarkt und Demographie vor Grenzschließungen gewarnt. In Berlin veröffentlichte vor zwei Jahren das Bundesministerium für Arbeit und Soziales seine „Arbeitsmarktprognose 2030“. Demnach könne Zuwanderung, im Verbund mit Digitalisierung, den demografischen Trend zwar langfristig nicht ausgleichen, aber immerhin abschwächen. Laut dem Bericht stützt die Flüchtlingszuwanderung unter günstigen Voraussetzungen – Stichwort berufliche Integration – die Wachstumsentwicklung der deutschen Wirtschaft und mildert phasenweise die negativen Effekte des demografischen Wandels. Bei erfolgreicher beruflicher Integration der Flüchtlinge werde die Erwerbstätigkeit im Falle starker Zuwanderung um 1,2 Millionen höher sein. Damit steigt auch die Zahl derjenigen, die in die deutschen Renten- und Sozialsysteme einzahlen. Andererseits werde aber auch die gesamtwirtschaftliche Erwerbslosenrate auf Grund der verbleibenden Integrationsprobleme um 0,8 Prozentpunkte steigen. Das Ministerium geht von einer etwa fünfjährigen Integrationsphase der Flüchtlingskohorten aus, in der zunächst zuwanderungsbedingte Wachstumsimpulse ausbleiben. Nach Arbeitssektoren betrachtet, begünstige die fluchtbedingte Zuwanderung vermutlich vor allem die sozialen und personenbezogenen Dienste, während Warenproduktion und Unternehmensdienste eher durch die Zuwanderung qualifizierter Arbeitskräfte profitieren würden.

Ende Juni appellierten Vertreter der deutschen Wirtschaft gegen nationale Alleingänge. Herausforderungen wie der demografische Wandel, der Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit im globalen Maßstab, die Digitalisierung, der Fachkräftemangel, Handelskonflikte und auch die Fluchtbewegungen nach Europa erfordern den politischen Willen zu europäischen Lösungen, die nachhaltig und der Zukunft zugewandt sind. Angesichts der aktuellen weltpolitischen Entwicklungen und ökonomischen Herausforderungen kommt es für die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände auf ein gemeinsames Vorgehen innerhalb der EU an. Als größter Mitgliedstaat in der Mitte Europas habe Deutschland dabei eine entscheidende Rolle. Die deutsche Wirtschaft gibt sich in ihrem Appell überzeugt, dass nationale ¬Alleingänge mehr Schaden als Nutzen anrichten. Renationalisierung als Antwort auf globale Herausforderungen sei wirkungslos.               

portfolio institutionell, 11.07.2018/Patrick Eisele

 
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