Stiftungen
16.02.2017

Mit Speck fängt man Mäuse

Fotograf: Andreas Müller

Die Stiftungslandschaft in der Bundesrepublik ist wegen der sich verschärfenden Niedrigzinsphase zu einem Hort wachsender Herausforderungen, Sorgen und Existenzängste geworden. Das zeigt ein Roundtable-Gespräch – moderiert von portfolio institutionell im Dezember 2016. Darin wurde aber auch deutlich, wie Stiftungen heute reagieren sollten.

Stiftungsvorstände haben häufig nur den Willen des Stifters vor ­Augen und richten ihre ganze Kraft darauf aus, den von ihm oder ihr in Stein gemeißelten Stiftungszweck umzusetzen. Sie können Gutes tun und geben ihrem Leben damit einen ganz besonderen Sinn. ­Bereits im antiken Griechenland und im Römischen Reich hat es ein florierendes Stiftungswesen gegeben.

Kein Wunder, dass der Stiftungssektor viele Bewerber anzieht. Als Ende 2016 ein Nachfolger für den Chefposten der Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten gesucht wurde, haben sich laut Berichten der Lokalpresse nicht weniger als 31 Bewerber um den Traumjob gebalgt. Geschnappt hat sich den Arbeitsplatz auf Schloss Heidecksburg über den Dächern von Rudolstadt die bisherige Vize-Landeskonservatorin von Rheinland-Pfalz, Doris ­Fischer. Die 54-Jährige tritt zum 1. Mai dieses Jahres die Nachfolge von ­Helmut-Eberhard Paulus an, der die Stiftung mitbegründet und seit 1994 geleitet hat. Fischer wird dann die Herrin über 31 der kultur­historisch bedeutendsten Thüringer Schlösser, Burgen, Park- und Kloster­anlagen sein.

Während die Vorzeigestiftung in Mitteldeutschland ihre Arbeit damit reibungslos fortsetzen kann, ist die Stiftungslandschaft in der Bundes­republik im Zuge der sich seit Jahren verschärfenden Niedrigzins­phase klammheimlich zu einem Hort riesiger Herausforderungen, Sorgen und Existenzängste geworden. Fast möchte man Parallelen zum großen Stiftungssterben ziehen, das nach dem Ersten Weltkrieg eingesetzte. Damals gab es hierzulande sagenhafte 100.000 ­Stiftungen mit einem noch sagenhafteren Vermögen von rund 3,8 Milliarden Goldmark.

Viele Stiftungen hatten aufgrund der recht­lichen Vorgaben­ und im patriotischen Überschwang Kriegsanleihen gezeichnet. Ruinöse Folgen hatte Anfang der 1920er Jahre auch die Inflation für das hiesige Stiftungswesen. Heute gibt es 21.301 Stiftungen (Stand Ende 2015), davon sind rund 95 Prozent steuerbegünstigt und bei der Einkommen- und Körperschaftsteuer besser gestellt; ihr ­Gesamtvermögen umfasst geschätzte 100 Milliarden Euro.

Welchen Herausforderungen die Stiftungswelt und ihre Protagonisten heute ausgesetzt sind, darüber sprach portfolio institutionell Ende des vergangenen Jahres mit drei Kennern der Materie, man könnte auch den Begriff „Leidensgenossen“ in den Mund nehmen. Jens Güldner, Leiter Vermögensmanagement beim Evangelischen Johannesstift,­ öffnete im Spandauer Forst die Pforten zu seinem Reich. Er skizzierte,­ was er im Tagesgeschäft sonst noch unternimmt, wenn er nicht gerade­ die Vermögensanlagen des Johannesstifts und seiner Tochtergesellschaften betreut, das dazugehörige Risikomanagement optimiert oder die ohnehin schon ausgefeilte Nachhaltigkeitsstrategie des in der Rechtsform der Beteiligungsträgerstiftung gehaltenen Unternehmensverbunds noch performanter macht.

„Hier im Johannesstift gibt es ein sich zusehends etablierendes Stiftungszentrum, wo wir weitere Stiftungen managen. Dort bin ich für die kaufmännische Seite zuständig,­ die das Vermögens,- und Risikomanagement einschließt. Zudem kümmere ich mich um die Berücksichtigung nachhaltiger Geldanlagen bis hin zur Wirtschaftsprüfung“, so Güldner. Vom parkähnlichen Gelände des Johannesstifts aus fungiert er zudem als Finanz­vorstand der in der Altenhilfe tätigen Werner und Maren Otto Stiftung. „Stiftungen sind mein Steckenpferd“, sagt Güldner. Und auch seine Leidenschaft: „Es geht darum, vieles voranzubringen. Wir als Evangelisches Johannesstift haben im Hinblick auf unsere Ressourcen ganz andere Möglichkeiten als die vielen kleinen Stiftungen.“

Dazu ein Blick in die Statistik: Ein Viertel aller rechtsfähigen Stiftungen bürgerlichen Rechts hält ein Vermögen von maximal 100.000 Euro.­ Lediglich 0,8 Prozent aller Stiftungen ­haben mehr als 100 Millionen­ Euro. Die ungleiche Verteilung des Vermögens sollte Stiftungsgründer keinesfalls abschrecken, sich für die gute Sache einzusetzen. Jens Güldner sagt, er fördere die Neugründung von gemeinnützigen Stiftungen mit einem tragfähigen Finanzkonzept, „die dann hier bei uns im ­Johannesstift Stiftungszentrum umfassend gemanagt und betreut werden können.“

 
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