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17.12.2009

Möglichkeit und Wirklichkeit

Ein Gastbeitrag von Peter Koslowski, Professor an der VU University Amsterdam.

Alle Anleger, institutionelle wie private, spekulieren auf das ­Wirklichwerden des Möglichen. Für den Anleger sind die Modalitätskategorien "Möglichkeit", "Wirklichkeit" und "Unmöglichkeit" von größter ­Bedeutung. Die Modalitätskategorien bestimmen den Modus, die Art und Weise des Gegebenseins eines Sachverhalts als möglich, ­unmöglich, (notwendig) wirklich oder kontingent (zufällig wirklich). Es gibt Denker, die mehr das Kontinuum zwischen möglich und ­wirklich ­betonen, wie Leibniz, und solche, die mehr den tiefen Unterschied zwischen möglich und wirklich festhalten, wie Kant. Wie im folgenden gezeigt wird, sind für den Anleger beide philosophischen Ansätze von Bedeutung.

Zunächst muss sich der Anleger bewusst sein, dass Möglichkeit und Wirklichkeit ein Kontinuum sind, wie Leibniz bemerkte. Es gibt ein Kontinuum, das von wenig möglich oder höchst ­unwahrscheinlich zu höchst möglich oder bereits fast wirklich reicht. Der Anlageberater sagt im Allgemeinen, es ist höchst wahrscheinlich, dass die Technologieaktie X zum Jahresultimo auf 500 steht. Was er in Wahrheit sagt, ist: Es ist möglich, dass sie dort stehen wird. Was er nicht sagt, ist: Es ist allerdings nicht unmöglich, dass sie nur bei 250 stehen wird. Kant verdeutlicht das Problem der Modalität und des Unterschiedes von Möglichkeit und Wirklichkeit am Beispiel der 100 möglichen und der 100 wirklichen Taler: "100 wirkliche Taler enthalten nicht das ­Mindeste mehr als 100 mögliche. Denn da diese den ­Begriff, jene aber den ­Gegenstand und dessen Position an sich selbst bedeuten, so würde, im Fall dieser mehr enthielte als jener, mein ­Begriff nicht den ganzen Gegenstand ausdrücken und also auch nicht der ­angemessene Begriff von ihm sein." Es kann keinen begrifflichen ­Unterschied zwischen 100 möglichen und 100 wirklichen ­Talern geben. Denn wenn der Ausdruck 100 wirkliche Taler ­etwas anderes bedeutete als "100 ­mögliche" Taler, wären "100 ­wirkliche" Taler entweder mehr oder weniger als 100 mögliche ­Taler. Begrifflich ist es jedoch dasselbe. Kant fährt fort: "Aber in ­meinem Vermögenszustande ist mehr bei 100 wirklichen ­Talern als bei dem bloßen Begriffe derselben." "Mein Vermögenszustand" ­bezieht sich auf 100 wirkliche Taler, nicht auf 100 mögliche Taler. Auch meine Bank wird hier, wenn es sich nicht gerade um ­einen Hypotheken­kredit in den USA vor der Krise handelte, einen ­erheblichen Unterschied machen. Obgleich 100 mögliche und 100 wirkliche Taler ­begrifflich dasselbe sind, kann man nur ­100 wirkliche Taler als Kreditsicherheit verwenden, weil 100 mögliche Taler nicht existieren, ­sondern nur möglich sind.

Kant verwendet das Beispiel der 100 Taler, um eine seiner wichtigsten Einsichten zu erläutern: Existenz ist kein Prädikat, oder ­zumindest kein Prädikat wie andere Prädikate. 100 mögliche ­Taler und 100 wirkliche Taler haben alle Prädikate gemeinsam, weil sonst 100 Taler nicht 100 Taler wären, sondern 100 Taler im Zustand der Möglichkeit andere Prädikate hätten als 100 Taler im Zustand der Wirklichkeit. In Wirklichkeit haben sie jedoch ­alle Prädikate gemeinsam - außer der Eigenschaft der Existenz. ­100 wirkliche Taler ­existieren, 100 mögliche nicht. Existenz ist jedoch nach Kant kein ­Prädikat, sondern ein Gegebensein des ­Gegenstandes, der 100 Taler, nicht nur ein Gedachtsein. Er fährt fort: "Denn der Gegenstand ist bei der Wirklichkeit nicht bloß in ­meinem Begriffe analytisch enthalten, sondern kommt zu meinem Begriffe (der eine Bestimmung meines Zustandes ist) synthetisch ­hinzu, ohne dass durch dieses Sein außerhalb meinem Begriffe diese gedachten 100 Taler selbst im mindesten vermehrt werden." Kant weiß um das Paradox: Für mich macht es ­einen riesigen Unterschied, ob die 100 Taler möglich oder wirklich sind, und es kommt fast ­alles hinzu, wenn ich mich von der ­Möglichkeit zur Wirklichkeit eines Anlagegewinns begebe. Begrifflich ändert sich allerdings nichts am Begriff der 100 Taler.

Thomas von Aquin und Leibniz wenden hier ein, dass es doch auch einen begrifflichen Unterschied macht, ob etwas möglich oder wirklich ist. Thomas von Aquin würde zudem mit Anselm von Canterbury und Hegel hinzufügen, dass es einen Begriff gibt, bei dem die Möglichkeit des Begriffs in sich den Übergang zur Existenz dieses ­Begriffs gibt: bei Gott oder, wie Hegel sagen würde, beim absoluten Geist. Wenn ich etwas denke, das größer nicht gedacht werden kann, denke ich auch, dass es existiert, weil es, wenn es etwas gibt, das ­größer nicht gedacht werden kann und existiert, größer ist, als das­jenige, das größer nicht gedacht werden kann, aber nicht existiert. Das Letztere ist nicht dasjenige, das größer nicht gedacht werden kann. ­Also muss Gott, den wir als den Gedanken dessen, das größer nicht gedacht werden kann, in uns vorfinden, auch existieren. Dieses Argument nennt man den ontologischen Gottesbeweis.

Kant verwendet nun das Argument der 100 möglichen und der 100 wirklichen Taler um eben dieses ontologische Argument, den Stolz der Philosophie, zu widerlegen. Die Existenz kommt nicht wie eine weitere Eigenschaft bei der Aufzählung von Eigenschaften ­eines ­Gegenstandes hinzu. Deshalb ist es nach Kant unmöglich, dass bei ­einem Wesen, welches das Prädikat oder die Eigenschaft hat, ­größer nicht gedacht werden zu können, die Existenz als eine zusätzliche ­Eigenschaft hinzukommt, weil sonst etwas Größeres gedacht wenden könnte, nämlich dasselbe, aber auch noch existierend, mit dem ­zusätzlichen Prädikat "existierend" versehen. Dann wären aber ­beide, das nur Gedachte, das größer nicht gedacht werden kann, und das Existierende, das größer nicht gedacht werden kann, begrifflich nicht dasselbe. Das ist jedoch genau das, worauf Kant hinauswill: Wenn die 100 möglichen und die 100 wirklichen Taler sich dem Prädikat "Existenz" nach unterschieden, wären sie logisch nicht dasselbe. Wenn sie aber logisch dasselbe sind, können sie sich nicht dem Prädikat nach unterscheiden, also ist Existenz kein Prädikat.
_Der Möglichkeitssinn gehört dem Dichter, der Wirklichkeitssinn dem Anleger
Was lernen wir hieraus für die Geldanlage? Es ist nicht so, dass ein Zertifikat etwas ist, was sicherer nicht gedacht werden kann, wie sein Name "certificatum = Sichergemachtes" sagt, und zu welchem daher die Existenz des zertifizierten hohen Returns of Investment ­notwendig hinzukommt. Es ist vielmehr so, dass der Ertrag nur ein möglicher bleibt und nicht aus dem Begriff des Zertifikats folgt. Gerade ­kirchliche Investoren sollten sich an die Bestreitung des ontologischen Arguments bei Kant halten und am Unterschied von Möglichkeit und Wirklichkeit festhalten, zumindest bei allen Dingen, bei denen ein ­Größeres gedacht werden kann.

Alle anderen Investoren sollten auch strikt an der Differenz von möglich und wirklich bis zum Zeitpunkt der Realisierung festhalten. Realisierung heißt nichts anderes als in die Existenz treten. Vorher ist der Ertrag nur eine gedachter, ein Begriff von einem Ertrag. Im ­Kapital- und Derivatemarkt gilt so wie nirgendwo sonst der unendliche Vorrang des Wirklichen vor dem Möglichen. Der Möglichkeitssinn ­gehört dem Dichter, der Wirklichkeitssinn dem Anleger. Diese ­Arbeitsteilung wird nur dadurch erschwert, dass man in der Finanzspekulation nur dann einen hohen Gewinn macht, wenn man zu Recht etwas für möglich hält, das die anderen nicht für möglich ­halten und das dann eintritt. Das ist das Wesen der Spekulation: Man muss Möglichkeitssinn und Wirklichkeitssinn vereinigen. Wer nur Wirklichkeitssinn hat, kann nicht spekulieren, weil für ihn ja nur existiert, was bereits eingetreten ist. Wer nur Möglichkeitssinn hat, kann nicht spekulieren, weil er nicht den Unterschied zwischen 100 ­möglichen und 100 wirklichen Talern versteht. Dieser Unterschied muss vor allem den ­Eigentümer interessieren. Er muss dem Möglichkeitssinn des Anlageberaters seinen Wirklichkeitssinn ­entgegensetzen.

Die Berater werden von der Tatsache, dass Existenz kein Prädikat, sondern das Gegebensein des Gegenstandes ist, stets weniger beeindruckt sein als der Eigentümer, für den die Existenz des Anla­gegewinns auch die eigene Existenz bedeuten kann. Hingegen ist für den Berater das Nichteintreten der Existenz nur das Eintreten einer anderen ­Möglichkeit. Diese Differenz zwischen Existenz und Möglichkeit ­eines Anlagegewinns sollte der Anleger im Auge behalten und sich seines Unterschiedes zum Berater bewusst sein.

In Thomas Manns Roman "Die Buddenbrooks" muss der Chef der Familie feststellen, dass der Mann seiner Schwester Tony, Herr Grünlich, pleite ist. Er stellt die Bankiers Lübecks zur Rede: "Ihre ­Auskünfte über den Herrn waren doch so gut." Worauf die Bankiers ungerührt und achselzuckend zur Antwort geben: "Er stand ja auch bei allen von uns in der Kreide." Der Berater ist nicht unbedingt an der Existenz der Möglichkeit interessiert und hat häufig auch noch andere Interessen. Deshalb muss der Eigentümer und der Investor, so wenig er häufig auch ohne den Berater auskommt, sich stets an Kants Einsicht ­erinnern, dass, auch wenn dem Begriff nach 100 mögliche und 100 wirklich Taler dasselbe sind, sie es doch nicht der Existenz nach sind.

 
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