Banken
22. Februar 2016

Neues vom Bembelboy: Pseudo-Transparenz für freie Märkte – warum Kunden ein Transparenz-Agio bezahlen!

Transparenz ist die wesentliche Säule für das Funktionieren unserer Gesellschaft. Gilt dies aber auch uneingeschränkt für die Wirtschaft und elektronische Handelsplattformen? Ein Blick hinter die Kulissen von unserem neuen Undercover-Agenten „Bembelboy“.

„Bembelboy“ ist ehemaliger Sales-Trader einer großen Bank. Für portfolio institutionell blickt er als Undercover-Agent und Kommentator hinter die Kulissen.
Freie Märkte, freie Information und offene Kommunikation zwischen den Akteuren führen zur vielgepriesenen Transparenz, welche als wesentliche Säule für das Funktionieren einer Demokratie in unserer Gesellschaft angesehen wird. Doch gilt das auch uneingeschränkt für die Wirtschaft und Märkte? Nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers am 15. September 2008 (ich weiß dieses Datum nur deshalb so genau, weil meine erste Tochter einen Tag vorher geboren wurde, als die Finanzwelt noch in Ordnung war), war der Aufschrei groß, dass Banken zu regulieren, zu verstaatlichen – aber auf jeden Fall richtig zu kontrollieren seien. Also wurden Regeln gemacht, die furchtbar umständlich sind und wodurch wieder ein Heer von Unternehmensberatern auf Jahre hinweg seine Brötchen verdienen kann. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch – natürlich muss etwas getan werden – wir sind alle auch Bürger. Aber die Kehrseiten dieses Überregulierungseifers werden der Bevölkerung seitens der Politik verschwiegen.
Eine Hauptreaktion auf die Finanzkrise war die Einführung von Emir (European Market Infrastructure Regulation), die vor allem beinhaltet, dass die sogenannten bilateralen OTC-Geschäfte (Over the counter: in der Regel handelt eine Bank mit einem Kunden und dieses Geschäft wird von der Bank bestätigt und nicht von einer Börse) nun der Öffentlichkeit gemeldet werden müssen. Damit soll verhindert werden, dass Institute wie AIG, Bear Sterns oder eben Lehman unbeobachtet zu große Risiken fahren können. Die Transparenz war das Hauptmotiv für die Einführung von Emir, siehe Wikipedia zu „Emir“: „Die Staats- und Regierungschefs der führenden Industrienationen beschlossen im September 2009 im Rahmen des G-20-Gipfels von Pittsburgh, den außerbörslichen Derivatehandel („OTC-Derivatehandel“) transparenter und sicherer zu machen. (…) Alle OTC-Derivat-Geschäfte sollen an Transaktionsregister („Trade Repository“) gemeldet werden.“
Das klingt alles ganz toll und ist für große Market Maker wie Banken und Versicherungen bestimmt nicht verkehrt. Allerdings trifft diese Regelung auch unsere Industrie, die ganz einfache Export- Währungsabsicherungen für die Zukunft tätigt. Trotz der Tatsache, dass diese Sicherung grundgeschäftsbezogen ist, muss sie gemeldet werden. Ein Autobauer sichert zum Beispiel heute bereits 50 Prozent seines erwarteten Dollar-Umsatzes in den USA Monate im Voraus ab. Warum? Weil seit September 2008 das Wort „Derivate“ wie Giftmüll angesehen wird, als „böse“ gebrandmarkt ist.
Derivate gibt es schon ewig und müssen nicht zwangsweise mit den CDOs (wer das Equity-Piece der Collateral Debt Obligations verkauft hat, war der König im Sales) und Kreditstrukturen verbunden sein, wie in der Presse oft kolportiert wird. Ein einfaches Termingeschäft, bei dem ein Bauer heute seine Ernte im September verkauft, ist bereits ein solches Termingeschäft. Hier findet keine Unterscheidung statt zu echtem Toxic Waste. Wieso auch? Außerdem würde eine Unterscheidung alles nur noch komplizierter machen. Und überhaupt: Das Geschäft wird so oder so gemeldet, denn die Bank muss melden – inklusive Counterpart-Angaben. Jetzt fragt man sich zu Recht, ob die Industrie, wenn Sie nur sauberes und grundgeschäftsbezogenes Sicherungsgeschäft betreibt, überhaupt so groß werden kann wie Lehman Brothers? Die Ausnahmen bestätigen die Regel (siehe Metallgesellschaft oder VW), aber die offizielle Intention von Emir (Transparenz und Sicherheit) greift für die Industrie nicht wirklich. Dafür haben wir aber alles dokumentiert und die Voraussetzungen geschaffen, die für eine andere große Idee nach dem Zusammenbruch von Lehman aufkam: die Transaktionssteuer. 
Das Sicherheits-Postulat bereitet der Transaktionsteuer den Weg 
Es wird also mal wieder viel Missbrauch mit den guten Absichten betrieben, indem Angst die Rechtfertigung ist, uns alle noch gläserner zu machen. Ich kann mir schwer vorstellen, dass wir alle totale Transparenz möchten. Oder bin ich der Letzte, der Intimsphäre braucht? Die Vermutung, die Transaktionssteuer sei das wahre Motiv für die Einführung von Emir, ist nicht neu. Vielmehr teilen viele Treasurer, die sich allesamt mit dem Thema Emir beschäftigen mussten, hinter vorgehaltener Hand diese Meinung mit mir.
Ein weiteres Beispiel für den möglichen Missbrauch von Transparenz liefert erneut die Industrie, vornehmlich aus Controlling-Zwängen heraus getrieben. Im Währungshandel zwischen Industrie und Banken haben sich elektronische Handelsplattformen seit 2010 immer mehr etabliert. Die Banken waren von dieser „Börse“ nicht begeistert, denn die Kunden hatten auf einmal einen transparenten Marktvergleich. Ein Industriekunde stellt seine Anfrage am Bildschirm, zum Beispiel den Verkauf von zwei Millionen Dollar in Euro, und kann dabei die Banken auswählen, die er anfragen möchte (und kann, beziehungsweise dort, wo er Geschäftsbeziehungen unterhält).
Die Banken stellen entweder manuell oder über ihren „Auto-Pricer“, die meist von Physikern beziehungsweise „Quants“ gemanagt werden und nicht mehr von „echten Händlern“, ihren Kurs. Der Kunde kann, muss aber nicht zum besten Kurs handeln. Eine solche Auktion führte natürlich zu einer regelrechten Margen-Erosion, von der auch kleine Firmenkunden nun profitierten und so in den Genuss von Preisen kamen, wie sie teilweise nur Dax-Werte bekommen. Als Service können all diese Geschäfte automatisch in das Buchungssystem der Firma gespeichert werden. Die Bestätigung der Geschäfte erfolgt automatisiert und der Händler erfüllt die Compliance-Richtlinien, da er „best price“ execution ausgeführt hat. Dies waren wohl die schlagenden Argumente für den Vertrieb dieser Handelsplattformen, bei denen Controlling und Compliance das Treasury „überzeugt“ haben, dieses tolle System einzuführen. Dann braucht man maximal noch einen echten Händler. 
Nun haben sich die Banken damit arrangiert, dass es diese Multi-Bank-Plattformen gibt, da dieser „Feind“ im heutigen Internetzeitalter nicht zu bezwingen ist. Dafür gibt es jetzt jeden Monat schöne Excel-Reports darüber, welcher Kunde mit welcher Bank in welchen Währungspaaren wie viel sowie welches Produkt gehandelt hat. Zudem erhält die Bank Aufschluss darüber, ob es unter den Top-Drei- oder Top-Fünf-Banken liegt, wie viel vom „Wallet“ (wie viel hat der Kunde zum Beispiel an Dollar zu verteilen) der Kunde an die Bank abgibt. Diese „Transparenz“ ist vor allem für familiengeführte Unternehmen, die nicht veröffentlichen müssen oder nach HGB bilanzieren, einer der Hauptgründe, nicht über eine elektronische Handelsplattform zu gehen, sondern noch klassisch bei der Bank anzurufen.
Ein weiterer Nachteil in meinen Augen ist, dass der Sales der Bank weniger Kontakt mit dem Kunden hat, man spricht viel weniger miteinander. Es geht – das ist nun mal eine wesentliche Begleiterscheinung des Internets – nur noch um den Preis. Beratung ist nicht mehr notwendig und ohnehin eigentlich nur ein Risiko für das Bankmanagement, zumal die meisten Kunden kaum noch Entscheidungsfreiheiten haben und den Dollar sofort verkaufen, wenn er auf dem Konto ist. Lieber folgt man den Guidelines oder orientiert sich an Benchmarks, anstatt eine eigene Meinung zum Markt zu haben.
Bei all dieser Transparenz wollen wir anscheinend alles per Mausklick abwickeln. Deshalb werden Banken zu „Bank-Amazons“ mutieren, also nur Plattform sein. Beratung ist zu teuer und steht den „Standard-Optimierungsprozessen“ nur im Weg. Beratung gibt es nur noch für die Prime-Kunden, die dafür bereit sind zu zahlen. Eine weitere Zutat für die immer größer werdende soziale Entfremdung in unserer Gesellschaft. Natürlich wird der Kunde feststellen, dass die Qualität (Service, Beratung, persönliche Kompetenz et cetera) nachlässt, aber dafür ist es ja billig. Der Kunde bekommt den besten Preis. Alles ist so transparent und deshalb richtig und somit das Optimum. Wer in unserer aufgeklärten Gesellschaft braucht noch Beratung?
Transparenz-Agio statt Amtlicher Kursmakler
Die Lehman-Krise ist meiner Ansicht nach unter anderem deshalb möglich gewesen, weil wir vergessen haben, warum gewisse Regeln eingeführt wurden und warum wir seit den 90ern de-reguliert haben. Vielleicht wäre es überlegenswert zu prüfen, welche De-Regulierungen wir wieder Re-Regulieren könnten, damit das Finanzsystem zumindest wieder stabil wird. Ein Beispiel wäre der amtliche Kursmakler für Handelsplattformen, der auf Grundlage der eingehenden Kauf- beziehungsweise Verkaufsaufträge die Preise der Wertpapiere an Wertpapierbörsen feststellt. 
Bei den elektronischen Handelsplattformen für Währungen ist es so, dass Anfragen gestellt werden können, aber eben kein Zwang zum Abschluss besteht. Damit können Preissignale gesendet werden, die nicht ernst gemeint sind. Wie geht das? Manche Industriekunden fragen zum Beispiel den Verkauf von 100 Millionen Dollar gegen den Kaufgegenwert in Euro über die Plattform an. Ein weiterer Nachteil von Transparenz ist, wenn zu viele Banken von dieser Anfrage wissen. Der Preis wird in diesem Fall nach rechts gezogen (zum Beispiel steigt der Euro-Dollar-Kurs von 1,1000 auf 1,1020), da von zehn angefragten Banken sechs Händler schon einmal je 20 bis 30 Millionen Dollar verkaufen, sozusagen „vor-hedgen“. Bekommt der Händler das Geschäft, muss er noch weitere 70 bis 80 Millionen Dollar handeln. Bekommt er es nicht, kann er seine bereits verkauften 20 bis 30 Millionen Dollar bei dem Händler wieder glatt stellen, der den Deal bekommen hat. Denn der muss jetzt ordentlich Dollar loswerden. Die ach so gute Transparenz führt also dazu, dass der Kunde unter den Konkurrenzangebotennur den „relativ“ besten Preis bekommt, aber absolut etwa 20 Stellen mehr zahlt – ein gutes Beispiel für Pseudo-Transparenz. Denn bei dieser absoluten Preisverschiebung hat die Bank deshalb nicht mehr Marge und der Firmenkunde hat weniger Dividende oder der Endkunde zahlt dieses „Transparenz-Agio“.
Erst antäuschen, dann handeln
Jetzt kommen wir zu des Pudels Kern. Ruft eine Firma, die auf der Plattform gerade 100 Millionen Dollar im Verkauf gegen Euro anfragt, zusätzlich über das Telefon direkt an, denkt der Sales, der Kunde will Dollar verkaufen. Es ist durchaus üblich, bei größeren Summen sich „2-way“ stellen zu lassen. Demnach stellt der Sales dem Kunden sowohl Geld (für diesen Kurs kauft die Bank die Euro und verkauft Dollar) als auch Brief (für diesen Kurs kauft die Bank die Dollar und verkauft die Euro, so wie auf der Plattform angefragt). In diesem Fall und bei großen Unternehmen und Dax-Werten stellt der Sales üblicherweise nur eine von beiden Seiten mit Marge, die andere „flat“ (also ohne Marge). Deshalb ist es für Währungshändler wichtig, die „Seite“ des Kunden zu kennen. Export-Euro verkauft Dollar, Import-Euro kauft Dollar. In diesem konkreten Fall stellt der Händler also 1,1018 Geld zu 1,1021 Brief und damit mit 0,0001 Marge – und der Kunde sagt dann links! Das heißt, er hat die Dollar gekauft, anstatt wie auf der Plattform gezeigt, zu verkaufen. Der Effekt ist aber, dass die anfängliche Exportanfrage das Preisniveau von 1,10 auf 1,1020 steigen ließ, so dass bei einer entgegengesetzten Importabsicherung der Kunde einen besseren Kurs erhält. 
Einmal hatte ich eine Anfrage über die Plattform von 200 Millionen Dollar „rechte Seite“. Kurz darauf rief derselbe Kunde parallel für 80 Millionen an. Er wollte also 2-way gestellt bekommen. Er handelte dann mit mir die linke Seite, die ich im Glauben, er wäre rechts unterwegs, ohne Marge geprict hatte, und hat damit einen ordentlichen sechsstelligen Euro-Betrag gespart beziehungsweise weniger für den Erwerb der 80 Millionen Dollar zahlen müssen. Der Kunde war erstaunt, dass ich seine Anfrage auf der Plattform gesehen hatte, weil das üblicherweise der Auto-Pricer stellt und der Sales gar nicht sieht. Das lag daran, dass ich bei der damaligen Bank viel manuell stellen musste. Sonst hätte ich nicht mitbekommen, was gelaufen ist: Mit Rechts antäuschen und Links schießen, um Bezug auf König Fußball zu nehmen.
Aufgrund dieser Möglichkeit, Preise zumindest kurzfristig bewegen zu können, ohne darauf handeln zu müssen, muss eine elektronische Handelsplattform wie 360T (und wahrscheinlich auch andere) Sorge tragen, dass diese Missbrauchsmöglichkeit ausgeschlossen wird. Eine Art kurzfristige Limit-Ausführung oder eben eine Art Auktion im Minutentakt, die der amtliche Kursmakler beziehungsweise sein Computer dann vornimmt, wären Lösungsmöglichkeiten für 360T, um ihrer gesellschaftlichen Verantwortung und ihrer Fürsorgepflicht nachzukommen. Andernfalls kann ein großer Konzern 500 Millionen Dollar bei zehn Banken über die Plattform anfragen und ruft dann etwas später bei der elften Bank an und handelt für 200 Millionen Dollar die andere Seite. Zuviel Transparenz führt hier also zu Preissignalen ohne Konsequenzen für den Sender und den Betreiber der Plattform. 
Es wundert mich, dass die Politik selbst einer der größten Prediger für Transparenz ist. Man weiß doch, dass Politiker in einem transparenten System versucht sind, sich selbst als große Interessenvertreter darzustellen. Das Ausmaß erkennt man in den zunehmend zäheren Verhandlungen mit Auslaufen von Ultimaten, die wir in den vergangenen Jahren sowohl in den USA (Haushaltsdefizit) oder Europa (Grexit) gesehen haben – seit der Perestroika war das anders. Die öffentliche Transparenz zwingt die Politiker in überzogene Verhandlungspositionen hinein, die Verhandlungen enorm erschweren und zu festgefahrenen Positionen führen, anstatt nach Interessen für eine Lösungsfindung zu fragen.
Denn andererseits wünschen insbesondere Regierungen oder diejenigen, die das Kapital haben, das Auslagern heikler Diskussionen in intransparente und sogenannte „Prüfungs-Gremien“. Damit wird zudem die wahre Verantwortlichkeit vertuscht und ermöglicht komplexe Verhandlungen, die in zuvor geheimen/intransparenten Ausschüssen vorverhandelt wurden. Um den Schein zu wahren, werden die dort getroffenen Entscheidungen im transparenten Gremium ohne eingehende Diskussion verabschiedet. Man folgt der Meinung der sogenannten Spezialisten beziehungsweise von Prüfern. Wer sorgt eigentlich dafür, dass wir, trotz der steigenden Transparenz, immer noch nicht den Wald vor lauter Bäumen sehen?
portfolio institutionell newsflash 22.02.2016
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