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17.06.2010

Nicht klein beigeben

Semi-institutionelle Anleger sind auf der Suche nach effizienten Anlagelösungen - und werden bei selbstgeschneiderten Lösungen fündig. Auch weil die Anbieterseite diesen Anlegertypus noch nicht richtig entdeckt hat.

Semi-institutionelle Anleger sind auf der Suche nach effizienten Anlagelösungen - und werden bei selbstgeschneiderten Lösungen fündig. Auch weil die Anbieterseite diesen Anlegertypus noch nicht richtig entdeckt hat. Drei gemein­nützige Investoren mit ­Anlagevolumina ­zwischen zehn und 60 Millionen Euro im Gespräch mit portfolio institutionell.

Interview mit Jan Dreher, Jens Güldner und Johannes Zerger; alle drei bei gemeinnützigen Einrichtungen in Berlin tätig.

_Renditen von Bundesanleihen markieren ­Rekordtiefs, Aktien sind volatil, viele Experten ­erwarten eine Inflation und Regierungen müssen sparen. Wie prekär ist die Situation für ­gemeinnützige Stiftungen und Vereine?
Jan Dreher: Die niedrige Verzinsung ist ein Problem. Der Evangelische Diakonieverein Berlin-Zehlendorf erzielt aber auch Erträge im betrieblichen Bereich. Wir sind an Krankenhäusern beteiligt und betreiben Kranken- und Altenpflege. Bei uns rangiert das Betriebs- vor dem Anlageergebnis.
Jens Güldner: Auch wir sind nicht ausschließlich auf das Kapitalanlageergebnis ­angewiesen. In unserer Holding-Struktur finden sich gemeinnützige Betriebe, die sich um gemeinnützige Aufgaben wie Jugend-, Behinderten- und Altenhilfe kümmern. Hier erlösen wir Geld. Zudem hat das Evangelische ­Johannesstift eine gute Freundeskreisbetreuung, wodurch wir Zustiftungen und Spenden generieren. Trotzdem ist natürlich das Kapital­anlageergebnis ein wesentlicher Bestandteil in unserem Etat.
_Große deutsche Stiftungen haben Anlagen in Milliardenhöhe. Nur ein Prozent der Stiftungen verfügt aber über ein Kapitalanlage­volumen von über 50 Millionen Euro. Welche Angebote bekommen denn die restlichen 99 Prozent von Banken und Asset Managern offeriert? Ist dann alles von der Stange?
Johannes Zerger:
Das Gros der Stiftungen hat ein Anlagevolumen von bis zu einer Million Euro. Mit zehn Millionen Euro ist die Stiftung Demokratische Jugend deutlich größer, aber weit entfernt von den ganz großen ­Stiftungen. Mein Eindruck ist, dass Banken auf Stiftungen in unserer Größenordnung durchaus individuell zugehen. Die Anbieter scheinen Stiftungen mittlerweile als spezifische Anleger wahrzunehmen. Das Angebot geht von speziell für Stiftungen konzipierten Fonds bis hin zu individueller Betreuung und speziellen Lösungen. Ich bin aber noch in der Sondierungsphase, was für unsere Stiftung das Passende ist.
Natürlich kann ich das Management auslagern. Die Verantwortung bleibt aber. Deshalb ist für mich primär, erst einmal intern Kompetenz durch ein Gremium aufzubauen.
Dreher: Mit zehn Millionen Euro liquidem Vermögen und fünf Millionen Euro in einer Unterstützungskasse, aus der wir Beihilfen zahlen, fühle ich mich als semi-institutioneller Anleger. Wir unterscheiden uns von den Versicherern und großen Versorgungswerken, die über Stabsstellen mit vielen Mitarbeitern verfügen, über die portfolio institutionell normalerweise berichtet.
Die Angebote hängen sehr stark mit der Vermögensgröße zusammen. Ein Spezialfonds kommt für uns nicht in Frage, ich ­würde aber auch nicht sagen, dass wir mit Angeboten von der Stange abgespeist werden. Es gibt Banken, die sehr Individuelles auch für kleinere Beträge offerieren.
_Handelt es sich hier eher um Großbanken, Privatbanken, Sparkassen oder Genossen?
Dreher: Das lässt sich nicht verallgemeinern. Viel hängt vom Ansprechpartner ab.
_Der Fuchs-Report hat sich lobend darüber ­geäußert, dass Vermögensverwaltungsgebühren für Stiftungen im Schnitt zwischen 0,6 und einem Prozent liegen. Institutionelle ­Anleger wären darüber nicht so glücklich.
Güldner:
Das Evangelische Johannesstift hat sich dafür entschieden, institutionelle Strukturen und Gebühren einzuführen. Als ich beim Johannesstift begann, war mein Ziel, für ein kleineres Volumen ähnliche institutionelle Strukturen einzuführen, wie ich diese aus meiner Zeit bei der Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" kannte. Sich mit einem kleineren Anlagevolumen professionell zu bewegen, ist nicht einfach. Wir konnten vor kurzem mit einem Spezialdachfonds starten, in dem neben dem liquiden Vermögen des Johannesstifts und seiner gGmbHs das Vermögen weiterer Stiftungen nach einheitlichen Anlagerichtlinien gepoolt werden. Unsere gesamten liquiden Mittel ­belaufen sich auf rund 60 Millionen, und in diesem Vehikel werden derzeit 45 Millionen administriert. Unser EJS Stiftungsfonds steht aber auch externen Anlegern offen. Mit unserer Investmentlösung konnten wir die externen Kosten der Vermögensverwaltung der ­Liquidität der Stiftung halbieren.
Für kleinere Stiftungen ist die erwähnte ­Spanne aber eher optimistisch gerechnet, und es stellt sich hier auch die Frage nach den versteckten Kosten. Ich bin da von mancher Bank sehr enttäuscht worden. Kundenbedürfnisse wurden nicht verstanden und man ging davon aus, dass das Finanz-Know-how in Stiftungen nicht so ausgeprägt ist. In der ­Umstrukturierungsphase hin zu einem einheitlichen Mandat habe ich sehr ­intensiv mit Transaktionskosten analysiert. Untersucht wurde, wer welche Kosten produziert hat und wie diese dann kommuniziert wurden.
_Was ergab die Transaktionskostenanalyse?
Güldner: Jede Bank, von der wir im Private Banking oder Private-Wealth-Management betreut wurden, gab natürlich an, sehr günstige Konditionen zu bieten. Meistens ­waren es aber nur optisch geringe Kosten. In der Kurs- und Preisstellung wurden dann aber Kosten gestaltet, die für die Stiftung nicht hilfreich waren. Die interne Preisfeststellung ist schwer nachzuvollziehen. Kommt das Asset­ aus dem eigenen Handelsbuch oder von der Börse? Wir haben dann in vielen Fällen­ ­Trades über bestimmte Market Trader gesteuert­ und uns Händlertickets angeschaut. So kontrollierten wir die Kursfeststellung vom Market Maker bis zu Endabrechnung.
Die Banken haben von den Transaktionskosten sehr gut gelebt. Die Banken haben die Kosten zudem nicht kommuniziert oder versucht, diese zu verschweigen, indem nur Netto­abrechnungen vorgelegt wurden. Bei ­einer Bank haben wir festgestellt, dass die Gebühren fünf- bis siebenmal höher waren als vereinbart. Da wurden die Grenzen der Fairness überschritten. Es sollte aber von beiden Seiten offen, fair und transparent zugehen.
Jetzt sind wir auf Postengebührebene. Die Transaktionskosten haben wir nun auf ein Viertel oder noch tiefer gesenkt.
Zerger: Vertrauen ist wichtig. Vertrauen kann aber nur auf der Grundlage von Offenheit und Transparenz entstehen. Ich gehe ­davon aus, dass man auf Nachfragen hin alle Informationen bekommt. Aber man muss schon wissen, wo man eigentlich gezielt nachfragen muss.
_Kann man grundsätzlich sagen, dass eine milliardenschwere Institution mehr Vorteile bei der Kapitalanlage hat?
Dreher:
Fünf Millionen anzulegen ist anders, als fünf Milliarden anzulegen, aber nicht besser oder schlechter. Große Vermögen sind mit geringeren Kosten verbunden und es stehen mehr Mitarbeiter zu Verfügung. Mit ­einem großen Vermögen kann man auch in unterschiedlichere Segmente investieren. Bei der Bank werden wir nicht unbedingt von dem Kundenbetreuer für Institutionelle oder vom Vorstand betreut. Entscheidend ist aber am Ende die Performance. Viele ­Nebeneffekte sorgen dafür, dass ein Großanleger nicht automatisch eine bessere Rendite als ein mittelgroßer Anleger erzielt.
Güldner: Mit großen Volumina kann man andere Strukturen zu anderen Kosten fahren. Kleinere Volumina stehen vor der Herausforderung, sich möglichst professionell aufzustellen und effiziente Lösungen zu suchen. Für uns ist es in der derzeitigen Struktur am effizientesten, im Rentenbereich weitgehend über Einzeltitel zu gehen. Das bietet sich auch für die Kuponsteuerung an. Für Aktien haben wir uns für die institutionellen Tranchen von Zielfonds entschieden. Unser Volumen reicht nicht, um selbst ausreichend diversifiziert Aktien zu kaufen.
_Wie hilfreich ist denn der Bundesverband Deutscher Stiftungen bei der Kapitalanlage?
Güldner:
Mein Wunsch an den Bundesverband ist, das Thema Kapitalanlage höher zu gewichten. Bislang legt die Verbandsarbeit andere Schwerpunkte.
Zerger: Die Beratung des Bundesverbandes ist auf jeden Fall hilfreich. Es handelt sich aber um eine allgemeine Beratung. Weiter gibt es auch die Pooling-Lösungen des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft. So lassen sich größere Volumina generieren.
Meine Meinung: Je größer, desto mehr Gewicht hat man in den Verhandlungen mit den Anbietern von Kapitalanlagen. Deshalb spricht einiges für Zusammenschlüsse. Fraglich ist jedoch, ob ein solcher Zusammenschluss bei den Kriterien jenseits von Kapital­erhalt, Rendite und Risiko passt.
_Auf dem Markt sind über zwei Dutzend ­Stiftungsfonds angeboten. Warum werden Sie dort nicht fündig?
Dreher:
Fondslösungen sind gut, wenn man die Vermögensanlage extern vergeben möchte. Solche Mischfonds haben auch den Charme, dass Verluste in der einen Asset-Klasse gleich mit den Gewinnen in der anderen Asset-Klasse verrechnet werden. Die ­Anlageergebnisse sind aber auch recht ­gemischt. Teilweise werden die Fonds auch ihrem Anspruch nicht gerecht, reale ­Renditen zu erwirtschaften. Viele Fonds weisen auch nur ein sehr kleines Volumen auf.
_Wie lautet Ihre strategische Allokation?
Dreher:
Grob ist es eine 70:30-Allokation. Eine Ergänzung mit Immobilien im Hinblick auf eine mögliche Inflation macht grundsätzlich Sinn. Ich würde aber, wie erwähnt, lieber im diakonischen Umfeld unternehmerische Beteiligungen eingehen oder Gesellschafterdarlehen vergeben.
Zerger: In der Stiftung Demokratische ­Jugend arbeiten wir noch an der Diversifizierung. Derzeit ist das Kapital in Schuldscheinen von Banken und kommunalen Wohnungsbauunternehmen angelegt. Wir können aber nur schrittweise umschichten, wenn Papiere fällig werden. Ein großer Teil unseres Vermögens liegt in einer Zinsstruktur. Für meinen Vorgänger war es attraktiv, dass die ersten fünf Jahre ein Garantiezinssatz ausgeschüttet wurde. Jetzt wird die Differenz des Zinssatzes von zwei- und 20-jährigen Papieren mit 7,1 multipliziert. Das ist im Moment positiv, kann sich aber auch schnell wieder ändern. Für die Verwirklichung unseres Stiftungszwecks sind wir aber auf regelmäßige Erträge angewiesen. Von einer Aktienquote von 30 Prozent sind wir noch weit entfernt. Eine Aktienquote würden wir aber sowieso nur schrittweise und nicht mit Einzeltiteln aufbauen. Auch wenn wir sicherlich vorsichtiger herangehen werden, dürfte eine 70:30-Allokation auch künftig als allgemeine Orientierungsgröße nicht ausgedient haben.
Güldner: Im Wesentlichen entsprechen diese Quoten unserer Strategie. Wenn man diese vernünftig diversifiziert, sollte man gut über die Zeit kommen - und Stiftungen sind, sofern sie keine Verbrauchsstiftungen sind, ja auf ewig angelegt. Im Augenblick dürfen wir zu 30 Prozent strategisch in Aktien und alternative Investments, also Private Equity, Hedgefonds und Rohstoffe, investieren. Künftig streben wir eine Quote von 35 Prozent an. Ende Mai waren wir zu 17 Prozent in Aktien und 69 Prozent in Renten investiert. Der Rest ist Kasse. Die Verzinsung ist zwar niedrig, aber wir wollen eben das Vermögen sichern.
_Sie haben einen eigenen Stiftungsfonds entwickelt, Herr Güldner. Welche Vorbehalte ­hegen potenzielle Drittinvestoren?
Güldner: Vertrauen ist natürlich ganz wichtig. Vertrauen entsteht aber nicht über Nacht sondern muss sukzessive erarbeitet werden. Dann müssen die Anlagerichtlinien weitgehend zu denen unseres Stiftungsfonds passen. Wir würden uns aber nicht weigern, andere Ideen mit aufzunehmen. Schlussendlich müssen die Gremien der anderen Stiftung bereit sein, Geld in eine externe Pooling-Stiftung zu geben. Das ist ein langer Weg.
Betonen möchte ich, dass wir nicht in Konkurrenz zu den vorher erwähnten Publikumsstiftungsfonds treten. Wir haben eine andere Herangehensweise. Wir möchten hier im Stiftungsbereich Vorreiter sein und aufzeigen, dass der Weg des gemeinsamen Pool­ings von liquiden Stiftungsvermögen ein durchaus erfolgreicher Weg sein kann. Das Vermögensmanagement der Stiftung leistet mit dem EJS Stiftungsspezialfonds ihren Beitrag bei der Etablierung des Stiftungskompetenzzentrums Johannesstift.
Zerger: Was erst einmal für Vertrauen sorgt, ist, dass das Johannesstift dort selbst Geld anlegt. Das ist etwas anderes, als wenn eine Bank ein solches Produkt offeriert. ­Zudem ist das Johannesstift eine sehr erfahrene Stiftung mit nachgewiesener Kompetenz. Das ist für mich ein wesentlicher ­Aspekt, da wir mit dem kollegialen Austausch nicht immer gute Erfahrungen machten.
Dreher: Würden Sie eine externe oder ­eine interne Lösung bevorzugen?
Zerger: Eine Mischung. Nach den Erfahrungen, die unsere Stiftung gemacht hat, muss mehr selbst gemacht werden und mehr Basis-Know-how geschaffen werden. Ich möchte auch ein Expertennetzwerk knüpfen. Dann können die Angebote besser beurteilt werden. Wenn wir dieses Basis-Know-how entwickelt haben, dann muss ich nicht mehr alles selbst machen, sondern kann beurteilen, ob Produkte oder die Vorschläge der Banken und Berater unseren Vorstellungen entsprechen und uns nutzen.
Güldner: Das ist ein ganz wichtiger Punkt! Ab einer bestimmten Größenordnung, die wir hier alle haben, muss ein Mindestbasis-Know-how vorhanden sein. Es ist wichtig, mit Anbietern und Consultants auf Augenhöhe diskutieren und gemeinsam Lösungen entwickeln zu können. Schließlich muss man die Produkte in allen Aspekten verstehen. Viele Produkte sind wunderschön verpackt und strukturiert. Einige Aspekte hat aber so mancher Verkäufer selbst nicht verstanden.
_Mandatiert ist für den Stiftungsfonds Allianz Global Investors. Warum?
Güldner:
2009 führten wir einen umfang­reichen Ausschreibungsprozess durch. In ­einem vielseitigen Katalog haben wir ­festgehalten nach welchen quantitativen und qualitativen Kriterien wir vorgehen wollen, welche Strukturen und Gebühren wir anstreben. Wichtig war uns auch, ob die Häuser über ­eine eigene Nachhaltigkeitsstrategie verfügen und wie zum Beispiel mit dem eigenen ­Personal umgegangen wird. Am Ende präsentierten zwei Anbieter vor dem Finanzausschuss, in dem dann die Entscheidung pro ­Allianz Global Investors fiel.
Allianz Global Investors managt das Mandat als Portfoliomanager mit einem integrierten Overlay. Wir haben aber Vorschlags- und Vetorecht. Wir können unsere Ideen bezüglich Produkten und Asset Managern einbringen. Diese Zugriffs- und Eingriffsmöglichkeiten haben wir ganz bewusst gefordert.
_Den Zeitaufwand für eine solche Struktur können sich kleinere Stiftungen nicht leisten.
Güldner: Eine professionelle Abteilung lohnt sich ab einem Volumen von 50 Millionen Euro. Im Vermögensmanagement arbeiten wir momentan zu zweit. Kapitalanlage, Risiko-Controlling, Liqui­ditätssteuerung, die Kreditseite oder Transaktionskostenanalysen füllen die Woche aus.
_Das Managerrisiko erscheint recht einseitig.
Güldner:
Wir haben als Vehikel einen Spezialdachfonds gewählt, um uns mit unserem kleineren liquiden Stiftungsvolumen aus den Gesichtspunkten Diversifizierung, Mischung und Streuung genau so kosteneffizient aufzustellen wie die großen Stiftungen. Wir verfügen auch über ein Risikomanagementsystem, um den Manager zu überwachen. Die Anzahl der Eigenprodukte der Allianz Global Investors haben wir begrenzt.
Bei den Anleihen sind wir weitgehend den Vorschlägen von Allianz Global Investors/RCM gefolgt. Die Zielfonds stammen dagegen fast ausschließlich aus unseren Vorschlägen. Alle Zielfonds müssen durch die Systematik der Allianz und bei den Prüfungen durch RCM Systematic Products im obersten Quartil landen. Durch diese Streuung in verschiedene Zielfonds haben wir ­unser Risiko diversifiziert.
Für das Core-Aktienportfolio nutzen wir ETF. Im Euroraum bevorzugen wir derzeit den Eurostoxx Sustainability 40. Bei ­Aktien sind wir zu einem Drittel nachhaltig investiert, bei den Anleihen zu 100 Prozent. Wir wollen im Nachhaltigkeitsbereich viel tun.
Zudem müssen die Zielfonds jederzeit ­liquide sein. Alle Fonds dürfen der zentralen Overlay-Steuerung nicht zuwiderlaufen. Dies gilt auch für Satelliten wie Emerging Markets oder einen Klimafonds von Sam. Micro­finance ist derzeit in dem Sinne nicht jederzeit liquide handelbar und kann darum nicht als Asset-Klasse eingesetzt werden. Wir ­haben auch keine Multi-Asset-Klassenfonds mit ­eigener Strategie. Denn es ist ganz wichtig, dass das Overlay eine möglichst optimale ­Risikotragfähigkeit pro einzelnem Asset bereitstellt, so dass wir nicht mit zu viel Risiko­puffer arbeiten und uns dadurch Performance-Potenzial nehmen. Wir wissen, dass das Overlay auch kostet. Das ist es uns aber wert, um das Portfolio stabil zu entwickeln.
Das Overlay ist aber auch keine Wertsicherungsgarantie. Mit Garantien würden wir unsere Ertragsziele nicht mehr schaffen. Unsere Verpflichtungsseite ist auch relativ starr und fest. Darum brauchen wir ein Kon­strukt, das uns mit einem Konfidenzniveau von 95 Prozent stabile Erträge liefert.
_Wie prozyklisch agiert das Overlay?
Güldner:
Wir haben eine dynamische Wertsicherungsstrategie, hinter der verschiedene Systematiken stehen: Value-at-Risk, Trendfolge, Behavioural Finance sowie tagesaktuelle Meinungen des Investment Boards der AGI. Wir können auch aktiv eingreifen. Das gewährleistet weitgehend, dass wir nicht prozyklisch agieren. Gänzlich können wir die Prozyklik aber nicht ausschließen.
_Alternatives passen wegen ihrer Illiquidität und dem in der Regel bestehenden Absolute-Return-Charakter nicht unter ein Overlay.
Güldner:
Deshalb haben wir noch keine alternativen Assets in dem Fonds. Wir sind auf der Suche nach Produkten, die mit der zentralen Overlay-Strategie kompatibel sind. Eine Möglichkeit könnte sein, Währungsstrategien über ETF abzubilden. ETF bilden auch Hedgefonds-Indizes ab.
Dreher: Bei Private Equity und Hedgefonds muss man die Produkte im Detail verstehen. Grundsätzlich macht Unternehmensfinanzierung ja Sinn. Aber wenn Unternehmen nur der Rendite willen zerschlagen ­werden, möchte ich nicht dabei sein.
Güldner: Wir haben einen Erkenntnis- und einen Zustimmungsprozess. Wenn die Mitarbeiter des Vermögensmanagements das Produkt verstanden haben, geht es in den (kleinen) Anlageausschuss, in dem auch das Unternehmens-Controlling und der kaufmännische Vorstand vertreten sind. Die nächste Stufe ist der Finanzausschuss als spezialisiertes Finanzgremium unseres Kuratoriums. Erst wenn alle Gremien das Produkt verstanden haben und dahinter stehen, kann ein neues Produkt, eine neue Strategie eingesetzt werden. Lieber verschenken wir etwas Performance, weil ein Produkt erst später zum Einsatz kommt, als dass es nicht auf ­allen Stufen verstanden wurde. Wenn der Markt sich negativ entwickelt, sollte die Mehrheit hinter dieser Investmententscheidung stehen. Diesen Prozess beschreiten wir auch für die alternativen Assets und prüfen, ob ­eine Implementierung in unsere zentrale ­Investmentlösung möglich ist.
_Wie stehen Ihre Institutionen zu nachhaltigen Investments?
Zerger:
Diese Diskussion wird bei uns in Zusammenhang mit der Entwicklung von Anlagerichtlinien geführt. Die Tendenz geht dahin, dass es zum Stiftungszweck passen muss. Ich gehe davon aus, dass wir ­bestimmte ethische Grundaussagen treffen. Die Umsetzung wirft aber zusätzliche Fragen auf, die nicht immer einfach zu beantworten sind. Bei Staatsanleihen weiß man ja auch nicht genau, welcher Teil des Staatshaushalts ­daraus finanziert wird.
Dreher: Bei US-Anleihen fließt eben auch ein Teil nach Guantanamo. Eine hundertprozentige Lösung oder die reine Lehre gibt es nicht. Über Einzeltitel kann man lange ­streiten, ohne zu einer ethisch einwandfreien Lösung zu kommen. Ich würde mich bei den Einzeltiteln nach Nachhaltigkeitsindizes ­orientieren und noch ausschließen, dass ein Unternehmen den Feldern, in denen die Stiftung aktiv ist, zuwider spricht. Jeder muss auch für sich selber entscheiden. Nachhaltigkeit ist ein weites Feld, in dem es Konsens, aber auch spezielle Richtungen gibt, die jeder für sich beschreitet.
Für eine sehr gute Idee halte ich Engagements, also die Wahrnehmung der Stimmrechte. Hier muss man natürlich die eigenen Kräfte realistisch einschätzen. Aber auch hier: Zusammen ist man stärker.
Güldner: Alle wünschen sich nachhaltige Investments. Im Moment ist Nachhaltigkeit aber mehr Mode, als dass es gelebt wird. Es gibt viele Zielfonds, die in Hochglanz­broschüren ihre nachhaltige Vorgehensweise beschreiben. Da wird auch viel heiße Luft produziert.
Wichtig ist es, Nachhaltigkeit zu leben. Im ­Johannesstift wollen wir uns einem gewissen Optimum nähern. Wir wollen möglichst in den Besten einer Branche investieren. Wir ­investieren in einem Mix aus der Strategie "Best of Classes" sowie "Best in Class".
Nachhaltigkeit muss man auch messen können. Nicht jede Asset-Klasse lässt sich schon messen. Das System von Oekom ­Research ist im Laufe der Jahre viel filigraner und detaillierter geworden. Der Informations­gehalt ist nun viel größer. Dies liegt auch ­daran, dass viele Unternehmen nun auch Umweltberichte machen. Diese Entwicklung haben die Oekoms dieser Welt ausgelöst.
_Warum ist das Johannesstift bei Aktien nur zu einem Drittel nachhaltig unterwegs?
Güldner:
Über den gesamten Fonds hinweg sind wir zu 74 Prozent nachhaltig investiert. Mit dieser Quote sind wir schon sehr weit. Im Aktienportfolio haben wir Fonds, die aus Diversifikationsgesichtspunkten Sinn machen, unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten aber schwer zu screenen sind. Möglicherweise ist unser Gesamtportfolio noch nachhaltiger.
Bei Anleihen sind wir zu 100 Prozent nachhaltig. Wir sind also zum Beispiel nicht in US-Treasuries investiert. Wir orientieren uns an den Systematiken von Oekom ­Research und Sam.
_Gemeinnützigen Anlegern müsste von den Nachhaltigkeitsaspekten besonders die Ethik am Herzen liegen. Da müssten Sie gegenüber Microfinance doch sehr aufgeschlossen sein?
Dreher:
Microfinance halte ich für großartig. Gut gemeint ist aber nicht immer auch gut gemacht. Meines Wissens ist in diese ­Asset-Klasse so viel Geld reingeflossen, dass es langsam schwierig wird, geeignete Kreditnehmer zu finden. Man muss auch für sich entscheiden, ob der aus unserer Sicht hohe Zinssatz, den die indische Näherin an den Fonds zahlen soll, ethisch vertretbar ist.
_Ist es sinnvoll, nicht nachhaltige Aktien zu shorten?
Güldner:
Soweit sind wir beim Thema Nachhaltigkeit dann doch noch nicht.

 
Patrick Eisele
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