Strategien
28.04.2017

Politische Börsen haben lange Beine

Dr. Holger Behr, Stefan Hofrichter und Dr. H. W. Korfmacher (v.l.n.r.) (Fotograf: Tom Kohler)

Politische Börsen haben kurze Beine. Dieses Vorurteil hält sich hartnäckig unter den Teilnehmern am Kapitalmarkt. Doch dieses Mal ist es anders. Der Einfluss politischer Entscheidungen ist heute so groß wie selten zuvor. Diesen Eindruck vermittelte am 5. April 2017 die Jahreskonferenz von portfolio institutionell.

Treffpunkt Behrenstraße 37 in Berlin-Mitte: Von dort sind es nur wenige Minuten bis zum Brandenburger Tor, zur Botschaft der Russischen Föderation und zum Reichstagsufer. Bis 1945 residierte unter der Adresse die Dresdner Bank. Sie hatte dort ihren Hauptsitz. 72 Jahre­ später kamen in der ehemaligen Schalterhalle institutionelle Investoren­ aus der ganzen Bundesrepublik zusammen, um anlässlich der Jahreskonferenz von portfolio institutionell den Status quo der institutionellen­ Kapitalanlage zu erörtern und dabei auch einen Blick in deren Zukunft zu werfen.

Den Auftakt der Jahreskonferenz bildete die Keynote von Friedrich Merz. Der frühere Vorsitzende der CDU-/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag und heutige Aufsichtsratsvorsitzende von Blackrock Deutschland sprach vor voll besetzten Reihen über die Konjunktur und die Kapitalmärkte im Superwahljahr 2017. Ohne der ausführlichen Berichterstattung in der Mai-Ausgabe von portfolio institutionell­ vorgreifen zu wollen, nur so viel vorab: Friedrich Merz hat sich in seiner 45-minütigen Rede als glühender Verfechter der Europäischen Union präsentiert. „Sie sind in einem außergewöhnlich spannenden Jahr nach Berlin gekommen“, sagte er zu Beginn seiner Keynote an das Publikum gerichtet. Wie zum Beleg für diese Feststellung wies Merz auf eine Debatte der elf Kandidaten um das Amt des Staatspräsidenten der Republik Frankreich hin, bei der just am Vorabend ungewohnt offen über einen möglichen Austritt Frankreichs aus der Eurozone („Frexit“) debattiert wurde.

Das Brisante: Fünf der elf Kandidaten haben sich gegen den Verbleib Frankreichs in der Europäischen Union ausgesprochen. „Nehmen wir mal an, es käme bis zur Wahl am 23. April 2017 zu einer Einigung der beiden zerstrittenen, äußerst linken Kandidaten. Das würde dazu führen, dass nur einer der beiden zur Wahl antritt. Dann könnte es in der Stichwahl am 7. Mai zu einer Abstimmung zwischen der extremen Rechten und der extremen Linken kommen“, warnte Merz.

Beide Seiten­ haben sich gegen den Verbleib Frankreichs in der Euro­päischen Union ausgesprochen. Für Investoren, und hier schließt sich der Kreis, heißt das, sie müssen sich mehr denn je mit dem Gedanken auseinandersetzen, dass der Euro in seiner heutigen Form vielleicht nicht überleben wird. „Ich will den Teufel nicht an die Wand malen“, versicherte Merz. Aber daran zeige sich, führte er fort, „welchen Herausforderungen Europa gegenübersteht.“ Und auch die US-Präsidentschaftswahlen hätten Auswirkungen auf Europa, betonte er. 

 
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