Hohe Sicherheit ist für deutsche Mittelständler die wichtigste Anforderung an eine Geldanlage. Diesem Wunsch zum Trotz haben sie eine unrealistisch hohe Erwartung an die Verzinsung ihrer Geldanlagen. Dies geht aus einer neuen Studie der Fachhochschule des Mittelstandes und der Dualen Hochschule Baden-Württemberg hervor.
Hohe Sicherheit ist für deutsche Mittelständler die wichtigste Anforderung an eine Geldanlage. Diesem Wunsch zum Trotz haben sie eine unrealistisch hohe Erwartung an die Verzinsung ihrer Geldanlagen. Dies geht aus einer neuen Studie der Fachhochschule des Mittelstandes und der Dualen Hochschule Baden-Württemberg hervor.
Der Mittelstand ist das Herz der deutschen Wirtschaft. Die über 3,6 Millionen mittelständischen Betriebe machen immerhin 99 Prozent aller Unternehmen in Deutschland aus. Trotz seiner enormen Bedeutung steht der Mittelstand als Kundengruppe bei Finanzdienstleistern nicht ganz oben auf der Prioritätenliste. Der Fokus liegt eher auf Großunternehmen und institutionellen Investoren. "Bei den meisten Banken laufen die Mittelständler sehr unsystematisch mit", sagt Professor Oliver Kruse von der Dualen Hochschule Baden Württemberg. Dafür verantwortlich dürfte die Heterogenität dieser Kundengruppe sein. "Der Mittelstand ist sehr heterogen. Das macht die Arbeit mit dieser Anlegergruppe komplex und aufwendig", so Kruse.
Eine eigene Abteilung für mittelständische Kunden gibt es nach Kruses Einschätzung bei den wenigsten Anbietern von Finanzdienstleistungen. Das überrascht jedoch kaum. Schließlich ist das große Geschäft hier nicht zu erwarten. Der Mittelstand hat zwar trotz Finanzkrise nach wie vor einen Anlagebedarf. Dieser fällt allerdings äußerst bescheiden aus, wie die zweite Studie zum Finanzanlageverhalten und Finanzanlagebedürfnis mittelständischer Unternehmen von der Fachhochschule des Mittelstands und der Dualen Hochschule Baden-Württemberg zeigt. Während der durchschnittliche Anlagebedarf in der Vorgängerstudie 2007 bei einer Million Euro lag, sind es aktuell nur noch 100.000 Euro. In diesen Zahlen spiegeln sich die Auswirkungen der Krise wider. Viele Mittelständler müssen ihre rückläufigen Umsätze mit Liquidität überbrücken. Doch auch diese Zeiten werden vorübergehen. Professor Volker Wittberg von der Fachhochschule des Mittelstandes ist sich sicher: "Wenn die Konjunktur anzieht, wird auch der Anlagebedarf wieder steigen." Allerdings macht nicht nur der geringe Anlagebedarf den Mittelstand für Anbieter relativ uninteressant. Hinzu kommt der kurzfristige Anlagehorizont. Der Studie zufolge legen 67 Prozent der Mittelständler ihre liquiden Mittel mit einer Laufzeit von bis zu einem Jahr an. Kruse relativiert dieses Ergebnis jedoch ein wenig: "Der Mittelstand hat einen kurzfristigen Anlagehorizont. Es gibt aber auch einen langfristigen Bedarf, der aus den Pensionsverpflichtungen herrührt." So geben 19 Prozent der befragten Mittelständler an, einen Anlagehorizont von über einem Jahr zu haben, weitere 14 Prozent sprechen von über fünf Jahren.
Um erfolgreich die Kundengruppe "Mittelständler" für sich zu erschließen, müssen Anbieter die Anlagebedürfnisse des Mittelstandes kennen. Doch wie sehen diese aus? In ihrer Studie versuchten Kruse und Wittberg eine Antwort auf diese Frage zu finden. Zwischen Mai und Oktober 2009 führten sie deshalb eine Befragung unter 4.000 mittelständischen Unternehmen durch, die weniger als 500 Mitarbeiter und einen Umsatz von bis zu 50 Millionen Euro haben. Etwas enttäuscht zeigen sich die Studienmacher über die Rücklaufquote, die bei lediglich 2,5 Prozent lag. "Die Daten sind immer ein Problem beim Mittelstand. Sie geben ungern Auskunft über ihre Finanzen", so Wittberg. Durch die Finanzkrise hat sich dies noch einmal verstärkt, da sich oftmals die finanzielle Situation der Mittelständler verschlechtert hat. Ungeachtet dessen halten Kruse und Wittberg die Ergebnisse ihrer Studie für aussagekräftig. Ein zentrales Fazit: Das Anlageverhalten des Mittelstandes hat sich durch die Krise kaum verändert. "Die Anforderungen an die Geldanlage scheinen im Wesentlichen krisenunabhängig zu sein", bemerkt Kruse. Wie 2007 stehen auch in der aktuellen Studie eine hohe Sicherheit, hohe Verzinsung und stabile Erträge ganz oben im Anforderungskatalog. Darüber hinaus wird eine schnelle Verfügbarkeit gefordert. Dieser Punkt war den Mittelständlern bereits 2007 wichtig und rührt nicht aus der Finanzkrise her. Gleichwohl hat diese bestätigt, wie wichtig eine schnelle Veräußerbarkeit sein kann. "In der Krise hat sich gezeigt, dass nicht alle Anlagen liquide sind. Schließlich wurden einige Geldmarktfonds geschlossen", so Kruse. Neu in den Top-Fünf des Anforderungskatalogs ist der Aspekt "leichte Verständlichkeit". Die Kosten spielen hingegen eine untergeordnete Rolle. Aktuell ist dieser Aspekt nicht mehr unter den Top-Fünf.
_Produkttreue in der Krise
"Schuster, bleib bei deinen Leisten", könnte das Motto der deutschen Mittelständler lauten, wenn es um die Wahl der Anlageprodukte geht (siehe Grafik). Wie die aktuelle Studie zeigt, hält die Mehrheit ihrer Lieblingsanlage, dem Festgeld, die Treue. "Für diese Anlageform spricht vor allem der feste Zinssatz und eine vorab festgelegte Laufzeit, so dass eine optimale Planung möglich ist", sagt Kruse. An zweiter Stelle folgen Sichteinlagen. Zwar hat diese Anlageform im Vergleich zu 2007 an Zuspruch verloren, wird aber nach wie vor von etwa der Hälfte genutzt. "Wir beobachten, dass Mittelständler für ihr laufendes Geschäft insbesondere Festgeld und Sichteinlagen nutzen", bestätigt Frank-Oliver Wolf, Chef der Commerzbank-Abteilung "Interest, Currency & Liquidity Management". Für mittel- und langfristige Anlagen würden aber auch andere Anlageformen genutzt. "Die Produktbreite hat zugenommen. Es werden zum Beispiel synthetische Lösungen über Anlagederivate gesucht", so Wolf. Außerdem werden nach seiner Erfahrung Geldmarktfonds, Schuldscheindarlehen, Corporate Bonds, Währungen und Immobilienfonds genutzt. Laut der Studie haben Geldmarktfonds zuletzt jedoch an Beliebtheit eingebüßt. Aktuell investieren nur noch 21 Prozent in dieses Vehikel. Diese Entwicklung ist für Kruse nicht überraschend, schließlich haben Geldmarktfonds ihre Anleger zuletzt enttäuscht. "In der Vergangenheit wurden viele Geldmarktfonds verkauft, die sich später als nicht echte Geldmarktfonds entpuppten", so Kruse.
Angesichts der Vorliebe für risikoarme Anlageprodukte und dem Wunsch nach hoher Sicherheit erstaunt ein anderes Studienergebnis: Der Mittelstand erwartet von einer Finanzanlage eine durchschnittliche Verzinsung von 5,24 Prozent. Damit fällt die Erwartung leicht unter den Wert von 2007 (5,88 Prozent), liegt aber immer noch fernab jeder Realität. Das gilt umso mehr, als die Kapitalmarktzinsen innerhalb des vergangenen Jahres massiv gesunken sind. "Hier ist wohl der Wunsch der Vater des Gedankens", meint Wolf. Die Studienmacher mutmaßen, dass dieser Optimismus von der bis 2008 lange stetig steigenden Verzinsung von Festgeld und Tagesanleihen herrührt.
Die Ergebnisse der Studie werfen die Frage auf: Ist es für Anbieter von Finanzdienstleistungen überhaupt sinnvoll, spezielle Produkte für den Mittelstand aufzulegen? Auf den ersten Blick dürfte die Anwort angesichts der geringen Anlagevolumina und Affinität für Festgelder und Sichteinlagen eher "nein" lauten. Der Mittelstand ist allerdings eine heterogene Gruppe, die sich nicht über einen Kamm scheren lässt. Deshalb ist Kruse davon überzeugt: "Als Bank muss ich die richtigen Mittelständler identifizieren, dann kann ich damit auch Geld verdienen." Diese differenzierte Sichtweise hält auch Wolf für notwendig. "Die Kunden sind sehr verschieden. Einige prolongieren teilweise über zehn Jahre immer wieder ihre kurzfristigen Festgelder, ohne diese je abzurufen. Andere wollen hingegen langfristige Anlagen. Es bedarf einer genauen Analyse, was der Kunde braucht", erklärt Wolf.
Wer den Mittelstand als Kundengruppe erobern will, sollte nach Kruses Ansicht jedoch nicht mit der Einführung spezieller Mittelstandsprodukte warten, bis die Konjunktur anzieht und der Anlagebedarf wieder steigt. "Wenn man sich als Bank bereits heute systematisch um den Mittelstand kümmert, fühlt sich dieser gut aufgehoben und wird in der Zukunft mit dieser Bank zusammenarbeiten, wenn er wieder mehr Anlagevolumen zur Verfügung hat", so Kruse.




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