Schwarzer Schwan der Woche
10.03.2017

Russische Risikoprämie

Wie investieren eigentlich die Stützen der russischen Gesellschaft ihr Erspartes? Ministerpräsident Medwedjew gibt Einblick in sein Portfolio.

Transparenz über die Asset Allocation, die Administrationslandschaft sowie über Stärken und Schwächen schuf der russische Oppositionspolitiker Alexej Nawalnyj am Beispiel von Ministerpräsident Dimitrij Medwedjew. Transparenz in die russische Variante der Kapitalanlage brachte Nawalnyj mit Hilfe von offiziellen Dokumenten, Fotos in sozialen Netzwerken, gehackten E-Mail-Konten und Drohnen. Über die Recherchen Nawalnyjs berichtete die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) am 4. März.

Dimitrij Medwedjew kann nach russischen Maßstäben zufrieden auf seine bisherige politische Karriere zurückblicken: Die Assets under Management des Ministerpräsidenten sollen sich mittlerweile auf umgerechnet 1,14 Milliarden Euro belaufen. Solide allokiert sind diese schwerpunktmäßig in Grundbesitz in Russland. Zur Diversifikation tragen weitere Immobilien in Italien und zur emotionalen Rendite zwei Yachten bei. 

Die Grundphilosophie der russischen Kapitalanlage gleicht westlichen Mustern. Hervorstechendes Merkmal der institutionellen Kapitalanlage in Russland ist das konsequente Aufbrechen der Wertschöpfungskette: Formal bestehe keine direkte Verbindung Medwedjews zu den Vermögenswerten, zitiert die FAZ den russischen Ableger der Organisation Transparency International. Dies hilft dem russischen Ministerpräsidenten, größere Reputationsschäden zu vermeiden, und fördert zudem den Gedanken der Spezialisierung. Aus Sicht von Beratern dürften aber noch Potenziale bestehen, den Spezialisierungsgedanken auszubauen: Die Kontrolle der Assets unterliegt nämlich in der Regel einem ehemaligen Kommilitonen Medwedjews, der es auch in die Führungsriege der Gasprombank geschafft hat, und zahlreichen Verwandten. Hierin ist also eher eine Art Plattform-Gedanke zu erkennen, in der ein eingespieltes Team eine begrüßenswerte One Stop Solution schafft.

Umgesetzt wird die Kapitalanlage zwar nicht mittels einer Luxemburger Sicav oder eines Spezialfonds nach deutschem Recht, sondern mit Stiftungen nach russischem Recht. Der Vorteil dieser Vehikel besteht darin, dass durch deren Namensgebung gleich auf das im russischen Stiftungssektor offenbar allgegenwärtige Mission Investing hingewiesen werden kann: Die Namen „Stiftung zur Unterstützung gesellschaftlich bedeutender staatlicher Projekte“ und „Stiftung zur Unterstützung Olympischer Wintersportarten“ entstammen aber möglicherweise weniger einer echten intrinsischen Motivation als vielmehr schwarzem Humor. 

Bevorzugte Wohnlage

Die Expertise für russische Immobilien ist bei Dimitrij Medwedjew sehr ausgeprägt. Es zeugt schließlich von einer sehr großen Conviction, die Gelder nicht in irgendwelche Luxusresidenzen zu allokieren, sondern gleich in eine mit 2.822 Quadratmetern Wohnfläche, Gästehaus und weiteren Bauten ausgestattete Behausung im Moskauer Westen. Daneben nennt der russische Ministerpräsident eine behagliche Winterresidenz mit 4.177 Quadratmetern Wohnfläche in den Bergen nahe Sotschi sein Eigen. Anders als eine zersplitterte Immobilienlandschaft tragen solche Filetstücke zu einer Fixkostendegression bei, worin sich wiederum eine weit fortgeschrittene Professionalisierung spiegelt. 

Expertise besteht in der russischen Führungselite offenbar auch bei Abschreibungsmodellen und anderen steuerlichen Vorteilen, wie sie mit denkmalgeschützten Bauten einhergehen, da die Struktur des Immobilienportfolios auch über eine Residenz aus dem 18. Jahrhundert diversifiziert wird. Weitere Assets sind derweil dem Agrarsektor zuzuordnen. Der Trend zu Core+ oder Value-add ist auch in Russland zu erkennen: In Sankt Petersburg wurde ein ebenfalls aus dem 18. Jahrhundert stammendes Gebäude mit Luxusapartments und Aufzügen weiterentwickelt. Hintergedanke: So lassen sich die Luxusfahrzeuge in die Wohnung hieven. Noch ein paar Aspekte zur Administration: Der italienische Grundbesitz und die beiden Yachten sind in einer Offshore-Gesellschaft in Zypern aufgehängt. 

Sehr überzeugend und einen großen Wettbewerbsvorteil darstellend ist auch die Dealsourcing-Strategie. Nach Recherchen Nawalnyjs kamen die Assets über Donationen von Oligarchen wie Alischer Usmanow, laut Forbes reichster Russe, und anderer Geschäftsleute in das Portfolio. Die Oligarchen sichern sich mit kleinen Aufmerksamkeiten wie diesen weiterhin das Wohlwollen des Kremls, also der für sie zuständigen Aufsichtsbehörde. Zur Performance des Portfolios finden sich indes keine Angaben. Üblicherweise wird ein solcher Vermögenszuwachs in Russland als Risikoprämie dafür betrachtet, eines Tages in Ungnade zu fallen und alles wieder zu verlieren.

Die Redaktion von portfolio wünscht Alexej Nawalnyi weiterhin viel Erfolg bei seiner Arbeit sowie vor allem Gesundheit und hofft, bald auch Einblick in die Kapitalanlage von Wladimir Putin zu bekommen. Schließlich kann Ministerpräsident Medwedjew nach Einschätzung Alexej Nawalnyis so viel und so offen stehlen, weil Putin dasselbe mache – nur eben in noch institutionellerem Umfang.   

 
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