Stiftungen
06.07.2018

„Tauscht Euch aus!“ - Teil 1

Praktizieren bereits den Austausch: Frank Wieser (Schmitz Stiftungen), Wolfgang Juds (Stiftung Behindertensport Sachsen-Anhalt), Stephan George (Deutsches Stiftungszentrum), Reiner Sachs (Share Value Stiftung) und Stefan Seewald (Oberfrankenstiftung). (Bild: privat)

Kapitalanlage für Stiftungen - für viele immer noch eine Herausforderung. Die nominierten Stiftungen der diesjährigen portfolio institutionell Awards kamen zu einem Gespräch zusammen.

Vorbildliche Kapitalanlage in einer Stiftung auszuzeichnen, ist seit Jahren schon das Anliegen des portfolio institutionell Awards in der Kategorie Beste Stiftung. Rödl & Partner hat für diese Award-Kategorie den Jury-Vorsitz inne und prämiert in jedem Jahr aus dem Kreis der nominierten Stiftungen den Gewinner. In diesem Jahr wurden die Schmitz-Stiftungen prämiert. Gemeinsam mit deren Verantwortlichen und Vertretern anderer nominierter Stiftungen diskutierte Tobias Karow (Rödl & Partner) in Kooperation mit portfolio institutionell, was in der Kapitalanlage von Stiftungen heute zum Vorbild taugt.

Wie sollten Stiftungen ihre Kapitalanlage heute aufsetzen, und wer sollte es überhaupt noch selber machen. Zwei Fragen die derzeit die Stiftungslandschaft bewegen. Was antworten Sie darauf?

Frank Wieser: Also ich kann einer ganz klassischen Vorgehensweise, die 60% Renten mit 40% Aktien mischt, durchaus viel abgewinnen. Spannenderweise überlegen wir uns derzeit aber auch, uns mit komplett anderen Investmentlösungen auseinanderzusetzen, etwa Hedgefonds-Strategien. Die Diskussion um die ganz klassische Ausgestaltung der Kapitalanlage einer Stiftung hat uns zu dem Punkt gebracht, dass sich genau der Zyklus des ganz klassischen Ansatzes dem Ende nähert. Möglicherweise müssen Stiftungen künftig neue Wege gehen.

Reiner Sachs: Die Frage der Veranlagung des Stiftungsvermögens hängt in meinen Augen vom Stiftungszweck und auch von der Risikotragfähigkeit ab – und auch davon, ob sie fördernd oder operativ tätig ist. Unsere Share Value Stiftung ist fördernd tätig und legt ihr Kapital in Aktien an, wenn hier die Dividenden mal nicht so sprudeln, dann wird eben auch ein wenig weniger gefördert. Allerdings muss man wissen, dass die Dividenden weniger stark schwanken als die Kurse der Unternehmen, es also schon ein hohes Maß an Planungssicherheit für uns gibt. Wir haben aber seit 2003, seit also die Stiftung besteht, das Fördervolumen noch nie reduzieren müssen. Auch in der Finanzkrise nicht. Insofern ist die Aktienanlage für uns stimmig. Alternative Strategien machen wir nicht, aber ich sage auch: noch nicht. Optionsstrategien könnten spannend sein, setzen aber Knowhow voraus. Wer so etwas nicht kann, sollte es delegieren, und Delegation kann für viele Stiftungen ein Weg sein.

Stephan George: Da möchte ich direkt einhaken. Ich würde behaupten, dass 99% der Stiftungsvorstände über dieses Knowhow nicht verfügen. Worüber reden wir also? Ein Stiftungsvorstand soll sich in der Zweckverwirklichung zurechtfinden, da sind auch viele hochprofessionell unterwegs. Vermögensverwalter sind die wenigsten.

Sachs: Völlig richtig, es geht in vielen Fällen ja vor allem darum, Fehler zu vermeiden, also fällt der Blick schnell auf die Schwankungen. Und bei Schwankungen ist man bei Aktien, wenn man Schwankungen vermeiden will, meidet man Aktien. Das klingt auf den ersten Blick logisch, ist aber falsch. Die Schwankungen ist aber der Aktienanlage immanent, problematisch wird es, wenn sie zu einem dauerhaften Wertverzehr führt.

Stefan Seewald: Bei der Diskussion um Schwankungen dürfen wir aber nicht vergessen, dass nach wie vor der größte Teil der Stiftungen auf die Unendlichkeit ausgerichtet ist und damit auch ein unendlicher Anlagehorizont gegeben ist. Vor dem Hintergrund sind Schwankungen einer Aktienquote sicherlich anders zu bewerten. Wichtig ist nur, dass eine hohe Diversifikation der Aktienquote gegeben ist.

Wieser: Stiftungen, die nicht so professionell in der Kapitalanlage unterwegs sind, entscheiden häufig genau unter den falschen Parametern, entscheiden dann schlecht, und sie entscheiden häufig auch recht langsam. Langsam aber ist etwas, das nicht mehr in die Zeit passt. Wenn zu jeder Aktie erst alle Gremien informiert werden müssen und dann noch weitere Diskussion etwa um Nachhaltigkeit angestoßen werden, ist der Kursrutsch schon passiert.  Der Zeitfaktor und fehlenden Kenntnisse legen es für mich nahe, die Kapitalanlage zu delegieren und beispielsweise das Mandat auszuschreiben.

Was aber nur für die größeren machbar ist.

Wieser: Sicher richtig, aber man kann davon lernen. Oder aber man kauft dann Fonds, wenn man eben nicht groß genug ist, um Family Office-gleich einen Verwalter zu selektieren. Bei Fonds ist es aber auch wichtig zu wissen, wie er funktioniert. Das ist eine komplexe Aufgabe. Gleichzeitig ist das Leben als Stiftungsvorstand auch aus anderem Grund komplizierter geworden. Denn je mehr Akteure im Stiftungsbereich unterwegs sind, desto mehr Dinge werden an Stiftungen herangetragen, die es dann zu diskutieren und zu entscheiden gilt. Früher diskutierte man über Anleihen, heute über Aktien und Anleihen, künftig über Anleihen, Aktien, Hedgefonds und andere alternative Anlagen, um mal bei der Kapitalanlage zu bleiben. Vieles andere beschäftigt aber die Stiftungen überdies. Wenn ich abgleiche, was ich 2001 in meiner ersten Tätigkeit als Stiftungsvorstand als Pflichten hatte und welchen Strauß ich heute abdecken muss, da wir mir ganz schwindelig. Eine Lehre für mich daraus war und ist, dass gerade die Kapitalanlage delegiert werden kann, um dem Stiftungsvorstand den Rücken für das Wesentliche einer Stiftung freizuhalten: die Zweckverwirklichung.

Seewald: Ich stimme überein, dass die operative Vermögensanlage delegiert werden kann, bzw. selbst bei größeren Stiftungen muss. Aber ein Stiftungsvorstand sollte sich schon mit der Strategie und dem Aufbau der Vermögensanlage intensiv beschäftigen – Stichwort: Anlagerichtlinien.

George: Was in meinen Augen völlig fehlt, ist der Austausch der 22.000 Stiftungsvorstände untereinander. Jeder versucht, sein eigenes Süppchen zu kochen und sucht eben genau nicht den Erfahrungsaustausch mit anderen. Denn zu fragen, welchen Vermögensverwalter oder welchen Fonds diese oder jene Stiftung hat, das würde viele schon weiterbringen. Solch ein Austausch würde auch zutage befördern, welche Fehler gemacht wurden, auch das kann enorm weiterhelfen. Stiftungen fehlen ja häufig Anhaltspunkte, etwa warum eine Stiftung diesen oder jeden Fonds gekauft hat. Hinter jeder Anlageentscheidung steckt ja eine Argumentation, und das könnte Stiftungen einfach weiterhelfen zu wissen, was der Hintergrund für die Anlageentscheidung gewesen ist. Das Gleiche gilt für die Vermögensverwaltung. Für die meisten Stiftungsvorstände ist es unmöglich, Vermögensverwaltung in der Tiefe zu beurteilen, entsprechend müssten sie sich mehr von dieser Hilfestellung inspirieren lassen. Deshalb wäre mein Petitum: Tauscht Euch aus, auch über Anlagerichtlinien, insbesondere auch über eigene Fehler.

Sachs: Sicherlich sollte eine Delegation an einen Fonds oder einen Vermögensverwalter basieren auf Faktoren, die ich in irgendeiner Weise beurteilen kann. Beispielsweise die Charakteristika eines Fonds, wie er sich zum Beispiel in Schwächephasen verhalten hat. Das sagt in der Regel sehr viel darüber aus, ob der Fonds zur eigenen Risikotragfähigkeit passt. Wenn der Fonds die Aktienquote aktiv steuert, dann unterscheidet er sich deutlich von ETFs, und daraus kann ich schon für meine Anlageprämissen geeignete Fonds identifizieren. Auch die handelnden Personen sagen viel über einen Fonds.

Lesen Sie im nächsten Teil, woran es in der Informationspolitik für Stiftungen hapert, was Stiftungen selbst tun können und worauf sie bei ihrer Kapitalanlage achten sollten.   

 
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