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13.08.2010

Über den Tellerrand hinaus

Die Zinserträge der Banken kommen zurzeit eher vom Treasury als vom Vertrieb. Doch das ist eine Momentaufnahme.­ Wenn der Zins steigt, wendet sich das Blatt.

Die Zinserträge der Banken kommen zurzeit eher vom Treasury als vom Vertrieb. Doch das ist eine Momentaufnahme.­ Wenn der Zins steigt, wendet sich das Blatt. Letztlich ist es aber egal, wo der Ertrag herkommt. Auf dem Experten­seminar war man sich einig: Vertrieb und Treasury müssen an einem Strang ziehen und ihr Silo-Denken aufgeben.

Wie krisenfest sind Europas Banken? Würden sie erneute Turbulenzen an den Kapitalmärkten überleben? Es sieht so aus, als laute die Antwort: Ja. Das lässt sich zumindest aus den Ende Juli veröffentlichten Ergebnissen der Stresstests für Banken schließen. Von den 91 beteiligten Kreditinstituten haben 84 bestanden. Sieben Institute fielen durch, darunter die Hypo Real Estate - eine von 14 deutschen Banken, die an dem Test teilnahmen. Wie aussagekräftig diese Ergebnisse sind, darüber bestehen jedoch Zweifel. Die Stresstests sind zu lasch, ist zu hören. Auch von Seiten der Kreditbranche hagelte es Kritik. Diese richtete sich vor allem gegen die Veröffentlichung der Testergebnisse. Bei Europas Staats- und Regierungschefs fanden die Einwände jedoch kein Gehör. Unbeeindruckt hielten sie an ihrem Vorhaben fest und wähnen sich ihrem Ziel, mehr Transparenz an den Märkten, einen Schritt näher. Dass einige deutsche Kreditinstitute mit Transparenz indes kein Problem haben, wurde auf dem portfolio-Expertenseminar "Banken-Treasury" in München deutlich. In einem ganztägigen Workshop erläuterten die Treasury-Leiter verschiedener Banken, wie bei ihnen­ die Gesamtbank- und Risikosteuerung betrieben wird, und diskutierten dies mit Experten aus der Praxis und Forschung.

"Ein gesundes Maß an Fristentransformation ist für das Geschäftsmodell einer jeden Bank unerlässlich", sagte Dr. Wilhelm Menninghaus von der Managementberatung ZEB in seinem Vortrag. Durch den Verzicht auf Fristentransformation könne zwar Risiko im Zinsbuch herausgenommen werden, die Ergebnisvolatilität sei jedoch trotzdem hoch. Es gilt, den richtigen Mix zwischen kurz und lang zu finden. Dabei kann ein Blick auf die Zinsentwicklung der Vergangenheit nicht schaden. Nach einer knapp dreijährigen Phase mit flacher Zinsstruktur ging die Kurve Anfang 2009 steil nach unten und bewegt sich nun auf historisch niedrigem Niveau. Ungeachtet dessen ist Menninghaus der Ansicht, dass sich durch eine Fristentransformation von kurz gegen lang immer noch einige Basispunkte rausholen lassen: "Hier liegen einige Hebel, die man nutzen kann, auch ohne dabei zu lange Zeiträume einzugehen. Man muss den Spielraum mehr ausloten." Dabei sollte jedoch das Risiko eines Zinsanstiegs nicht aus den Augen verloren werden. Obwohl die Zinserträge derzeit eher aus dem Treasury kommen, spielen auch der Vertrieb und die Margenqualität für das Zinsergebnis eine Rolle. "Wenn der Zins runtergeht, gerät der Vertrieb unter Druck, während die Fristentransformation ein schönes Zinsergebnis erzielt. Das kann aber wieder drehen", so der ZEB-Partner. Deshalb plädierte er dafür: "Die Hauptsache ist ein stabiler Ertrag. Man muss auf das Gesamtergebnis schauen."

_Abschied vom Silo-Denken

Die Sparkasse Münsterland Ost arbeitet seit zwei Jahren mit einer integrierten Steuerung ihres Zinsergebnisses. "Wir denken nicht im Silo. Wir haben eine Basis zwischen Treasury und Vertrieb gefunden", erläuterte Thomas Dinkela, Leiter Controlling der Sparkasse Münsterland Ost. Für das Kreditinstitut, das 2,3 Milliarden Euro im Depot A hat, ist dabei die Steuerung der Fristentransformation ein wichtiges Thema. Gerade in Zeiten, in denen die Vertriebsmargen unter Druck geraten, müssten die sich in der Fristentransformation bietenden Chancen ausgenutzt werden. Laut Dinkela war dies 2009 der Fall: "Das unter Druck geratene Einlagengeschäft wurde über die Fristentransformation aufgefangen." Ein solcher Ausgleichseffekt wird wohl auch 2010 das Zinsergebnis der Sparkasse prägen. Laut Dinkela sorgt die Unsicherheit über die Zinsentwicklung weiter für niedrige Vertriebsmargen und noch immer hohe­ Fristentransformationsbeiträge.
Nicht nur bei der Zinssteuerung empfiehlt sich ein übergreifender Blick. Für Dominik Schlamann, Leiter Treasury bei der Sparda-Bank West, steht fest: "Die Asset Allocation ist nicht nur auf das Treasury festgelegt, sondern betrifft die Gesamtbank." Für ihre Allokationsentscheidung setzt die Bank eine Kombination aus kapitalmarkttheoretischem und konjunkturphasenabhängigem Investitionsmodell ein. Die taktische Aussteuerung erfolgt mit Hilfe eines Overlay-Managements, das nur dazu dient, das allgemeine Marktrisiko zu reduzieren. "Das Overlay funktioniert im Zins- und Aktienbereich gut, bei Spreads hingegen nicht", führte Schlamann aus. Ein perfekter Makro-Hedge eines I-Boxx-Portfolios mittels synthetischer Indizes sei aufgrund der zeitlichen Instabilität der Korrelation gerade in Krisenzeiten schwierig. Bei einem Eins-zu-Eins-Hedge bleibe ein erhebliches Restrisiko. Der maximale temporäre Verlust liege bei sechs Prozent. "Um die maximale Verlustposition zu reduzieren, ist ein Überhedging notwendig", ergänzte Schlamann.

_Overlay im Praxistest

Auch bei der Sparkasse Hildesheim kommt ein Overlay zum Einsatz. Für ein Teilportfolio - rund 15 Prozent der Gesamtallokation - wurde Anfang 2010 ein Masterfonds aufgelegt, der mit Hilfe von Risk@Work, dem Overlay von Pall Mall Investment Managers (PMIM), gesteuert wird. Während der Finanzkrise arbeitete das Kreditinstitut noch nicht mit diesem Konzept. Risikoreiche Anlagen wurden reduziert, eher illiquide Assets blieben im Portfolio zurück. "Ich habe mich nicht wohlgefühlt, nur noch das im Portfolio zu haben, was ich nicht loswerde", sagte Peter Smolinski, Treasury-Leiter der Sparkasse Hildes­heim. Seines Erachtens sollte die Allokation in einem effizienten­ Portfolio gleichmäßig erhöht und gesenkt werden. In der Praxis sei das jedoch meist nicht der Fall. Häufig werden zunächst die Assets mit dem höchsten Risiko veräußert, so dass unter Umständen ein ineffizientes Portfolio mit illiquiden Assets zurückbleibt. "Mit Risk@Work wäre das nicht passiert", ist Smolinski überzeugt.

Für das Overlay von PMIM wird nicht der klassische Value-at-Risk verwendet. Wie Dr. Dirk Rogowski, Geschäftsleiter von PMIM Deutschland, in seinem Vortrag erläuterte, wird der Value-at-Risk durch den Risikokapitalfaktor ersetzt: "Als Standard arbeiten wir mit einer Fehler­toleranz von eins zu einer Million. Das würde mit dem Value-at-Risk nicht gehen, weil dort nur Termingeld herauskommen würde." Um den passenden Risikokapitalfaktor zu finden, wird für jedes Portfolio der dazugehörige Risikokapitalbogen berechnet. Dabei wird laut Rogowski auch die Liquidität der Asset-Klassen berücksichtigt. "Für jedes Portfolio gibt es einen optimalen Faktor. Aus Renditesicht macht ein Faktor von eins keinen Sinn. Aus Risikosicht darf er aber auch nicht zu hoch sein", erläutere der PMIM-Geschäftsleiter.

Den Vorteil von Risk@Work sieht Smolinski unter anderem darin, dass der Anlageausschuss nicht mehr über die Allokation diskutieren muss, sondern nur noch über die gewünschte Risikokapitalquote. Asset-­Klassen-bezogene Timing-Entscheidungen seien nicht erforderlich. "Wir wollen zunächst Praxiserfahrungen mit einer Startallokation sammeln. Wir haben deshalb zunächst nur das aktiv gemanagte Portfolio mit der Overlay-Systematik versehen", führte Smolinski aus. In dem Masterfonds, der über Risk@Work gesteuert wird, befinden sich derzeit Bundesanleihen, Pfandbriefe, Corporates mit Investment-Grade,­ Bundesanleihen long/short und Euro Stoxx 50. Die Aufgabe der jeweiligen Segmentmanager bestehe darin, die vorgegebene Benchmark zu schlagen. "Die Segmentmanager haben ihr festes Volumen, an dem nicht geschraubt wird. Dadurch können wir flexibel agieren", erklärte Smolinski. Die Gewinne des Masterfonds fließen in ein sechstes Segment, das der Treasury-Leiter Atmungssegment nennt. In diesem Extrasegment erfolgt die taktische Asset Allocation.

Smolinski ist mit der bisherigen Entwicklung seines Masterfonds zufrieden. Seit dem Start Anfang des Jahres sei die Risikokapitalquote bereits um 40 Prozent gestiegen. "Das bedeutet eine Ausweitung der Startinvestition um 40 Prozent", so Smolinski. Da die Risikomessung weiterhin mit der klassischen Methode, dem Value-at-Risk, erfolgt, gingen bei der Sparkasse Hildesheim jedoch bereits die Warnlampen vom Controlling an. "Wenn sich das Risikokapital verdoppelt, leuchten die Warnlampen auf. Das zeigt den Widersinn dieser Methode", sagte der Treasury-Leiter. Das ist für ihn jedoch kein Grund zur Beunruhigung. "Trotz der gelben Warnlampen bin ich zum ersten Mal mit einem guten Gefühl in die Anlageausschusssitzung gegangen", so Smolinski. Für die Zukunft kann er sich vorstellen, noch weitere Asset-Klassen mit Hilfe von Risk@Work zu steuern. Vorerst beschränkt sich das Overlay jedoch auf hochliquide Anlagen.

 
Kerstin Bendix
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