Wetten werden auf dem Kapitalmarkt, im unternehmerischen und metaphysischen Bereich sowie beim Glücksspiel eingegangen. Bei Kapitalmarktwetten ist Wissen jedoch ein Vorteil, und die dortige Spekulation erlaubt auch Kalkulation. Ein zu großes Ausmaß an Wetten schadet aber der Volkswirtschaft.
Aussagen über die Zukunft sind Aussagen unter Unsicherheit. Wissen über die Zukunft ist ein Selbstwiderspruch. Voraussagen von Kursentwicklungen sind stets mehr Wahrsagungen, als die Prognosegeber einräumen. Jeder Anleger sollte sich bei jeder Aktienprognose sagen: Sie wissen es nicht, sie vermuten - wie beim längerfristigen Wetterbericht. Wetterprognosen über eine Woche hinaus sind bloße Spekulation. Bloße Spekulation nennen wir Voraussagen, die wenig empirische Basis haben oder wenig zuverlässig sind, weil die Nebenbedingungen der vorausgesagten Kausalität sich extrem schnell oder in extrem starken Amplituden ändern. Trotzdem geben wir viel Geld für Voraussagen aus - vor allem am Kapitalmarkt.
_Unterschiede zur Glücksspielwette
Das Wesen der Spekulation ist, dass man Voraussagen über die Zukunft macht, obgleich man es eigentlich nicht kann. Häufig bleibt einem aber nichts anderes übrig. Man muss ständig als Unternehmer spekulative Prognosen machen, weil man, wenn man dies nicht tut, im Wettbewerb doch etwas tut, nämlich nichts, während der Wettbewerber etwas tut, nämlich ein wettbewerbsfähigeres Produkt erdenkt. Spekulation hat etwas mit Wette zu tun. Jede Spekulation ist auch eine Wette. Intel entschied sich kürzlich, einen neuen, weniger Energie verbrauchenden Chip zu entwickeln, der in Mobiltelefonen und Ähnlichem Verwendung finden soll. Eine Milliarde Dollar wurden für die Entwicklung zur Verfügung gestellt. Es handelte sich um eine enorme Wette von einer Milliarde Dollar auf einen neuen Chip. Andere Chip-Anbieter werden auf andere Chips wetten. Kein Anbieter wird bei dieser Wette alles - im Unterschied zur Glücksspielwette - verlieren, weil jeder Anbieter neues Wissen durch seine Forschungsinvestitionen schaffen wird, das er selbst oder andere für andere Entwicklungswetten verwenden kann. Aber nur einer wird die Wette gewinnen. Die Entwicklung von Technologie ist eine hochspekulative Wette, weil sie auf einer Wette auf die voraussichtliche Entwicklung des Neuen in der Zukunft, auf einer Wette auf neue Technologien und Nachfrageentwicklungen, beruht.
Spekulativ sind Voraussagen, weil man die Zukunft nicht wissen kann. Man spekuliert über sie. Für eine richtige Voraussage oder Wette wird man mit Gewinn belohnt, für eine falsche Wette mit Verlust bestraft. So einfach ist das. Schwierig wird es, wenn die Wette gezinkt ist, wenn, wie manchmal im Fußball, der Schiedsrichter bestochen oder wenn, wie manchmal an der Börse, Insiderwissen verwendet wird und daher für bestimmte Wett-Insider - die bestechenden Wettbüros oder die "Tipees", die Tippempfänger, an der Börse - die Unsicherheit über die Zukunft einseitig reduziert ist. Das Prinzip der Wette gilt auch für die philosophische oder metaphysische Spekulation. Pascals Wette führte ein neues spekulatives Prinzip für die Annahme der Existenz Gottes ein, die Wette auf seine Existenz. Das Argument ist einfach: Selbst wenn die Wahrscheinlichkeit der Existenz Gottes sehr klein ist, muss der Wettgewinn, wenn man auf seine Existenz wettet, sehr hoch, nämlich unendlich sein, wenn man mit der Wette das ewige Leben gewinnt. (Das Argument des Philosophen Bernard Williams, dass das ewige Leben unerträglich langweilig sein muss, weil sich alles ständig wiederholt, lasse ich hier einmal beiseite. Man könnte gegen Williams einwenden, dass das ewige Nichts noch langweiliger ist.) Der Erwartungswert, der sich aus der Multiplikation des unendlich großen Nutzens mit der sehr kleinen, aber immer noch endlich kleinen Wahrscheinlichkeit des Eintretens der Wette ergibt, ist sehr groß, vielleicht unendlich.
Aus diesem Grund ist auch Fausts Wette mit Mephisto nicht gerade Ausdruck von Fausts Urteilskraft als Anleger: Faust hätte wissen müssen, dass, wenn der Teufel existiert, was wohl zutrifft, wenn er mit ihm eine Wette eingehen kann, die Wette immer zu seinem, Fausts, Nachteil ausgehen muss, da Faust entweder die Wette mit dem Teufel gewinnt, aber dann von Gott bestraft wird, weil er seine Seele verkauft hat, oder wenn er die Wette an den Teufel verliert, dieser für immer im Besitz von Fausts Seele ist. Man kann an der Verkörperung des deutschen Volkscharakters in Dr. Faustus erkennen, dass die Ökonomie nicht die Stärke der Deutschen ist. Sie fanden immer, dass ökonomisches Denken etwas für Engländer sei, für deren "spirit of shopkeepers".
Daher geben deutsche Politiker auch das Geld der deutschen Steuerzahler leider nicht wie Ladenbesitzer, sondern wie großzügige Feudalherren aus - etwa für "Verteidigungsmaßnahmen" gegen Wetten gegen den Euro. "La défense de l‛Euro" titelte der Paris Match kürzlich. Leider scheinen die Franzosen vor allem mit deutschem Geld auf die Stabilität des Euro zu wetten. Ohne die Sanierung der Staatshaushalte der Länder der Eurozone wird die Verteidigungslinie für den Euro zur Maginot-Linie werden. Kürzlich mutmaßte das Wallstreet Journal Europe, dass die Zeiten, in denen deutsche Regierungen den Scheck schneller ausstellten, als man nach einem solchen fragen konnte, vorbei seien. Man würde gern darauf wetten, dass das stimmt, aber die Wette darauf steht nicht gut.
_Hand in Hand: Spekulant und Kalkulant
Goethe nimmt im Faust an, dass sich "der Alte" selbst an der Wette beteiligt und mit dem Teufel wettet, dass Faust gewinnen wird. Gott als Wett-Teilnehmer ist natürlich eine theologisch gewagte Annahme, wie auch die Annahme, dass der Teufel "den Alten" manchmal gern sieht. Dahinter steht die theologisch tiefsinnige Frage, ob Gott den Menschen versucht, also eine Wette auf des Menschen Standhaftigkeit eingeht. Kierkegaard meint, dass Gott niemanden versucht. Andererseits heißt es im Vaterunser: "Führe uns nicht in Versuchung."
Die Entwicklung der Finanzindustrie in den vergangenen Jahrzehnten ist zweifellos anzusehen als ein großes "Führt uns in Versuchung, noch mehr Finanzwetten einzugehen". Waren es zu viele Wetten auf Derivate, Kreditausfallversicherungen und Ähnliches? Schwer zu sagen, weil zwischen risikofreudigen und risikoadversen Menschen kontrovers ist, wie viele Wetten man eingehen sollte. Nehmen wir an, die Hälfte der Bevölkerung sind Wettbegeisterte, die andere Hälfte lehnt Wetten ab. Wenn nur die eine Hälfte der Bevölkerung mit sich selbst wettet und alle Wetten gedeckt sind und bezahlt werden, kann es der anderen Hälfte der Bevölkerung, die nicht wettet, gleichgültig sein. Wenn die Wetten aber nicht gedeckt sind und der Staat eintreten muss, sieht es anders aus. Jetzt muss die andere Hälfte, die nicht wetten wollte, für die verlorenen Finanzwetten eintreten, obgleich sie das Wetten ablehnt.
Nun ist es möglich, dass die Wetten der wettfreudigen Hälfte der Bevölkerung auch einen Nutzen für die nichtwettende Hälfte erzeugt haben, indem sie etwa das Hedging ermöglichen. Der bedeutende Finanzwissenschaftler der Weimarer Republik Fritz Terhalle schrieb einmal: "Die berufsmäßige Spekulation ist nötig, weil sie es denjenigen Wirtschaftssubjekten, die nur kalkulieren, aber nicht spekulieren wollen, ermöglicht, eben dies zu tun." Die Finanzwetten auf Futures und Derivate erlauben es denjenigen, die nur kalkulieren, aber nicht spekulieren wollen, sich über Futures-Kontrakte abzusichern und die Währungs- und Kursrisiken "gegen die Zahlung einer kleinen Gebühr" auf die Spekulanten abzuwälzen.
Problematisch wird diese an sich produktive Arbeitsteilung zwischen Kalkulanten und Spekulanten, wenn die Spekulanten mehr spekulieren, als für die Liquidität der Märkte nötig ist. Spekulation kann überbordend werden wie das Glücksspiel. Wenn der Familienvater einmal im Jahr in Baden-Baden spielt, kann man das unter außerordentliche Ausgaben abbuchen. Wenn Dostojewski in Bad Homburg den Besitz und Unterhalt seiner Familie verspielt, nähert sich das Spielen und Wetten der Spielsucht. Sucht heißt, dass das Verlangen Besitz an der Person nimmt und Kontrolle über die Person gewinnt. Wettsucht ist eine Sucht, in der das Individuum seine Autonomie einbüßt. Erschwert wird das Problem der Spiel- und Wettsucht dadurch, dass es gerade das ist, was der Spieler sucht: die verdammte Pflicht zur Autonomie und Rationalität loswerden, sich dem Schicksal, der Frau Fortuna, hingeben, von höheren Mächten beherrscht werden, sich in die Kontingenz, die Zufälligkeit, verlieren, die man selbst erzeugt hat.
Hier liegt auch die Differenz von Religion und Spiel. Religion ist Kontingenzbewältigung, Bewältigung dessen, was uns ohne unser Zutun zustößt. Spiel ist die Erzeugung von Kontingenz, um sie zu genießen und durch sie zu gewinnen. Hinter dem Spiel und der Wette steht immer der Machtwille, es besser als der Zufall zu wissen, das Schicksal zwingen zu können, stärker als der Zufall zu sein. Damit kommen wir zum letzten Unterschied zwischen Glücksspiel und Finanzwette. In der Wette spielt Wissen eine Rolle. Je informierter ich über den Aktienmarkt bin, umso besser werden meine Wetten sein. Wissen aber impliziert Arbeit. "You must learn before you can earn.†Dieses wundervolle puritanische Prinzip verachtet der echte Spieler. Wenn Glücksspiel Arbeit ist, kann man auch gleich ein Arbeitsverhältnis eingehen, um Geld zu verdienen. Das Zivilrecht des 19. Jahrhunderts unterschied zu Recht zwischen der legitimen Wette, die aus Wissen Gewinn zieht, und dem bloßen Glücksspiel, das nur auf das Glück setzt. Diesen Unterschied sollte man nicht verwischen. Er ist auch der Rechtfertigungsgrund für die Differenz zwischen Zocken und Spekulieren. Allerdings sollte man sich des alten paracelsischen Prinzips erinnern, dass allein die Dosis macht, ob in einem Ding Gift ist. Es ist Gift im Wetten. Allein das Ausmaß des Wettens macht, dass im Wetten kein volkswirtschaftlicher Schaden ist. Auch für das Wetten gilt das altgriechische Prinzip "Meden agan", "nichts zu sehr". Um diese Einsicht sind wir durch die Finanzkrise reicher geworden.
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portfolio-institutionell.de
13.08.2010
Wetten, dass - die Ubiquität der Wette
Wetten werden auf dem Kapitalmarkt, im unternehmerischen und metaphysischen Bereich sowie beim Glücksspiel eingegangen. Bei Kapitalmarktwetten ist Wissen jedoch ein Vorteil, und die dortige Spekulation erlaubt auch Kalkulation.
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