Strategien
4. Dezember 2019

Risikoadjustierte Renditesteigerung, kein Impact

ESG-Investments folgen längst nicht mehr primär ethischen Motiven, sondern den Anforderungen zeitgemäßen Risikomanagements -institutioneller Investoren. Zur Stabilisierung von Portfolios lässt sich dies gewinnbringend nutzen. Wer tatsächlich einen positiven Beitrag zu einer nachhaltigeren und sozialeren Welt leisten will, sollte darüber hinaus andere Ansätze wählen.

Just als sich am Markt mehr und mehr die Ansicht durchsetzt, dass Nachhaltigkeit zumindest keine Performance kostet, werden Zweifel an der nachhaltigen Wirkung von ESG-Investments laut. „Divestment, to date, probably has reduced about zero tonnes of emissions“, sagte Bill Gates kürzlich der Financial Times. Besser seien Impact-Investments, welche beispielsweise in disruptive Cleantech-Unternehmen investieren, wie der Breakthrough Energy Venture Fund, den Gates mit einigen anderen Schwerreichen ins Leben gerufen hat. Nachhaltiges Investieren befördere eine nachhaltige Entwicklung nicht, argumentierte auch Frank Wettlauffer, langjähriges Vorstandmitglied des Forum Nachhaltige Geldanlage (FNG), in der Publikation Absolut Impact. Grund sei, dass durch nachhaltige Investments kaum zusätzliches Kapital für nachhaltige Investitionen bereitgestellt werde. Denn Kapital habe eine dienende Funktion bei der Umsetzung von realen Projekten. „Nur in den seltensten Fällen werden Kapitalinhaber auf die Idee kommen, eine attraktive (grüne) Investition durchzuführen, und sich dann den Projektentwickler, das Grundstück, die Produktionsanlage, die Mitarbeiter und die Abnehmer suchen.“ Dementsprechend zieht er gegen Ende des kurzen Beitrags das Fazit: „Nachhaltige Kapitalanlagen sind aus Rendite-Risiko-Geschichtspunkten attraktiv, weil sie von dem Trend zur nachhaltigen Entwicklung profitieren. Auch bieten sie ein gutes Gewissen beziehungsweise Image. Aus diesen Gründen werden sie auch in Zukunft erfolgreich sein. Einen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung können und werden sie nicht leisten.“

Nachhaltige Investments scheinen eine eigentümliche Verwandlung hingelegt zu haben: Waren diese ehemals primär ethisch motiviert und standen in scharfem Widerspruch zu Renditevorstellungen von Mainstream-Investoren, so sind sie mittlerweile als Bestandteil institutioneller Portfolios fest etabliert. Es ist kein Zufall, dass im Zuge dessen Zweifel an der positiven Wirkung aufkommen. Denn der Hauptgrund für diese Verwandlung und die Verankerung im Mainstream dürfte sein, dass sich einerseits der Investment-Case wie im Bereich der Erneuerbaren stark gebessert hat, andererseits Risikomanagementaspekte gegenüber ethischen Aspekten an Bedeutung gewonnen haben. Unter den ESG-Vorreitern dominierten Ausschlüsse von Unternehmen oder ganzer Branchen, welche nach Werten, nicht nach Risikogesichtspunkten vollzogen wurden. Dass die Implementierung einer Nachhaltigkeitsstrategie unter Risiko-Rendite-Gesichtspunkten mit schlichten Ausschlusskriterien keinesfalls ein Selbstläufer ist, zeigt eine mathematische Analyse von Dr. Stefan Nellshen von der Bayer-Pensionskasse VVaG. Simple Ausschlüsse auf der Basis von ESG-Kriterien führten in nur relativ speziellen Fällen nicht zu Performanceverlusten, weshalb er vor einer einheitlichen Anwendung von ESG-Standards warnt.

Der bei weitem größte Teil der neueren Strategien, die insbesondere im liquiden Bereich derzeit unter dem Namen ESG firmieren, lässt sich jedoch dem Ziel des nachhaltigkeitsbasierten Risikomanagements zuordnen, welches davon grundverschieden ist. Als solche Ansätze versuchen sie, nachhaltigkeitsspezifische Risiken durch Übergewichtung von nach ESG-Kriterien positiv gewerteten Assets bei gleichzeitiger Untergewichtung oder sogar Ausschluss von weniger nachhaltigen Assets zu reduzieren. Laut einer Analyse von Allianz Global Investors lassen sich so vor allem Tail-Risiken reduzieren. Außerdem kann das Exposure zu Stranded Assets wie Öl- und Gasreserven minimiert werden. Da bei diesen Ansätzen ein Fokus auf das Risikomanagement besteht, verwundert nicht, dass zahlreiche Studien inzwischen einen positiven Einfluss auf das Risiko-Rendite-Profil, wenn nicht sogar auf die Performance nachweisen. Denn im Wesentlichen erhalten Portfoliomanager zusätzliche Datenpunkte zur Bemessung von Chancen und Risiken, was in einer Welt zunehmende politischer und regulatorischer Risiken und sich rapide wandelndem Konsumentenverhalten positiv zu werten ist.

Dabei bleibt – sofern nicht genauer spezifiziert – in der Regel ein großer Spielraum, welche Investmententscheidung aus den Daten letztlich folgt. Denn die Wahrheit, auf die sich Investoren zurückziehen können: Ohne einschneidende politische Veränderungen wird das Geschäftsmodell von Total und BP – möge es auch gewaltige ökologische und soziale Kosten mit sich bringen – auch in Jahren noch profitabel sein. Wie also Asset Manager mit den aus den ESG-Daten gewonnenen Erkenntnissen operieren, sprich, wie stark sie ein hohes CO2-Exposure negativ gewichten, ist abhängig von der Einschätzung hinsichtlich der politischen Entwicklung. Der Kauf von Total ist nichts anderes als eine Wette auf ein politisches Versagen im globalen Maßstab. Der Vorteil von Asset Managern, welche ESG-Faktoren berücksichtigen: Diese haben zumindest eine fundierte Datengrundlage, auf der sie unter Berücksichtigung der Wertvorstellungen des Investors entscheiden können, ob sie diese Wette eingehen wollen oder nicht. Asset Manager ohne Berücksichtigung dieser Faktoren treffen diese Entscheidung blind. Dieser Vorteil ist umso größer, wenn sich Investoren – wie der GDV empfiehlt – auf materielle ESG-Kriterien, sogenannte ESG-KPIs, fokussieren. Diese sind branchenspezifisch verschiedene Faktoren, welche einen finanziellen Einfluss auf Risiko und Rendite der zugrundeliegenden Investition haben. Verfolgt man dieses recht enge Ziel eines nachhaltigkeitsbasierten Risikomanagements, ist wenig erstaunlich, dass viele institutionelle Investoren dieses inzwischen als Teil ihrer treuhänderischen Pflichten ansehen.

Positive Wirkung

Ganz anders liegt allerdings die Bewertung, wenn man wie Gates und Wettlauffer die Frage nach der Wirkung nachhaltiger Investments – insbesondere im Lichte in der breiten Öffentlichkeit geführten klimapolitischen Debatten – stellt. Hier kann man Wettlauffer angesichts der derzeitigen empirischen Befunde nur Recht geben, dass diese Form nachhaltigkeitsbasierten Risikomanagements noch keine sozial-ökologische Transformation vorantreibt. Denn als risiko¬basierter Ansatz reagiert dieser lediglich auf externe Entwicklungen, die sich etwa durch verändernde Umweltbedingungen, zunehmende regulatorische Risiken und abnehmende Profitabilität von fossilen Brennträgern gegenüber Erneuerbaren Energien darstellen. Die größte klimapolitische Errungenschaft der Verbreiterung dieses Ansatzes dürfte sein, dass die Pensionsansprüche im Falle einer abrupten Transformation – die im Falle der großen Koalition noch einmal vertagt wurde – nicht gegen die klimapolitische Notwendigkeit ausgespielt werden können, fossilen Unternehmen so schnell wie möglich das derzeitige Geschäftsmodell zu unterbinden. Das ist nicht wenig und gemäß treuhänderischer Pflichten auch zentrale Aufgabe der Kapitalanlage. Gegenüber anderweitig stattfindenden Entwicklungen ist es gleichwohl ein rein passiver Ansatz. Wer sich darauf beschränkt, hält zwar mit seinem Portfolio Schritt mit den neuesten politischen und ökonomischen Entwicklungen und geht keine unnötigen, unzureichend kompensierten Risiken ein, trägt jedoch noch nichts effektiv zu den Nachhaltigkeitszielen bei.

Investoren gehen deshalb wie Gates im Bereich des Impact-Investments einen Schritt weiter. Hier ist explizites Ziel, Kapital für Geschäftsmodelle bereit zu stellen, welche direkt zur Erreichung von Nachhaltigkeitszielen beitragen. Nicht die Vermeidung schädlichen Verhaltens, sondern die Förderung von gesellschaftlichen Transformationsprozessen steht hier im Vordergrund. Ganz auf Transformation zielt auch Engagement ab. Dabei geht es darum, mittels Einwirkung auf das Management von Portfoliounternehmen und gezieltem Abstimmungsverhalten auf Aktionärsversammlungen nachhaltige Veränderungen innerhalb der Unternehmen anzustoßen. Großer Vorteil dieses Ansatzes, auf den etwa die BVK setzt, ist es, dass der Investor so nachhaltigen Einfluss ausüben kann und sich im besten Fall eine an langfristigen Zielen ausgerichtete strategische Partnerschaft ergibt. Diesen Einfluss muss man jedoch auch nutzen. Laut einer Analyse des Guardian, InfluenceMap und ProxyInsight zum Abstimmungsverhalten großer Investmentgesellschaften stimmten viele Gesellschaften nur in einer kleinen Zahl von Fällen für klimabezogene Policies. Bei den Branchengrößen Blackrock und Vanguard lag die Ablehnung oder Enthaltung bei 82 respektive 84 Prozent, bei der Capital Group sogar bei 92 Prozent.

Die Investoreninitiative Climate Action 100+, der aus Deutschland unter anderem die Allianz, die BVK und die Pensionskasse Caritas angehören, betreibt Engagement mit der geballten Kraft von 35 Billionen US-Dollar. So konnten RWE und BASF dazu bewegt werden, in Zukunft ihre politischen Lobbytätigkeiten in klimapolitisch relevanten Fragen offenzulegen. Klar ist, dass sich durch eine -Professionalisierung des Marktes nachhaltiger Anlagen und der Datenlandschaft eine Vielzahl von Strategien umsetzen lassen. Letztlich wird es nur darüber gehen, die Erwartungen hinsichtlich nachhaltiger Investments seitens der eigenen Organisation korrekt zu ermitteln und die Strategie entsprechend anzupassen. Denn auch wenn angesichts des Trends hin zu einer nachhaltigeren Wirtschaft ESG-basiertes Investieren und ein verbessertes Risiko-Rendite-Profil in einigen Fällen Hand in Hand gehen werden – um die gewaltigen sozialen und ökologischen Herausforderungen zu bewältigen, werden sich nachhaltigkeitsbewusste Investoren nicht auf die glückliche Fügung eines Win-Win-Verhältnisses verlassen, sondern eigene Wege suchen müssen.

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