Versicherungen
30. April 2018

Solvency-II-Reviews: Deutschland droht Verlust der Solvenzmeisterschaft

Sicherheitsbewusstsein ist in Deutschland besonders stark ausgeprägt. Dies zeigt sich nicht zuletzt in den Solvenzquoten der deutschen Versicherer.

Während die Bedeckungsquote mit Long-Term-Guarantee-Maßnahmen hierzulande laut Eiopa bei 331 Prozent liegt, sind es im europäischen Durchschnitt 229 Prozent. Das Minimum erreicht Großbritannien, wo offenbar auf eine größere Kapitaleffizienz Wert gelegt wird, mit 153 Prozent. Der Branchenverband GDV geht davon aus, dass die Solvenzquote (SCR) der deutschen Lebensversicherer zum Jahresende 2017 weiter gestiegen ist. Für das vierte Quartal kommt der GDV auf eine Quote von 383 Prozent. Ende 2016 waren es „nur“ 344 Prozent. Ohne Übergangsmaßnahmen liegen diese Werte bei 250 beziehungsweise bei 207 Prozent. Für Schaden/Unfall ergibt sich eine stabile Solvenzquote von knapp über 280 Prozent. Mitte 2017 kritisierte Marc Schwetlik, CIO der Bayerischen, in portfolio institutionell, dass die Branche mit Blick auf diese Quoten zu vorsichtig agiere: „Es gäbe hier also durchaus Spielraum, von klassischen Zinstiteln in spannendere Assets zu reallokieren.“
„Regulatorische Volatilität höher als Kapitalmarktvolatilität“
Mit den bis 2021 anstehenden Review-Prozessen zu Solvency II der Eiopa droht Deutschland aber der Verlust des Solvenzmeister-Titels. „Die regulatorische Volatilität ist höher als die Kapitalmarktvolatilität“, kritisierte GDV-Geschäftsführer Dr. Axel Wehling in einem Presse-Workshop. Laut GDV drohen nämlich drei Regeländerungen, die erheblichen Einfluss auf die Solvenzquoten haben würden. Die wesentlichen Punkte sind die mögliche Änderung des Zinsrisikos hin zu besonders konservativen Annahmen, welche deutsche Versicherer besonders belasten würden, die Diskussion über den Extrapolationsstart in der Zinsstrukturkurve sowie die Absenkung der langfristigen Zinsannahme (Ultimate Forward Rate). Aus Sicht der Branche bestehe die Gefahr, dass veränderte, ökonomisch begründbare Modell- und Risikoannahmen die Eigenmittelanforderungen massiv erhöhen. Eine Verschiebung des Extrapolationsstarts vom Jahr 2020 auf 2030 würde in der deutschen Assekuranz eine Absenkung der Bedeckungsquote um 91 Prozentpunkte bewirken, im europäischen Schnitt aber nur um 31 Prozentpunkte. Eine Ultimate-Forward-Rate-Absenkung von 4,2 auf 3,2 Prozent würde in Deutschland eine Verminderung der Bedeckungsquote um 40 Prozentpunkte und im europäischen Schnitt von 14 Prozentpunkten bedeuten.
Ein besonderes Anliegen war dem GDV in dem Workshop aber auch, die Berichtspflichten auf den Prüfstand zu stellen. Ein Review-Prozess für die Anforderungen an die Geschäftsorganisation sowie an Transparenz- und Berichtspflichten der Unternehmen fehle. Dabei lassen die extrem detaillierten und zum Teil äußerst bürokratischen Anforderungen insbesondere im Bereich Geschäftsorganisation kaum Spielraum für unternehmensindividuelle Lösungen, so der GDV. Ausufernde Dokumentations- und Berichtsanforderungen würden die Unternehmen bei der Umsetzung unnötig einengen und seien mit hoher operativer Belastung verbunden. Vorgaben sollten gestrichen werden, die nachweislich keinen Erkenntniswert für Aufsicht und Unternehmen haben. Wie ungleich Aufwand und Nutzen ausfallen können, beschrieb Uwe Ludka, GDV-Ausschussmitglied und Vorstandsvorsitzender der Itzehoer Versicherungen, anhand des zu erstellenden SFCR-Berichts, welcher Kunden die Solvabilität und Finanzlage eines Unternehmens erläutern soll: „Unser Geschäftsbericht wurde über tausend Mal angeklickt, unser SFCR-Bericht dagegen keine zehnmal. Wir müssen aber alles erstellen und drucken.“ Bei den Itzehoer Versicherungen kommen die SFCR-Berichte auf insgesamt knapp 200 Seiten.
Uwe Ludka erwartet zudem, dass die Regulierung – zusammen mit der Zinslandschaft und der Digitalisierung – den Konzentrationsprozess in der Branche beschleunigen dürfte. „Der Ausfall eines großen Unternehmens wäre für das Finanzsystem aber schwerer zu verkraften.“ Dabei sollte Solvency II für mehr Sicherheit sorgen. 
portfolio institutionell 27.04.2018/Patrick Eisele

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