Betriebliche Krankenversicherung wird Top-Benefit

Der Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung enthält erhebliche Lücken, die künftig noch größer werden dürften, wenn die Beiträge nicht noch weiter explodieren sollen. Daher boomen Zusatzpolicen. Bild: Pexels.
Neben der bAV wächst das Interesse an betrieblicher Krankenversicherung rasant, weil sie eine Win-win-Situation für Unternehmen und Mitarbeiter bringt. Wie Arbeitgeber hier besonders effizient punkten können und welche sofort spürbaren Benefits sonst noch im Kommen sind.
Der Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) enthält erhebliche Lücken, die künftig noch größer werden dürften, wenn die Beiträge nicht noch weiter explodieren sollen. Daher boomen Zusatzpolicen seit Jahren, zuletzt auch immer stärker die betriebliche Krankenversicherung (bKV).
Nach Angaben des Verbandes der privaten Krankenversicherung (PKV-Verband) gab es 2024 einen regelrechten Wachstumsboom bei der bKV: 56.500 Unternehmen in Deutschland boten ihren Mitarbeitern eine komplett vom Arbeitgeber bezahlte Krankenversicherung an, ein Plus von jeweils über 40 Prozent in den letzten beiden Jahren. Die Zahl der Beschäftigten, die davon profitieren, stieg 2024 um 20 Prozent auf nunmehr 2,53 Millionen.
Damit entwickelt sich die betriebliche Krankenversicherung zum inzwischen zweitwichtigsten finanziellen Benefit nach der Betriebsrente, zeigen mehrere Studien. Laut PKV-Verband würden 63 Prozent der Mitarbeiter ein bKV-Angebot ihres Arbeitgebers begrüßen, 45 Prozent fänden dies sogar wertvoller als andere Zusatzleistungen wie Jobticket oder Diensthandy. Besonders hoch sei die Zustimmung in der Gruppe der 18- bis 29-Jährigen, berichtet Thomas Brahm. „Wenn sich der Fachkräftemangel immer weiter verschärft, ist die bKV ein Instrument, um qualifizierte Mitarbeiter zu finden und langfristig ans Unternehmen zu binden“, so der Vorsitzende des PKV-Verbandes. Für 29 Prozent dieser Altersgruppe sei die bKV sogar wertvoller als eine Gehaltserhöhung.
Kein Wunder: „Die bKV ist eine ‚intelligente‘ Gehaltserhöhung, da der Mehrwert um ein Vielfaches höher ausfällt als bei klassischer Gehaltserhöhung“, sagte Nicole Kloos, Underwriterin Firmenkunden der Allianz Private Krankenversicherung, auf der bAV-Handelsblatt-Tagung im November in Berlin. Es fallen keine Steuern und Sozialabgaben bei der bKV-Nutzung an, sofern die Sachbezugs-Freigrenze von 50 Euro pro Monat und Arbeitnehmer nicht überschritten wird.
Voraussetzung nach zwei Urteilen des Bundesfinanzhofes: Die Zuwendung wird ausschließlich als Versicherungsschutz gewährt und nicht als Geldleistung. Dazu wird die Firma über einen Gruppenvertrag selbst zum Versicherungsnehmer. Wenn die Firma dagegen einen Geldzuschuss an den Arbeitnehmer für eine Versicherung zahlt, die der Arbeitnehmer eigenständig abschließt, muss er darauf Steuern zahlen (Az.: VI R 13/16 und Az.: VI R 16/17).
bKV-Rahmenvertrag ohne Gesundheitsprüfung
Ebenfalls wichtig für die HR-Abteilungen, die für die Benefit-Umsetzung zuständig sind: Private Zusatzversicherungen sind für Arbeitnehmer oft teuer als die bKV oder wegen Vorerkrankungen gar nicht zu bekommen. Ein bKV-Rahmenvertrag funktioniert dagegen ohne Gesundheitsprüfung und Wartezeiten; er schafft sofort erlebbare Mehrwerte. Laut einer Allianz-Befragung steigt durch bKV-Einführung die Zufriedenheit von Mitarbeitern mit ihrem Arbeitgeber um 15 Prozent, die gefühlte Wertschätzung bei Arbeitnehmern sogar um 23 Prozent.
Nachweislich hat die bKV auch für Arbeitgeber nur Vorteile. „Fachkräfte lassen sich leichter finden und binden, soziale Verantwortung der Firma wird sichtbar, die Zufriedenheit der Belegschaft steigt und die Gesundheit der Mitarbeiter verbessert sich, was sich auch in reduzierten Ausfallzeiten niederschlägt“ so Kloos. Sie beziffert die Kosten für einen Ausfalltag je nach Branche auf rund 500 Euro pro Tag und weitere 400 Euro für eine Ersatzkraft. Daher investierten Mittelständler schon zwischen 3,0 und 5,0 Prozent der Gehaltssumme in freiwillige Benefits, Tendenz steigend.
Bausteintarife werden zunehmend abgelöst
Mehr Flexibilität bei der betrieblichen Krankenversicherung liegt im Trend, zeigt die Studie „Funk bKV-Atlas 2025“: Funk ist ein Beratungshaus für betriebliche Vorsorgelösungen. „In der Vergangenheit hatten die Versicherer den Firmen im Rahmen der bKV nur Leistungsbausteine offeriert, die den individuellen Zusatzpolicen auf dem privaten Krankenzusatzversicherungsmarkt ähnelten“, weiß Christian Till. „Über die Leistungsbausteine versuchten Arbeitgeber damit Einfluss auf den Krankenstand zu nehmen“, so der Bereichsleiter Markets, Products & Investments bei der Funk Pensionsmanagement GmbH weiter.
Diese Bausteintarife werden zunehmend von Gesundheitsbudget-Tarifen abgelöst, die ein breiteres Leistungsspektrum als Einzeltarife bieten und individueller nutzbar sind: Die Firma wählt für ihre Belegschaft ein Gesundheitspaket in Kombination mit einer bestimmten Budgethöhe, die jedem Mitarbeiter pro Jahr individuell zur Verfügung steht. Angestellte können medizinische Leistungen aus verschiedenen Bereichen in Anspruch nehmen.
Je nach Tarif gibt es für einzelne Leistungsbereiche auch eigene Erstattungsgrenzen (Sublimits) innerhalb des jährlichen Budgets, etwa für Sehhilfen und Lasik (Augenlasern) zusammen bis zu 180 Euro pro Jahr. Wird das Budget nicht ausgeschöpft, kann es ins nächste Jahr übertragen werden. Aktuell bieten schon über 20 von insgesamt 35 PKV-Versicherern Budget-Tarife an. In jüngerer Vergangenheit ging mehr als jeder dritte bKV-Vertrag an die Allianz.
Markt im Wandel
Seit Einführung der ersten Gesundheitsbudget-Tarife im Herbst 2018 (Pionier: Hallesche Krankenversicherung) basiert laut der Studie ein Großteil der neu implementierten bKV-Systeme auf einem Gesundheitsbudget. „Wir gehen davon aus, dass die Budget-Tarife mit mindestens 600 Euro pro Jahr und Sublimits an Bedeutung gewinnen“, erklärt Till und erwartet, „dass Budgettarife ohne Sublimits bei Sehhilfen und Zahnprophylaxe in Zukunft vom Markt verschwinden oder deutlich teurer werden, weil die Leistungen stark nachgefragt werden“.
Hintergrund: Die starke Nachfrage erschwert eine nachhaltige Kalkulation stabiler Beiträge. Ums Geld geht es auch für die Arbeitnehmer, denen eine vom Chef bezahlte bKV erhebliche finanzielle Entlastung verschaffen würde. Frühere Funk-Studien hatten bereits ergeben, dass zwei Drittel der Arbeitnehmer 2022 Zuzahlungen für Gesundheitsleistungen machen mussten, weil ihre Krankenversicherung dafür nicht aufkam. Fast 56 Prozent der Arbeitnehmer klagten über ihre gestiegenen Gesundheitskosten. Aus eigenem Portemonnaie müssten dafür zwischen 150 und 600 Euro pro Jahr ausgegeben werden, gaben 60 Prozent der Befragten an. „Drei Viertel würden daher ein betriebliches Gesundheitskonzept über 900 Euro Budget netto pro Jahr sogar einer Gehaltserhöhung vorziehen“, erklärt Till.
Die Kosten für arbeitgeberfinanzierte medizinische Leistungen steigen 2026 weiter. Laut dem jährlichen „Global Medical Trend Rates Report“ von Aon sind es in Europa im Schnitt 8,2 Prozent und in Deutschland 7,2 Prozent. „Kostentreiber sind vor allem Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs sowie Bluthochdruck“, prognostiziert Tanja Löhrke, Head of Health Solutions & Global Benefits der DACH-Region.
Gesundheitsbezogene Benefits drängen nach vorn
Im Gegensatz zu Ländern wie den USA oder vielen asiatischen Märkten müssten Arbeitgeber in Deutschland zwar keine Gesundheitspläne für ihre Mitarbeiter bereitstellen. „Angesichts von Diskussionen über mögliche Leistungskürzungen in der GKV ist es für Arbeitgeber in Deutschland aber umso wichtiger, attraktive gesundheitsbezogene Benefits wie Präventionsprogramme, schnelleren Zugang zu Fachärzten, hochwertige medizinische Leistungen oder Employee Assistance Programme zu schaffen“, so Löhrke.
In Deutschland sind in der betrieblichen Krankenversicherung zahlreiche medizinische Assistance-Services integriert, bei der Allianz etwa Facharztvermittlung, eine medizinische Rund-um-die-Uhr-Hotline, ärztliche Videosprechstunden oder Pflege-Assistance. Zusätzlich werden psychische Betreuung und Online-Gesundheitskurse zu Prävention und Schmerzbewältigung geboten. Mehr als 75 Prozent der Firmen legen Wert auf umfangreiche Assistance-Leistungen, die oft auch von Familienangehörigen genutzt werden können, heißt es in der Funk-Studie.
Tatsächlich geben Firmen für ein modernes bKV-System laut Studie im Schnitt aktuell 23 Euro pro Monat und Mitarbeiter aus. Zumeist werden alle Mitarbeiter ab dem siebten Beschäftigungsmonat in die Versorgung einbezogen. „Es gibt aber auch Staffelungen nach Betriebszugehörigkeit oder nach Hierarchiestufen“, hat Till beobachtet.
Wichtig ist auch eine Versorgungsordnung in der jeweiligen Firma. Inhaltlich müssten der anspruchsberechtigte Personenkreis, die Leistungsinhalte sowie die steuer- und sozialversicherungsrechtliche Behandlung der Beiträge geregelt werden. Meist dauert die Einrichtung der bKV laut Funk ein bis sechs Monate, je nach Firmengröße, Entscheidungswegen und Konzeptumfang auch deutlich länger.
Autoren: Detlef PohlSchlagworte: Betriebliche Altersversorgung (bAV) | Betriebliche Krankenversicherung (bKV) | Print-Ausgabe
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