Traditionelle Anlagen
16. Januar 2026

Der Zinsanstieg setzt sich fort

Was das für die Kapitalanlage der Lebensversicherer bedeutet und wie sich der Zinsanstieg auf eine besonders wichtige Kennzahl auswirkt, zeigt eine neue Analyse. Sie umfasst gute und weniger gute Nachrichten.

Das Ende der jahrelangen Phase ultra-niedriger Zinsen und Renditen an den weltweit wichtigsten Rentenmärkten liegt inzwischen fünf Jahre zurück. Viele werden sich an die drastische Trendwende mit einem sprunghaften Zinsanstieg 2022 erinnern. Was dann folgte, waren zwei Jahre mit relativer Stabilität, bevor im vergangenen Jahr erneut ein deutlicher Zinsanstieg eingesetzt hat.

Die Beratungsgesellschaft WTW geht nun mit Blick auf die Eurozone davon aus, dass das zinsbedingt erhöhte Niveau der stillen Lasten in den Anleiheportfolios der deutschen Lebensversicherer erst einmal nicht abschmilzt. Sie begründet das mit der aktuellen Zinsentwicklung.

Für Versicherer hat der abermalige Zinsanstieg unterschiedliche Auswirkungen: Einerseits bieten höhere Zinssätze die Aussicht auf höhere Erträge aus künftig erworbenen Anleihen. Andererseits sinkt der Marktwert festverzinslicher Instrumente im bestehenden Portfolio.

Der außergewöhnliche Zinsanstieg im Jahr 2022 hatte dazu geführt, dass die Marktwerte der Anleihen im Portfolio eines typischen deutschen Lebensversicherers unter deren Buchwerten fielen. Aus den einst so üppigen stillen Reserven, die die Versicherer in der Niedrigzinsphase mit ihren Zinsanlagen aufgebaut hatten, wurden stille Lasten.

Zwar war zu erwarten, dass sich die Differenz zwischen Buchwert und Marktwert im Zeitverlauf durch Fälligkeit der bestehenden Anleihen und Reinvestition in neue, höher verzinsliche Instrumente reduzieren würde. Doch der erneute Zinsanstieg im Jahr 2025 dürfte zur Aufrechterhaltung eines erhöhten Niveaus stiller Lasten geführt haben, heißt es bei WTW.

Die guten Seiten höherer Zinsen

Die gute Nachricht lautet: Die höheren Zinssätze wirken sich positiv auf die Kapitalposition deutscher Lebensversicherer aus. Sensitivitätsanalysen in den Berichten über die Solvabilität und die Finanzlage eines Lebensversicherers (SFCR) zeigten, dass sich die Bedeckungsquote bei einem Zinsanstieg typischerweise verbessere – sie ist eine wesentliche Kennzahl unter Solvency II und bemisst das Verhältnis der anrechnungsfähigen Eigenmittel des jeweiligen Versicherers zur aufsichtsrechtlichen Solvenzkapitalanforderung (SCR).

Bei einem Anstieg der langfristigen Zinssätze um rund 50 bis 90 Basispunkte im Jahresvergleich, wie sie die erst kürzlich von der Europäische Aufsichtsbehörde für das Versicherungswesen und die betriebliche Altersversorgung (Eiopa) veröffentlichten risikofreien Zinskurven aufweisen, sei ein durchschnittlicher Anstieg der SCR-Bedeckungsquoten um 15 bis 30 Prozentpunkte zum Jahresende 2025 zu erwarten.

Gleichwohl schließen sie bei WTW nicht aus, dass einzelne Versicherer nunmehr eine niedrigere SCR-Bedeckungsquote als zum Jahresende 2024 ausweisen werden. Die Sensitivitätsanalysen verdeutlichten, dass die Verbesserung der Kapitalposition primär auf sinkende Kapitalanforderungen (SCR) zurückzuführen sei, während die Auswirkungen auf die Solvency-II-Eigenmittel sehr heterogen seien.

Der Rückgang der Kapitalanforderungen bei steigenden Zinsen erklärt sich so: Höhere Zinssätze führen zu niedrigeren Verpflichtungen und geringeren Marktwerten der Anleihen im Portfolio. Damit sinke die Exponierung gegenüber Risiken wie dem Kostenrisiko sowie Langlebigkeits- oder Spread-Risiken. Auch das Zinsänderungsrisiko nehme bei leicht kürzerer Duration der Aktiva gegenüber den Passiva ab.

Zinsanstieg: WTW warnt vor Massenstornorisiko

Anders könnte sich das Stornorisiko entwickeln, warnen sie bei WTW: Hohe stille Lasten im Aktivportfolio erhöhten dieses Risiko typischerweise, insbesondere das Massenstornorisiko. Diese beschreibt das finanzielle Risiko für Lebensversicherer, wenn eine ungewöhnlich hohe Anzahl von Policen durch die Versicherungsnehmer kurzfristig gekündigt oder gestundet wird.

Die Interaktion dieser Faktoren bestimmt laut WTW, ob das SCR für versicherungstechnische Risiken steigt oder fällt – mit entsprechenden Auswirkungen auf die Risikomarge und letztlich auch auf die Solvency-II-Eigenmittel. Ob das Stornorisiko also am Ende stark ins Gewicht fällt, hänge allerdings vom einzelnen Versicherer ab.

Im Hinblick auf die Kapitalanforderungen sei der Ausblick für den deutschen Lebensversicherungsmarkt jedenfalls positiv. „Viele Gesellschaften werden ihre Kapitalposition verbessern und sich dadurch Handlungsspielräume eröffnen können“, lautet das Fazit der Berater. Damit dürften die Kapitalanlagen und deren Zusammensetzung gemeint sein.

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