Emerging Outperformance

Teilnehmer des Roundtable-Gesprächs waren (v. l. oben im Uhrzeigersinn): Dijana Jelic (RBC BlueBay) und Kevin Richter (Mercer) sowie Michael Wolfram (RBC BlueBay) und Markus Schmidt (Mercer).
Asset-Klassen stehen im Wettbewerb um Kapital. Mit immer besseren Argumenten können Aktien der Emerging Markets für sich werben – auch gegenüber den Private Markets und Fixed Income. Wie unsere Expertenrunde mit Vertretern von Mercer und RBC BlueBay zeigt, gilt es bei der Umsetzung einer Allokation in Asiens und Lateinamerikas Aktien viele Punkte zu beachten. Zu diesen zählen die Aktiv-Passiv-Frage, die Implementierung von Nachhaltigkeit und natürlich der Umgang mit China. Sehr relevant, auch um sich vor geopolitischen Risiken zu schützen, ist die Portfoliostruktur und eine strategisch-langfristige Sicht auf diese Asset-Klasse.
Der MSCI EM stieg 2025 um 34 Prozent. Haben Schwellenländer-Aktien in den Portfolios der Mercer-Kunden nun an Bedeutung gewonnen?
Markus Schmidt: Die meisten unserer Kunden orientieren sich bei der Aktienallokation an der globalen Marktkapitalisierung und halten daher typischerweise rund zehn Prozent in Aktien der Emerging Markets (EM). Die Bandbreite liegt typischerweise zwischen fünf und 15 Prozent.
Die konkrete Quote hängt vom Investorenprofil ab: Voll ausfinanzierte Pensionspläne mit ausgeprägter LDI-Orientierung bewegen sich eher am unteren Ende, während teilfinanzierte Versorgungseinrichtungen aufgrund eines höheren Anteils an Growth-Assets tendenziell höhere EM-Gewichte aufweisen. Allokationen oberhalb von 15 Prozent sind angesichts der hohen Volatilität häufig nur schwer zu begründen. In Deutschland sehen wir höhere Emerging-Markets-Quoten eher bei berufsständischen Versorgungswerken und Family Offices als bei Versicherungen oder CTAs.
Gilt nicht auch für die Emerging Markets, dass Private Markets und Fixed Income risikoadjustiert attraktivere Renditen liefern? Es war mit Deepseek auch ein privates Unternehmen, das Anfang 2025 der US-Tech-Welt einen KI-Schock bescherte.
Schmidt: In Kundenportfolios stehen die Asset-Klassen kontinuierlich im Wettbewerb um Kapital. Der attraktiven Sharpe Ratio entsprechend halten einige Pensionsfonds in der Tat signifikante Allokationen in Emerging-Market-Debt. In den Emerging Markets liegt die Renditeerwartung von Anleihen häufig nicht weit unter der von Aktien – bei zugleich deutlich geringerer Volatilität. Allerdings hat sich dieses Verhältnis zuletzt verschoben: Die Spreads von EM-Unternehmensanleihen gingen, Lateinamerika ausgenommen, deutlich zurück. Damit ist ein wesentlicher Teil der Risikoprämie bereits vereinnahmt, was EM-Aktien relativ gesehen wieder attraktiver erscheinen lässt.
Auch Private Markets werden in der Diskussion häufig als Quelle höherer Renditen und im Fall von Infrastruktur als Inflationsschutz angeführt. Für die risikoadjustierte Betrachtung ist jedoch entscheidend, dass das Risiko von Private Equity und Infrastruktur oft unterschätzt wird, weil die Volatilität aufgrund der Bewertungs- und Reporting-Mechanik weniger sichtbar ist. Ökonomisch gesehen ist die erwartete Volatilität von Private Equity sogar höher als die von Aktien, sodass die höheren Renditeerwartungen nicht automatisch in ein überlegenes risikoadjustiertes Profil übersetzen. Innerhalb der Private Markets sehe ich Emerging Markets eher als kleine Beimischung bei globalen Strategien als dedizierte Allokationen.
Kevin Richter: Deutsche Anleger zeigen generell eine eher risikoaverse Haltung. Privatmärkte in Asien sind dabei meist für die größeren Investoren von Interesse. Im Bereich Infrastruktur sind zum Beispiel Value-Add- und Opportunistische Strategien attraktiv, da Core- und Core+-Ansätze angesichts der politischen und geopolitischen Risiken oft nicht die erforderliche Rendite im Verhältnis zu dem dann doch eingegangenen Risiko bieten.
Michael Wolfram: Insbesondere Kunden mit starker Nachhaltigkeitsausrichtung haben oft eine lange Ausschlussliste, was die Implementierung eines EM-Staatsanleihen-Portfolios nicht gerade vereinfacht. Dagegen bieten EM-Unternehmensanleihen und -Aktien viel mehr Opportunitäten für aktives Management.
Was spricht gerade jetzt für EM-Aktien?
Dijana Jelic: Der Zeitpunkt für unser Gespräch ist wirklich gut gewählt: Aus unserer Sicht sehen wir Anzeichen für den Beginn einer neuen Marktphase, in der die Aktien der Emerging Markets zu den Gewinnern zählen werden. Im vergangenen Jahr haben EM-Aktien zum ersten Mal seit 2016 sowohl die Developed Markets als auch den US-Markt outperformed – und zwar sehr deutlich.
Zum ersten Mal seit langer Zeit ist auch bei den Anlegern ein Sentiment-Shift hin zu den Emerging Markets erkennbar, der nach einer Zeit von Abflüssen nun zu erhöhten Investitionen führt. Ein großer Teil dieser frischen Mittel floss passiven Strategien zu, wird nun aber auch aktiv allokiert.
Wenn man Märkte in Superzyklen denkt, dann zeigen die vergangenen 35 Jahre, dass Emerging Markets in vier Phasen zu unterteilen sind: in zwei Phasen mit Underperformance und zwei Phasen von Outperformance. Blicken wir auf die Jahre bis 2024 zurück, dann sehen wir eine „lost Decade“. Diese liegt unserer Meinung nach nun hinter uns und wir könnten nun am Anfang eines Outperformance-Zyklus stehen.
Performance und Anlegerappetit nahmen also seit 2025 stark zu. Aber warum?
Jelic: Dahinter stehen verschiedene Faktoren, die in 2025 für eine Outperformance gesorgt haben. Ein zu beobachtender Schlüsselfaktor sind die Unternehmensgewinne. Sehr bedeutsam ist das Gewinnwachstum relativ zu den entwickelten Märkten betrachtet, da Outperformance von EM-Aktien mit einem im Vergleich zu Nordamerika und Westeuropa höheren Gewinnwachstum positiv korreliert ist. Offensichtlich gilt das auch andersherum, wie die vergangene Dekade mit dem großen Gewinnwachstum der US-Tech-Titel zeigt. Nach einer Zeit schwächeren Gewinnwachstums in den Emerging Markets gehen wir von einer weiteren Beschleunigung dieses Trends aus, für die nächsten zwei Jahre werden 15 bis 20 Prozent prognostiziert. Zuversichtlich stimmt auch, dass in den Emerging Markets die Gewinnerwartungen für 2026 stark nach oben korrigiert wurden. Ein wichtiger Faktor ist auch der Dollar. Dessen Schwäche korreliert meistens mit einer Outperformance auf der Aktienseite.
Die Gewinnentwicklung klingt gut. Aber wie ist es nach der 2025er-Rallye um die Bewertungen bestellt? Wie teuer sind nun die Emerging Markets?
Jelic: Relativ betrachtet sind die Bewertungen immer noch sehr attraktiv. Beispiel Buchwert: Der Discount vom MSCI Emerging Markets zu US-Aktien beträgt 45 Prozent, zu den Developed Markets noch 30 Prozent. Auf absoluter Basis befinden sich die EM-Bewertungen auf einem langfristigen Durchschnitt.
Historisch wiesen Emerging Markets die größeren geopolitischen Risiken auf. Derzeit bestehen Spannungen zwischen China und Taiwan, die eine große Gefahr auch für alle Index-Investoren sein könnten. Wer Anfang 2022 in Russland investiert hat, hat viel Geld verloren. Heute sind die USA ein Unsicherheitsfaktor.
Jelic: Die Volkswirtschaften der Schwellenländer sind heute viel weniger von den USA abhängig. Nahezu die Hälfte aller Exporte der Emerging Markets gehen nun in andere Schwellenländer. US-Exporte stellen nur etwa 2,5 Prozent des chinesischen BIP dar.
Als Schutz vor geopolitischen Risiken fokussieren wir uns als Asset Manager bei der Einzeltitelauswahl auf inländisch orientierte Unternehmen. Im Vergleich zu unseren Wettbewerbern präferieren wir inländisch orientierte Sektoren. Wir allokieren zum Beispiel Finanz- und Konsumwerte. Wir achten aber auch auf Top-Down-Risiken und politische Entwicklungen. Wir sind wegen steigender politischer Risiken unter Putin schon vor dem Ukraine-Krieg auf Abstand zu Russland gegangen. Anfang 2022 hatten wir in unserer Core-Strategie keine Investition in Russland.
Wenn Aktienmärkte vor einem langen Aufschwung stehen, könnte ein passiver Ansatz sinnvoller als ein aktiver sein.
Schmidt: Sollten die Aktienmärkte vor einem langen Aufschwung stehen, spricht aus Sicht der Efficient-Market-Hypothesis viel für einen passiven Ansatz: Man nimmt das Marktbeta kosteneffizient mit, und Alpha ist nach Gebühren schwer zu erzielen.
Die Emerging Markets sind jedoch eher semi-effizient und „passiv“ heißt leider auch weniger diversifiziert als es auf den ersten Blick wirkt. Zwar umfasst das EM-Universum sehr viele Länder und Regionen und bietet damit grundsätzlich hohes Rendite- und Diversifikationspotenzial, die großen Indizes sind jedoch stark konzentriert. Im MSCI EM entfallen über ein Viertel auf China, die größte Position „Taiwan Semiconductor“ liegt bei rund zwölf Prozent, und die Top Ten machen etwa ein Drittel aus. Ein aktiver Manager kann hier ein robusteres Portfolio bauen, Klumpenrisiken reduzieren und regionale Schwerpunkte bewusster steuern – mit dem Ziel, die Sharpe Ratio des Gesamtportfolios zu verbessern.
Was gerade bei aktivem Management für die Berücksichtigung Chinas spricht: Der MSCI EM ex-China hat nur halb so viele Einzeltitel wie der MSCI EM.
Jelic: China übernimmt mehr und mehr die technologische Führerschaft in KI, Robotertechnik, Elektroautos, Drohnen oder Pharma. Dies sorgt für innovative Qualitätsunternehmen mit Top-Management. Diese Opportunitäten lassen sich am besten über ein aktives Management erschließen.
Während die meisten Investoren einen globalen Investmentansatz suchen, gibt es europäische und gerade einige deutsche Kunden, die aus ESG-Gründen eine EM-ex-China-Lösung präferieren. Einige Anleger haben neben EM-ex-China aber auch noch einen dedizierten China-Fonds allokiert. Dies ergab insbesondere Sinn, als China einen noch höheren Anteil als heute im EM-Universum hatte. Zeitweise kam China im MSCI EM auf über 40 Prozent.
Mit einem China-Fonds lässt sich die Allokation auf ein vernünftiges Maß bringen. Chinesische Aktien können in beide Richtungen extrem performen. Als aktiver Manager trauen wir es uns nicht zu, einen Markt wie China genau zu timen, da dies zu hohe Risiken birgt.
Richter: Trennen Kunden China vom Emerging-Markets-Universum, verfügen große Anleger häufig dennoch über ein separates China-Mandat. Herausforderungen bei der Umsetzung ergeben sich oft dadurch, dass einige Asset Manager nicht an Ausschreibungen für EM-ex-China teilnehmen möchten, da sie ungern auf fast ein Drittel des MSCI EM verzichten. Für aktive Asset Manager bleibt China zudem eine wichtige Quelle für Alpha.
Die Mehrheit der Anleger entscheidet sich aus Gründen der Effizienz und zur Vereinfachung des Monitorings aber, in das gesamte Emerging-Markets-Universum inklusive China zu investieren. Durch diese ganzheitliche Herangehensweise lassen sich Verwaltungsaufwand und Komplexität deutlich reduzieren, da kein separates Mandat erforderlich ist.
Wie nachhaltig kann man denn in China investieren?
Jelic: Wir haben unsere Core-Strategie in 2010 lanciert und seitdem war ESG ein Teil unserer Anlagephilosophie. Gerade in Europa haben die Anleger einen großen ESG-Fokus. China war unter anderem aus Governance-Gründen untergewichtet. Ein deutlicher Teil des chinesischen Aktienuniversums besteht aus staatseigenen Unternehmen. Diese neigen dazu, sich auf die Interessen des chinesischen Staates zu konzentrieren, statt auf die der Minderheitsaktionäre und deren Erträge sind niedrig und nicht nachhaltig. Unternehmen mit fragwürdiger Corporate Governance wollen wir vermeiden. Wir sehen allerdings eine deutliche Verbesserung bei ESG-Faktoren in China, die durch einen selektiven Ansatz gefunden werden können.
Richter: Wie relevant ist denn ESG allgemein für Anleger, die mit RBC BlueBay in EM-Aktien investieren?
Jelic: Wir verwalten etwa 27 Milliarden Dollar in Schwellenländer-Aktien. Von diesen Geldern stammen etwa zwei Drittel von institutionellen Anlegern. In Europa handelt es sich zum Großteil um sehr ESG-fokussierte Pensionsfonds, unter anderem mit Dekarbonisierungszielen, spezifischen ESG-Zielen und unterschiedlichen Ausschlusslisten.
Richter: Wir sehen, dass bei der Auswahl von Asset Managern für Investments in Schwellenländer das Thema Nachhaltigkeit häufig noch eine eher untergeordnete Rolle spielt und sich teilweise auf die Einhaltung grundlegender Mindeststandards beschränkt. Dazu gehört beispielsweise der Ausschluss von kontroversen Waffen oder anderen ethisch bedenklichen Geschäftsfeldern. Dies liegt unter anderem daran, dass viele Investoren in Schwellenländern nachhaltige Ansätze teilweise als herausfordernder in der Umsetzung empfinden. Dennoch gewinnt Nachhaltigkeit auch in Schwellenländern zunehmend an Bedeutung.
Bei welchem Buchstaben von ESG sind die EM denn noch besonders „emerging“?
Jelic: Insgesamt gibt es im Vergleich zu den entwickelten Märkten bezüglich ESG noch Aufholbedarf. Auf Länder- und Unternehmensebene ist das ESG-Level noch sehr unterschiedlich ausgeprägt. Generell gesprochen haben sich in den vergangenen Jahren „G“ und „E“ stark verbessert. Am ehesten hat noch das „S“ Verbesserungsbedarf, vor allem im Unternehmens-Reporting und der Veröffentlichung von Daten. Unser Engagement zielt derzeit verstärkt auf die Verbesserung von sozialen Aspekten ab.
In unseren Portfolios beschränken wir uns auf 45 bis 50 Positionen. Von diesen Unternehmen erwarten wir ein ESG-Profil, das bereits sehr stark ist und durch die Qualität des Managements sowie die Unternehmenskultur untermauert wird. Die Berücksichtigung von ESG-Zielen ist ebenfalls ein gutes Argument für aktives Asset Management.
Und China speziell?
Jelic: Bei Unternehmen in China ist das ESG-Level wahrscheinlich noch unterschiedlicher als in anderen Ländern ausgeprägt. Die Top-Unternehmen haben sich aber – wie schon erwähnt – bereits sehr verbessert. Allerdings gibt es immer noch viele chinesische Unternehmen, die eine schlechte Governance aufweisen. Governance-Risiken betreffen insbesondere die staatseigenen Unternehmen, daher ist ein aktiver Ansatz aus unserer Sicht wichtig.
Aber sollte man denn nicht gerade in Ländern unter Willkürherrschaft besser nur mit dem Staat investieren?
Jelic: Wir als Stockpicker nehmen uns viel Zeit für Meetings mit dem Management der Unternehmen und beschäftigen uns mit dessen Perspektiven. Wir suchen nach Qualität und die finden wir eher bei Aktien von Unternehmen, die in privaten Händen liegen. Das Management sollte sich auf die langfristige Wirtschaftlichkeit des Unternehmens konzentrieren und auch die Rechte von Aktionären inklusive Minderheitsaktionären berücksichtigen sowie auf Mitarbeiter und Umwelt achten. All diese Faktoren führen aus unserer Sicht zu nachhaltig höheren Renditen.
In einem Markt wie China muss man neben den einzelnen Unternehmen immer auch die Regierung und deren Regulierung im Auge haben. Während wir eine Titelselektion mit Fokus auf Qualitätsunternehmen betreiben, evaluieren wir aber auch makroökonomische Treiber und politische Risken.
Bei Tech-Werten konnte man erleben, wie schnell sich der Regierungs-Wind drehen kann. Chinas Präsident Xi pflegt zu Alibaba-Gründer Ma eine On-off-Freundschaft.
Jelic: Zeitweise ging die Regierung scharf gegen die Tech-Branche und privat geführte Unternehmen vor. Dies führte kurzfristig zu einem Ausverkauf dieser Aktien. Der Einfluss der Regierung kann groß sein.
Wir betrachten aber den Markt langfristig und suchen strukturelles Wachstum und qualitativ gute Unternehmen. Von unvorhersehbaren kurzfristigen Ereignissen wollen wir uns nicht abhängig machen.
Neben China und vor allem Asien finden sich in EM-Portfolio meist nur kleine Portionen in Brasilien oder Mexiko. Während China, Taiwan, Südkorea und Indien zusammen drei Viertel des MSCI EM ausmachen, kommt Brasilien nur auf knapp fünf Prozent. Wie sehen Sie Lateinamerika im Vergleich zu Asien?
Jelic: Vor 20 Jahren hatte Lateinamerika im Index noch eine viel größere Bedeutung. Wir sehen Lateinamerika derzeit recht positiv. Wir neigen zwar nicht zu drastischen Änderungen im Portfolio und haben nur einen geringen Portfolioumschlag, aber seit Anfang 2025 haben wir Lateinamerika leicht übergewichtet.
Diese Region hat im globalen Vergleich die höchsten Realzinsen und wir erwarten, dass die Volkswirtschaften von einer Senkung profitieren werden. Lateinamerika profitiert auch sehr von einem schwächeren US-Dollar. Vor allem stimmen uns die jüngsten Wahlen, die für politische Wechsel sorgten, für die Wirtschaft optimistisch.
Teilt Mercer diese Einschätzungen?
Schmidt: Für uns steht weniger die Selektion einzelner Regionen oder Länder im Vordergrund, sondern der Aufbau eines breit diversifizierten EM-Portfolios. Auch deshalb präferieren wir aktives Management mit hohen Freiheitsgraden: Es gibt dem Manager die Flexibilität, Lateinamerika deutlich höher zu gewichten, wenn dort im relativen Vergleich zu Asien die besseren Opportunitäten gesehen werden. Entsprechend legen wir in der Managerselektion Wert auf einen hohen Active Share, wenn es der Portfolio-Strategie zugutekommt.
Mit etwa 70 Prozent ist aber auch RBC BlueBay sehr auf China, Taiwan, Indien und Südkorea konzentriert.
Jelic: Man kann innerhalb der Schwellenländer sehr gut diversifizieren – es finden sich sehr unterschiedliche Ökonomien. Die Story lautet aber auch in den Emerging Markets „KI“ und die KI-Entwicklung in den Schwellenländern konzentriert sich auf Taiwan, Südkorea und China. Dort gibt es mit TSMC, Samsung oder SK Hynix sehr große Unternehmen, die die Entwicklung bei der KI dominieren.
Für diese Länder spricht aber nicht nur die KI-Story. In Südkorea gibt es beispielsweise aktionärsfreundliche Reformen. Zuvor war dort die Corporate Governance nicht optimal. Im vergangenen Jahr haben sich südkoreanische Aktien fast verdoppelt. Indien hat mit der Demographie und der Urbanisierung dagegen langfristig ganz andere Treiber, die die inländische Wirtschaft unterstützen.
Wo findet sich auf den Emerging Markets außer bei Tech noch Wachstum?
Jelic: Financials, Konsum-Werte und Healthcare bieten beispielsweise noch langfristig strukturelle Wachstumschancen. Wir interessieren uns vor allem für etablierte Marktführer mit starkem Track Record in den genannten Branchenzweigen.
KI, Banken und nun wohl auch wieder Healthcare kann man aber auch gut über US- und europäische Titel spielen.
Richter: Für Mercer geht es immer um die Gesamtstrategie eines Investors. Jede einzelne Strategie muss zum Gesamtportfolio passen. Wir suchen also erst einmal nicht den am besten performenden, sondern den am besten zum Gesamtportfolio passenden Ansatz. Das kann ein Value-, ein Growth- oder ein Low-Vol-Quality-Ansatz wie der von RBC BlueBay sein. In den Emerging Markets lässt sich fast jede Faktor-Ausprägung umsetzen.
Was ist der beste Diversifikator, den EM bieten können? Kasachische Fintechs, chilenische Minen oder türkische Brauereien?
Richter: Eine Benchmark-orientierte Strategie mit rund 100 bis 150 Positionen bietet eine optimale Diversifikation über Länder und Sektoren. Dadurch kann der Asset Manager das Ziel anstreben, in jedem Zyklus eine stabile Outperformance von 150 bis 200 Basispunkten (netto) zu erreichen. Für mittelgroße Investoren, die bisher nur wenige Aktienstrategien einsetzen und dies vorwiegend in Nordamerika und Europa, kann solch eine diversifizierte Strategie eine sinnvolle und wertvolle Ergänzung zur geografischen Diversifikation darstellen.
Nach der SAA stellt sich die Frage nach aktivem oder passivem Management. Aktive Strategien lassen sich wie beschrieben sowohl benchmark-nah darstellen als auch benchmark-agnostisch. Bei letzterem spielt zum Beispiel die Faktor-Ausrichtung eine signifikante Rolle. Ein Low-Volatility-Ansatz, der Abwärtsrisiken begrenzt und dennoch 80 bis 90 Prozent der Aufwärtsbewegungen mitnimmt, eignet sich besonders für risikobewusste Anleger. Um die Diversifikation im Gesamtportfolio zu analysieren, führen wir im Rahmen der Manager Selektion zusätzlich noch Korrelationsanalysen mit dem Bestandsportfolio durch.
Schmidt: Ein hoher Active Share ist auch für die Diversifikation besonders hilfreich: Er gibt dem Asset Manager die Flexibilität, beispielsweise Südamerika oder Small Caps stärker zu gewichten als es die Benchmark vorsieht. Zudem sind EM-Indizes in der Regel weniger effizient als ein S&P 500, was den Spielraum für aktive Positionierungen erhöht.
Off-Benchmark-Allokationen ermöglichen darüber hinaus Investments jenseits der EM-Benchmark, etwa in österreichische Unternehmen mit wesentlicher Umsatzexponierung in Osteuropa. Ein spezialisierter Emerging-Markets-Manager verfügt hierfür typischerweise über einen deutlich tieferen Marktüberblick als ein primär Europa-fokussierter Investor.
Wie und vor allem wo muss für Mercer ein Asset Manager für EM-Aktien personell aufgestellt sein? Braucht es beispielsweise unbedingt eine Niederlassung in Hongkong?
Schmidt: Viele der besten Emerging Market Manager sitzen in New York oder London und nicht verteilt auf der ganzen Welt. Da unterscheidet sich die Private-Equity- sehr von der Aktienwelt. Für Private Equity braucht es Management vor Ort.
Wolfram: RBC BlueBay beschäftigt verschiedene Aktienteams. Teilweise arbeiten diese in Asien. Aber alle Mitarbeiter, die sich mit den globalen Emerging-Markets-Strategien beschäftigen – ob nun Aktien oder Anleihen sitzen in London. Diese Konzentration macht Sinn, weil es die Interaktion zwischen Portfoliomanagern und Analysten erleichtert. Diese Kollegen sind auch gemeinsam unterwegs. Es ist effizient, wenn Aktien- und Anleihen-Spezialisten gemeinsame Termine haben.
Richter: Es gibt immer Pro- und Contra-Argumente. Wenn alle Mitarbeiter in einem Gebäude sitzen, verbessern die kurzen Wege den Austausch. Wer dagegen überall auf der Welt Mitarbeiter vor Ort hat, hat mehr lokale Expertise. Am Ende ist dies auch eine Frage der Strategie. Konzentrierte Strategien sollten die Analysten vor Ort haben, wohingegen es bei quantitativen Strategieansätzen nicht so wichtig ist.
Wolfram: Und einem Asset Manager, der eine sehr konzentrierte Strategie mit geringem Portfolioumsatz fährt, fällt auch das Management eines globalen Portfolios aus einem Standort heraus leichter. Zudem hat das Team enge Verbindungen zu den investierten Unternehmen und möglichen weiteren Portfoliokandidaten aufgebaut.
Richter: Unsere top-gerateten Manager haben das zu ihrer Strategie passende Setup. High-conviction-Manager, deren Alpha aus der Stock Selection kommt, haben ihre Analysten vor Ort.
Mit welcher EM-Quote sind Investoren 2030 unterwegs?
Richter: Ich gehe davon aus, dass der EM-Anteil weiterhin zwischen fünf bis 15 Prozent liegen wird. Schließlich macht man eine strategische Asset-Allokation wirklich langfristig.
Wenn wir aber auch in 2026 ein Plus von 34 Prozent sehen: Würden wir dann nicht viel höhere EM-Quoten sehen?
Schmidt: Sollten wir 2026 erneut ein Plus von 34 Prozent sehen, dürfte die EM-Allokation vieler Investoren an die Obergrenzen ihrer üblichen Bandbreiten stoßen – insbesondere dann, wenn der Anstieg fundamental getragen ist. Gleichzeitig nehmen in solchen Phasen erfahrungsgemäß spätzyklische Zuflüsse zu, was die Wahrscheinlichkeit eines anschließenden Turnarounds erhöht; Beispiele dafür haben wir zuletzt in anderen Märkten gesehen.
Gerade deshalb bleibt bei Emerging Markets der langfristige Blick entscheidend. Wer das Segment strategisch einordnet, findet überzeugende strukturelle Argumente, die weit über kurzfristige Marktbewegungen hinausreichen.
Autoren: portfolio institutionellSchlagworte: Aktien | Emerging Markets / Schwellenländer
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