Hebel für mehr Nachhaltigkeit

Moderatorin Wiebke Merbeth analysierte mit Carlo Funk, Christian Aselmann und Dr. Jörg Mayer aktuelle ESG-Vorhaben und neue Ziele im Kontext nachhaltiger Investments. Bild: Alex Habermehl.
Auch in diesem Jahr stand das Thema Nachhaltigkeit wieder im Zentrum einer Podiumsdiskussion. Aber anders als in den Vorjahren nahm der Rüstungssektor dieses Mal größeren Raum ein. Eine Lektion, die man von den Investoren lernen konnte, war: Auch wenig Geld kann viel bewegen.
Nachhaltigkeit im Anlageprozess ist institutionellen Investoren wichtiger denn je. Doch angesichts der geopolitischen Verwerfungen und des laufenden Umbaus von Wirtschaft und Gesellschaft hin zu klimafreundlicheren Prozessen, Produkten und Dienstleistungen müssen die Ansätze immer weiter nachgeschärft werden. Deutlich wurde das bei der Jahreskonferenz in dem von Wiebke Merbeth moderierten Panel „Resilienz & ESG“ unter der Überschrift „Nachhaltigkeit neu denken: Sicherheit. Transition. Marktrealität.“ Wiebke Merbeth ist Partnerin in der Strategieberatung Deloitte. In Berlin begrüßte sie Christian Aselmann, Dr. Jörg Mayer und Carlo Funk.
Christian Aselmann ist Head of Finance der Handelskrankenkasse, der HKK. Sie verfügt über einen mittleren dreistelligen Millionenbetrag an Anlagevolumen und zählt zur Gruppe der Ersatzkassen. Panel-Gast Dr. Jörg Mayer ist Leiter der Finanzabteilung der Evangelisch-lutherischen Landeskirche in Braunschweig. Außerdem sitzt er dem Vorstand des Arbeitskreises Kirchlicher Investoren (AKI) vor. Dritter Teilnehmer der Gesprächsrunde war Carlo Funk von State Street Investment Management. Der weltweit viertgrößte Vermögensverwalter ist als globaler Treuhänder für unterschiedlichste Anleger tätig. Funk trägt mehrere Jobtitel und ist dort unter anderem als Global Head of ESG Strategy aktiv.

Unter dem Eindruck des wenige Tage zuvor ausgebrochenen Iran-Kriegs erörterten die Gesprächsteilnehmer zunächst Fragen der öffentlichen Sicherheit und damit auch den Knackpunkt, ob Waffenhersteller grundsätzlich aus nachhaltigen Portfolios ausgeschlossen werden sollten – oder nicht. Dr. Jörg Mayer ergriff als erster Panelist das Wort und führte mit Blick auf die Politik der US-Administration aus, dass dort versucht werde, ESG-Themen systematisch zurückzudrängen. Das sei zwar zu Beginn der zweiten Amtszeit Donald Trumps zu erwarten gewesen, doch mit der Intensität, die dabei zu Tage trete, habe man so nicht gerechnet, räumte Mayer ein.
Zugleich machte der Kirchenvertreter in der Debatte deutlich, dass die grundlegende Philosophie des Arbeitskreises Kirchlicher Investoren dadurch „überhaupt nicht“ verändert werde. Zwar beklagte Mayer, dass beispielsweise Umweltthemen im Moment ein wenig in den Hintergrund getreten seien; doch nur weil es eine ignorante US-amerikanische Regierung gebe, seien Fragen der Nachhaltigkeit natürlich nicht verschwunden, argumentierte er.
Danach gefragt, wo der Arbeitskreis in Sachen Rüstung und Sicherheit stehe, machte AKI-Vorstand Mayer deutlich, dass Sicherheit eine öffentliche Aufgabe sei. Zugleich gab er ein bemerkenswertes Bekenntnis ab, als er sagte, dass sich seine zuvor pazifistische Sichtweise im Zuge des Ukrainekrieges völlig verändert habe. Es sei klar, dass die Bundeswehr, die selbst keinen Angriffskrieg durchführen dürfe, aufgerüstet werden müsse, um das Land zu verteidigen. Der AKI habe kein Problem damit, zum Beispiel in deutsche Staatsanleihen zu investieren, um die Bundesrepublik bei der Erfüllung ihrer Aufgaben zu unterstützen.
Nicht investiert sei man in Rüstungsaktien. Denn Waffen seien zwar notwendig, aber nicht nachhaltig. „Wir sind ethisch-nachhaltige Anleger“, verdeutlichte Mayer und sprach von einer „ethischen Abwägung“. Auf die Frage, wie die Handelskrankenkasse das Thema Rüstung für sich definiert hat, griff Aselmann die Aussagen Mayers auf. Waffen seien notwendig für das gesellschaftliche Zusammenleben und zur Verteidigung der Demokratie, erklärte er und nutzte die Gelegenheit, dem Publikum die auswirkungsbezogene Investmentstrategie der Handelskrankenkasse vorzustellen. Denn die Gesprächsrunde öffnete ihren Fokus und erörterte zum Beispiel Anstrengungen von Unternehmen auf dem Weg zur Klimaneutralität. Hier tauchte nun unter anderem die Frage auf, wie man als Investor mit CO₂-intensiven Branchen verfahren sollte. Die Handelskrankenkasse mit Sitz in Bremen hat mit ihrem Kerngeschäft, es geht natürlich um Gesundheit und Wohlergehen, unbestritten einen positiven Einfluss auf die Gesellschaft.
Aber auch in der Kapitalanlage verfolgen die Hanseaten zusätzlich zu ihrer originären Tätigkeit Nachhaltigkeitsziele, wie Aselmann mit Blick auf die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen, die Sustainable Development Goals (SGDs) verdeutlichte. Die Anlage werde flankiert von sektoralen und wertebasierte Ausschlusskriterien. Außen vor bleiben da zum Beispiel Alkohol- und Tabakhersteller. Anders gelagert ist die Sache bei CO₂-intensiven Branchen; diese schließen die Hanseaten nicht pauschal aus ihrem Anlageuniversum aus. Aselmann erwähnte beispielhaft den Zementhersteller Heidelberg Materials. Ein Investment – etwa auf der Debt-Seite – sei durchaus möglich, sofern es sich um ein Wertpapier handelt, das an Nachhaltigkeitskriterien gekoppelt ist, also etwa ein Green Bond. Begründung: „Wenn ich als Unternehmen weiß, dass meine Kreditkosten sich verteuern, wenn ich die gesteckten CO₂-Reduktionsziele nicht einhalte, ist das ein sehr guter Wirkungsmechanismus. Und das wollen wir mit unserer Strategie umsetzen. Und bisher gelingt uns das.“
Carlo Funk von State Street Investment Management griff diese Einschätzung auf und ergänzte sie um seine eigene Sichtweise. Use-of-proceeds-Bonds, also Anleihen mit zweckgebundener Mittelverwendung, seien für manche Anleger selbst dann investierbar, wenn die Aktien der betreffenden Gesellschaft aus dem Anlageuniversum ausgeschlossen worden seien. Die Voraussetzung für ein Investment in die entsprechenden Anleihen sei, dass der Erlös in ganz bestimmte, klar definierte Projekte fließe, also etwa Green Bonds oder Blue Bonds.
Anschließend spannte die Moderatorin den Bogen zurück zu Jörg Mayer und wollte von ihm wissen, wie die Protestanten im Rahmen der Transformation ihr Kapital anlegen. „Das Einfachste wäre“, so der Leiter der Finanzabteilung der Evangelisch-lutherischen Landeskirche in Braunschweig, „wir würden alle nur noch in Banken investieren.“ Sie seien im Hinblick auf das Übereinkommen von Paris, den weltweiten Temperaturanstieg möglichst auf 1,5 Grad Celsius, auf jeden Fall aber auf deutlich unter zwei Grad Celsius im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter zu beschränken, ganz weit vorn. Aber das mache natürlich keinen Sinn. „Wir bei der Evangelisch-lutherischen Landeskirche in Braunschweig sagen unseren Asset Managern: ‚Wenn ihr bei 1,7 Grad landet, könnt ihr auch Transitionsunternehmen berücksichtigen.‘“ Merbeth bezeichnete das Ziel als ambitioniert. „Denn wir wissen mit der UN-Analyse vom November vergangenen Jahres, dass wir uns auf einem 2,8-Grad-Pfad befinden.“ Und sich im Portfolio auf 1,7 Grad festzulegen, sei wahnsinnig ambitioniert. Carlo Funk warf mit Blick auf die Debatte um die weitsichtige Dekarbonisierung der Portfolios ein, dass auch die Themen Stewardship, Corporate Engagement und Active Ownership immer wichtiger werden; dazu nannte er Beispiele aus seinem Tagesgeschäft.
Auch der regulatorische Rahmen kam zur Sprache. So sieht sich die HKK im Aktienmarkt mit erheblichen Restriktionen konfrontiert und dürfe nur „indexorientiert“ investieren, also nicht in Einzeltitel. Das erschwere die Umsetzung der Nachhaltigkeitsstrategie und habe zur Folge, dass der Asset Manager gezielt ESG-ETFs auswählt. Bei der Selektion spielen Kosten und Tracking Error eine Rolle, die Stewardship der Anbieter aber auch. Soll heißen: Die Bremer interessieren sich wärmstens dafür, wie die Fondsgesellschaften mit ihren Stimmrechten umgehen und wofür sie auf den Aktionärstreffen votieren. Investiert werde daraufhin in die ETFs jener Anbieter, die besonders transparent berichten.
Autoren: Tobias BürgerSchlagworte: Jahreskonferenz / Jako | Nachhaltigkeit/ESG-konformes Investieren
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