Solvenz der Lebensversicherer verbessert sich spürbar
Die Kapitalposition der deutschen Lebensversicherer hat sich innerhalb eines Jahres signifikant verbessert. Damit eröffnet sich neuer Spielraum im Asset Management.
In der ersten Aprilhälfte haben deutsche Lebensversicherer ihre Berichte über Solvabilität und Finanzlage (SFCR) zum Stichtag 31. Dezember 2025 veröffentlicht. Das Beratungsunternehmen WTW hat die Berichte der größten deutschen Lebensversicherer ausgewertet und kommt zu einem klaren Ergebnis: Die Kapitalposition der Branche hat sich innerhalb eines Jahres signifikant und in dieser Breite unerwartet stark verbessert.
„Damit wurde die Prognose, die wir bereits im Januar gestellt hatten, noch übertroffen“, sagt Aleksander Rejman, Senior Director bei WTW im Geschäftsbereich Insurance Consulting and Technology (ICT). „Diese Entwicklung unterstreicht die aktuell sehr hohe Kapitalstärke des deutschen Lebensversicherungsmarktes.“
Die überschlägige Analyse der Solvency-II-Bedeckungsquoten der untersuchten Lebensversicherer – WTW nahm circa 82 Prozent des Marktes basierend auf den versicherungstechnischen Rückstellungen unter die Lupe – habe einen substanziellen Anstieg der durchschnittlichen SCR-Bedeckung gezeigt. Diese dürfte im Mittel von rund 295 Prozent zum Jahresende 2024 auf etwa 375 bis 385 Prozent Ende 2025 gestiegen sein, heißt es seitens WTW. Laut der Untersuchung würden sich „nur einige wenige Unternehmen“ gegen den Branchentrend entwickeln.
Die Bedeckungsquote ergibt sich als Verhältnis der anrechenbaren Eigenmittel der Versicherer zu den Solvenzkapitalanforderungen (SCR) unter Solvency II. Der beobachtete Anstieg der Bedeckungsquote sei dabei primär durch einen deutlichen Rückgang der Kapitalanforderungen zu erklären (minus 17 Prozent). Der Zuwachs der verfügbaren Eigenmittel um etwa sieben Prozent trage zwar ebenfalls bei, sei jedoch von nachgeordneter Bedeutung.
Der jüngste Zinsanstieg erklärt die positive Entwicklung nur zum Teil
Als dominanten Einflussfaktor nennen sie bei WTW den Zinsanstieg im Jahr 2025. Die risikofreie Zinsstrukturkurve lag zum Jahresende – je nach Laufzeit – um etwa 50 bis 90 Basispunkte über dem Niveau des Vorjahres. Höhere Zinsen wirken im Rahmen von Solvency II in der Regel reduzierend auf das Spread‑, das Langlebigkeits- und das Kostenrisiko. Die Auswirkungen auf das Stornorisiko seien dagegen uneinheitlich und stark abhängig von Produktmix, Garantieniveau und Kundenstruktur.
„Die reine Zinswirkung allein reicht jedoch nicht aus, um die Größenordnung des Kapitalanstiegs vollständig zu erklären“, betont Aleksander Rejman. „Die zum Jahresende 2024 veröffentlichten Sensitivitätsanalysen lassen einen solchen Effekt nur teilweise erwarten. Als weitere Ursachen sehe ich daher die Risikominderungsmaßnahmen – etwa Rückversicherung – oder Veränderungen in der Risikomodellierung der Versicherer.“
Mehr Spielraum in der Kapitalanlage
Die „spürbare Verbesserung der Solvenzposition“, wie WTW urteilt, erweitere den strategischen Handlungsspielraum der Lebensversicherer, zumindest aus regulatorischer Sicht. Theoretisch eröffnen höhere Solvenzpolster die Möglichkeit, die Kapitalanlage stärker auf Assets mit höherem Renditepotenzial und leicht erhöhtem Risiko auszurichten.
Praktisch werde dieser Spielraum jedoch durch stille Lasten in den Kapitalanlagen begrenzt, erinnert das Beratungshaus. Infolge des Zinsanstiegs liegen die Marktwerte vieler festverzinslicher Wertpapiere – insbesondere aus älteren Beständen – unter ihren Buchwerten.
Eine aktive Umschichtung, sprich: ein Verkauf, würde daher häufig mit der Realisierung dieser stillen Lasten einhergehen, was sowohl bilanziell als auch aus Solvency‑II‑Sicht unerwünscht sein könne. „Entsprechend sollten Asset-Liability-Management-Überlegungen bei den Unternehmen verstärkt in den Fokus rücken“, rät Clara Busch, Director bei der WTW-Versicherungsberatung.
Vor diesem Hintergrund gewinne das Neugeschäft, insbesondere das Einmalbeitragsgeschäft, an Bedeutung: Die Anlage neu zufließender Mittel erlaube eine schrittweise Veränderung der Asset-Allokation, ohne bestehende Portfolien auflösen und stille Lasten realisieren zu müssen. Neugeschäft fungiere damit als zentraler Hebel, um die deutlich verbesserte Kapitalausstattung langfristig auch in eine strukturell optimierte Anlage- und Ertragsposition zu überführen.
Inwieweit das aktuell hohe Solvenzniveau der Lebensversicherer nachhaltig sei, werde sich in den kommenden Jahren zeigen. Senior Director Rejman geht weiterhin von volatilen Entwicklungen infolge makroökonomischer Unsicherheiten aus. Zudem trete im kommenden Jahr die Überarbeitung des Solvency-II-Regelwerks in Kraft. Weitere Bewegungen der Solvenzpositionen der Unternehmen seien vor diesem Hintergrund wahrscheinlich.
Solvency-II-Reform stärkt Kapitalbasis
Viele europäische Versicherer weisen nach Einschätzung der Ratingagentur Fitch Solvabilitätsquoten unter Solvency II auf, die über ihren Zielvorgaben liegen. Wir hatten darüber am 17. Februar 2026 berichtet.
Im Zuge der Reform von Solvency II könnten die entsprechenden Quoten im Durchschnitt um fünf bis sieben Prozentpunkte und für einige Gruppen sogar um bis zu 20 Prozentpunkte ansteigen, wenn sie am 1. Januar 2027 in Kraft tritt. Dies stärke die Kapitalbasis zur Finanzierung von Akquisitionen und reduziert das Risiko negativer Ratingmaßnahmen im Zusammenhang mit Fusionen und Übernahmen, heißt es bei Fitch.
Autoren: Tobias BürgerSchlagworte: Lebensversicherung | Solvency II
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