Kummer’s Corner: Episode 7 – Die Stadt, in der die Glocken schwiegen
Ein Märchen von großer Relevanz und mit der ökonomischen Präzision von Jens Kummer.
Es war einmal eine reiche Handelsstadt. Ihre Kaufleute bauten Werkstätten, kauften Lagerhäuser und übernahmen Konkurrenten – meist mit geliehenem Geld. Jeden Monat brachten sie den Geldgebern Münzen als Zins. Solange die Geschäfte wuchsen, funktionierte das prächtig.
Dann wurden die Zeiten schwieriger. Manche Kaufleute baten darum, die Zinsen nicht mehr in Münzen zu zahlen. Stattdessen unterschrieben sie neue Schuldscheine. Die Schuld wurde also nicht kleiner, sondern um den nicht gezahlten Zins größer. Die Geldgeber nannten das höflich „Payment in Kind“, kurz PIK.
Das war nicht immer ein schlechtes Zeichen. Bei einigen Geschäften war diese Zahlungsweise von Anfang an eingeplant. Doch immer mehr Kaufleute griffen später darauf zurück, weil ihre Kassen sich leerten.
Zuletzt zahlten elf von hundert Kreditnehmern Zinsen in Form neuer Schulden. 58 Prozent dieser PIK-Fälle waren sogenannte „Bad PIK“: Die Zinsstundung war erst während der Kreditlaufzeit gewählt worden, meist wegen knapper Liquidität. Das entspricht 6,4 Prozent aller Kredite – ein deutlicher Anstieg gegenüber dem Jahr 2021.

In der Stadt standen auch Wachtürme. Ihre Glocken läuteten, sobald ein Kaufmann zu viele Schulden anhäufte oder sein Gewinn zu stark sank. Diese Glocken hießen Covenants – auf Deutsch: Schutzklauseln. Sie gaben den Geldgebern Zeit, einzugreifen, bevor aus einem Problem ein Unglück wurde.
Doch die Kreditgeber konkurrierten heftig um die besten Geschäfte. Einer nach dem anderen versprach den Kaufleuten mehr Freiheit und ließ die Glocken abbauen. Bald waren immer mehr Private-Credit-Kredite „covenant-lite“. Bei den syndizierten US-Unternehmenskrediten waren es zuletzt 91 Prozent (zum Vergleich: im Jahr 2007 waren es nur 17 Prozent).

Die Stadt wirkte erstaunlich ruhig. Niemand hörte Alarm. Der Bürgermeister erklärte dies zum Beweis, dass alles in Ordnung sei. Nur ein alter Buchhalter widersprach: „Es ist still, weil wir die Glocken entfernt haben.“
Eines Tages zog ein Sturm über dem Tal auf. Niemand wusste, wie viele Häuser standhalten würden. Denn jahrelang hatte man neue Schuldscheine mit echter Zahlung verwechselt und das Schweigen der Glocken mit Sicherheit.
Ökonomische Einordnung: PIK kann eine vorübergehende Dürre überbrücken, und flexible Kreditverträge können sinnvoll sein. Werden jedoch unbezahlte Zinsen immer wieder zur neuen Schuld, während zugleich die Warnsysteme verschwinden, wird das Risiko nicht beseitigt. Es wird nur später sichtbar – dann aber mit höheren Schulden, weniger Sicherheiten und weniger Zeit zum Handeln.
Autoren: Jens KummerSchlagworte: Kummer’s Corner
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