Böswillige Verhaltensanomalien an den Kapitalmärkten

Gastbeitrag von Prof. Dr. Friedrich Thießen. Thießen lehrt an der TU Chemnitz Wirtschaftswissenschaften. Bild: privat.
Kapitalmärkte müssen sich auf ein neues Phänomen einstellen: Böswilligkeit. Die wichtigen Kapitalmarktkonzepte haben das Phänomen bisher nicht angepackt. Das ändert sich aber gerade. Böswilligkeit gerät in das Blickfeld – getriggert durch das auffällige Verhalten des US-amerikanischen Präsidenten.
Warum wurde das Phänomen Böswilligkeit bisher wenig behandelt? Wahrscheinlich galt es als erledigt. Adam Smith hat 1759 in seinem Buch „Theorie der moralischen Empfindungen“ überzeugend erklärt, dass Böswilligkeit eine ineffiziente Verhaltensweise ist. Wer nicht prosozial handelt, schädigt die Gesellschaft und über kurz oder lang sich selbst. Als Resultat setze sich aus ganz rationalen Erwägungen jedes Einzelnen im Lauf der Zeit eine Moral durch, die auf sozial orientiertes Handeln abzielt, so Adam Smith. Das Christentum, insbesondere in der protestantischen Form, ist ein herausragendes Beispiel.
Finanzwirtschaftlich zählt Böswilligkeit zu den Verhaltensanomalien, gehört also zur Behavioral Finance. Bisher wurden drei Gruppen behandelt: Psychological Biases, Cognitive Biases und Social Biases. Die erste Gruppe sind die in der Tradition von Kahneman und Tversky stehenden Anomalien. Mit Konstrukten wie Home Bias, Herdentrieb, Gamblers Fallacy und vielem anderen ließen sich Erklärungen für merkwürdige Preisphänomene finden.
Anomalien der zweiten Gruppe beruhen auf naturwissenschaftlich-biologischen Strukturen des menschlichen kognitiven Apparates. Unser Nobelpreisträger Reinhard Selten sowie Gerd Gigerenzer sind die bekanntesten Namen. Vereinfacht gesprochen verbraucht unser Gehirn bei gründlichem Nachdenken zu viele Ressourcen, so dass reduzierte Denkprozesse notwendig sind. Man spricht von Heuristiken. Deren Ergebnisse führen zu Abweichungen vom theoretischen Rationalverhalten.
Die dritte Gruppe behandelt sozial bedingte Verhaltensweisen, also Entscheidungen, deren Ausprägungen einen Gruppenbezug aufweisen. Man hat Abweichungen vom Rationalverhalten in Form eines Gender Bias, Race Bias, In-Group-Bias, Political Bias oder Religious Bias gefunden.
Nun kommt als neues Phänomen die Böswilligkeit hinzu. Derzeit werden vorrangig drei Arten diskutiert. Da sich das Feld erst entwickelt, wird sich der Kreis wahrscheinlich noch erweitern. Die drei Arten sind Psychopathie, Rachsucht und Narzissmus, insbesondere in der Form des malignen Narzissmus.
Bevor wir die drei Arten und ihre Auswirkungen auf die Finanzmärkte behandeln, muss noch ein zentraler Begriff geklärt werden: Was ist eigentlich „böse“? Als böse wird eine Verhaltenseigenschaft bezeichnet, die Menschen dazu verleitet den eigenen Nutzen auf Kosten anderer zu maximieren, wobei zugleich die Überzeugung vorhanden ist, dass dieses Verhalten gerechtfertigt sei. Es gibt also keine sozial orientierte Reflexion des Verhaltens. Vielmehr bleibt das antisoziale Verhalten aufgrund der krankhaften Überzeugungen dauerhaft beibehalten.
Man kann die Neigung zu derartigen Einstellungen sogar messen. Dabei werden Fragen gestellt wie zum Beispiel: „Mein eigenes Vergnügen ist das Einzige, was zählt“ oder „auf andere sollte man nicht so viel Rücksicht nehmen“. Benutzt man eine Likert-Skala, die von „stimme vollkommen zu“ bis „stimme überhaupt nicht zu“ reicht, kann man die Neigung zu bestimmten Verhaltensweisen in Zahlen fassen. Im nächsten Schritt kann man die gemessenen Zahlenwerte mit anderem Variablen korrelieren, wie zum Beispiel Lügen, Straftaten begehen, Kooperationsverweigerung, autoritäres Verhalten, Gewalt etcetera. Auf diese Weise kann man dann Ausmaß und Schäden böswilliger Verhaltensweisen ermitteln.
Maligne (=bösartige) Persönlichkeitsstörungen
Psychopathie ist der Name einer Persönlichkeitsstörung, die bei den Betroffenen mit dem weitgehenden oder völligen Fehlen von Empathie, sozialer Verantwortung und Gewissen einhergeht. Psychopathen können charmant auftreten. Oberflächliche Beziehungen können hergestellt werden. Dabei liegt aber keine echte Empathie vor, sondern es wird manipulativ vorgegangen, um egoistische Ziele zu erreichen. Aggressivität kommt vor und wird instrumentell, das heißt zweckorientiert eingesetzt.
Rachsucht gehört wie Psychopathie zu den gesellschaftlich ineffizienten, irrationalen Verhaltensweisen. Jesus Christus lehrt, auf Rache zu verzichten. Aber auch schon 800 Jahre früher, in den fünf Büchern Mose, wird Rache geächtet. Die Ineffizienz von Rache ist lange bekannt. Durch Donald Trumps Hang, sich an Menschen zu rächen, die ihm widersprachen, ist Rachsucht ein weltweites Thema geworden. Rache ist eine ineffiziente Form der Bestrafung. Theorien zur Gerechtigkeit sehen zwei Arten der Bestrafung vor: Abschreckung (vor künftigen Normverstößen) und Vergeltung. Reine Vergeltungsstrafen sind sozial geächtet, weil das Zufügen von Leid ohne erzieherischen Charakter nicht vernünftig ist. Der Wunsch nach Vergeltung kann bei besonders krankhaften Personen bis zum Wunsch nach Vernichtung eines Gegners gehen. Donald Trump drängt Gegner aus den Ämtern, überzieht sie mit teuren Prozessen, schädigt ihren Ruf, so dass sie kaum Chance auf eine gleichwertige Tätigkeit anderswo haben – sie sind vernichtet.
Narzissmus wird als Persönlichkeitsstörung bezeichnet, bei der eine Person sich selbst idealisiert, sich für großartig hält und Bewunderung von anderen sucht. Beim malignen Narzissmus (maligne=böse), der durch Donald Trump Gesprächsthema wurde, wird die egoistische Grundeigenschaft mit weiteren schweren antisozialen Elementen ergänzt. Bei diesen bösartig-narzisstischen Menschen geht das Gefühl der Großartigkeit und Überlegenheit mit Verachtung anderer einher. Dahinter stehen Neid, der durch traumatische Erfahrungen in Kindheit und Jugend entstanden sein kann, aber auch Ängste, in Wirklichkeit gar nicht so großartig zu sein. Die latenten Ängste, die als Paranoia wirksam werden, führen dazu, dass der maligne Narzisst sich als angegriffene Person sieht und dem Zwang zurückzuschlagen unterliegt.
Zurückgeschlagen wird schon im Vorfeld von Angriffen, weil diese erwartet oder für sicher gehalten werden. Kritisieren darf man maligne Narzissten nicht, weil sie diese Kritik nicht als konstruktiv erleben, sondern als Angriff auf ihre Großartigkeit. Es gibt kaum die Chance auf kooperative Lösungen, weil der maligne Narzisst glaubt, sich immer durchsetzen zu müssen. Während sich andere an Regeln halten sollen, kann der maligne Narzisst alles tun, was seine Großartigkeit und Einzigartigkeit festigt und untermauert. Donald Trump wurde 2025 von einem Journalisten gefragt, ob es für ihn „auf der Weltbühne“ Grenzen gäbe. Er antwortete: „Meine eigene Moral. Mein eigener Verstand. Das ist das Einzige, was mich stoppen kann, und das ist gut so.“ Wer mit malignen Narzissten in Konflikt gerät, muss mit dem Versuch der völligen Zerstörung rechnen, weil maligne Narzissten keine moralischen oder ethischen Grenzen ihrer bestrafenden Funktion oder die eigene Bedeutung sichernden Maßnahmen akzeptieren. Die Sicherung der eigenen Stellung hat oberste Priorität. Lügen, Wahrheiten verdrehen, Menschen gegeneinander ausspielen sind typische Instrumente. Anhänger werden zu willenlosen Personen trainiert, die jedem Wunsch des malignen Narzissten uneingeschränkt nach(zu)kommen (haben). Kleinste Abweichungen werden als Verrat empfunden und sanktioniert.
Maligne Verhaltensanomalien und Finanzmärkte
Wie wirken die drei behandelten bösartigen Verhaltensanomalien auf die Finanzmärkte? Hier sind zwei Richtungen zu unterscheiden: Mikroökonomisch und Makroökonomisch. Zur mikroökonomischen Gruppe gehört die Arbeit in den Unternehmen. Gestörte Personen sind häufig in Führungspositionen zu finden. Entscheidungen werden durch die malignen Persönlichkeitsmerkmale beeinflusst. Misserfolge können Auslöser unvernünftiger Handlungen sein. Fehleranalysen unterbleiben. „Unschuldige“ werden gebrandmarkt und verdrängt. Die eigentlichen Sachziele geraten in den Hintergrund, nur um bei den Positions- und Rangkämpfen nicht zu unterliegen. Gescheiterte M&A-Projekte und unnötige Fusionen werden auf Mitwirkende mit Persönlichkeitsstörungen und Großartigkeitsphantasien zurückgeführt.
Das Machtstreben der Personen und das aggressive forsche Auftreten wird in der Praxis von den Mitmenschen oft als „Führungsqualität“ und „Durchsetzungsstärke“ missdeutet. Dies erschwert es der Umgebung, das Verhalten rechtzeitig als Krankheitsbild zu erkennen und rationale Gegenreaktionen in Gang zu setzen.
Mäßige eigene Arbeitsergebnisse versuchen Psychopathen von sich abzulenken. Gruppenentscheidungen oder Kompromisse werden nicht akzeptiert. Selbstbezogene Ziele werden über alles gestellt. Objektive Beurteilungen von Erfolgen und Misserfolgen und rationale Reaktionen darauf sind nicht mehr möglich. Kritisierende Personen werden bekämpft bis zur Vernichtung von deren Persönlichkeit. Dazu werden unter Umständen aggressive Machttechniken angewendet. In der Folge kann es zu schweren Schäden im Umkreis, das heißt beim Unternehmen, in einem Projekt, in einer Betriebseinheit, zu Frustrationen, Verletzungen, Rückzug Dritter, kommen. Psychopaten können Schwierigkeiten haben, ein System zu optimieren, wenn nicht parallel auch ihr eigener persönlicher Vorteil und der eigene Machtanspruch befriedigt werden. Aber auch Erfolge können desaströse Konsequenzen haben. Ereignisse wie der Zusammenbruch der Kryptobörse FTX mit Schäden von über einer Milliarde Dollar und weitreichendem Vertrauensverlust in die Branche werden auf krankhafte Verhaltensmerkmale der Beteiligten zurückgeführt.
Der andere Aspekt sind die makroökonomischen Auswirkungen. Maligne Persönlichkeitsmerkmale wichtiger Entscheider führen zu einer neuen Kategorie einflussreicher makroökonomischer Faktoren, deren Nichtbeachtung dramatische Konsequenzen haben kann. Das trifft auf Politiker ebenso zu wie auf Führungspersönlichkeiten aus der Wirtschaft. Die erratischen Aktionen Elon Musks, die den Autohersteller Tesla gefährdeten, wurden mit psychischen Verhaltensanomalien in Verbindung gebracht. Die Staatslenker Donald Trump und Wladimir Putin wurden vom Psychiater Otto Kernberg in einer Ferndiagnose Ende 2025 für „narzisstische Persönlichkeiten“ gehalten. Vorher stellte die Diagnose „maligner Narzissmus“ bereits eine größere Gruppe von Psychologen, die zudem bei Donald Trump eine Neigung zu Rachsucht fanden.
Trumps Zollpolitik wirkte wie ein bedeutender makroökonomischer Faktor auf globaler Ebene. Aus Sicht der Theorie der Zölle erweist sie sich zwar als ungeeignet. Aber aus Sicht eines Psychopathen und Narzissten, der nach Möglichkeiten sucht, Siege einzufahren, und sich dazu Schwächere aussucht, und zwar möglichst viele, um die Zahl der Demütigungen anderer zu maximieren, wird die Zollpolitik verständlicher. Auch wer erwartet hatte, Donald Trump würde ursprüngliche Ziele, beispielsweise die USA langfristig aus Kriegen heraus- und Energiepreise niedrig zu halten, wirklich verfolgen, sah sich getäuscht. Tatsächlich überzog er mehrere Regionen mit Kriegen, stellte kurzfristige Erfolge und seine Macht heraus, brüstete sich, Präsident von Venezuela zu sein, hielt das Erringen von Siegen für wichtiger als die preiswerte Energieversorgung und dezimierte die US-Munition bis auf gefährliche Untergrenzen.
Dort, wo Kooperationen notwendig sind, um erfolgreich zu sein, wie zum Beispiel in der Ukraine, zieht sich Donald Trump zurück, und wo er glaubt, allein Erfolg haben zu können, greift er ein, um den Sieg für sich zu reklamieren. Deshalb löste die Weigerung des Iran nachzugeben, groteske Reaktionen aus, die den internationalen Handel nennenswert beeinflussten, bis hin zur Angst, den internationalen Flugverkehr mangels Kerosin einstellen zu müssen. Die Beispiele zeigen: viele Entwicklungen gehen in ganz andere Richtungen als man das bei rationalem Verhalten der Entscheider erwarten würde. Wenn man aber maligne Verhaltensstörungen einbezieht, ergeben sich verständliche Bilder.
Die fehlende soziale Verantwortung und das fehlende Unrechtsbewusstsein lassen auch Verhaltensweisen wie Insiderhandel oder die unangemessene Verknüpfung von beruflichen Handlungen und privaten Geschäften in den Bereich der Möglichkeiten treten. Die „plötzliche Kehrtwende“ begleitet von merkwürdigen Börsenumsätzen ist zu einem Markenzeichen von Donald Trump geworden. Finanzmarktteilnehmer suchen mittlerweile nach Situationen, wo eine Kehrtwende wahrscheinlich ist. Das Wetten darauf wurde zu einer „profitablen Börsenstrategie“.
Aber schon vor der Ära Trump wurde bei einflussreichen Personen nach psychischen Krankheitsbildern gesucht. Bei Markus Braun von Wirecard zum Beispiel wurde narzisstische Großspurigkeit und krankhafter Überoptimismus diagnostiziert. Der Gründer der zusammengebrochenen Kryptobörse FTX, Sam Bankman-Fried, wurden mit antisozialen Verhaltensanomalien in Verbindung gebracht. René Benko wurde Geltungssucht vorgeworfen.
Leider basieren Aussagen über psychische Defekte meist auf Ferndiagnosen, die allgemein als fehleranfällig gelten. Zudem hält man sie für unethisch. Und öffentlich über Ferndiagnosen zu berichten, widerspricht vollkommen dem Berufsethos von Psychologen (Goldwater-Regel). Auf der anderen Seite gilt auch: Aus Sicht der Finanzmärkte, die jedwede Art von Information suchen und verarbeiten (müssen), darf das kein Hinderungsgrund sein, krankheitsbedingte Verhaltensweisen als solche wahrzunehmen und ins eigene Kalkül einzubeziehen genauso wie man die bisher bekannten Verhaltensanomalien einkalkuliert (zum Beispiel Prospekttheorie, Home Bias, Gambles Fallacy und anderes). Wenn einflussreiche Persönlichkeiten psychische Störungen aufweisen, muss man dies an den Kapitalmärkten berücksichtigen. Wer die Möglichkeit maligner Störungen nicht in seine Kalküle einbezieht, wird die Lage falsch einschätzen und selbst Fehlentscheidungen treffen. Zum Beispiel können Diversifikationsstrategien, die sich nur auf historische Kursverläufe und Markowitz-Variablen stützen, ineffizient sein.
Zusammenfassend kann man sagen:
Das auffällige Verhalten von Donald Trump stärkte das Interesse an der Beschäftigung mit bösartigen psychischen Verhaltensanomalien. Kaum jemals in der jüngeren Zeit hatten krankhafte Allmachtsphantasien größere Bedeutung für die Finanzmärkte. Ganz neu ist das Thema nicht – auch in der Vergangenheit machte man psychische Defekte für sonst unerklärliche Entscheidungen wichtiger Persönlichkeiten verantwortlich. Für die Zukunft gilt es, die Analysefähigkeit derartiger Phänomene zu verbessern. Methoden für treffsichere Ferndiagnosen müssen entwickelt werden, um möglichst konkrete Ausprägungen von Krankheitsbildern erstellen zu können. Auch in mikroökonomischer Hinsicht muss man Führungskräfte besser durchleuchten, maligne Verhaltensstörungen diagnostizieren, um rechtzeitig gegensteuern zu können.
Über den Autor: Prof. Dr. Friedrich Thießen lehrt an der TU Chemnitz Wirtschaftswissenschaften.
Autoren: Prof. Dr. Friedrich ThießenSchlagworte: Behavioral Finance | Print-Ausgabe
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