Investoren
8. Oktober 2026

Der keltische Tiger setzt zum Sprung an

Staatsfonds sind erstklassige Großanleger, die jedoch immer wieder vor einem Zielkonflikt stehen. Dabei geht es um die Frage, ob sie ihr Kapital weltweit anlegen sollten, um Chancen und Risiken optimal zu streuen. Die Alternative wäre, das Geld in die heimische Wirtschaft zu pumpen. Irland hat darauf eine Antwort gefunden. Dort verfolgen drei Staatsfonds ein ausgefeiltes Gesamtkonzept.

Als der erste und bislang einzige deutsche Staatsfonds, der Fonds zur Finanzierung der kerntechnischen Entsorgung, kurz: Kenfo, im Jahr 2017 in Berlin seine Arbeit aufgenommen hat, war er – gemessen an seinen Kapitalanlagen von 24,1 Milliarden Euro – ein kleines Licht. Zu dieser Zeit verwaltete jeder der zehn größten Staatsfonds ein Vermögen von mehr als 100 Milliarden US-Dollar, angeführt von der China Investment Corporation und der Abu Dhabi Investment Authority und weiteren schlagkräftigen Akteuren aus dem asiatischen und dem arabischen Raum.

Inzwischen steuern sie beim Kenfo 28 Milliarden Euro, ohne dass frisches Geld hinzugekommen wäre, wie das bei anderen Großanlegern häufig der Fall ist. Im Gegenteil hat der Fonds seither bereits 5,3 Milliarden Euro an Entsorgungskosten für Atommüll an den Bund ausgeschüttet, was sein eigentliches Ziel darstellt. Entsprechend stolz ist das mittlerweile 50-köpfige Team um Vorstands- und Investmentchefin Anja Mikus auf den kleinen Staatsfonds.

Auch in Irland sind sie hoch motiviert, wenn es um den Aufbau von Staatsfonds geht. In diesem Fall sind es gleich drei an der Zahl: ein etablierter Player und zwei Newcomer. Das Dreigespann verwaltet rund 30 Milliarden Euro mit steigender Tendenz.

Die irische Regierung stockt deren Kapital auf Jahre hinaus immer weiter auf. Sie kann es sich leisten, denn die Wirtschaft prosperiert wieder, und der Staatshaushalt erzielt beträchtliche Einnahmen aus der Körperschaftsteuer, wie eine Analyse des irischen Ablegers der Beratungsfirma Deloitte zeigt. Der keltische Tiger, eine Bezeichnung, die sich Irland in den neunziger Jahren erwarb, als die Wirtschaft des einstigen Armenhauses Europas im Rekordtempo wuchs, setzt erneut zum Sprung an. Nach dem Vorbild anderer Länder wie Norwegen wollen die Iren Überschüsse für die Zukunft bunkern und sich Zins- und Zinseszinseffekte zu Nutze machen. Die jungen Staatsfonds nehmen hierbei eine Schlüsselrolle ein.

Die irische Struktur für Staatsfonds ist dreigeteilt

Irland führte bereits relativ früh einen Staatsfonds ein, beginnend mit der Gründung des National Pension Reserve Fund vor mehr als zwei Jahrzehnten. Dieser wurde 2014 ersetzt durch den Ireland Strategic Investment Fund. Er soll Investments tätigen, die darauf ausgerichtet sind, die wirtschaftliche Aktivität und die Beschäftigung im Inland zu fördern. Deloitte zufolge managt der Ireland Strategic Investment Fund (ISIF) rund 16 Milliarden Euro.

Das Besondere: Der Fonds gliedert sich in zwei Komponenten. Auf der einen Seite hält er ein Portfolio, bei dem Manager in ihrer Anlageentscheidung frei sind (Discretionary Portfolio). Daneben gibt es ein Portfolio mit vorgegebenen Investitionen (Directed Portfolio). Was den ISIF von anderen Staatsfonds unterscheidet, ist sein Mandat der „doppelten Zielsetzung“: Von den Fondsmanagern wird erwartet, dass sie sowohl kommerzielle Renditen als auch messbare wirtschaftliche Auswirkungen innerhalb Irlands zustande bringen. Im Klartext muss jede Investition der heimischen Wirtschaft zugutekommen – sei es durch die Schaffung von Arbeitsplätzen, den Ausbau der Infrastruktur oder die Unterstützung einheimischer Unternehmen. Um das zu erreichen, liegt der Schwerpunkt des Portfolios auf Anlagen im Privatmarktbereich. Sie gelten als besonders effektiv, wenn es darum geht, Impulse für die wirtschaftliche Entwicklung zu geben.

Und die Praxis gibt dem Konzept Recht: Jeder vom Ireland Strategic Investment Fund investierte Euro mobilisierte im Durchschnitt das 1,4-Fache dieses Betrags an Co-Investments aus überwiegend privatem Fremdkapital. Dadurch konnte laut Deloitte ein erheblicher Multiplikatoreffekt für die Wirtschaft erzielt werden.

New Funds on the Block

Um einiges kleiner und bedeutend jünger als der Ireland Strategic Investment Fund sind der Infrastructure, Climate and Nature Fund sowie der Future Ireland Fund. Beide haben im Jahr 2024 ihre Arbeit aufgenommen. Ebenso wie ihr Vorreiter werden sie von der National Treasury Management Agency verwaltet. Die Behörde managt die Assets und die Schulden der irischen Regierung.

Der Infrastructure, Climate and Nature Fund (ICNF) verfolgt ein anderes strategisches Ziel als der etablierte Ireland Strategic Investment Fund. Er soll in Zeiten wirtschaftlicher Belastung als Puffer dienen und einspringen, damit auch dann noch Investitionen getätigt werden und das Wirtschaftswachstum gestützt wird. Diese Funktion spiegelt sich in der Anlagestrategie des Fonds wider, bei der Liquidität und ein vergleichsweise geringes Risiko im Vordergrund stehen.

Laut dem International Forum of Sovereign Wealth Funds soll der Infrastructure, Climate and Nature Fund bis 2030 auch gezielte Umweltprojekte finanzieren. Mit einem verwalteten Vermögen von derzeit vier Milliarden Euro ist er deutlich kleiner als der Ireland Strategic Investment Fund. Jährliche staatliche Zuwendungen in Höhe von zwei Milliarden Euro bis zum Ende dieses Jahrzehnts werden ihm auf die Sprünge helfen.

Die Anlagemission von Staatsfonds Nummer drei

Der Future Ireland Fund ist nach Einschätzung der Berater von Deloitte das ehrgeizigste Element der irischen Staatsfondsstruktur. Er verfügt zwei Jahre nach seinem Start über ein Anlagevolumen von knapp mehr als 12,5 Milliarden Euro. Das Investmentvehikel unterliegt einem Mandat, das ausschließlich auf die Erzielung finanzieller Erträge ausgerichtet ist. Im Gegensatz zum Ireland Strategic Investment Fund besteht also keine Verpflichtung zu Inlandsinvestitionen, und anders als der Infrastructure, Climate and Nature Fund muss der Fonds keine Liquiditätslücken des Finanzministeriums stopfen.

Eine Parallele zu seinen beiden Staatsfondsbrüdern gibt es dennoch: Ebenso wie beim Infrastructure, Climate and Nature Fund erhalten die Fondsmanager auch beim Future Ireland Fund immer wieder frisches Kapital. Die Regierung steuert jährlich 0,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts bei – was im Jahr 2025 rund 4,5 Milliarden Euro entsprochen hat. Die Beiträge sind bis 2035 festgeschrieben, wodurch dem Fonds bis zur Mitte des nächsten Jahrzehnts viele weitere Milliarde zufließen werden – und nach Anlagen suchen. Auszahlungen sind bis 2041 untersagt.

Sollte es im Anschluss daran zu Mittelabflüssen kommen, müssen diese nachhaltig gestaltet sein, um die langfristige Tragfähigkeit des Fonds zu wahren. Dieser Rahmen schafft laut Deloitte einen Anlagehorizont, der nicht in Jahren, sondern in Generationen bemessen wird. Der Rahmen ermöglicht es dem Fonds, Strategien zu verfolgen und Anlageklassen zu nutzen, die für Anlagevehikel mit kürzeren Zeithorizonten oder Liquiditätsanforderungen ungeeignet wären.

2026 ist ein entscheidendes Jahr für die Iren

Das laufende Jahr ist aus Sicht der beiden jungen irischen Staatsfonds von entscheidender Bedeutung. Denn nun beginnen seine Entscheider mit der Umsetzung der langfristigen Anlagestrategie. Bislang hatten sie das Kapital in Staatsanleihen geparkt, damit vor dem eigentlichen Start auch ja nichts anbrennt.

Der Future Ireland Fund orientiert sich an einem aktienlastigen Referenzportfolio, dieses setzt sich aus 80 Prozent Aktien und 20 Prozent Anleihen zusammen. Im Laufe der Zeit strebt der Fonds den Aufbau eines diversifizierten, risikoorientierten Portfolios mit einem langfristigen Zeithorizont an. Darin sollen globale Aktien einen Kernbestandteil bilden. Ergänzt werden sollen diese liquiden Investments durch Anlagen in Sachwerte, Private Equity und auch Private Credit.

Die Diversifizierungsstrategie wird schrittweise ausgerollt. Sie beginnt bei liquiden öffentlichen Märkten und erstreckt sich im weiteren Verlauf des Fondslebens auf Private-Market-Anlagen. Ganz anders gestaltet sich der Anlagerahmen beim Infrastructure, Climate and Nature Fund. Aufgrund seiner stabilisierenden Funktion für den irischen Staatsapparat ist seine Asset-Allokation streng reglementiert. Da die Anlagestrategie dem Risiko staatlich angeordneter Mittelabflüsse ausgesetzt ist, allokieren die Manager nach derzeitigem Stand risikoarme, liquide Vermögenswerte.

Staatsfonds streuen ihre Kapitalanlagen wie andere Großanleger auch. Das ist entscheidend, um Chancen und Risiken breit zu diversifizieren und das Ergebnis zu stabilisieren. Allerdings wird in Staatsfondskreisen darüber diskutiert, ob sie von dieser Strategie abrücken sollten, um sich auf ihren Heimatmarkt, dessen Volkswirtschaft und die kapitalsuchenden Firmen vor Ort zu konzentrieren. Irland adressiert dieses Thema vorbildlich – durch sein Drei-Fonds-Modell – und hält sich dabei alle Chancen offen.

 

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